Über Zauber*innen in der Fantasy

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Über Zauber*innen in der Fantasy


Von Gandalf über Yennefer bis Dr. Strange: Viele ikonische Figuren der Popkultur zeichnen sich durch ihre Zauberkraft aus, und die Fantasy wäre ohne diese Zutat eigentlich nicht denkbar. Höchste Zeit also, einmal einen Blick auf den traditionsreichen Berufszweig der Zauber*innen und Magier*innen zu werfen …

Fantasy ohne Magie? Schwierig. Gewissermaßen ist Magie das zentrale Element der Fantasy. Sie ist es, die die Fantasy (mal mehr, mal weniger) von der Science Fiction abgrenzt und ihre Wesenheit bestimmt. Manchmal ist diese Magie sehr explizit und geht mit großen Gesten und allerhand Brimborium einher. Manchmal bildet sie aber auch nur ein sanftes Hintergrundrauschen oder stellt ein Relikt aus vergangenen Zeiten dar, für die Figuren ebenso rätselhaft wie für die Lesenden. Und auch innerhalb der Werke dient sie als Mittel der Abgrenzung: Zwischen dem Hier und Dort, dem Eigenen und dem Fremden, dem Bekannten und dem Unbekannten. Wie sie sich konkret äußert, ist dabei ganz unterschiedlich: Nicht nur kann jedes Subgenre seine eigene Magie hervorbringen, im Grunde kann sogar jeder Titel wiederum ein eigenes System erfinden.

Magie, Religion und alles dazwischen

Umso schwieriger ist es da, auf den Punkt zu bringen, was die Anwendenden dieser Magie ausmacht.  Allein schon bei der Begrifflichkeit besteht ein ziemlicher Wildwuchs: Sprechen wir nun von Magier*innen oder von Zauber*innen? Was ist mit Hexen, Hexern und Hexenmeister*innen? Und dann ist da noch die Sache mit dem Klerus, der je nach Setting ebenfalls über magische Fähigkeiten verfügt …

Tatsache ist, dass Magie nicht nur ein zentrales Element der Fantasy ist, sondern bis heute auch auf die eine oder andere Art Teil einer jeden menschlichen Kultur. Der Begriff selbst entstammt dem griechischen mageia, was sich wiederum an mágoi orientiert, ursprünglich ein Begriff für Mitglieder der medischen Priesterschaft. Schon hier zeigt sich die enge Verwandtschaft zwischen Magie und Religion. 1931 versuchte sich der einflussreiche Ethnologe Bronisław Malinowski an einer Trennung, wonach Religion Werte schaffe, während die Magie eher einen praktischen Zweck verfolge; heute gilt diese Ansicht aber als überholt und praxisfern, und auch die Trennung zur Wissenschaft ist in vielen Fällen nicht eindeutig.

Analog- und Kontaktmagie

Zumindest aber kann Magie – wiederum aus ethnologischer Sicht – in mindestens zwei Arten eingeteilt werden: die analogische oder sympathetische sowie die Kontaktmagie. Erstere geht davon aus, dass Ähnliches mit Ähnlichem erschaffen, behandelt oder bekämpft werden kann. Auf diesem Prinzip basieren etwa Voodoo-Puppen, welche reale Personen darstellen sollen; wird nun der Puppe Schaden zugefügt, soll dieser Schaden die ihr zugeordnete Person treffen. Ein Beispiel aus der Fantasy wäre etwa, wenn eine Zauberin mit Hilfe der Holzfigur eines Drachen tatsächlich einen solchen beschwören kann.

Bei der Kontaktmagie wiederum wird Magie auf etwas ausgeübt, was mit dem Ziel in Verbindung steht. Beispiel: Ein Zauberer nutzt das Haar oder ein Kleidungsstück eines Opfers, um dieses aufzuspüren oder ihm Schaden zuzufügen. Auf ähnlichen Prinzipien fußt aber z. B. auch die Reliquienverehrung – eines von vielen Beispielen, bei denen Religion und magische Vorstellungen zusammenfließen.

Magie, Zauberei, Hexerei – alles dasselbe?

Die Begriffe „Magie“ und „Zauberei“ werden oft synonym verwendet, obwohl streng genommen ein leichter Unterschied zwischen beiden besteht: Während Magie ein übernatürliches Moment mit einbezieht, kann Zauberei auch auf Tricks und Täuschungen basieren. In verwandter (Fantasy-)Interpretation werden Magier*innen mit ihren Fähigkeiten geboren oder wenden diese intuitiv an, während Zauber*innen Gelehrte sind, ihre Kräfte nicht notwendigerweise angeboren. Ein kurzer Blick auf prominente Vertreter in der Fantasy zeigt aber schon, dass diese Differenzierung in der Praxis wenig Anwendung findet: Sowohl Harry Potter als auch Gandalf werden als Zauberer bezeichnet, obwohl beide über übernatürliche und darüber hinaus angeborene Fähigkeiten verfügen. Und auch die englischen Bezeichnungen, die von wizard über magician, mage oder sorcerer bis hin zu enchanter und vielem mehr reichen, sind – mit Ausnahme einiger spezialisierter Begriffe – alles andere als eindeutig. Eine feste Übersetzungsregel zwischen deutschen und englischen Zauberwirkenden-Begriffen gibt es ebenfalls nicht, sie richtet sich nach dem jeweiligen Kontext.

Ein bisschen anders sieht es aus, wenn Hexen (engl. witch, gelegentlich männl. warlock) ins Spiel kommen: Hexerei gilt eher als menschengemacht, während Magie auch Orten oder Dingen anhaften kann. Zudem wird Hexerei in menschlichen Kulturen häufig negativ mit Flüchen oder Krankheiten verbunden, während Zauberei auch „weiß“, also „gut“, sein kann.

In der Popkultur sind die Grenzen aber je nach Setting fließend, und nicht zuletzt lassen sich viele Figuren mit quasi-magischen Fähigkeiten gar nicht in eine der genannten Kategorien einordnen. Denken wir beispielsweise an Telekinetikerinnen wie Carrie aus dem gleichnamigen Roman von Stephen King: Wir könnten dem Vorbild von Carries Mutter folgen und sie als Hexe bezeichnen, wir können’s aber auch sein lassen.

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Mentor, Bösewicht, Lehrling: Rollen von Zauberwirkenden

Zauber*innen tauchen in zahllosen Märchen, Mythen und Sagen auf, etwa in Gestalt des weisen Merlin, der Halbgöttin Circe oder als böse Fee aus Märchen wie Die Schöne und das Biest oder Dornröschen. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass sie auch in der Fantasyliteratur von Anfang an in erster Reihe mit dabei waren, etwa in den Erzählungen von Edith Nesbit (z. B. Das Herz des Zauberers) oder in L. Frank Baums Der Zauberer von Oz. So prominent sie aber im Titel sein mögen, blieben diese Zauberer lange nur Nebenfiguren in der Rolle des weisen Mentors oder des Bösewichts. In der deutlich von der Merlinfigur inspirierten Mentorenrolle etablierte sich dabei das Klischee alter, weißhaariger Männer mit langem Bart und großer Weisheit, aber auch einer gewissen Trotteligkeit – ein Bild, dem von Yen Sid und Gandalf über den Druiden Miraculix bis hin zu Albus Dumbledore bis heute immer wieder entsprochen wurde und wird.

Zu Roman-Protagonisten wurden die Zauberer erst mit Ursula K. Le Guins Der Magier von Erdsee (1968), der die Frage danach stellte, wie Zauberer ihre Macht entdecken und in dieser ausgebildet werden. Seither ist das ein äußerst beliebtes Thema der Fantasy, das sich beispielsweise in Patricia A. McKillips Erdzauber-Trilogie, der Harry Potter-Saga, aber auch – mit leichter Variation – in der Star Wars-Saga findet. Oft besuchen die magisch Auszubildenden Schulen oder Akademien für die Grundausbildung. Aber auch danach ist nicht Schluss mit dem Stöbern in Büchern und Schriftrollen, denn die meisten Magier*innen erlernen lebenslang neue Zauber.

Männliche Zauberer, weibliche Hexen?

In der Erdzauber-Saga (1976-1979) wurden bereits einige Zauberinnen erwähnt.  Das war noch bis in die 1970er hinein keine Selbstverständlichkeit: Zwar tauchten in zahlreichen Titeln weibliche Zauberwirkende auf, doch wurden diese in den meisten Fällen entweder als Hexen bezeichnet, oder es handelte sich um Angehörige von Anderwelt-Völkern, meist Feen oder Elfen.

Dass Zauberer und Hexen inhaltlich gleiche Kräfte haben, findet sich dabei außerhalb der Welt von Harry Potter nur selten. Die häufig bestehenden Unterschiede in Magie und Ansehen zwischen Hexen und Zauberern und auch die damit einhergehenden Geschlechterrollen werden u. a. in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Zyklus thematisiert, insbesondere im Roman Das Erbe des Zauberers (1987).  Die Geralt- bzw. Hexer-Saga von Andrzej Sapkowski (ab 1990) sticht bei diesem Thema ebenfalls heraus: Die berühmten Hexer, magisch begabte Monsterkämpfer, sind offiziell ausschließlich männlich, während die akademische Zauberei sowohl von Männern als auch von Frauen ausgeführt werden kann.

Im 21. Jahrhundert ist die Trennung unüblicher geworden, in vielen Titeln tauchen unter beiden Berufszweigen zumindest sowohl männliche als auch weibliche VertreterInnen auf. Ausnahmen gibt es aber z. B. oft noch bei Anderwelt-Völkern.

Viele Welten suchen sich allerdings ohnehin eigene Bezeichnungen, und Jedi sind längst nicht mehr die einzigen Zauber*innen in neuen Gewändern. Denken wir beispielsweise an X-Men-Figuren wie Blink oder Magik, deren Fähigkeiten weit über das hinausgehen, was man noch unter mutantische Kräfte fassen könnte!

Von Zauberstäben, Leichen und anderen nützlichen Utensilien

Ebenso hat sich im Laufe der Zeit die Trennung von dezidiert „weißer“ und „schwarzer“ Magie entweder relativiert – oder aber institutionalisiert: In einigen auf Rollenspielen basierenden Romanreihen wie Drachenlanze und Games wie der Age of Wonders-Reihe, müssen sich Magier*innen während ihrer Ausbildung für einen „guten“, „bösen“ oder „neutralen“ Weg entscheiden. Konterkariert wurden solche Zuschreibungen z. B. in Diana Wynne Jones‘ Fauler Zauber.

Wie genau die Magie aussieht und unter welchen Voraussetzungen sie durchgeführt wird, unterscheidet sich dann auch wieder von Titel zu Titel. Während beispielsweise in Harry Potter wenig ohne Zauberstab geht, braucht es in anderen Welten Ressourcen wie Mana oder spezielle Edelsteine (z. B. in den Gothic-Games, Larry Nivens Wenn der Zauber vergeht oder Andre Nortons Hexenwelt-Reihe). Manche*r setzt sogar auf Drogen, um die eigenen magischen oder übernatürlichen Fähigkeiten zur vollen Geltung zu bringen (z. B. in Der Träumer in der Zitadelle oder Dune). Und während Harry nur ein paar lateinische Wörter auswendig lernen muss, sind die Zaubersprüche der Drachenlanze-Magier*innen deutlich komplexer. Der Bannsänger aus Alan Dean Fosters gleichnamiger Serie nutzt seine Musik, um Magie zu wirken, und damit befindet er sich in bester Gesellschaft z. B. zu Dana aus der Faeriewalker-Trilogie von Jenna Black. Andere sind auf das Tragen magischer Ringe und Co. angewiesen, und wer es lieber wissenschaftlicher mag, setzt z. B. auf Alchemie (z. B. in Fullmetal Alchemist oder Kai Meyers Die Alchimistin). Wieder andere schließen für ihre Fähigkeiten einen Pakt mit Dämonen oder Gottheiten und spätestens an diesem Punkt überschneiden sich auch in der Fantasy wieder Magie und Religion (z. B. in Das Lied von Eis und Feuer). Auch die letztlich erzeugte Magie kann ganz unterschiedlicher Ausprägung sein und vom guten alten, sehr realen Feuerball (z. B. aus Forgotten Realms) über Wettermagie (z. B. in Katherine Kurtz‘ Deryni-Zyklus), Illusionen (wie jenen des MCU-Loki) und Nekromantie (z. B. in Tamsyn Muirs Ich bin Gideon) bis hin zu Telepathie (z. B. in Robin Hobbs Die Zauberschiffe) reichen.

Und nicht zuletzt gibt es auch noch völkerspezifische Magie bzw. die Volkszugehörigkeit kann darüber entscheiden, ob eine Person eine magische Begabung zeigt. Während beispielsweise Elfen in zahlreichen Romanen und Zyklen als besonders magieaffin gelten, sieht das bei Zwergen klassischerweise anders aus – dafür verstehen die sich darauf, magische Artefakte zu erschaffen. Zuweilen bilden Zauber*innen sogar ein eigenes Volk. So sind etwa Gandalf und die übrigen vier Mittelerde-Zauberer bzw. Istari keine Menschen, sondern Inkarnationen der Maiar.

Hard und soft magic

Gelegentlich wurde versucht, die verschiedenen Varianten – die weit über Analog- und Kontaktmagie hinausgehen – settingübergreifend zu kategorisieren. Bekannt nicht nur für seine ausgefeilten Magiesysteme, sondern auch für die theoretische Auseinandersetzung mit diesen, ist dabei insbesondere US-Autor Brandon Sanderson. Er unterteilt die Magie in zwei Pole: Zum einen die soft magic, wie sie beispielsweise in Mittelerde vorherrscht und die keine besondere Erklärung erfährt. Ihr gegenüber steht die strengen Regeln unterworfene hard magic, wie sie beispielsweise Robert A. Heinlein in Die Magie GmbH nutzt, und der sich auch Sanderson selbst in seinen Zyklen (z. B. Mistborn, Die Sturmlicht-Chroniken) annähert. Die meisten Werke aber liegen irgendwo zwischen den beiden Polen.

Zauberwirkende mit Beschränkungen

Ein Problem, vor das Autor*innen beim Schreiben immer wieder gestellt werden, ist die Frage der Macht. Immerhin verfügen viele Zauberwirkende über Fähigkeiten, die es ihnen an für sich problemlos ermöglichen, Welten zu zerstören oder wenigstens die Herrschaft über diverse Länder an sich zu reißen. Nicht umsonst fällt es den Held*innen in der Sword & Sorcery so schwer, feindliche Zauberwirkende zu besiegen!

Doch um das Ganze halbwegs fair zu gestalten, ist Magie für gewöhnlich Beschränkungen unterworfen. Beispielsweise kann sie, wie bereits erwähnt, von (endlichen) Ressourcen wie Mana abhängig sein. Zudem ist die Anwendung oft physisch und psychisch sehr fordernd, und Magier*innen brauchen entsprechende Erholungszeiten zwischen ihren Zaubern (siehe z. B. Die Flüsse von London). Im Episodenroman Die sterbende Erde (1950) führte darüber hinaus Jack Vance ein, dass einmal gewirkte Zauber immer wieder erlernt werden müssen; ein Prinzip, das auch von anderen Romanen und Rollenspielen, insbesondere aus dem D&D-Multiversum, übernommen wurde. Und manchmal verlangt die Weihe zur Magie oder deren Anwendung sogar dauerhafte Opfer wie die eigene Fruchtbarkeit (in der Geralt-Saga) oder Lebenszeit (z. B. in Death Note).

Immer für eine Überraschung gut

Über Zauber*innen in der FantasyWir sehen: Es ist eine komplexe Sache mit der Zauberei. Zum Glück, denn nicht selten bildet sie eine wichtige Stütze des jeweiligen Weltenbaus und kreiert die Atmosphäre und Ästhetik eines Werkes entscheidend mit. Und sie hat uns liebgewonnene, oft vielschichtige Figuren wie Kvothe (Die Königsmörder-Chronik), Nina Zenik (Das Lied der Krähen), Raistlin (Drachenlanze), Saruman (Der Herr der Ringe), Pug (Midkemia), Hitomi (The Sunbolt Chronicles), Randall Flagg (u. a. Das Auge des Drachen, The Stand), Harry Dresden oder Meghan Chase (Plötzlich Fee) und zahlreiche mehr beschert. Insofern dürfen wir mit jedem neuen Werk wiederum gespannt sein, welche Form von Magie uns erwartet und welche Auswirkungen sie und ihre Anwender*innen auf ihre Welt zeigen.

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