„Quantenphysik ist tatsächlich ein bisschen ,wie Magie’“: Interview mit Judith und Christian Vogt

INTERVIEW

„Quantenphysik ist tatsächlich ein bisschen ,wie Magie’“: Interview mit Judith und Christian Vogt


 „Anarchie Déco“ von Judith und Christian Vogt ist Fantasy-Roman, Alternativweltgeschichte und historischer Krimi zugleich. Im Interview verraten sie, was sie am Zusammenspiel von Magie und Physik und am Setting in den Goldenen Zwanzigern gereizt hat.

TOR ONLINE: Schön, dass ihr die Zeit gefunden habt, ein paar Fragen für uns zu beantworten. Fangen wir doch gleich mit eurem neuen Roman an: Wie lautet euer Fahrstuhl-Pitch für Anarchie Déco?

JUDITH UND CHRISTIAN VOGT: Den ersten Fahrstuhl-Pitch haben wir sogar noch archiviert, vom August 2017, als wir das erste Mal über das Projekt nachgedacht haben. Aber seitdem hat sich viel verändert, daher versuchen wir uns mal an einem neuen:

Ein Urban-Fantasy-Krimi im Berlin der Goldenen Zwanziger! Zur gleichen Zeit, als die neuesten Erkenntnissen zur Quantenmechanik bekannt gemacht werden, ist die Physikerin Nike Phänomenen auf der Spur, die im Zusammenspiel von Kunst und Naturwissenschaft entstehen. Was als Experiment an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität beginnt, erobert schon bald als „Magie“ das Berliner Nachtleben. Als die ersten magischen Gewalttaten Todesopfer fordern, muss Nike mit dem Prager Bildhauer Sandor die Berliner Polizei in Sachen magischer Verbrechensbekämpfung beraten. Berlin ist ein politisches Pulverfass und die Magie ein ebenso bunter wie gefährlicher Funke.

Wie kamt ihr auf die Idee, Kunstwerke lebendig werden zu lassen?

Zusammen mit der Künstlerin Mia Steingräber und dem Schriftsteller Tobias Junge geben wir ein Pulp-Magazin namens „Die grüne Fee“ heraus, zu dem Mia Jugendstil-Illustrationen beiträgt. Die erste Idee zu „Anarchie Déco“ war, Jugendstil als Fantasy-Element zu verwenden. Wir haben ein bisschen hin und her gewälzt, wie das aussehen könnte und sind schließlich zeitlich etwas später als Jugendstil gelandet – bei der Art Déco – auch aus dem Grund, dass wir das Ganze mit Physik verbinden wollten und die Physik in den Zwanzigern einen Quantensprung (pun intended!) gemacht hat.

Christian, du bist Physiker. Inwiefern hat dein wissenschaftlicher Hintergrund die Entwicklung der Geschichte rund um Nike und Sandor beeinflusst?

Wir haben bei den Romanen „Die zerbrochene Puppe“ und „Die verlorene Puppe“ schon mal magische Elemente mit Paradoxa der Physik verbunden – das waren meist scheinbare Widersprüchlichkeiten, die die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts nicht erklären konnte, weil dafür die Kenntnis der Quantenphysik notwendig ist. Und wenn wir ehrlich sind, ist die Quantenphysik tatsächlich ein bisschen „wie Magie“ – ich habe meine Diplomarbeit zur experimentellen Elementarteilchenphysik geschrieben, obwohl ich in der Promotion mit einem weinenden Auge in eine andere Richtung gegangen bin. In den Zwanzigern sind der Physik auf besondere Weise Flügel gewachsen, die sie bis heute prägen. Die „magische Physik“ des Romans ist dafür ein bisschen ein Sinnbild, auch wenn die Forschungen zur Quantenphysik parallel existieren.

Was war der Reiz, den Roman in den Goldenen Zwanzigern zu verorten?

Die Zwischenkriegsjahre sind ja eine kurze, aber sehr bemerkenswerte Zeit. Linke und rechte Bewegungen prallen aufeinander, eine überforderte Mitte bildet ständig neue Regierungen und löst sie wieder auf. Gerade in einer Stadt wie Berlin herrschte einerseits große persönliche Freiheit – vielleicht zum ersten Mal – und zum anderen sind der Krieg, der Hunger, die Pandemie, die Wirtschaftskrise noch sehr präsent. Alles, was an Positivem entsteht, ist sehr roh und verletzlich. Viele Menschen sind traumatisiert, und Alltag ist vielerorts eine Fassade. Das magische Element passte einfach sehr organisch dort hinein.

Zusätzlich zur historisch sehr aufgeladenen Zeit, in der der Roman spielt, treten viele bekannte Wissenschaftler wie Albert Einstein, Walther Nernst und Lise Meitner auf. Da habt ihr bestimmt viel recherchieren müssen, oder?

Kurz gesagt: Ja! Wir haben in Berlin vor Ort recherchiert – aber auch festgestellt, dass die Aachener Stadtbibliothek sehr ergiebig ist. Wir haben gelesen, Dokus geschaut, alte Stadtansichten gewälzt (es gibt eine Art „Google Maps“ fürs Berlin der Zwanziger!) – und trotzdem vermutlich nur an der Oberfläche einer Epoche gekratzt, die bereits ein erstes Informationszeitalter war, bei dem man in bodenlose (und endlos faszinierende) Recherchelöcher fallen kann. Bei historischen Personen wie Einstein, Nernst und Meitner – und Ernst Gennat (dem sogenannten „Buddha“ der Berliner Mordinspektion) war uns auch wichtig, dass das, was sie tun und ihre Einstellung zu den neuen Phänomenen dem entspricht, was wir heute über ihren Charakter wissen.

Die Autoren Judith und Christian Vogt

© Yannick Vogt

Die Vielfalt eures Figurenkabinetts ist bemerkenswert, sei es durch ihre Herkunft, Sexualität oder Religion. War euch schon sofort klar, wie die Figurenkonstellation aussehen würde?

Bei einigen Figuren gehörte das von Anfang an fest zur Story. Im Roman geht es immer wieder um verschiedene „Dualismen“ – zum einen ist Magie nur durch die Zusammenarbeit zwischen einem Mann und einer Frau möglich, was Nike und ihrer Kommilitonin Erika erst einmal zum Vorteil gereicht, denn dadurch können sie nicht durch Männer ersetzt werden. Erika ist Jüdin in einer zunehmend antisemitischen Stadt, Nike Halbägypterin in einer weißen Umgebung. Das wirkt sich nicht nur politisch aus – Nikes Mutter bringt auch eine andere Einstellung zu den magischen Phänomenen mit.

Die selbstbewusst-queere Georgette zeigt besonders Nike, dass eine Fixierung auf ein binäres und bei der Geburt zugeschriebenes Geschlechtersystem eine Begrenzung ist, die die meisten Menschen als Oberkategorie so hinnehmen, ohne sie je zu hinterfragen. Uns war ganz wichtig zu zeigen, dass im Berlin der Zwanziger bereits sehr intensiv zu Sexualität und Geschlecht geforscht wurde – queere Forschungen, die von den Nazis kurz nach der Machtergreifung vernichtet wurden.

Andere Aspekte sind beim Schreiben dazugekommen. Sandor zum Beispiel kommt ins queere Berlin und bewegt sich von „hetero“ Richtung „questioning“ – das hat sich organisch der Geschichte angepasst.

Momentan gibt es große Diskussionen über Gendergerechtigkeit in der Sprache. Euch ist das Thema wichtig und bei Anarchie Déco habt ihr darauf geachtet. Was ist für euch die größte Herausforderung an gendergerechter Sprache?

Ganz ehrlich? Die Feindseligkeiten. Geschlechtergerechte Sprache ist keine Magie (oder wenn, dann eine Magie, mit der man sich – analog zum „Anarchie“-Thema – selbst ermächtigen kann). Schreibende werden in jeder Hinsicht ermuntert, sich kreativ mit Sprache auseinanderzusetzen. Aber wenn diese Kreativität sich Richtung Geschlechtergerechtigkeit ausstreckt und tief in unsere Denke eingepflanzte Vorstellungen von männlich und weiblich antastet, dann ist das linker Gesinnungsterror statt schriftstellerischer Ausdruck.

Wir wünschen uns, geschlechtergerecht schreiben zu können, ohne dass Leute wütende Mails schreiben oder versuchen, uns wahlweise als Terrorist*innen oder Witzfiguren darzustellen. Die erbitterten Verfechtenden einer unveränderlichen deutschen Sprache spielen letztlich einem Geschlechterbild von AfD und anderen rechts-konservativen bis rechtsradikalen Strömungen in die Hände.

Ihr schreibt viele Romane gemeinsam. Was sind die Vor-, was die Nachteile daran?

Judith ist hauptberuflich Schriftstellerin, während Christian sich die Zeit zum Schreiben in der Freizeit vom Brotjob nehmen muss – der Nachteil ist, dass es dadurch keine Trennung von Job(s) und Freizeit gibt. Aktuelle Projekte dominieren jedes Gespräch; beim Essen, beim Spazierengehen, eigentlich selbst im Bett.

Das gemeinsame Schreiben macht aber einfach Spaß, und durch das Hin- und Herspielen von Gedanken, Ideen und Texten wird das Projekt immer besser, als wenn eine*r von uns allein schreibt.

Dürft ihr schon verraten, woran ihr als nächstes arbeitet?

Wir haben dem Piper-Verlag gerade einen Viking-Age-Fantasyroman mit dem Arbeitstitel „Schildmaid“ abgegeben. Was danach kommt, wissen wir noch gar nicht so genau. Wir würden uns sehr wünschen, wieder in die magischen Zwanziger oder Dreißiger zurückzukehren – wer weiß?

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