Guidos Tag

© unplash/Belinda Fewings

BUCH

Guidos Tag: Exklusives Bonuskapitel aus Theresa Hannigs "Pantopia"


Nicht alle Kapitel, die Autorin Theresa Hannig für ihren Roman Pantopia geschrieben hat, haben es auch ins gedruckte Buch geschafft. Sie hat uns exklusiv ein Kapitel über Burgerbräter Guido spendiert.

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Guido kannte hundertsechsundachtzig Arten, einen Hamburger zuzubereiten. Sich selbst machte er immer den Gleichen: Die Buns kurz anrösten, dann auf die Unterseite Ketchup, Zwiebeln und vier Gurkenscheiben im Kreis anordnen; darauf das Patty (drei Minuten gegart), dann drei Scheiben Käse, dann Tomate, eine Scheibe Salami, eine Jalapeño, Guidos Spezialsauce und das Ganze mit dem Brötchendeckel abdecken – fertig. So würde er es auch jedem empfehlen, der nach dem besten Burger der Welt fragte. Manche fügten noch Mayonnaise, Barbecuesauce oder Salat hinzu. Ja, konnte man machen, war seiner Meinung nach aber überflüssig. Nun, jeder hatte da seinen eigenen Geschmack. Guido hatte in seinen über zwanzig Jahren Burgerbraterei schon viel mitbekommen und es gab scheinbar keine Lebensmittelkombination, die nicht schon einmal für die Verfeinerung eines Burgers ausprobiert worden war. Nicht wenige Kunden entfernten als erstes das Dach und zogen eine Etage Pommes ein. Andere bestellten die Burger ganz normal, fieselten aber sofort nach Erhalt die Zwiebeln oder die Tomaten heraus. Mindestens einmal pro Woche bestellte ein Witzbold Bratwürste oder Pizza, wohl wissend, dass es in Guidos Pommes & Burgerbude genau das gab: Pommes und Burger.

Natürlich hatte er auch noch Getränke im Kühlschrank und aus den verschiedenen Gemüsesorten und Extrazutaten wie Oliven, Putenbruststreifen, Rotkohl und Mais konnte man auch einen ganz passablen gemischten Salat zaubern. Es gab auch Leute, die ab und zu mal eine frittierte Ananas bestellten. Dafür hängte er am Morgen dann immer ein Schild an seinen Wagen: »Heute frittiertes Allerlei – morgen Ölwechsel«. Die Kunden fanden das lustig und er auch. Aber es war gefährlich! Ananas war ein sehr feuchtes Obst und spritze und blubberte wie verrückt, wenn er es in dem siedenden Öl versenkte. Ein Kunde verlangte einmal nach frittierten Cocktailtomaten, aber da Guido sein Leben lieb war, hatte er dankend abgelehnt. Irgendwann, am Ende seiner Karriere vielleicht, würde er sich mit einer ausrangierten Fritteuse und einem Integralhelm an dem Experiment versuchen – bis dahin gab es in seinem Wagen nur vernünftige Angebote. Käse konnte man frittieren, ja, wenn man ihn mit einer dicken Panade umhüllte. Sogar Butter ließ sich auf diese Weise frittieren und er hatte auch schon mal ein Video gesehen, in dem ein Schneeball so frittiert wurde – aber dies fiel genau wie die Cocktailtomaten in die Kategorie lebensgefährliche Experimente, weshalb er sie lieber den Spinnern auf YouTube überließ.

Er hatte sowieso genug mit seiner normalen Stammkundschaft und ihren Sonderwünschen zu tun. Er hatte sie alle im Kopf und richtete seinen Tagesablauf darauf ein. Als erstes erschien meist die alte Frau Obermeier mit ihrem Dackel. Sie kaufte gar nichts, blieb aber immer für ein kurzes Gespräch stehen, während Guido seine Bude einsatzbereit machte. Kurz darauf hielt Holger mit seinem Postauto, und tauschte ein Zweieurostück gegen den Becher Kaffee, den Guido schon vorbereitet hatte. Und immerhin zwei Mal die Woche holte er sich den ersten Burger des Tages ab – als Vorkoster, wie er jedes Mal sagte. Dann trudelten die ersten Angestellten aus den umliegenden Büros und Werkstätten ein. Es waren nicht immer dieselben, aber Guido, der ein nahezu fotografisches Personengedächtnis hatte, kannte sie alle mit Namen und ihrem Lieblingsburger. Sebastian immer mit Extra Senf und Zwiebeln, außer freitags, wenn er seine Tochter abholte, Marena ohne Senf, dafür das Fleisch gut durchgebraten. Raimund bestellte immer per Telefon und holte dann eine ganze Ladung für die Kollegen ab. Jens war ein Geizhals und wollte immer alles extra, ohne extra zu bezahlen, und Guido tat ihm den Gefallen, denn Jens war dünn und stets mürrisch und konnte die Extraportion Vitamine sicher gut gebrauchen. Danach drängten sich noch gut drei Dutzend andere Kunden um den Wagen und warteten geduldig darauf, dass Guido jedem den jeweils besten Burger der Welt zubereitete.

Zum Nachmittag flauten die Geschäfte dann etwas ab und Guido hatte Zeit, seine Spezialsauce nachzufüllen, den Müll hinter dem Wagen zu verstauen und vielleicht ein paar Minuten auf dem Hocker zu verschnaufen. Dann überlegte er manchmal, ob er sich eine Zigarette anzünden sollte. Zu diesem Zweck lagen oben auf dem Kühlschrank eine einzelne Zigarette und ein Feuerzeug. Guido hatte schon vor über sechs Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Von einem Tag auf den anderen. Am Morgen hatte er einen stechenden Schmerz gefühlt, der wie eine brenne Eisblume an seinem Herzen entlanggewachsen war. Gerade, als er nach dem Telefon fingerte, um den Notarzt anzurufen, war der Schmerz verschwunden. Einfach so, wie nie da gewesen. Er hatte noch ein paar Minuten regungslos im Bett gelegen und gewartet, ob nicht noch etwas schlimmeres passieren würde, doch nichts war geschehen. Die Angst war länger geblieben. Doch beim Hausarzt gab es Entwarnung: alles in Ordnung, nein auch kein Herzinfarkt. An diesem Tag hatte Guido beschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören. Er hatte gelesen, dass man sich als psychologischen Trick eine Zigarette aufbewahren sollte, damit das Unterbewusstsein versichert sei, jederzeit Rauchen zu können, wenn man es nur wirklich wollte. Aber Guido wollte nicht mehr. Ein paarmal noch hatte er die Zigarette, die mit jedem Tag speckiger und staubiger wurde, heruntergeholt und sie zwischen den Fingern gerollt. Einmal hatte er sie sogar in den Mund gesteckt. Doch statt nach würzigem trockenen Tabak hatte sie nur nach ranzigem Bratfett geschmeckt. Da war es ein Leichtes gewesen, sie wieder hinaufzulegen. Früher hatte er sich zum Rauchen immer hinter seinen Wagen verzogen und war sich dabei ziemlich dämlich vorgekommen. Jetzt saß er in der kundenfreien Zeit auf seinem kleinen Hocker und guckte YouTube Videos, meist über Leute, die sich im Wald mit primitivsten Mitteln Häuser, Waffen oder Öfen bauten und sich dabei stundenlang selbst filmten. Guido faszinierte dieses Hobby. Ein ganzes Jahr lang sah er zu, wie ein Mann ganz allein ein Blockhaus baute. Ein anderes Video zeigte immer wieder neue Filmausschnitte, in denen er übte, mit einer steinzeitlichen Schleuder sein Ziel zu treffen. Endlose Versuche, die Guido allein beim Zuschauen schon in den Wahnsinn trieben. Er war froh über alle technologischen Errungenschaften, die er verwenden konnte. Wenn es ihm irgendwann zu bunt wurde, schaltete er auf Radio um: Hits, Hits, Hits aus den 90ern, den 00ern und das Beste von heute! Eigentlich hätte er selber lieber Reggae gehört, aber den Kunden gefiel es und er wurde seltener von der Polizei kontrolliert, wenn er Popmusik spielte.

Ab Fünf begann die Spätschicht. Gestresste Mütter kamen nach dem Einkauf noch schnell bei ihm vorbei, um das Familienabendessen zu besorgen. Guido kannte seine Pappenheimer, steckte hier eine Hand voll extra Servietten hinzu und da eine Packung Spezialsauce mit einem Spritzer Ketchup für die Kinder, die sonst den Pommeskonsum verweigerten. Ein andermal half er einem Vater mit zwei schreienden Kleinkindern auf der Rückbank, die Burger, Saucen und Salate unter den Beifahrersitz zu verstauen, während der Mann am Telefon die rechtzeitige Lieferung der Mahlzeit beteuerte. Danach kamen die Leute, deren Feierabend angebrochen war. Meist gut gelaunte Menschen, die einen ganzen freien Abend vor sich hatten. Einige blieben länger bei Guidos Wagen, aßen ihr Abendessen an einem der bereitgestellten Stehtische und unterhielten sich noch mit ihm, wenn es die Geschäfte zuließen. Das war die schönste Zeit des Tages. Guido hatte keine festen Öffnungszeiten. Wenn die Leute noch ein Bierchen oder noch eine Portion Pommes nachbestellen wollten, hatte er stets genug Reserven im Kühlschrank. Es gab niemanden, der zu Hause auf ihn wartete, also konnte er seine Feierabende so planen, wie er wollte. Er hatte ein gutes Gespür dafür, wann es Zeit war, dicht zu machen. Zwischen dem dritten Feierabendbier und dem Daueraufenthalt einiger trauriger Gestalten verlief nur ein schmaler Grat und diese Kundschaft überließ er lieber dem Faßl – einer Kneipe, die sich in Sichtweite auf der anderen Straßenseite befand. Mit Schorsch, der das Faßl betrieb, verstand Guido sich gut. Unter anderen Umständen hätten sie sogar ganz passable Freunde abgegeben, aber der Job verlangte viel, vor allem Zeit und Kraft und wenn Guido abends die Rollläden herunterzog und die letzten Mülltüten ins Auto wuchtete, hatte er eine starke Sehnsucht nach seiner Dusche und seinem Sofa und keine Lust mehr, im stickigen Faßl den Leuten zu begegnen, die er nach dem dritten Bier rübergeschickt hatte. Aber Guido war nicht unglücklich darüber. Wenn er Schorsch im Getränkemarkt oder beim Großhändler über den Weg lief, grüßten sie sich, unterhielten sich kurz und tauschten Neuigkeiten über die gemeinsamen Stammkunden aus. Sie hatten Glück. Ihr Viertel war kein sozialer Brennpunkt wie die Hasenau am anderen Ende der Stadt.

Wäre es nach Guido gegangen, hätte das Leben immer so weitergehen können. Nur abends, wenn der Fettdunst des Tages abgewaschen war, die Arbeitskleidung in der Waschmaschine vor sich hin wummerte und er mit seinem eigenen Feierabendbier vor dem Fernseher auf dem Sofa lümmelte, blickte er manchmal zur Seite und stellte sich vor, er hätte jemanden neben sich sitzen. Jemanden, der mit ihm über die Comedysendungen lachen würde oder nach den Tagesthemen seine Fragen beantworten könnte oder eigene stellen würde. Am liebsten sah Guido Tierdokus über Reptilien oder Insekten und so oft hatte er sich selbst über den Klang seiner eigenen Stimme erschreckt, die in der leeren Wohnung ein verblüfftes „Das gibts doch nicht“ ausgestoßen hatte, wenn eine Gottesanbeterin den Kopf ihres Partners abgebissen oder ein Oktopus sich durch ein münzgroßes Loch gequetscht hatte. Guido war es von den Gesprächen des Tages so gewohnt, immer Ansprechpartner zu haben, immer in die Alltagserlebnisse und kleinen Nickeligkeiten der Kollegen eingeweiht zu werden, dass die Stille des Abends schwer auf ihm lastete.

Während eines Werbeblocks holte er sein Handy aus der Jackentasche. Er hatte drei ungelesene E-Mails – alles Werbung. Zur Sicherheit öffnete er die App von Life-Partner – einem online Portal, auf dem er sich vor zwei Monaten angemeldet hatte. Es hatte eine Stange Geld gekostet, aber Robert, der immer zwei Burger mit Avocadocreme bestellte, hatte ihm davon vorgeschwärmt. Er hatte schon drei vielversprechende Frauen über das Portal kennengelernt. Zugegeben, bisher hatte sich noch keine feste Beziehung daraus erheben, aber drei mögliche Rendezvous waren mehr, als er im ganzen letzten Jahr gehabt hatte.

Guido war einsam. Er tippte auf das Log-in Fenster der App, als eine Werbebotschaft aufpoppte, die das ganze Display ausfüllte: „Komm nach Pantopia. Hier sind alle willkommen.“

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