Comic - Criminal

© 2016 Basement Gang, Inc.

COMIC

Kriminelle, Conan und ein Kung-Fu-Werwolf


Erst Ende Oktober wurde eine Folge der nagelneuen Westworld-TV-Serie ausgestrahlt, die Comic-Autor Ed Brubaker mit Jonathan Nolan geschrieben hat. Für Brubaker nur bedingt Neuland: Bereits die letzten Captain America-Filme basierten zum Teil auf Ideen und Figuren, die er bei Marvel mitentwickelt hat – Steve Rogers jungen Sidekick Bucky Barnes als Winter Soldier zurückzubringen, geht auf Brubakers lange Saga in den „Captain America“-Comics zurück, weshalb der 1966 geborene Autor im zweiten Cap-Blockbuster einen kurzen Gastauftritt als Wissenschaftler hinlegte. Doch Brubaker schrieb für die großen amerikanischen Superheldenverlage nicht nur Captain America und die multimedial inzwischen ebenfalls ziemlich relevanten Serien Daredevil, Iron Fist oder Gotham Central

Criminal Volume 7: Wrong Place, Wrong Time

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Einen Großteil seines Schaffens machen außerdem eigenständige Krimi-Comics aus, die zwischen klassischem Noir und königlichem Pulp pendeln. Brubakers fester kreativer Komplize – im wahrsten Sinne sein Partner in Crime – an Serien wie Criminal, Fatale, Incognito, The Fade Out oder Murder Me Dead ist der britische Zeichner Sean Phillips, der Robert Kirkmans Marvel Zombies genauso bebilderte wie Hellblazer von Paul Jenkins, Jamie Delano und Eddie Campbell. Brubaker und Phillips, die nach dem Jahrtausendwechsel an der Hardboiled-Miniserie Scene of the Crime erstmals zusammenarbeiteten und neben ihren eigenen Krimi-Comics noch den Superhelden/Spionage-Hit Sleeper im WildStorm-Universum inszenierten, sind definitiv eines der großen Comic-Dreamteams unserer Zeit. 

Criminal Volume 7: Wrong Place, Wrong Time

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Noir-Meisterwerk

Criminal starteten die beiden Könner im Original anno 2006 – und erhielten für den Auftakt ihres Noir-Meisterwerks prompt einen Eisner Award, zu dem sich 2010 ein zweiter Comic-Oscar für die beste Miniserie gesellte. Bis Herbst 2011 erschienen zunächst bei Marvel und später bei Image rund zwei Dutzend US-Hefte, die wiederum in sechs Tradepaperbacks gesammelt wurden. Die lose vernetzten Storylines über verschiedene Verbrecher gehören zum Besten, was der zeitgenössische amerikanische Comic in Sachen Crime Noir zu bieten hat – hart, smart, sexy, cool, überraschend und ungeheuer stilsicher. Brubaker, der ein ausgemachter Experte für die Historie und Funktionsweise des Krimis ist, liefert knackige Storys und treffsichere Texte im Geiste von Genre-Giganten wie Hammett oder Westlake, die mit Phillips charakteristischen Bildern eine geradezu unanständig stimmungsvolle Einheit ergeben.

Im Februar 2015 kehrten die beiden Ausnahmekünstler in die gewalttätige, sündige Welt von Criminal zurück und legten das Heft Criminal Special Edition vor, das parallel als überformatiges Magazin-Variant mit Retro-Cover herauskam. Im April 2016 zelebrierten Bru und Phillips mit dem gleichermaßen variantenreich abgepackten Criminal 10th Anniversary Special schließlich das zehnjährige Serienjubiläum. Jetzt sind die außergewöhnlichen Panel-Geschichten, in denen die Vergangenheit des „Criminal“-Serien-Universums mit den typisch-fantastischen Marvel-Comics der 70er verbunden wird, erstmals in einem englischsprachigen Sammelband zusammengefasst worden.

Die wilden Meta-Siebziger

Die erste in den 70ern angesiedelte Geschichte dreht sich um den aus früheren Criminal-Storys bekannten Berufsverbrecher Teeg Lawless. Sie ist eine weitere überzeugende Krimi-Fabel in Panel-Form – und eine Verbeugung vor Marvels schwarz-weißem Comic-Magazin The Savage Sword of Conan, das in den USA von 1974 bis 1995 lief und in den 70ern und 80ern von vielen Gefängnisinsassen abonniert wurde (bereits die bunte Heftserie Conan the Barbarian, die es zwischen 1970 und 1993 bei Marvel auf beinahe 300 Ausgaben brachte, war viele Jahre lang ein Verkaufsschlager). Genau deshalb liest Lawless im Knast einen Sword-and-Sorcery-Comic, in dem die unverhohlene Conan-Persiflage Zangar the Savage die Hauptrolle spielt – neben Unmengen an blutiger Barbaren-Gewalt, klassischer Schwert-und-Magie-Fantasy und nackten Schönheiten, versteht sich. Die eingestreuten Zangar-Seiten, die Teegs eigene Story begleiten, sind in grob gerasterten, bleichen Graustufen gehalten und in ihrer gesamten Erscheinung herrlich auf oldschool getrimmt. Ein Vergnügen, wenn man „Criminal“ genauso verehrt wie „Conan“. Und der Meta-Spaß geht sogar noch weiter. Immerhin ist der Autor des fiktiven Comics-im-Comic Alfred Ravenscroft, eine an H. P. Lovecraft und Conan-Schöpfer Robert E. Howard erinnernde Figur aus Brubakers und Phillips anderer Creator-Owned-Serie Fatale. Bei Crom, der helle Meta-Wahnsinn!

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Die zweite Geschichte konzentriert sich auf den jungen Tracy Lawless, der seinen Vater Teeg auf einem Roadtrip begleiten muss, hinter dem sich ein Mordauftrag verbirgt. Das Ganze ist aus kriminalliterarischer Sicht erst mal unheimlich intensiv, finster und böse. Der in der Story vorkommende Comic über den heldenhaften, von Studenten-Problemen und Ninja-Angreifern geplagten Kung-Fu-Werwolf Fang, der den kleinen Tracy ebenso ablenkt wie ein fremdes Mädchen, ist derweil eine Hommage an gleich zwei weitere Genres, die in den Marvel-Comics der 70er tierisch angesagt waren: An das Horror-Sujet und Titel wie Werewolf by Night, und an das Martial-Arts-Genre und Reihen wie Deadly Hands of Kung Fu. Horror-Comics erlebten in den 70ern eine wahre Renaissance auf dem US-Markt, da die strenge Comics Code Authority ihre Regeln lockerte und die Verlage nach vielen Jahren endlich wieder auf echten Horror mit entsprechenden Archetypen und Inhalten setzen konnten; Kung-Fu boomte damals im Kino und im Fernsehen vor allem dank des Hypes um die früh verstorbene Kampfsport-Legende Bruce Lee, was bei Marvel zum Debüt der bis heute aktiven Heroen Shang-Chi und Iron Fist führte.

Wie Ed Brubaker und Sean Phillips die Klischees und die Beliebtheit von Conan, Werwölfen und Kung-Fu mit der knallharten Vergangenheit – den wilden Siebzigern – ihrer Verbrecher aus Criminal verweben, das ist ganz große, regelrecht postmoderne Comic-Kunst. Wer eine Schwäche für die involvierten Genres oder Serien hat, den erwartet in Criminal Vol. 7: Wrong Time, Wrong Place ein Fest. Danach kann man gar nicht anders, als sich den Deluxe-Sammelband von The Fade Out reinzuziehen, in dem das eingespielte Gespann Brubaker/Philips das alte Hollywood der späten 40er als Setting für einen brillanten klassischen Noir-Krimi nutzt. 

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