Theo Downes-Le Guin im Interview

INTERVIEW

"Ursula arbeitete hart daran, in Jahrtausenden zu denken, nicht nur in Jahren.": Theo Downes-Le Guin im Interview


Ursula K. Le Guins literarisches Erbe ist prägend für die gesamte Phantastik und darüber hinaus. Zum Erschienen von "Grenzwelten" haben wir mit ihrem Sohn Theo Downes-Le Guin über das Werk seiner Mutter, über nachhaltig beeindruckende Texte und den Ursula K. Le Guin Prize for Fiction gesprochen.

TOR ONLINE: Vielen Dank, Theo, dass du uns ein paar Fragen beantwortest. Bei FISCHER Tor sind gerade zwei Novellen von deiner Mutter, Ursula K. Le Guin, in Neuübersetzung erschienen, "Das Wort für Welt ist Wald" erschien erstmals 1972 in Harlan Ellisons hochgeschätzter Anthologie "Dangerous Visions" (auf Deutsch unter dem Titel "15 Science Fiction-Stories" im Heyne Verlag). 1973 wurde die Novelle mit dem Hugo Award ausgezeichnet und sie ist bekannt für die postkolonialistischen und ökologischen Themen. Welche Beziehung hatte deine Mutter zu dieser Geschichte?

THEO DOWNES-LE GUIN: Ich habe zu danken. "Das Wort für Welt ist Wald" gab meiner Mutter eine unmittelbare Möglichkeit, Ideen zum Thema kolonialistische Ausbeutung zu ergründen, die es in den Werken, die sie zuvor geschrieben hat, nicht gab. Ich weiß, dass Ursula die Novelle in den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung mehrmals gelesen hat, und sie war zufrieden mit dem Text. Anders als viele andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller hat sie ihre eigenen Werke gern noch einmal gelesen und in manchen Fällen entstanden daraus Reflektionen und Revisionen, wie in dem Nachwort zu "Die linke Hand der Dunkelheit".

"Die Überlieferung" ist eine Geschichte über eine Anthropologin und die Wichtigkeit unseres kulturellen Erbes. Einige behaupten, der Text beziehe sich auf die Unterdrückung der Religion durch die chinesische Regierung zur damaligen Zeit. Hat sich Ursula darüber Sorgen gemacht?

Wir haben tatsächlich nie über diesen Bezug gesprochen, aber ich würde nicht ausschließen, dass es ihn gibt. Ich habe das Werk meiner Mutter nicht studiert, ich bin nur ihr Sohn und Leser. Selbst wenn es Belege für einen solchen Zusammenhang in ihren Archiven gäbe, wüsste ich möglicherweise nichts davon.

Meiner Erfahrung nach stellen Menschen oft eine Verbindung zwischen Ursulas Werk und den Gegebenheiten ihrer Zeit her, die sie persönlich bewegen. Das tun wir alle bei der Rezeption von Literatur, die uns wichtig ist. Ursula arbeitete hart daran, in Jahrtausenden zu denken, nicht nur in Jahren. Die Unterdrückung von Religion durch Autoritäten ist kein neues Konzept und sie spielt in vielen ihrer Werke eine Rolle – wie auch die Unterdrückung der Gedankenfreiheit durch religiöse Autoritäten.

Es gibt viele Anthropolog*innen (oder Figuren mit ähnlichem Ansatz) in den Romanen des Hainish-Zyklus, so dass sich unweigerlich die Frage stellt: Welchen Bezug hatte Ursula zur Arbeit ihres Vaters (der ein namhafter Anthropologe war)? Hat sie je darüber nachgedacht, selbst diesen Beruf zu ergreifen?

Ursula wusste schon in sehr jungen Jahren, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Ich glaube nicht, dass sie die Anthropologie je als Berufung in Erwägung gezogen hat. Aber das Geschichtenerzählen ist Teil einer jeden Kultur und macht so einen Großteil der kulturellen Anthropologie aus. Geschichten und Überlieferungen waren also unmittelbar mit dem Umfeld, indem sie aufwuchs, verbunden. Schreiben und Anthropologie waren für sie von Anfang an miteinander verwoben.

Im Oktober 2021 wurde bekannt gegeben, dass der Ursula K. Le Guin Prize for Fiction ins Leben gerufen wird. Woher kommt die Idee für diesen Preis und welche Geschichte steckt dahinter?

Als Nachlassverwalter von Ursulas literarischem Erbe denke ich immer über Möglichkeiten nach, ihr Werk und ihre Ideen sichtbar für Schreibende unserer Zeit und für künftige Generationen von Autor*innen zu machen. Ursula hat sich stark in Kreisen von Schriftsteller*innen engagiert, Schreibwerkstätten geleitet und so weiter. Für mich ist es schwierig, das in ihrer Abwesenheit nachzubilden, weil ihr Engagement so persönlich war. Und natürlich brannten Autor*innen weit mehr dafür, mit ihr zu arbeiten, als sie es für eine Zusammenarbeit mit mir tun würden! Die Familie hat in einem Geldpreis die Möglichkeit gesehen, die Unterstützung junger Schriftsteller:innen fortzusetzen, die einen so großen Teil des Lebens meiner Mutter ausgemacht hat.

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Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der Preis vor allem Nachwuchsautor*innen gewidmet. Welche Intention steckt dahinter, wer kann nominiert werden und wer entscheidet, welche Romane oder Autor*innen nominierungswürdig sind?

Die Intention hinter dem Preis ist, Schriftseller*innen, die einen würdigen Roman verfasst haben, etwas Freiheit zu verschaffen – auf einem Weg, der auf Ursulas Werte und Interessen abgestimmt ist. Die Auszeichnung richtet sich nicht allein an den Nachwuchs auf dem Gebiet, vielmehr hoffen wir, dass die Unterstützung diejenigen erreicht, die noch nicht die Aufmerksamkeit erfahren haben, die ihnen gebührt, und dass die finanzielle Sicherheit ihnen dabei hilft, diese Beachtung erzeugen zu können. Jede*r kann ein Buch nominieren. Es gibt ein kleines Team, das sich die Vorschläge anschaut, um zu prüfen, ob die Nominierungen berechtigt sind und die Vorschläge auf eine Shortlist zu reduzieren, die nicht mehr als zehn Titel enthalten soll. In der diesjährigen Jury sind Aadrienne Marie, Becky Chambers, Molly Gloss, David Mitchell und Luis Alberto Urrea.

Als Lektorin arbeite ich gerade an einem Buch von und über Kim Stanley Robinson. Und während meiner Recherchen stieß ich darauf, dass er an ihrem Schreibstil vor allem die "clean line", die klare Linie bewunderte, und die er für sich zu übernehmen versucht hat. Was macht für dich einen großartigen Roman aus?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Es gibt Tausend Gründe, weshalb ich ein Buch mag. Vor Kurzem habe ich die Lektüre von "Das Ministerium für die Zukunft" beendet und es hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Es erfüllt eine Eigenschaft, die mir wichtig ist, nämlich, dass der Grund für das Dasein des Buches sehr klar ist. Die Überzeugung und Neugierde des Autors, die sich in seinen Ideen widerspiegeln, reißen einen mit.

Denke ich etwas weiter, muss ein Roman für mich eine schöne Sprache haben, um großartig zu sein. Ich habe einige sehr gute Bücher gelesen, voller guter Ideen, die jedoch sprachlich nicht besonders gut geschrieben waren. Meiner Ansicht nach können sie nicht überragend sein, wenn sich ihre Schönheit nicht auch im Akt des Lesens wiederfindet. Für mich bedeutet das in der Regel eine gute Balance aus Prosodie und Klarheit.

Was bewunderst du besonders am Werk deiner Mutter? Welche Romane würdest du jemandem zu lesen empfehlen, der nicht mit ihrer Arbeit vertraut ist?

Ich bin mir nicht sicher, ob die erste Frage von dem Kind einer Autorin beantwortet werden kann. Was ich am meisten an ihrem Werk bewundere, ist wohl, dass sie es geschrieben hat … eine tautologische Aussage, aber sie ist wahr. Aber was ich sagen kann, ist, dass ich ihre Arbeiten dafür bewundere, dass sie voller tiefgründiger Ideen stecken, ihrer Zeit immer um Dekaden voraus, voller Hoffnung, und dass ihre Prosa tief rhythmisch ist und Auge und Ohr gleichermaßen schmeichelt. Also ja, sie ist phantastisch.

Die zweite Frage wird mir oft gestellt und meine Antwort hängt davon ab, was die andere Person liest und wie skeptisch oder intolerant die Person gegenüber Genreliteratur ist. Wenn jemand überzeugt davon ist, Science Fiction oder Fantasy nicht zu mögen, werde ich die Person nicht bekehren können. Ich empfehle dann "Keine Zeit verlieren. Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen" (Golkonda, 2018), ein Buch, das auf den Blogeinträgen meiner Mutter basiert und eine bedachte, durchdringende und sehr witzige Essaysammlung ist. Passenderweise enthält das Buch einige stichhaltige Argumente über die Dummheit eine Genre-Intoleranz zu hegen. Jüngeren Leser*innen empfehle ich "Erdsee". Ich glaube, es gibt keine*n Dreizehnjährige*n, der oder die sich nicht in dieser Geschichte wiederfinden kann und sie in den Knochen spüren kann. Politisch interessierten Menschen, die eine Herausforderung mögen, empfehle ich "Freie Geister"

Vielen Dank für deine Antworten.

Ich habe zu danken. Es ist immer eine Freude an meine Mutter zu denken und über sie zu sprechen.

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