Bitte 15 mal Schwerelosigkeit und zurück

BUCH

Bitte 15 mal Schwerelosigkeit und zurück: Brandon Q. Morris im Parabelflug


Schwerelosigkeit hat schon immer fasziniert. Um das Phänomen richtig beschreiben zu können, stürzte sich der Science-Fiction-Autor Brandon Q. Morris mit einem Airbus A310 vom Himmel.

Mark Whatney (Der Marsianer) macht es falsch. Douglas Quaid (Total Recall) ebenso. Und auch John Carter bewegt sich im gleichnamigen Film auf dem Roten Planeten nicht so, als wäre der jeweilige Streifen dort gedreht. Kein Wunder, einerseits, haben wir es doch noch nicht geschafft, eine Crew auf unseren Nachbarplaneten abzusetzen. Andererseits kann man sich natürlich ausrechnen, wie schwer ein Mensch dort wäre – Whatney, Quaid oder Carter haben etwa ein Drittel ihres Erdgewichts. Ergibt sich der Rest nicht von ganz allein?

Natürlich, hätte ich bisher gesagt, ganz der Physiker. Was für ein schöner Irrtum! Aber ich will nicht vorgreifen. Ich gebe jedoch zu, dass der eigentliche Grund für das im Folgenden beschriebene (und vom Autorenkollegen Joshua Tree angeregte) Experiment die Neugier war, wie sich Schwerelosigkeit wohl anfühlt. Mars und Mond spielten nur eine Nebenrolle.

Was braucht man, um Schwerelosigkeit herzustellen? Eine Rakete wäre optimal, aber die günstigsten Startplätze kosten derzeit 450.000 Dollar (bei Virgin Galactic). Experimente machen die Forscher u.a. in Falltürmen, aber die eignen sich kaum für Menschen. Ein Kompromiss ist ein Flugzeug. Kennen Sie das Gefühl, wenn Ihr Ferienflieger in Turbulenzen plötzlich ein paar Meter in ein »Luftloch« sackt? Das ist Schwerelosigkeit.

Es gibt weltweit drei Flugzeuge, die von ihren Piloten absichtlich in Luftlöcher gesteuert werden, indem sie sie Wurfparabeln fliegen lassen. Eines fliegt in Russland, eines in den USA und eines (meist) in Frankreich. Das ist ein Airbus A310 – die ehemalige deutsche Kanzlermaschine »Konrad Adenauer« übrigens (früher einmal im Bestand der DDR-Luftlinie Interflug). Das Flugzeug gehört der Firma Novespace, einer Tochterfirma der französischen Raumfahrtagentur CNES. Normalerweise wird es für wissenschaftliche Experimente für CNES, DLR und ESA eingesetzt. Aber um diese Forschung zu finanzieren, dürfen zweimal im Jahr private Passagiere mitfliegen.

Der A310 ist beileibe noch kein Oldie. Die Maschine hat eine sehr gute Motorisierung, zudem ist sie innen »entkernt«, um Platz zu schaffen. Das macht sie für ihre Aufgabe sehr gut geeignet. Tatsächlich mussten die Piloten, als das Flugzeug mal während der Arbeit von außen gefilmt werden sollte, den Piloten der filmenden Alphajets vorher ihre Manöver ankündigen, damit diese rechtzeitig beschleunigen und Schritt halten konnten.

Brandon Q. Morris hier 2. von rechts

Was tut nun der Pilot, um seinen Passagieren das gewünschte Luftloch zu verschaffen? In etwa 6000 Metern Höhe zieht er die Nase des Airbusses nach oben und gibt kräftig Gas. Das geht dann bis zu 50 Grad Steigung (was man als Passagier nicht sieht). Sind die 50 Grad erreicht, lässt der Pilot die Maschine fallen. Sie fliegt dann wie ein geworfener Ball in einer Parabel (physikalisch gesehen ist das im Grunde Teil eines Orbits, nur eben nicht auf 400 Kilometern Höhe). Die Maschine steigt, immer langsamer werdend, erst noch bis auf knapp 8000 Meter, um dann mit der Nase nach unten Richtung Erde zu stürzen. Bis der Pilot sie bei 6000 Metern wieder abfängt, um das Spiel von neuem zu beginnen.

Der freie Fall, der sich für die Passagiere wie Schwerelosigkeit anfühlt, dauert genau 22 Sekunden. Davor und danach herrscht Hypergravitation, bis zu 1,8 g, die ganz schön auf den Magen drücken und die Hauptursache für Übelkeit sind. Einer von zehn Passagieren übergibt sich dann; so war es auch bei unserer elfköpfigen Gruppe (insgesamt flogen 40 Passagiere mit). In den exakt 22 Sekunden schlagen die Betreuer verschiedene Aktivitäten vor. Langsam lernt man auch, die Hypergravitation zu ertragen. Zunächst liegend, dann sitzend oder im Stehen. Bei mir funktioniert das Sitzen am besten – richtig übel wurde mir nicht, aber im Stehen hatte ich das Gefühl, mein Magen hinge in der Kniekehle. Aber wörtlich!

Während der ersten drei Parabeln herrschten im Flieger Mars- bzw. Mondgravitation. Das hat sich überraschend anders angefühlt als gedacht. Es ist sauschwer, bei Mondgravitation zu laufen. Auch bei Marsgravitation macht man automatisch viel höhere Sprünge als beabsichtigt. So wird bei den oben genannten Filmen überdeutlich, dass sie nicht auf dem Mars gedreht wurde, selbst wenn Marsianer & Co. noch einen Raumanzug tragen mussten, auf den wir Passagiere verzichten konnten (Novespace stellte uns aber einen schicken Fluganzug zur Verfügung).

Morris wird auf den Hosenboden der Tatsachen zurück geholt

Bei Nullgravitation entgleitet mir zunächst die komplette Kontrolle. Bei der kleinsten Geste treibe ich davon, ohne steuern zu können. Aber den anderen geht es nicht besser. Also kugeln wir fröhlich durcheinander. Die Mikrogravitation fühlt sich absolut seltsam an und völlig ungewohnt. Das meiste, was ich über Fortbewegung gelernt habe, ist nutzlos. Ich versuche, es neu zu lernen: Das Ziel ins Auge zu fassen, mich ganz sanft abzustoßen, dabei Handgriffe zu benutzen, um mich voranzuhangeln. Aber die Zeit ist dann doch zu kurz. So haben die Betreuer und die Sicherheitsleute alle Hände voll zu tun, die Passagiere rechtzeitig auf den Boden zu bekommen. Denn nach Ablauf der 22 Sekunden habe ich genau eine Sekunde, um eine stabile Lage einzunehmen. Mit 1,8 g auf den Boden zu krachen, tut weh (eine 80-Kilo-Person wiegt dann 144 Kilogramm). Darum ist der Flieger innen auch überall dick gepolstert. Besser, ich höre genau hin, was der Pilot sagt, denn alle Manöver werden rechtzeitig angekündigt. »Start … 30 … 40 … 50 (Grad)« Der Flieger reckt die Nase hoch. »Injection« – Hui, wir sind schwerelos! »10 … 20 … feet down!« Schnell, denn die Hypergravitation folgt … Uff … »straight flight«. Ein bisschen Pause, bis zur nächsten Parabel.

Sagte ich vorhin »der Pilot«? Das ist natürlich falsch. Im Cockpit arbeiten drei Piloten zusammen. Einer ist für Pitch (Querneigung), einer für Roll (Längsneigung) und einer nur für die Beschleunigung zuständig. Denn der Flug findet nicht im Weltall statt. Die Luftreibung verhindert eine perfekte Parabel. Also müssen die Piloten das ausgleichen, und zwar möglichst auf den Meter exakt. Das ist harte Arbeit, sodass die Piloten alle vier Parabeln ihre Position wechseln. Bei wissenschaftlichen Flügen, wo 31 statt 15 Parabeln geflogen werden, sind sogar vier Piloten an Bord. Insgesamt dauert das Erlebnis gut eine Stunde in der Luft. Am Boden sind wir von 8 Uhr bis 16 Uhr mit Briefings und der Auswertung beschäftigt.

Insgesamt ein wirklich beeindruckendes Erlebnis – und ich weiß jetzt, wie sich meine Protagonisten auf dem Mars, dem Mond oder in einer Raumstation bewegen. Vorsichtig.

Brandon Q. Morris

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