J.R.R. Tolkien-Vortrag zum Thema Fantasy-Literatur

© Jenna Maurice/Karen_Nadine/Pixabay

ESSAY

"Auf der Suche nach Türen": V.E. Schwabs Tolkien-Rede zum Thema Fantasy-Literatur


V. E. Schwab
03.06.2021

Was muss, was darf, was kann Fantasy? Was bewegt eine Autorin wie V. E. Schwab ("Vier Farben der Magie", "Das unsichtbare Leben der Addie LaRue"), Fantasy-Romane zu schreiben? Was macht das Genre aus? Im Rahmen ihrer J. R. R. Tolkien Lecture on Fantasy Literature am Pembroke College, Oxford (2018) sprach sie über die Liebe zur Literatur und die Macht der Phantastik, die Welt zu verändern.

 

Ich muss ein Geständnis ablegen:

Ich habe den "Herr der Ringe" nicht gelesen, auch nicht den "Hobbit". Ich betrachte mich nicht als Tolkien-Fan oder gar als Kennerin seiner Werke. Natürlich habe ich nichts gegen den Autor, dem diese Vortragsserie ihren Namen verdankt – als sich mir die außerordentliche Gelegenheit bot, diese Rede zu halten, hätte ich sogar am liebsten sofort alles stehen und liegen gelassen, um seine Bücher lesen. Nicht unbedingt, weil ich das wollte, aber wie könnte ich sonst auf dieses Podium treten? Ich hatte das Gefühl, dass von mir ein gewisses Maß an Belesenheit, wenn nicht sogar Fan-Sein erwartet wurde.

Genau das ist jedoch der Grund, warum ich es am Ende doch nicht tat. Ich bin der festen Überzeugung, dass Lesen ein Akt der Liebe, der Freude, der freiwilligen Entdeckung sein sollte. Und wenn man Leute zwingt, über die falsche literarische Schwelle zu gehen, dann riskiert man, dass sie sich eher abwenden, anstatt einzutreten.

V.E. Schwab, 'In Search of Doors,' Tolkien Lecture 2018

Vor ein paar Monaten war ich auf einer Buchkonferenz bei einem Panel, als diese Idee aufkam. Das Konzept von Büchern als Eingangstüren. Es ging um Geschichten, die uns zu Leser*innen machen. Ironischerweise war es das Thema Tolkien, das die Debatte in Gang brachte. Ein Autor auf dem Panel sagte – und ich umschreibe es jetzt, weil ich mir damals keine Notizen gemacht habe, aber die Worte haben sich mir ziemlich ins Gedächtnis eingebrannt –, er sagte, dass man sich eigentlich nicht als Fan von Science Fiction oder Fantasy bezeichnen könne, wenn man Tolkien nicht gelesen hat. Dass sein Werk Pflichtlektüre sein sollte.

Pflichtlektüre. Ein gefährlicher Begriff. Als Ehrengast dieser Konferenz und als jemand, die bereits zugegeben hat, dass sie diese Kriterien nicht erfüllt, habe ich ihn herausgefordert. Warum? Warum ist Tolkien die Schwelle, das Kennzeichen, die Messgröße, von der die Mitgliedschaft in diesem Club abhängig ist? Und der Autor sagte lediglich: "Weil er mich zum Leser gemacht hat. Weil ich ohne ihn nicht hier wäre."

Muss man Tolkien gelesen haben?

Was wunderbar ist, für diesen Autor und für alle Leute, deren Weg zum Lesen durch Tolkiens geheiligte Hallen führte. Aber es gibt nicht bloß eine Tür, durch die wir gehen können, um die Liebe zum Lesen zu entdecken. Eine solche Vorschrift wäre sogar bedenklich, einschränkend. Was würde geschehen, wenn angehenden Leser*innen ein bestimmtes Buch gereicht wird, mit den Worten: Wenn du das nicht magst, dann magst du keine Fantasy? Mal davon abgesehen, dass es unfair wäre, so viel Gewicht auf ein Buch zu legen, wäre es auch unfair, auf einen Leser oder eine Leserin so viel Druck auszuüben.

Ich sagte dem Mann auf dem Panel, dass ich Tolkien nie gelesen habe, und er schaute mich an – ich möchte nicht sagen spöttisch, aber derart verwundert, als fragte er sich, wie ich auf diesem Stuhl gelandet sei, bei diesem Panel, in diesem Gebäude, auf Buchseiten, ohne Tolkien. Und ich sagte einfach: "Ich habe eine andere Tür gefunden."

Er schien noch nie auf den Gedanken gekommen zu sein, dass es mehr als eine Tür geben könnte. Aber das ist ja das Schöne am Lesen. Es spielt keine Rolle, wie wir einen Zugang dazu finden – über die Boxcar Children, Die Bourne Identität, Anne McCaffrey oder Stephen King. Was zählt ist, dass wir ihn finden.

Ich war elf, als ich meine Tür fand. Als Einzelkind und Streberin war ich eine gute, aber keine begeisterte Leserin. Ich war noch auf keine Geschichte gestoßen, die die Buchseiten zum Verschwinden brachte, die mich vergessen ließ, dass ich Worte auf Papier vor mir hatte, so wie ein guter Film einen den Kinosessel und die Begrenzungen der Leinwand vergessen lässt.

Und dann rief eine Freundin der Familie meine Mutter an. Sie befand sich gerade in einem Buchladen in Süd-Kalifornien, und da war eine Autorin, die ihren Debütroman signierte. Er richtete sich an Kinder meiner Altersgruppe, und die Freundin fragte meine Mutter, ob ich vielleicht ein signiertes Exemplar haben möchte. Meine Mutter, die zwar wusste, dass ich keine leidenschaftliche Leserin war, aber nicht unhöflich erscheinen wollte, sagte: Ja, klar, das wäre nett, und eine Woche später traf das Buch mit der Post ein.

Es war nicht besonders dick, aber auf dem Cover befand sich eine Illustration von einem Jungen auf einem Besen, der durch einen steinernen Bogen fliegt. Wenn Sie es nicht schon erraten haben: Der Titel lautete "Harry Potter und der Stein der Weisen". Und bei der Autorin, der die Freundin meiner Mutter zufällig in dem Buchladen begegnet war, handelte es sich natürlich um J. K. Rowling.

Das klingt wie der Beginn einer altbekannten Geschichte, ich weiß.

Viele Leute meiner Generation stehen in Rowlings Schuld – weil sie in uns die Liebe zu Geschichten weckte. Aber Tatsache ist, dass ich nicht weiß, wann ich ohne sie, ohne diese Buchreihe, die Liebe zum Lesen entdeckt hätte. Sicherlich erst sehr viel später. Bei "Harry Potter" habe ich mich zum ersten Mal verliebt. Zum ersten Mal vergessen, dass ich Wörter lese, weil ich das Gefühl hatte, einen Film in meinem Kopf zu sehen. Vergessen, wo ich bin. Wer ich bin. Harry Potter – und J. K. Rowling – machten mir zum ersten Mal die Flucht in Geschichten schmackhaft, und von da an war ich süchtig. Fasziniert von der Idee, dass man Worte auf diese Weise benutzen kann, um sich an einen anderen Ort zu versetzen. Von der Alchemie, Buchstaben in Geschichten umzuwandeln. Es war schlicht und einfach Magie. Und es hat mich zur Leserin gemacht. Es war meine Tür.

Aber ich würde diese Bücher niemals jemandem vorsetzen und sagen: "Wenn dir die nicht gefallen, dann bist du kein Leser, keine Leserin. Wenn die dich nicht ansprechen, dann gehörst du nicht zu uns." Denn es spielt keine Rolle, welche Tür man nimmt, solange man überhaupt eine findet. Manche von uns finden die Tür in jungen Jahren, und andere nicht. Mein Vater, der 69 Jahre alt ist, hat seine Liebe zum Lesen in den sechs Monaten entdeckt, seit er Rentner geworden ist. Was beweist, dass es für die Türen kein Verfallsdatum gibt.

Fast zwanzig Jahre, nachdem ich durch meine getreten bin, stehe ich nun hier.

Eine seltsamere Welt als die Wirklichkeit

Ich werde oft gefragt, warum ich Fantasy schreibe, und früher hatte ich darauf nur eine Antwort: Weil ich mir als Kind immer gewünscht habe, dass die Welt seltsamer wäre als in Wirklichkeit. Jetzt glaube ich, dass ich damit meinte und immer noch meine: Ich wünschte mir, die Welt wäre mehr, als sie in Wirklichkeit ist.

In meiner Kindheit bin ich immer auf die Steinhügel hinter dem Haus meiner Großmutter in Tahoe geklettert und habe nach Rissen gesucht, die wie Eingänge aussahen, Vertiefungen, die an Schlüssellöcher erinnerten. Ich strich mit der Hand über die Oberfläche der Steine und versuchte, mich an eine Magie zu erinnern, die ich nie gekannt hatte. Ein Passwort, das ich, wie ich mir einredete, bloß vergessen hatte. Ich sagte mir: Wenn ich nur das richtige Wort ausspreche, dann öffnet sich eine Tür, und ich finde die andere Welt, von deren Existenz ich überzeugt war. Das war meine Jugend – verbracht mit der Suche nach Türen. Nicht, weil ich unglücklich war – ich hatte die Art liebevolle Kindheit, an die man sich später wie an ein Gemälde erinnert und nicht wie an einen Film, ein Stillleben. Meine Mutter ist eine Träumerin und mein Vater Diabetiker, und abgesehen von ihren gelegentlichen Ausbrüchen und seinen gelegentlichen Anfällen, war es eine ganz stabile, wenn auch etwas einsame Kindheit.

Ich suchte nach Auswegen, nicht weil ich mich elend oder verloren fühlte, sondern weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass es da noch mehr gab. Dass die Welt größer und seltsamer und magischer war, als ich erkennen konnte. Für mich war es wohl so etwas wie eine Religion. Der Glaube an etwas, das man nicht sehen, nicht beweisen kann. Nach dem man aber trotzdem sucht.

Die Macht der Geschichten

Ich wünschte mir das vor allem deshalb, weil ich meinen Platz in der realen Welt noch nicht gefunden hatte. Oder vielmehr, weil ich bis dahin meinen Platz nur auf Buchseiten gefunden hatte. Ich wollte Alanna sein, und Hermine Granger. Ich wollte Jason Bourne sein, Jonathan Strange, Katniss Everdeen, König Artus und Sabriel. Ich wollte mächtig sein und wichtig und frei. Ich wollte die Schlüssel zur Welt finden. Ich wollte mich selbst sehen und zugleich jemand anderes sein, wollte zu jemand Stärkerem werden. Ich habe nie nach Glück gesucht, nicht in Liebesgeschichten geschwelgt.

Was ich wollte, waren Abenteuer.

Ich wollte in der Welt der Toten wandeln, wollte Zauber wirken und Kriegsrüstungen tragen, gegen Spione kämpfen und Kaiserreiche zu Fall bringen, und die Quelle der Magie anzapfen, die ich in meinem Inneren spürte, die nur darauf wartete, geweckt zu werden, genauso wie ich auch spürte, dass die Welt groß und seltsam war, auch wenn ich es noch nicht sehen konnte.

Das ist die Macht der Fantasy. Der Fiktion. Der Geschichten. Der Worte.

In der Schule bringt man uns bei, Worte mit Bedacht zu wählen, sie höflich und richtig zu verwenden. Aber wir lernen nicht wirklich – jedenfalls nicht im Klassenzimmer –, wie viel Magie in ihnen steckt.

Diese Magie habe ich erst als Leserin entdeckt. Es hat jedoch nicht lange gedauert, bis mir klar wurde, dass ich die Macht, die Worte über mich besaßen, auch genauso gut selbst verwenden konnte. Nachdem ich das herausgefunden hatte, wurde ich unaufhaltsam. Unersättlich. Ich bin es immer noch. Kreativität ist nicht bloß eine kraftvolle Magie. Sie macht auch süchtig.

Vor meiner Geburt ließ meine Mutter von einer Wahrsagerin eine Prophezeiung über mich erstellen. So war meine Familie. Es war keine besonders tolle Prophezeiung, aber sie war ziemlich detailliert. Manches darin war beunruhigend, anderes erstaunlich zutreffend – es hieß, ich würde von Anfang an eine Außenseiterin sein, eine genaue Beobachterin, eine, die das Verhalten anderer nachahmt, die in ihrer eigenen Welt lebt –, was mir aber am besten gefiel, war der Teil der Prophezeiung, dass ich ein Talent für Worte haben würde. Die Wahrsagerin war sich nur nicht sicher, ob ich es zum Guten verwenden würde. Sie sagte voraus, dass ich entweder die Anführerin eines Kults oder eine Romanautorin werden würde. Und ob man an so etwas nun glaubt oder nicht, mir gefällt die Vorstellung, dass Geschichtenerzähler auf einer Stufe mit Menschen stehen, die anderer Leute Gedankenwelt oder Glauben beeinflussen. Die Anführerin eines Kults oder Romanautorin. Die Macht, Massen zu bewegen. Zu hypnotisieren, zu indoktrinieren, zu verzaubern. Worte sind etwas sehr Mächtiges.

Ich sage oft scherzhaft, dass Autoren die Götter ihrer eigenen Welten sind. Wir sind mit Sicherheit ihre fähigsten Magier. Viele Autoren sprechen davon, einen Weg durch ihre Geschichten über das Geheimnisvolle, Überraschende, Enthüllende daran zu finden. Sie sprechen über ihre Geschichten so, als würden diese bereits existieren und nur darauf warten, entdeckt, ans Licht gebracht, erforscht und verstanden zu werden. Sie betrachten sich selbst als Medien. Als Sprachrohr.

Fiktion als Alchemie

Ich dagegen habe mich stets als Zauberin gesehen.

Eine, die Zutat um Zutat in den Topf tut, bis der Zauber Gestalt annimmt, bis der Inhalt mehr wird als die Summe seiner Teile. So ist es mit dem Geist im Körper, dem unbestimmbaren Funken. Und so ist es auch mit Geschichten. Sie entstehen, wenn Ideen und Wörter sich zu etwas Größerem verbinden. Ein Satz sind Buchstaben plus Leerzeichen plus Bedeutung. Eine Geschichte ist ein Satz von größerem Maßstab. Sie ist Alchemie. Die Umwandlung von einem Element in ein anderes durch eine variable Kombination aus Methode und Wahnsinn. Die Mengenverhältnisse lassen sich unmöglich beziffern, weil sie bei jedem von uns anders sind.

Ob Sie‘s glauben oder nicht – und nach dreizehn Büchern fällt es auch mir selbst immer schwerer, das zu glauben –, ich hatte nie vor, Romane zu schreiben. Ich bin ein sehr visueller Mensch – ich sehe alles deutlich vor mir, bevor ich es aufschreibe, ich choreografiere jede Szene genauestens durch, lasse den Film im Geist ablaufen, schneide im Kopf zu verschiedenen Kameraeinstellungen, verschiedenen Blickwinkeln. Jede Szene hat ihre eigene Farbpalette. Jeder Augenblick ist mit einem Soundtrack unterlegt. Als Künstlerin war ich nicht schlecht, aber ich habe es nie richtig geschafft, meine Vorstellungen mithilfe von Stiften, Tinte und Farbe zum Leben zu erwecken. Deshalb begann ich zu schreiben.

Als Kind schrieb ich Drehbücher und zwang meine Freunde, Nachbarn und Familie, die Rollen darin zu übernehmen, nur damit ich einmal sehen konnte, wie sich die Geschichte vor meinen Augen abspielt, statt dahinter.

Als Jugendliche entdeckte ich die Wörter an sich, als wäre jedes Einzelne davon Teil einer umfassenderen Zauberformel. Ich entdeckte die Magie, die Reihenfolge, Tonfall, Silbenzahl und Rhythmus innewohnt. Jahrelang schrieb ich ausschließlich in Metren und Versen. Poesie war für mich die am höchsten verdichtete Form der Macht. Mit fünfzehn gewann ich meinen ersten Lyrikwettbewerb.

Die acht Zeilen dieses Gedichts sind noch immer tief in meinem Gedächtnis verankert:

The moon

Is in the sea

Reflecting up

Against the sky

 

As night beams bathe

In ocean waves

And all the stars

Swim by

Auf Deutsch ewa:

Vielleicht ist der Mond

ja unten im Meer

und leuchtet hinauf

in den Himmel

 

Wenn Nachtstrahlen

in Ozeanwellen baden

und die Sterne alle

vorübertreiben

 

Ich liebte die Poesie, aber als dann die Geschichten in meinem Kopf immer ausgefeilter wurden, begriff ich, dass ich die richtige Form noch nicht gefunden hatte. Erst am College – nachdem ich es mit Kurzprosa, Sachbüchern, Flash-Fiction, Drehbüchern und Journalismus versucht hatte –, wurde mir klar, warum ich noch nie probiert hatte, ein Buch zu schreiben.

Die Angst vorm Scheitern

Ich hatte Angst. Angst, meine Aufmerksamkeitsspanne würde dafür nicht ausreichen. Angst, ich wäre nicht klug genug, um etwas so Großes zu erschaffen. Angst, das Gebilde könnte zusammenbrechen. Angst, ich könnte scheitern. Glücklicherweise bin ich meine Ängste schon immer konfrontativ angegangen. Meine Höhenangst habe ich durch Fallschirmsprünge bekämpft. Meine Angst vor Veränderungen, indem ich mir die Haare ganz kurz schnitt. Meine Angst davor, von zu Hause wegzugehen, indem ich durch ganz Europa trampte. Und meine Angst, beim Schreiben eines Buches zu scheitern, indem ich einfach damit anfing.

Ich schrieb also meinen ersten Roman, der – wie es sich für erste Romane gehört – richtig danebenging. Aber der Anfang war gemacht. Und das Hoch, das ich verspürte, nachdem ich eine Geschichte nicht nur begonnen, sondern zu Ende geschrieben hatte, war wie ein Rausch. Ich war süchtig danach geworden.

Seit diesem ersten Versuch habe ich ausschließlich Fantasy geschrieben. Hin und wieder versuchte ich mich an realistischen Romanen, aber nach ein paar Kapiteln packte mich dann immer die Sehnsucht nach einem Dämon oder Geist – danach, die Welt seltsamer zu machen.

Man darf nicht vergessen, dass Fantasy ein sehr umfassender Begriff ist. Manche bestehen darauf, sie in kleinere Bereiche zu unterteilen: Alternativweltgeschichten, High Fantasy, Low Fantasy, Urban Fantasy, übernatürliche Thriller, Märchen, magischer Realismus und so weiter. Aber so breit das Konzept auch ist, so beschränkt ist oft genug unsere Vorstellung davon. Fantasy muss keine Zauberer oder Drachen oder Hexenmeister oder Magie oder Auserwählten oder unerreichbaren Welten enthalten.

Ich selbst habe über Hexen in englischen Mooren geschrieben. Über Bibliotheken, in denen die Toten wie Bücher in Regalen aufgereiht sind. Über Superkräfte, die aus Nahtoderfahrungen entstehen. Über elementare Magie in verschiedenen Versionen von London. Über Städte, in denen Gewalt den Nährboden für Ungeheuer bildet.

Wenn ich von Fantasy spreche, meine ich einfach eine Geschichte, in der ein Fuß – oder eine Zehe oder Ferse – auf einem Boden steht, der nicht fest und vertraut ist. Meine Lieblingsgeschichten sind jedoch die, die im Bereich des anderen Fußes angesiedelt sind, in denen die Grenze zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, der wahrnehmbaren Realität und dem Merkwürdig-Fantastischen brüchig und verschwimmt. Das geht auf meine Kindheit zurück, in der ich auf den Steinhügeln von Tahoe herumkletterte und nach Rissen suchte, die wie Türen aussahen. Denn Fantasy, die ausschließlich in einer anderen Welt spielt, ist ein begrenzter Eskapismus. Man kann darüber lesen, das schon, jedoch nie wirklich dorthin gelangen. Fantasy mit einer Tür, einem Portal, irgendeinem Weg hinein, erweckt eine andere Art von Glauben.

Die Fähigkeit, die Welt zu verändern

Genau das ist der Unterschied zwischen Tolkien und C. S. Lewis. Mittelerde ist nur auf der Buchseite zugänglich. Nach Narnia hingegen führt eine Tür in einem Wandschrank. Dieser Schrank ist nicht bloß ein Möbelstück, sondern ein Gegenstand, der Zweifel sät. Zweifel daran, ob die Welt so einfach und profan ist, wie sie erscheint; die Art von Zweifel, die Kinder dazu bringt, auf der Suche nach Türen in sämtliche Kommoden und Schränke zu klettern. Wenn wir unsere Leser*innen dazu bringen, an ihrer Realität zu zweifeln – und sei es auch nur ein wenig – geben wir ihnen gleichzeitig Hoffnung auf eine andere Realität.

Fantasy-Autor*innen besitzen eine besondere Art von Magie.

Wir haben die Fähigkeit, die Welt zu verändern.

Schöpfer von phantastischen Texten haben die unglaubliche Gelegenheit, ihre Phantasie zu gebrauchen. Neues zu erschaffen und Neues zu erdenken. Wir besitzen die Macht, Räume zu kreieren, in denen sich die unterschiedlichsten Leser*innen wiederfinden können – und zwar nicht indirekt, sondern ganz eindeutig. Fantasy-Autor*innen haben die Gelegenheit, Geschichten über Figuren zu schreiben, die in der realen Welt nur zu oft ein Dasein am Rande der Erzählung fristen, und die Marginalisierten ins Zentrum zu rücken.

Deshalb finde ich es, gelinde gesagt, entmutigend und, ehrlich gesagt, unerträglich, wenn ich sehe, wie viele neue Geschichten den alten Mustern folgen. Wie viele zeitgenössische Fantasy-Autor*innen sich an veraltete Vorbilder halten – ob nun aus Nostalgie, der größeren Bequemlichkeit ausgetretener Pfade halber, oder, am wahrscheinlichsten, weil sie sich dadurch immer noch ausreichend repräsentiert fühlen.

Was für eine Verschwendung. Das Schönste am Schreiben von Fantasy ist schließlich die Freiheit – nicht die, Regeln zu erschaffen, denn wir wissen alle, dass gute Geschichten gute Welten brauchen, und gute Welten – egal, ob sie in Fantasy, Science Fiction oder im Realismus verwurzelt sind –, benötigen ein klares Gerüst. Nein, ich meine nicht die Freiheit von Regeln, sondern die von den exakten Details unserer Realität.

Wir haben die Gelegenheit, althergebrachte Sprachbilder aufzubrechen, Machtverhältnisse neu zu definieren, soziale Landschaften und Klimaverhältnisse zu erschaffen, die den realen diametral entgegengesetzt sind. Fantasy ermöglicht es uns, die Stärken und Schwächen unserer eigenen Welt durch das Prisma einer anderen zu betrachten. Aus ihrer natürlichen Verfasstheit, ihrem klassischen, altbekannten Zusammenhang ein neues Konzept zu erstellen und uns mit dessen Schattenseiten zu befassen. Neu zu strukturieren und neue Schwerpunkte zu setzen. Fantasy bietet den Luxus, das Selbst und die Gesellschaft innerhalb eines Gerüsts des Eskapismus genau zu untersuchen. Sie kann ein Kommentar sein, ein Gespräch oder auch einfach ein Zufluchtsort.

Gute Fantasy-Literatur bewegt sich im Rahmen dieses augenscheinlichen Paradoxes.

Sie ermöglicht es ihren Schöpfer*innen – und damit auch ihren Leser*innen –, fiktionale und phantastische Analogien zu gebrauchen, um die Dilemmata der realen Welt zu untersuchen.

Gleichzeitig ermöglicht sie es den Leser*innen, der Realität zu entfliehen. Einen Ort zu entdecken, an dem die Dinge seltsamer, anders und vieldeutiger sind.

Meiner Meinung nach existiert so etwas wie reine Fantasy-Literatur nicht.

Denn Fantasy ist, wie alle Geschichten, in der Realität verwurzelt; diese ist ihr Nährboden. Geschichten entstehen aus dem "Was wäre, wenn …?", und diese Frage erwächst immer aus dem Bekannten. "Was wäre, wenn …?" ist naturgemäß eine Abwandlung von "Was, wenn alles anders wäre?" Diese Frage beruht wiederum auf dem Fundament dessen, was wir uns anders wünschen. So gesehen ist Fantasy immer ein Dialog mit der uns bekannten Realität. Sie fungiert als Gegensatz, als Kontrapunkt zu ihr, und meiner Meinung nach ist die beste Fantasy die, welche die Realität in irgendeiner Weise zur Kenntnis nimmt und sich mit ihr auseinandersetzt.

Vielleicht bedeutet das, dass wir die Welt, die wir verlassen – indem wir den Zug nach Hogwarts besteigen oder durch die Tür im Wandschrank treten –, wahrnehmen oder dass wir einfach die Fundamente anerkennen, aus denen unsere Geschichte erwachsen ist und die wir hinter uns lassen.

Das ist kein Plädoyer für Fantasy als offenkundige Metapher. Die Fragen und Kontrapunkte müssen nicht die treibende Kraft der Erzählung sein wie beispielsweise in Le Guins "Die linke Hand der Dunkelheit"; vielmehr ist die Frage "Was wäre, wenn …?" am fruchtbarsten, wenn sie die bekannte Welt infrage stellt und auf irgendeine Weise davon abweicht. Um interessantere Fragen zu stellen. Neue Geschichten zu erzählen.

Die Wiederholung des Immergleichen?

Denn zugegebenermaßen habe ich die einzig wahren Könige satt.

Ich habe die Geschichten satt, die sich um junge weiße Männer drehen, die mit Macht umzugehen lernen, als bemühe sich die reale Welt nicht schon genug, ihnen das beizubringen.

Ich habe die Geschichten satt, in denen Frauen entweder Prinzessinnen oder Huren oder Manic Pixie Dream Girls sind, die keine eigene Geschichte haben, sondern nur als Handlungselement, Hindernis oder Zwischenstopp bei der Suche des männlichen Protagonisten fungieren.

Ich habe die Geschichten satt, die aussehen, sich anfühlen und aufgebaut sind wie die uns umgebende Welt, da sie in denselben Vorstellungen von Hierarchie, denselben Machtstrukturen und anerkannten Normen verhaftet sind.

Und was ich satt habe, muss für manche meiner Kolleg*innen schier unerträglich sein. Was mir wie kleine Hügel vorkommt, muss Autor*innen of Color wie riesige Berge erscheinen. Das weiß ich. Und ich kann nur hoffen, dass ich – indem ich kommerziell erfolgreiche Fantasy schreibe, die mit den alten Mustern bricht – den Raum für andere schaffe, dasselbe zu tun; ihnen die Tür aufhalte.

Ich liebe diesen Raum, ich liebe Fantasy, und ich liebe das Potenzial, das in ihr steckt. Dabei spüre ich bei anderen Autor*innen – die meisten von ihnen weiß, hetero und männlich – eine bestimmte Angst. Sie fürchten, sich vorwärts zu bewegen, könnte gleichbedeutend damit sein, die Vergangenheit – ihre Vergangenheit – hinter sich zu lassen. Und vielleicht ist das in der Realität tatsächlich so. In der Fiktion hingegen gelten andere Regeln. Das Alte wird durch das Neue nicht ausgelöscht, nicht ersetzt. Es wird lediglich besser, seltsamer und vielfältiger gemacht.

Genau deshalb schreibe ich Fantasy, deshalb habe ich schon immer Fantasy geschrieben – um die Welt besser, seltsamer und vielfältiger als in der Realität zu machen. Ich schreibe Fantasy, weil ich mich so fühlen möchte wie damals, als ich auf den steinigen Hügeln meiner Großmutter nach Türen suchte. So wie ich mich jetzt noch fühle, wenn die Luft in Bewegung gerät und ich eine Energie in unserer Welt riechen kann wie von einem aufziehenden Sturm. Ich schreibe nicht, um eine Magie zu erschaffen, die es nicht gibt. Ich schreibe, um eine Magie anzuzapfen, die bereits existiert, sie zu verstärken, damit auch andere sie spüren können.

Ich schreibe Fantasy, um das Fundament der Erwartungen meiner Leser*innen ins Wanken zu bringen, um die Festigkeit ihrer Annahmen und Überzeugungen zu testen.

Ich schreibe Fantasy, weil ich die Glaubenden ermutigen und die Skeptiker in Staunen versetzen möchte, um Zweifel und Hoffnung gleichermaßen zu säen. Um meinen Leser*innen zu helfen, sich eine Zeit, einen Ort, eine Welt auszumalen, in denen phantastische Konzepte wie Magie, Unsterblichkeit oder Gleichheit in Reichweite sind.

Zweifel an der Wahrheit säen

Meine Lieblingsgeschichten sind die, die sich wie ein zartes Gewebe über unsere Welt legen. Die einem das Gefühl geben, Magie sei zum Greifen nah, und uns eine Tür verheißen, selbst wenn wir diese noch nicht gefunden haben. Die uns an unseren Sinnen zweifeln lassen. So wie ein paranormales Erlebnis, eine Nahtoderfahrung oder ein spirituelles Erlebnis Zyniker an ihren unverrückbaren Wahrheiten zweifeln lassen.

Eine der befriedigendsten Erfahrungen meines Lebens ist mit meinem Roman Vicious verknüpft. In diesem Buch entdecken zwei Medizinstudenten, dass Nahtoderfahrungen der Schlüssel zu Superkräften sind – dass die Begegnung mit dem Tod eine dauerhafte Veränderung des Adrenalinspiegels bewirken kann. In dem Buch habe ich Magie mit Wissenschaft verwoben; habe das genommen, was da ist, und es ein Stückchen hin zu dem verschoben, was sein könnte. Und drei Monate nach Erscheinen des Romans erhielt ich eine Mail von einem Mann, der nicht mehr schlafen konnte, bis ich ihm die Wahrheit sagte: Entsprach denn irgendetwas davon der Realität?

Ein erwachsener Mann schrieb mir mitten in der Nacht eine Mail, weil ihn die Frage, die Vorstellung, das Was-wäre-wenn? nicht schlafen ließ. Er war sich sicher – so gut wie sicher –, aber der Zweifel hatte sich in ihm ausgebreitet wie die Kudzu-Pflanze im Süden der USA.

Ich wünschte mir, zu glauben wäre immer so einfach.

Ich wünschte mir, ich wäre imstande, eine Realität zu erschaffen, die freundlicher mit so vielen meiner Leser*innen umgeht. Wünschte mir, dass – wie in Vier Farben der Magie – die Stärke der Macht, die Menschen besitzen, wichtiger wäre als die Frage, wen sie lieben. Ich wünschte mir, dass es in der realen Welt genauso einfach wäre, Frauen und LGBTQ und POC in den Mittelpunkt zu rücken wie in meinen Büchern.

Aber bis es so weit ist, werde ich es in meiner Fiktion engagiert tun.

Ich werde mächtige Frauen erschaffen, Prinzen, die Prinzen lieben, und Welten, in denen die Ungeheuer, die unsere Realität heimsuchen, eine Gestalt haben, in der sie bekämpfbar und besiegbar sind. Ich werde fehlbare Menschen erschaffen, weil Menschen nun einmal Fehler haben, und ich werde Bücher schreiben, in denen die, die so oft nur als Sidekick, Alibi oder Dekoration dienen, im Zentrum stehen und damit handlungsfähig sind, ihre eigene Kraft und Geschichte haben.

Ich werde über das schreiben, was ich liebe und wonach ich mich sehne, in der Hoffnung, dass es für so manche nicht nur ein Ausweg, sondern sogar ein Weg hinein ist.

Kurzum: Ich werde schreiben, in der Hoffnung, dadurch für andere eine Tür zu erschaffen.

 

Deutsch von Petra Huber und Sara Riffel
Zuerst erschienen auf tor.com


Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Über die Autorin

V. E. Schwab

(c) Jenna Maurice

Victoria (V. E.) Schwab (*1987) ist als Kind einer englischen Mutter und eines amerikanischen Vaters von unstillbarer Wanderlust getrieben. Wenn sie nicht gerade durch die Straßen von Paris streunt oder auf irgendeinen Hügel in England klettert, sitzt sie im hintersten Winkel eines Cafés und spinnt an ihren Geschichten. Mit ihrer Weltenwanderer-Trilogie landete sie prompt auf der »New York Times«-Bestsellerliste und bekam für ihren Roman »Vier Farben der Magie« einen Filmdeal angeboten.

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