Die Karyatide setzt sich hin

FICTION

Die Karyatide setzt sich hin | J. C. Vogt


Physikerin Erika und Straßenkünstler Emil experimentieren mit den welchselwirkenden Kräften von Kunst und Magie und erzeugen etwas Unfassbares.

Ein kleiner Vogeschmack auf "Anarchie Déco", den neuen Roman von Judith und Christian Vogt.

***

„Wir könnten dich zersägen“, schlug Erika vor.

„Ich dachte, dir steht nicht der Sinn nach Houdini-Tricks. Deine Magie sei echt“, bemerkte Georgette spitz.

„Du hast mich nicht missverstanden.“

„Das würde implizieren, dass du mich tatsächlich zersägst und magisch wieder zusammenfügst. Ich denke, das ist mir sowohl zu schmerzhaft als auch zu ungewiss.“ Georgette schlenderte um den Tisch, auf dem Erika die Geräte inspizierte, die sie mitzunehmen gedachte. Ihr neuer Freund Emil zog wahllos Röhren, Spulen und Generatoren aus den Lagerregalen, und Erika wurde mit jedem Kopfschütteln gereizter.

„Emil, das sieht sie doch!“, fuhr sie ihn schließlich an. „Dit Fräulein Wehner ist die pedantischste Person unter der Sonne, und wenn du alles einmal anfasst und verrückst, wird sie misstrauisch.“

Sie selbst hatte einige Dinge zusammengesucht, die weiter hinten im Lager standen. Alte Modelle, teils beschädigt oder geschwärzt, von Versuchen der Studierenden in Mitleidenschaft gezogen.

Georgette betrachtete sie neugierig, ohne sie anzufassen. Sie hätte gern an Erikas Plänen gezweifelt, doch hier unten im Unikeller fiel es ihr schwer – es war einfacher, an Budenzauber und Hokuspokus zu zweifeln, wenn sie nicht wissenschaftlich unterfüttert wurden.

„Es ist also so etwas wie … Spezialeffekte in Babelsberg?“, versuchte sie es noch einmal. „Rauch und Spiegel, chemische Reaktionen und …“

Erika lachte trocken. „Nein. Ich fürchte, nicht.“

„Du löst mit diesen Geräten irgendetwas aus, ein Lichtspiel, und setzt Emils Malerei damit in Szene.“

„Auch das wäre schön, aber nein.“

„Muss ich weiterraten, oder sagst du es mir?“

„Wir stehlen erst diese Geräte, Schorschie, und dann machen wir’s dir vor.“

„Solange das mit dem Zersägen nicht mehr zur Debatte steht. Ich mache mich schlecht als Jungfrau.“

***

„Meine Damen. Meine Herren. Werte Gäste“, begann Erika mit großen Gesten. Ein paar junge Brennnesseln, die zwischen dem Schutt Halt gefunden hatten, nickten huldvoll. Im vergangenen Jahr war das Hinterhaus eingestürzt, die Lebenden und Toten waren fortgeschafft worden, die Trümmer blieben. Drei Kinder aus einem der Nebenhäuser spielten im Abendlicht zwischen den Steinen. Georgette, Erika und Emil hatten den Generator aufgebaut, Erika hatte ein Mikrofon, einen Lautsprecher und ein paar Glühlampen angeschlossen.

Emil richtete einen Spiegel vor einer schief in den Angeln hängenden Tür aus, die dahinter in eingestürztes Dasein führte.

Georgette setzte sich auf eine geborstene Mauer und schlug die Beine übereinander.

„Ihr solltet alles ausrichten, bevor ihr euch ans Publikum wendet“, schlug sie vor.

„Bitte mach eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen“, knurrte Erika und schlug eine Stimmgabel an. Emil platzierte die Glühlampen vor dem Spiegel, aber Erika schien nicht zufrieden und wedelte ihn mit der freien Hand ungeduldig in Position.

Sie hielt die Stimmgabel ans Mikrofon, Emil tastete hektisch nach einem Stück Kreide und begann dann, etwas an die Tür zu skizzieren. Erika schlug eine zweite Stimmgabel an und löste damit die erste ab. Georgette sah zwischen beiden hin und her – bei Bühnentricks, wie Houdini sie aufgeführt hatte, war es wichtig, die Aufmerksamkeit des Publikums zu lenken, damit sie wie gebannt auf das Wundersame starrten und dabei das Profane übersahen. Erika und Emil jedoch lenkten keine Aufmerksamkeit, dafür standen sie viel zu sehr unter sprichwörtlichem Strom.

Die Stimmgabel jammerte durch den Lautsprecher, die Kinder unterbrachen ihr Spiel und kamen herüber. Es waren schmutzige Geschöpfe, denen mit Glück gerade so viel Schulzeit vergönnt war, dass sie von den angenehmeren Seiten Berlins in der Zeitung lesen konnten.

Emil skizzierte eine Person auf der Tür – tänzerisch aufgesetzte Füße, erhobene Arme, flatterndes Haar. Mit Schwung zog er Bewegungslinien über die rasch hingeworfene Körperform, als sei sie gerade im Begriff, eine Pirouette zu vollführen. Erika murmelte einen Fluch, als nichts geschah. Sie tastete nach einer kleinen, hellen Stimmgabel, schlug sie am Mauerwerk an und hielt sie ans Mikrofon.

Emil ergänzte gerade Details des Gesichts, als Georgette zunächst überzeugt war, dass er seinem Kunstwerk einfach einen sinisteren Twist verliehen hatte. Das Gesicht strafte den leichtherzigen Tanz Lügen: Aufgerissene Augen, der Mund öffnete sich zu einem Schrei – und griffen die erhobenen Hände nicht in Wahrheit verzweifelt ins Nichts, rangen nach Hilfe, die niemals kommen würde?

Der Jammerton der Stimmgabel wurde lauter, schriller. Die Kinder hielten sich die Ohren zu, aber Georgette ertrug staunend den grässlichen Ton. Erika warf die Stimmgabel zu Boden, doch der schrille Laut verformte sich zu einem Schrei, den eine Kehle ausstoßen mochte.

Durch den Lautsprecher schrie das Wesen aus Kreidestrichen auf der Tür.

„Sie sollte doch tanzen, verdammte Scheiße, Emil!“, brüllte Erika, aber Emil war zurückgetaumelt. Georgette sprang von der Mauer und schaltete den Generator aus. Doch der Schrei verhallte nicht. Er ließ ihre Zähne klingeln, als steckten sie als Glöckchen in ihrem Kiefer, ließ einen pochenden Schmerz in ihrem Kopf detonieren. Die Kinder schrien nun auch.

„Wir müssen abhauen!“, schrie Erika, packte sich Mikrofon, Lautsprecher und zwei, drei Stimmgabeln. Georgette hievte den schweren Generator zusammen mit Emil hoch, der aussah, als überlege er, selbst einen solchen Schrei auszustoßen, der immer noch über den Trümmern des Hinterhauses hallte.

***

Todesschrei über den Trümmern

Am Sonntagabend hallte etwa eine Stunde lang ein gespenstischer Schrei über einem im Oktober zusammengebrochenen Hinterhaus in Prenzlauer Berg. Anwohner suchten zunächst in den Trümmern nach Verunglückten, mehrere Kinder gaben der Feuerwehr jedoch zu Protokoll, dass das Geräusch von zwei Frauen und einem Mann hervorgerufen wurde, die in den Ruinen ein Konzert gaben. Die einzige Spur einer solchen Vergnügung ist jedoch eine Stimmgabel, die im Gras gefunden wurde. Die Polizei steht vor einem Rätsel.

„Irgendwelche Gedanken zu diesem Zeitungsartikel?“, fragte Nike Wehner ihre Kommilitonin Erika. Erika schüttelte den Kopf.

„Muss ja ein seltsames Konzert gewesen sein“, murmelte sie.

***

„In geschlossenen Räumen würden uns bei einem solchen Schrei die Trommelfelle platzen“, sagte Georgette, als sie geduckt den Speicher betrat.

„Keine Experimente mehr mit Geräuschen“, versprach Erika.

Es war kalt und zugig hier oben, irgendwo tropfte Wasser, und Spinnweben waren so schwer, dass sie als klumpige Fäden herabhingen und sich nach Georgette auszustrecken schienen.

„Ich habe Angst vor Spinnen“, sagte sie trocken. Als Psychologin wusste sie, wie sie sich mit den harmlosen Viechern arrangieren konnte, aber der Speicher verursachte ihr trotzdem Unbehagen.

„Der Emil und ich, wir ham nachgedacht“, sagte Erika gutgelaunt. „Dieser Schrei hat es ein bisschen übertrieben. Aber Angst – genauer: wohliges Gruseln – ist durchaus etwas, wofür Menschen Eintritt bezahlen würden. Vielleicht machen wir aus der Not eine Tugend und kreieren ein wenig wohldosierte Angst!“

„Mit Betonung auf wohldosiert“, bat Georgette. „Ich bin ungern Versuchskaninchen.“

Mit verschränkten Armen trat sie zu Emil. Der hatte eine Staffelei aufgebaut, auf der sich bereits eine quadratische Pappe mit einem Gemälde befand. Es war nichts Großartiges – eine Spree-Ansicht bei Nacht.

„Ist es eigentlich egal, welche Form von Kunst bei deinen Experimenten geschaffen wird?“, fragte sie Erika, und die versuchte sich an einer Geste, die zuversichtlich und ungenau zugleich war. Sie hatte keine Ahnung. „Bist du Straßenmaler, Emil?“

„Du hast es erfasst“, gab er mürrisch zurück. „Ich weiß, ist nichts Besonderes.“

„Ich tanze Ballett in einer Transvestitenbar, ich würde sagen, das ist beides Kunst, die allgemein nicht viel beachtet wird.“ Georgette grinste. „Und im Gegensatz zu mir hast du mit deiner Kunst Magie gewirkt. Was steht heute an?“

„Setz dich einfach da vorn auf die Kiste und sieh uns zu. Aber pass auf, bleib außerhalb der Kabel“, empfahl Erika, und Georgette gehorchte.

Erneut arrangierte das ungleiche Paar Lampen und aus dem Uni-Keller entwendete Geräte. Georgette sah interessiert zu – was bräuchte man wohl, um unerklärliche Phänomene zu wirken, wenn man keinen Zugriff auf die Ressourcen hatte, über die Erika als Physikdiplomandin verfügte?

Schließlich glommen die Lampen auf. Emil hatte schwarze Tücher vor jede einzelne gehängt, so dass im abendlich dunkler werdenden Dachboden nur Lichtpunkte aufblinkten. Erika steuerte die Stromkreise, und Emil begann, mit weißer Farbe in seinem fertigen Bild herumzumalen. Georgette beobachtete ihn und sah, dass er blinzelnde Augen und fadenscheinige Gespenster in die Häuserzeilen an der Spree malte. Nun kam schwarze Farbe hinzu, und er löschte ein Licht im Fenster nach dem anderen.

Erika kaute auf ihrer Lippe – nichts geschah.

„Pass die Lichter auf Emils Bild an“, riet Georgette – ein geratener Rat.

Erika nickte verbissen und ließ die Lampe zitternd erlöschen, die sich am höchsten unter dem Dach befand – während Emil alle Dachfenster auf seinem Bild schwärzte und nur grimmig leuchtende Augen zurückließ.

Es folgten Fenster rechts und links – Glühlampen rechts und links, und schließlich die Straßenlaternen, deren Licht sich in dicke, schwere Spinnwebfäden verwandelten. Erika löschte dabei  das letzte Licht.

Stille. Dunkelheit. Georgette hörte die beiden und sich selbst atmen. Sie konnte das Gemälde nicht mehr sehen und die Spinnweben nicht. Sie könnte nicht einmal Spinnen sehen, wenn diese sich entschlossen … Sie gebot ihren Gedanken Einhalt.

„Warum ist es so scheiße-dunkel?“, fragte Emil endlich. „Es ist doch grad mal acht.“

„Ach, Himmel, Arsch und Zwirn, das kann doch nicht sein!“, fluchte Erika, stolperte zum Dachfenster und stemmte es auf.

***

Rätselhafte Dunkelheit an der Spree

Am Donnerstagabend wurde ein Wohnhaus in Charlottenburg mehrere Minuten lang sowohl von Sonnenlicht als auch künstlichen Lampen abgeschottet. Polizei und Feuerwehr haben keine Antwort auf die Frage, wie das ohne eine physische Barriere wie einen gigantischen Sonnenschirm möglich sein kann. Kriminaloberkommissar Christoph Seidel sagte der Presse, die Polizei habe bereits Beratung am physikalischen Institut gesucht und werde die Öffentlichkeit informieren, sobald eine Erklärung vorliegt.

„Kannst du dir einen Grund vorstellen, warum ein ganzes Wohnhaus plötzlich dunkel ist?“, fragte Nike Wehner und musterte ihre Hilfswissenschaftlerin.

„Stromausfall?“, fragte Erika unschuldig.

„Es war unmöglich, Licht zu machen – Streichhölzer und Kerzen brannten, spendeten aber kein Licht.“

„Ein interessantes Paradoxon“, merkte Erika an. „Sollten wir mal untersuchen.“

***

„Ich bin absolut nicht mehr bereit, euer Versuchskaninchen zu sein“, sagte Georgette, als sie im Keller des Cerise et Framboise ankam. Erika hatte der Besitzerin davon vorgeschwärmt, wie zahlreich das Publikum in die Bar strömen würde, wenn Emil und sie erst ihre unvergleichlichen, nie dagewesenen Zaubertricks aufführen würden. „Séancen! Geister! Tanzende Puppen! Bewegende Bilder!“, hatte Erika ihr prophezeit.

Was davon sie heute in Angriff nehmen würde, hatte Erika Georgette noch nicht verraten. Vielleicht wusste sie es selbst nicht einmal.

„Ist der Effekt irgendwie vorhersehbar?“, fragte Georgette vorsichtig.

„Nein. Das ist ja das Problem! Wir versuchen uns an der Uni daran, aber sie lassen dort einfach nicht zu, dass wir frei experimentieren. Sie fürchten vermutlich einfach um den ganzen Protz Unter den Linden. Otto Hahn und Lise Meitner dürfen in Dahlem tun und lassen, was sie wollen, aber Nike und ich stecken an der Friedrich-Wilhelm fest und müssen nach den Regeln spielen. Die Regeln haben aber nun mal keine bemerkenswerten Ergebnisse.“

„Und wenn … du irgendwann etwas hinbekommst, das nicht als mittlere Katastrophe in der Zeitung landest, wirst du deine Kollegin dann einweihen?“

„Keine Ahnung. Du kennst sie nicht, Schorschie. Sie hat ’nen echten Stock im Arsch!“ Erika grinste, als sich die Tür öffnete und Emil mit mehreren finster dreinblickenden Muskelpaketen eine Statue die Treppe hinab in den Keller wuchtete. „Da ist ja unser Ehrengast! Georgette, darf ich dir vorstellen: Die sprechende Statue! Unsere steinerne Kassandra. Die Prophetin vom Gesims. Ich nehme Titelvorschläge entgegen.“

„Wird sie sehr laut schreien?“, fragte Georgette sardonisch.

„Ich denke, sie wird der neuste Schrei auf Séancen. Stellt sie hier in die Mitte. Hervorragend. Steht sie von allein? Perfekt, danke.“

Georgette trat näher heran. Die Statue war eine Karyatide – eine Figur, wie sie um die Jahrhundertwende herum unter jedem klassizistischen Balkon zu finden war, der etwas auf sich hielt. Einer klassischen griechischen Statue nachempfunden, mit einem toga-artigen Gewand, einem Blätterkranz im üppigen Haar und kleinen, nackten Brüsten, von denen die Tuchfalten wie versehentlich herabgerutscht waren. Ausdruckslos sah die Karyatide an die Wand. Noch Stuckreste des Balkons verformten ihre erhobenen Hände zu Klumpen.

Georgette war kleiner als sie und berührte sie vorsichtig im Gesicht. Es war ein harmonisches, aber nicht besonders aufregendes Gesicht, eine gelangweilte Mimik und darin tote steinerne Augen.

„Sie sieht mir nicht besonders helle aus. Bist du sicher, dass sie weissagen kann?“

Erika seufzte. „Immer diese ‚Bist du sicher‘-Fragen, Georgette. Nein, bin ich nicht, dies ist ein vollständig neues empirisches Forschungsfeld. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir sie zum Sprechen bringen. Am besten ein paar Allgemeinplätze. Und dann treten wir mit der sprechenden Statue auf – Menschen können Geld dafür bieten, ihr Fragen stellen, sie antwortet. Der neuste Schrei – und Presse wie Publikum können das Ganze für eine witzige Shownummer halten.“

„Aber es passiert nicht, was du dir vorstellst. Oder kannst du es lenken?“

Emil machte ein „Hah“ aus dem Hintergrund. Er legte sich Meißel verschiedener Größe zurecht.

„Nee, können wir nicht. Aber wenn ein Effekt eintritt, mit dem wir zufrieden sind, könnten wir daran arbeiten, ihn zu reproduzieren.“

„Und ihn zu Geld machen“, sagte Georgette und bemühte sich, keinerlei Verurteilung in ihre Stimme zu legen. Emil nickte, Erika zog nur die Brauen hoch. Georgette hatte Erika kennengelernt, weil sie beide einen Gegenpol zu ihren rationalen Tagesidentitäten suchten. Menschen brauchten so etwas. Aber die Nachtanteile ihres Lebens hatten das Potenzial, auch den Tag gehörig durcheinander zu bringen.

„Schreie und absolute Dunkelheit jedenfalls sind nicht gerade publikumswirksam. Aber gruselig dürfte es schon sein. Ominöse Sprüche. Plötzliche Bewegungen. Wenn sie mit den Augen rollen und einen Kinderreim singen würde, das fände ich auch nicht schlecht.“

„Ich hoffe nur, du verleihst ihr nicht zu viel Eigenleben“, sagte Georgette.

Erika machte sich an die Arbeit. Emils Kompagnons halfen ihr dabei, diesmal auch größere und schwerere Geräte an bestimmten Punkten eines Kreises aus Stromkabeln auszurichten. Georgette fragte lieber nicht nach, ob Erikas Kollegin nicht mittlerweile das Fehlen all dieser Dinge bemerkt hatte. Einige Glühlampen flackerten oder waren geschwärzt – wie würde sie beschädigtes Material ersetzen? Georgette fragte lieber nicht nach. Vielleicht gedachte Erika das dann zu tun, wenn sie mit der weissagenden Karyatide Geld verdiente.

„Was meinst du, wie sich entscheidet, was passiert?“, fragte Georgette. „Von allen Dingen, die Emils gezeichnete Figur hätte tun können – sie hat geschrieben. Und von all dem Geisterhaften, die im Speicher meines Wohnhauses hätten passieren können – hat sich das Licht verabschiedet, für sicherlich eine halbe Stunde. Es ist nicht das, was du dachtest. Aber es geschah auch nicht komplett unabhängig von dem, was ihr getan habt.“

Emil sah auf. „Ich denke, es tut, was es will.“

„Du denkst ja auch nicht so viel“, spottete Erika. „Ich sehe absolut nicht ein, dass wir zurück zu Platon sollten – dafür ist seine Physik zu … grundlegend. Was immer bei den Phänomenen passiert, es muss sich auf elementarer Ebene abspielen. Aber ja, Nernst, der unsere Anträge ausfüllt, vereinfacht das, was passiert, auch immer zu platonischen Ideen und zum kantischen ‚Ding an sich‘.“

„Vom Ding an sich reden viele Männer“, kalauerte Georgette, und Erika grinste.

„Jedenfalls glaube ich nicht, dass menschengeschaffenen Dingen etwas inneliegt. Wir sehen etwas darin, klar. Aber es ist unmöglich, dass Dinge von sich aus einen Willen oder eine Veranlagung zu etwas haben.“

„Dann muss die Absicht aus denen kommen, die es schaffen. Oder nicht?“, schloss Georgette.

„Und wenn sie das tut, wäre ich sehr dankbar, wenn wir uns jetzt alle in der Absicht einig wären, dass diese Statue Leuten die Zukunft voraussagt. Und jetzt – Emil, lösch das Licht!“

Die Halbseidenen hatten den Keller verlassen. Nur Georgette war noch da und setzte sich vorsichtig auf einen ausrangierten Stuhl aus den Barräumen des Cerises. Sie zündete sich eine Zigarette an. „Auch auf dieses Licht bitten wir Sie zu verzichten“, forderte Erika mit bester Bühnenstimme. „Meine Damen und Herren, die Welt besteht aus Gegensätzen. Aus Damen und Herren. Aus Dunkelheit und Licht. Aus einem Künstler aus armen Verhältnissen und einer reichen Göre, die Physik studiert. Aus der Vergangenheit und der Zukunft. Wie Münzen umgeben uns diese Dualismen, und wäre eine Seite fort, so würde es auch die andere nicht geben. Um die Welt zu begreifen, müssen wir die Gegensätze beherrschen. Und um die Gegensätze zu beherrschen müssen wir uns den Absonderlichkeiten widmen. Dem Unvorhergesehenen inmitten bekannter Faktoren. Wir dürfen als Menschen einer aufgeklärten Zeit nicht vor dem zurückschrecken, was wir nicht verstehen, denn das Nichtverstehen ist die Kehrseite des Begreifens! Wagen Sie es! Wagen Sie sich weiter vor, wie Einstein, Heisenberg und Schrödinger!“

Erika schaltete den Strom an. Das Arrangement aus Lichtern, einer flackernden Braun’schen Röhre und zweier durch Blitze verbundener Teslaspulen warf ungeahnte Schatten um und auf die Karyatide. Emil kniete dienstbar vor der erhabenen steinernen Frau und mit feinen klingenden Lauten eines kleinen Hammers auf einem MeißeI bearbeitete er den Saum ihres Kleides, die Nägel ihres Fußes, die Muster ihrer Toga.

Erika knöpfte ihren weißen Laborkittel auf und das Licht fing sich in den Pailletten des glitzernd-schwarzen Flapperkleids. Sie plante, heute etwas hervorzubringen, das sie der Inhaberin des Tanzschuppens präsentieren konnte, wurde Georgette klar. Das hier war eine Generalprobe.

Warum sie es so eilig hatte, Geld zu verdienen, konnte Georgette nicht sagen. Aber andererseits – wer wollte kein Geld verdienen, zudem auf so aufregende und abenteuerliche Weise?

„Doch zu vielen Dualismen gibt es eine Balance. Worauf dreht sich die Münze, deren Seiten aus Vergangenheit und Zukunft bestehen? Auf der Gegenwart! Und so können auch Wissenschaft und Kunst miteinander balancieren – als Magie!“

Georgette hielt mit dem Finger den Takt von Emils Meißelschlägen, und Erika sah es, begriff und passte auch die elektrischen Impulse diesem Takt an.

Funken und Glühdrähte tanzten, Schatten reichten einander die Hand. Kurz war sich Georgette sicher, dass diese Statue nicht reden würde – sie würde tanzen. Georgette und die Karyatide – das Ballettduo, bald auf der Bühne des Eldorado!

Als sie diese Vision hegte und versuchte, ihre eigene Absicht wie eine physische Präsenz in den Raum zu entsenden, bewegte sich die Statue. Georgette sprang auf, als krabbelten Ameisen durch ihre Bluse. Selbst Erika schrak zusammen. Emil schien es nicht einmal bemerkt zu haben, er verpasste der Karyatide weiterhin eine ästhetische Pediküre. Doch es war nicht zu leugnen: Die Karyatide nahm ihre Hände herab, spreizte die Finger und ließ den klumpigen Putz herabrieseln. Und dann … setzte sie sich einfach auf den Generator hinter ihr. Erst jetzt fuhr auch Emil auf, sein Meißel wich vom Zehennagel zurück, und die Statue blieb mit den Händen im Schoß einfach sitzen.

Zu Stein erstarrt.

Erika schwieg. Der Generator jaulte wütend. Emil stammelte Wörter, die keinen Sinn ergaben. Und Georgette … applaudierte in einem Tanz der Gegensätze zwischen grenzenlosem Erstaunen und spöttischer Bühnenerfahrung.

„Ich habe einen Titelvorschlag!“, rief sie. „Eure Show heißt: Die Karyatide setzt sich hin!“

„Den Generator aus, Emil!“, schrie Erika, als der unter der Belastung Funken zu sprühen begann.

Georgette hob den Stuhl in den Kreis aus empfindlichen Geräten, Emil schaltete das Gerät aus, und zusammen verfrachteten sie die erleichtert sitzende Karyatide – sogar ihre Mundwinkel hatten sich ein wenig gehoben! – auf die Sitzfläche des Stuhls.

Emil betrachtete den Generator misstrauisch. „Diesmal kommen wir hoffentlich nicht in die Zeitung!“

„Ich denke, was hier passiert ist, bleibt hinter verschlossenen Türen. Bis zu eurer grandiosen ‚Berliner Karyatiden legen die Arbeit nieder‘-Show!“, sagte Georgette.

Erika tätschelte die im Schoß gefalteten Hände der Statue und sah ihr in die Augen. „Das würde so einige bürgerliche Fassaden zum Einsturz bringen.“ Sie grinste. „Und ich verstehe, dass sie sich nach all den Jahren mal hinsetzen will, aber publikumswirksamer wäre …“

„… wenn sie das Tanzbein schwänge“, ergänzte Georgette. „‚Die Karyatide entrückt sich dem Stein‘ frei nach Benn. Aber erst einmal – herzlichen Glückwunsch! Ihr habt ein kleines Wunder vollbracht und dabei niemandem geschadet. Beste Voraussetzungen für eine Karriere auf den Bühnen Berlins!“

***

Einladung – Cerises et Framboises – Freitag, 27. April 1928, 21 Uhr

Die Welt besteht aus Gegensätzen. Licht und Schatten, Tag und Nacht, Liebe und Furcht, Stille und Musik, Frau und Mann, Yin und Yang. Natürlich können wir die Welt nicht begreifen, solange wir die Gegensätze nicht beherrschen. Entsprungen aus ‚Art Nouveau‘ und ‚Physique Moderne‘ ist durch Symmetrie und Symmetriebrechung zum ersten Mal der Funke einer neuen Zeit entstanden. Ein Funke dualer Magie – ein Leuchtfeuer ohne Quelle, eine Energie ohne Zufuhr, ein Trotzen gegen die Kräfte der Physik, ein neues Gesetz. Und das ist erst der Anfang! Der Krieg, der alle Kriege beenden sollte, gehört der Vergangenheit an, und seitdem leben wir unser Leben intensiv wie nie zuvor. Die Gegensätze toben in einem wilden Tanz. Seid zu Gast bei einer exklusiven Vorab-Vorstellung – die Bühnen Berlins werden nie mehr dieselben sein.

Nike runzelte die Stirn und sah von dem eng bedruckten Faltblatt auf, das Erika ihr mit wildem Grinsen auf den Tisch geknallt hatte.

„Was für ein Mist ist das denn?“

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