Climate Fiction: Interview mit Lisa-Marie Reuter

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Climate Fiction: Interview mit Lisa-Marie Reuter


In "Exit this City" entwickelt Lisa-Marie Reuter ein außergewöhnliches Bild von einer Zukunft, in der sich die globalen Wirtschafts- und Machtstrukturen extrem gewendet haben, der Klimawandel dafür sorgt, dass in Mitteldeutschland Reis angebaut wird und Bienen zum Überträger gefährlicher Krankheiten werden. Im Interview erzählt sie, wie sie zur Climate Fiction kam, was das Genre für sie ausmacht und warum gerade Indien eine so wichtige Rolle in ihrem Roman einnimmt.

Hallo Lisa, dein Climate-Fiction-Roman Exit this City hat ja eine witzige Entstehungsgeschichte. Kannst du einmal kurz umreisen, wie es zu dem Projekt kam?

Ende 2017 habe ich meine Kurzgeschichte Tod einer Göttin, die in der indischen Stadt Varanasi spielt, beim Climate-Fiction-Schreibwettbewerb von TOR ONLINE eingereicht – und war im siebten Himmel, als der Text als Gewinnerbeitrag ausgewählt wurde. Kurz darauf kam aus dem Lektorat von FISCHER Tor die Frage, ob ich mir vorstellen könnte, einen Roman mit ähnlichen Zutaten zu schreiben. Dazu hatte ich wahnsinnig große Lust, und ziemlich schnell entstanden die ersten Ideen, die später zu Exit this City wurden.

Wie bist du dann beim Schreiben vorgegangen? Nutzt du bestimmte Techniken?

Ich probiere bei jedem Roman ein bisschen was Neues aus. Bei Exit this City war es die Snowflake-Methode. Dabei wird ein Kernsatz, der die gesamte Geschichte grob zusammenfasst, immer mehr erweitert, bis daraus ein mehrseitiger Handlungsabriss entsteht. Der Vorteil daran ist, dass man immer den Überblick über das große Ganze behält und sich nicht in Details verliert. Mir hat das geholfen, in relativ kurzer Zeit das Grundgerüst des Romans aufzubauen. Etwas später bin ich dann noch auf eine tolle Methode zur Figurenentwicklung gestoßen, die ich quasi »obendrauf« gepackt habe. Als es mir mit der Theorie zu viel wurde, habe ich mich ans Manuskript gewagt und eine Leseprobe für den Verlag geschrieben. Das Feedback aus dem Lektorat hat mir wiederum neuen Schwung gegeben, um einen ausführlichen Kapitelplan zu erstellen, der mich bis zum Schluss gut durch den Schreibprozess gelotst hat.

Der Roman spielt zum Teil in Indien, zum Teil in Deutschland. Du sprichst auch Hindi, oder? Und hast auch vor Ort für den Roman recherchiert?

Ich habe Indologie/Südasienkunde studiert und an der Uni Hindi gelernt. Seit 2009 bin ich regelmäßig in Indien. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich zehn Jahre lang für den Roman recherchiert. Kurz bevor ich mich ans Manuskript von Exit this City gesetzt habe, war ich noch mal in Südindien und in Delhi, um ein bisschen Atmosphäre zu tanken und mit meiner Reisebegleitung über die letzten offenen Fragen in der Handlung zu brüten. Genauso großen Spaß hatte ich aber auch, als ich hier in Deutschland die verschiedenen Schauplätze abgeklappert habe. Seitdem sehe ich viele altbekannte Plätze mit ganz anderen Augen.

Die Handlung findet ja an die 130 Jahre in der Zukunft statt. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Europa gehört zu den globalen Absteigern. Den Wettlauf um Ressourcen und Know-how haben andere Länder gewonnen – Indien zum Beispiel, wo das Klima allerdings so lebensfeindlich geworden ist, dass dort kaum noch Landwirtschaft betrieben werden kann. Die Anbauflächen in Europa haben Konzerne und Investoren unter sich aufgeteilt. Die Menschen schuften dort unter schlimmen Bedingungen auf den Feldern, ohne je etwas von den Luxusgütern abzubekommen, die sie produzieren. Stattdessen werden die begehrten Lebensmittel ins reiche Indien exportiert. An diesem Ungleichgewicht entzündet sich schließlich eine Rebellion.

Wie bewertest du die Verhältnisse, in denen deine Figuren da leben? Dieses Gefälle zwischen Luxus und Schinderei gibt es ja heute auch, nur mit umgekehrter Geografie, grob gesagt.

In einer fiktionalen Geschichte stellt sich natürlich vieles plakativer dar, als es in unserer Realität ist. Aber der Ausgangspunkt für mich war tatsächlich, die koloniale Situation einmal umzudrehen. Die realen Ungerechtigkeiten in unserer Welt sind so zementiert, dass wir sie oft gar nicht mehr hinterfragen. Die »armen Länder« sind weit weg und irgendwie abstrakt. Mit meinem Gedankenspiel wollte ich daher das Ganze aus einem anderen Blickwinkel betrachten, der für deutsche Leser*innen vielleicht greifbarer ist und noch mal neu zum Nachdenken anregt.

Die Welt im Jahr 2158 sieht ein bisschen anders aus als unsere; Kommunikation läuft über coole Gadgets, alle haben einen eigenen Live-Stream, Menschen können sogar zu Avataren werden. Wie siehst du das Verhältnis zwischen Mensch und Technik? Und wird sich das in der Zukunft geändert haben?

Ich gehöre ja noch ganz knapp zur Generation, die eine Welt ohne (Massen-)Internet kennengelernt hat. Als ich 2009 zum ersten Mal in Indien war, war es noch horrend teuer, nach Deutschland zu telefonieren. 2011 hatten meine Freunde in Indien alle schon Blackberrys, während das mit den Smartphones in Deutschland noch kein großes Thema war. Bei der Recherchereise für Exit this City vor zweieinhalb Jahren wurde ich oft ganz verständnislos angeschaut, wenn ich ein Taxi buchen wollte – »Why don’t you use Uber?«. Die Menschen in Indien sind technischen Neuerungen gegenüber wahnsinnig aufgeschlossen. Und manchmal auch recht bedenkenlos, was die Nebenwirkungen betrifft. Für Exit this City habe ich ein paar Entwicklungen rausgepickt, die wir heute schon beobachten, und sie weiter zugespitzt. Ich hatte eine Welt im Kopf, die sich angesichts unbegrenzter technischer Möglichkeiten wieder auf »Echtheit« und »Authentizität« besinnt – und diese vermeintlichen Wahrheiten wiederum künstlich erschafft, indem jeder Mensch eine Dauer-Performance abliefert.

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Deine Protagonist*innen spielen eigentlich alle eine Außenseiterrolle: der durchgeknallte Marti, der sich für einen Außerirdischen hält und mit seinem Hund redet; Paksha, die unfreiwillige, weltberühmte Survival-Influencerin; und Veeru, die schillernde Anführerin der Rebellion. War das Absicht oder hat sich das so ergeben? Und was reizt dich an Hauptfiguren, die nicht zweifelsfrei Teil einer Peergroup sind?

Absicht war es nicht. Aber ich fand Außenseiterfiguren tatsächlich schon immer spannend. Vielleicht weil sie sich keiner Gruppe anpassen müssen und dadurch authentischer und kompromissloser sein können? Für einen SF-Roman, in dem recht viel Hintergrundwissen transportiert werden muss, ist es natürlich auch von Vorteil, wenn die Perspektivfigur ein Stück weit von außen aufs Geschehen blickt und die Welt mit den Leser*innen zusammen verstehen lernt. Aus Pakshas Sicht wirkt die deutsche Provinz wie ein Märchenland. Und wie es sich anfühlt, planlos und dehydriert in Delhi unterwegs zu sein, kann ich aus erster Hand berichten.

Ein wichtiger Player im Roman ist FinalFood. Wer ist das, was hat es damit auf sich?

FinalFood ist der Name des Konzernriesen, der in Europa mit ausbeuterischen Methoden Lebensmittel anbauen lässt. Die Auswirkungen auf das Land und auf die Menschen spielen dabei keine große Rolle, denn hinter FinalFood steht eine autonom handelnde künstliche Intelligenz, die stets den maximalen Profit im Blick hat. Der Roman beginnt, als die Arbeiter gegen die Unterdrückung rebellieren und FinalFood den Kampf ansagen.

Eigentlich gibt es ja damit keinen klassischen Schurken in deinem Roman. Warum hast du dich dagegen entschieden?

Mir ist vor einer Weile aufgefallen, dass ich dazu neige, Geschichten ohne Antagonisten zu erfinden. Das versuche ich mir gerade abzugewöhnen ;-) In Exit this City gibt es tatsächlich keine Figur, die die Rolle des »Oberschurken« besetzt. FinalFood könnte man als antagonistische Kraft bezeichnen, denn die Firma greift im Lauf der Handlung zu immer drastischeren Mitteln, um Marti und Veeru aufzuhalten. Gerade mit Blick auf die Rebellion und den Showdown war ich letztlich froh, dass ich das (teilweise unbewusst) so angelegt hatte. Zum einen hat es mich davor bewahrt, nach »den Guten« und »den Bösen« unterscheiden und Menschen gegen Menschen kämpfen lassen zu müssen. Zum anderen agiert eine KI, die stur ihre programmierten Ziele verfolgt, vielleicht noch gnadenloser als ein menschlicher Schurke und fordert die Helden bis zum Letzten.

Den Progatonist*innen rückt auch die Natur immer mehr zu Leibe. In Indien muss Delhi wegen eines radioaktiven Staubsturms evakuiert werden, in Deutschland droht eine riesige Flutwelle alles zu verschlucken. Sind Klimakatastrophen einfach eine dankbare Kulisse, um die Figuren noch weiter unter Druck zu setzen, oder was macht Climate Fiction für dich aus?

Ich denke, Climate Fiction muss nicht zwingend den Kampf gegen Naturkatastrophen beschreiben. Wann immer die Auswirkungen des Klimawandels eine zentrale Rolle in der Geschichte spielen, könnte man vermutlich von CliFi sprechen – und die Grenzen zu anderen Genres sind ja relativ fließend. Da ich das CliFi-Thema bei diesem Roman von Anfang an vor Augen hatte, habe ich versucht, es auf verschiedenen Ebenen einfließen zu lassen. Eine spannende Frage war für mich etwa, wie sich Lebensräume verändern (daraus entstand die Vorstellung, dass die Weinberge in Mitteldeutschland im 22. Jahrhundert zu Reisterrassen geworden sind). Ressourcen, die für uns (noch) alltäglich sind, bekommen vielleicht einen völlig anderen Stellenwert (wenn zum Beispiel frisches Obst zum Luxusartikel wird), und all das beeinflusst wiederum das gesellschaftliche Zusammenleben. Letztlich stellt CliFi die uralte Frage nach der Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt.

Ein kurzer Satz zu den Bienen, die es ja sogar auf das Cover geschafft haben. Warum hast du dich entschieden, ihnen eine so wichtige Rolle zuzuschreiben?

Als ich auf der Suche nach einem Überträger für die gefürchtete Krankheit war, der die Menschen auf den Reisplantagen zum Opfer fallen, habe ich verschiedene Ideen durchgespielt, zum Beispiel Moskitos oder bestimmte Mikroben, die auf den Reisfeldern im Wasser leben und sich in die Haut bohren. Aber dann ploppten ziemlich bald wie ein kleiner Geistesblitz die Bienen auf, und ich hatte sofort das Gefühl, dass das passt. Bienen sind ja in gewisser Weise Ikonen des Klimawandels und lösen ganz bestimmte Assoziationen aus, ohne dass man als Autorin viel erklären muss.

Spannend ist das Thema Sprache in deinem Roman. Die Sprachbarrieren im Jahr 2158 werden nicht über Englisch als Lingua Franca überwunden, sondern die Menschen sprechen einen Dialekt, der die Übersetzung ins Hindi oder ins Deutsche gleich mitliefert, so hast du das formuliert. Wie kann man sich das vorstellen?

Ich hatte die Vorstellung, dass es ein bisschen so funktioniert wie in Indien teilweise heute schon, wo viele Menschen mit zwei, drei oder noch mehr Sprachen aufwachsen, die sie vielleicht nicht alle perfekt beherrschen, die in der Kombination aber eben doch eine ziemlich umfassende Verständigung ermöglichen. Je nach Bedarf switcht man im Gespräch von einer Sprache in die nächste oder streut einzelne Begriffe ein (das machen wir im Deutschen ja auch immer häufiger – ich hätte oben auch »wechselt« schreiben können). Ich kann mir vorstellen, dass dieser Effekt in einer globalisierten Welt tatsächlich immer mehr zunimmt und sich vielleicht eine »echte« Weltsprache entwickelt, die sich geografisch gar nicht mehr verorten lässt.

Zu guter Letzt will ich natürlich wissen: Arbeitest du derzeit an einem neuen Projekt?

Ideen habe ich viele, und es wird ganz sicher ein neues Buch geben. Das genaue Wann, Was und Wo wird sich hoffentlich bald finden.

Vielen Dank, Lisa!

 

Zuerst erschienen in M. Wylutzki u. H. Kettlitz (Hrsg.), Das Science Fiction Jahr 2021, Hirnkost Verlag, Berlin, Oktober 2021.

Über die Autorin

Lisa-Marie Reuter

(c) Sybille Thomé

Lisa-Marie Reuter, geboren 1987, zog für ihr Indologie-Studium nach Würzburg, wo sie bis heute lebt und schreibt. Wenn sie dabei nicht in frei erfundene Fantasywelten abtaucht, lässt sie sich von ihren Indienreisen inspirieren. Vieles, was sie zwischen Delhi und Bengaluru, Jaisalmer und Guwahati erlebt hat, ist allerdings viel zu verrückt, um einen glaubwürdigen Roman abzugeben.

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