Perry Rhodan - Die Kartografen der Unendlichkeit (Sammelband)

© Marco Castiello

COMIC

Perry Rhodan - Die Kartografen der Unendlichkeit


Felix Darwin
09.10.2016

Wer im deutschsprachigen Raum auf Science Fiction steht und, sagen wir, älter als dreißig ist, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon einmal mit dem Phänomen Perry Rhodan in Berührung gekommen. Und auch wenn die zahllosen Geschichten um den unsterblichen Zellaktivatorträger nicht ganz so multimedial erzählt werden, wie man es in der Rastatter Redaktion gerne hätte – hoffnungsvolle Film- und Computerspiel-Inkarnationen sind in den letzten Jahren leider nie ernsthaft aus den Startlöchern gekommen –, gibt es doch nicht »nur« erzählende Prosa in Tausenden von Heften, Taschenbüchern und Silberbänden, sondern auch ... Comics.

Angefangen hat das Ende der 60er Jahre, als, nach ersten Gehversuchen in der Bild + Funk, unter dem schönen Serientitel Perry Rhodan im Bild immerhin 27 Hefte erschienen. Bis 1975 folgten dann stolze 129 Ausgaben von Perry – Unser Mann im All, und das alles in einem wunderbar-grässlichen Pop-Art-Stil, der sich nicht nur durch oft nicht ganz nachvollziehbare erzählerische Kapriolen auszeichnete, sondern auch durch leicht bekleidete Damen, was unter den pubertierenden Lesern zweifellos für Auf- und Erregung sorgte.

Seither kam es zu einigen Nachdruckprojekten dieser bunten Hefte sowie zu diversen, einigermaßen kurzlebigen Versuchen, an diesen Erfolg anzuknüpfen (ein Überblick findet sich hier). Die wunderbaren Hefte des Hamburger Studios Alligator Farm (seit 2006) orientieren sich dabei am »klassischen« Stil der Frühzeit (und übernehmen nicht nur den Titel Perry – Unser Mann im All, sondern setzen sogar die alte Nummerierung fort), während die hauseigene Serie »Die Kristalle von Di'akir«, die nach vier Heften bereits wieder eingestellt werden musste, zu hundert Prozent wie eine US-amerikanische Superheldenserie daherkam.

Und die neue Serie aus dem Hause Cross Cult, die schlicht Perry Rhodan heißt? Die liegt stilistisch irgendwo dazwischen. Was Gründe hat, denn hier arbeiten ein deutscher Texter und ein italienischer Zeichner, der sich seine Sporen hauptsächlich in den USA verdient hat, zusammen. Bisher sind drei Hefte erschienen, die im Mai dieses Jahres zu einem schönen Hardcover-Band vereint wurden.

Die Kartografen der Unendlichkeit ist, im positiven wie im negativen Sinne, eine Perry-Rhodan-Geschichte durch und durch. Wir schreiben das Jahr 3540, und Perry ist mit dem Fernraumschiff SOL irgendwo im Universum gestrandet. Gemeinsam mit dem Mausbiber Gucky, dem Haluter Icho Tolot und der Biochemikerin Irmina Kotschistowa sucht er nach Hinweisen, wie sie zurück in die heimatliche Milchstraße gelangen können.

Alsbald stoßen sie auf eine Raumstation mit wertvollen astronomischen Daten, die ihnen sehr wahrscheinlich weiterhelfen könnten. Diese wird jedoch zerstört, und ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass diese Daten an einem anderen Ort möglicherweise noch einmal aufbewahrt werden. Die SOL muss in die Galaxis Umal vorstoßen – mitten ins Zentrum des mörderischen Konflikts zwischen Skra'Bji und den Kämpfern des sogenannten »Paktes«.

Eine ganze Menge Handlung für rund 100 Seiten! Erzählt ist das sehr souverän, mit gekonnt in Szene gesetzten expositorischen Dialogen und rasanter, bildgewaltiger Action. Besonders gefallen hat mir, dass die Geschichte von sich einander bekriegenden Spezies zwar nicht neu ist, aber das Gut-Böse-Schema durchbrochen wird, so dass Perry vor die äußerst schwierige Frage gestellt wird, auf wessen Seite er sich nun schlagen soll. Zumal er eigene Interessen hat, die einer ethisch einwandfreien Lösung möglicherweise zuwiderlaufen.

In zeichnerischer Hinsicht reicht das Spektrum von Die Kartografen der Unendlichkeit von sehr gelungen bis übereilt hingeworfen. Manchmal hat  Marco Castiello ein Problem mit Perspektiven, und seine Figuren stehen öfter mal unmotiviert herum, anstatt eine den Dialogen angemessene Körpersprache zu zeigen. Dafür ist vor allem Gucky graphisch sehr einnehmend, und das Outfit von Irmina Kotschistowa verbuchen wir einmal unter Hommage an die klassischen Perry-Comics, und nicht als sexistische Frechheit.

Fazit? Ein Comic, an dem es ein paar Sachen auszusetzen gibt, der aber, als internationale Co-Produktion für den deutschen Markt, weitgehend überzeugen kann und vor allem eingefleischte Fans begeistern wird. Denn das Perry-Flair versprüht er allemal ...

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