„Totem“ von Nicolas Wouters und Mikael Ross

© avant-verlag

COMIC

Die Seelenpfadfinder: „Totem“ von Nicolas Wouters und Mikael Ross



In ihrem fantastischen Coming-of-Age-Comic
Totem schicken Autor Nicolas Wouters und Zeichner Mikael Ross den jungen Louis in ein raues Sommercamp, einen düsteren Wald und die wilden, animalischen Untiefen der kindlichen Seele.

Während seines Hochschul-Auslandsjahres in der europäischen Comic-Metropole Brüssel lernte der 1984 in München geborene, heute in Berlin lebende Künstler Mikael Ross den gleichaltrigen belgischen Szeneristen und Zeichner Nicolas Wouters kennen, der mittlerweile in Zürich wohnt und arbeitet. Die beiden stellten fest, dass sie ein Interesse für Comics und Subkultur teilen, und schufen daraufhin gemeinsam den intensiven Comic-Roman Lauter Leben, der 2014 im Berliner Avant-Verlag auf Deutsch erschienen ist. Noch mehr als um die Hausbesetzer- und Punk-Szene der 80er ging es im Band um zwischenmenschliche Verbindungen und Beziehungen. Die sind auch in Totem, der zweiten Zusammenarbeit von Wouters und Ross, das große Thema. Doch diesmal kommt noch eine gehörige Portion Fantastik dazu.

Comic „Totem“ von Nicolas Wouters und Mikael Ross

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Rituale und Bestien

In Totem, das von Avant als großformatiges, fast quadratisches Hardcover mit merkwürdiger Titel-Typo veröffentlicht wurde, wird der junge Louis von seinen Eltern den Sommer über im Zeltlager geparkt, da sein Bruder im Krankenhaus den Kampf gegen den Krebs zu verlieren droht. Inmitten der urigen, weitläufigen Ardennenwälder sollen Louis die harten Spiele und Rituale der Pfadfinder ablenken. Den Neulingen wird einiges abverlangt. Jungs sind eben Jungs, Halbstarke eben Halbstarke, und da gehören Pöbeleien, Prügeleien und Pornoheftchen wohl genauso dazu wie die Verfolgungsjagd im unwegsamen Gelände oder das Schlachten eines Huhns. So etwas muss man verkraften, wenn man beim bedeutungsvollen Aufnahmeritual seine tierische Totenmaske aus dem Lagerfeuer klauben möchte.

Gleichzeitig schleicht eine entlaufene Raubkatze durch den Wald und ums Lager, die schießwütigen Jäger dicht auf den Fersen. Die schöne Camp-Aufseherin Rotfink trifft derweil nachts ihre nachgereiste Geliebte, und der dickliche Neuling Amine kriegt den bissigen Spott der anderen Scouts zu spüren. Und Louis? Der blickt der Bestie ins Auge und wird schließlich durch sein Totem so sehr verändert, dass sich der Junge mehr und mehr verliert. Hinter der Fuchsmaske vollzieht sich eine ungeheuerliche Verwandlung, bis Louis zwischen seiner düsteren, verletzten Seelenwelt und der schmerzhaften Realität einen Blick auf seinen Bruder zu erhaschen vermag und als Tier durch die Wildnis streift ...

Comic „Totem“ von Nicolas Wouters und Mikael Ross

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Exzellent – Pfadfinderehrenwort

Die exotische gefleckte Großkatze im westeuropäischen Wald klingt wie eine Anspielung auf die ‚Eifelpanther’-Meldungen in den Zeitungen, als in der Vergangenheit über Raubtier-Sichtungen im deutsch-französischen Grenzgebiet berichtet wurde; und die ganze Sache mit dem Totem, der Metamorphose und dem Seelenspaziergang riecht schwer nach symbolschwangerer Esoterik und hochtrabender Metaphorik. Am Ende fügen sich all diese vorbelasteten Komponenten allerdings zu einer vielschichtigen und gehaltvollen Story zusammen, die psychologisch und dramaturgisch durchgehend überzeugt, egal wie man sie liest. Dass Wouters und Ross nicht alles erklären und ihre wirklichen und unwirklichen Szenen, ihre fiebrigen Bildstafetten und wortkargen Seiten lieber auf den Betrachter wirken lassen, trägt ebenfalls zum Genuss ihrer Panel-Publikation bei. Es zahlt sich nun mal stets aus, wenn Kreative ihrer Geschichte und noch mehr ihren Lesern vertrauen und dem Impuls widerstehen, alles vorkauen, die Imagination sterilisieren und jede Interpretationsmöglichkeit abtöten zu müssen.

Der fantastische Faktor der Handlung hin bis zur übernatürlichen Eskalation, die knisternde Stimmung in Wald und Ferienlager, die interessanten Nebenfiguren und das griffige Artwork machen „Totem“ zu einer exzellenten magisch-realistischen Coming-of-Age-Story und einem starken Comic-Einzelband, den man diesen Leseherbst auf der Rechnung haben sollte – darauf gibt’s mein Pfadfinderehrenwort, obwohl es bei mir als Kind höchstens fürs Fähnlein Fieselschweif reichte.

Comic „Totem“ von Nicolas Wouters und Mikael Ross

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