Seraph

© Phantastische Akademie e. V.

INTERVIEW

Unterwegs in phantastischer Mission: Interview mit den Gründer*innen des SERAPH


Seit zehn Jahren gibt es den SERAPH und die Phantastische Akademie, die den Preis verleiht. Im Interview sprechen die beiden Vorsitzenden Natalja Schmidt und Oliver Graute über das Jubiläum, die Idee hinter dem Literaturpreis für Phantastik und darüber, wie sehr Corona die Szene getroffen hat. 

Die Phantastische Akademie verleiht den SERAPH in diesem Jahr zum zehnten Mal – herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Wie kamt Ihr seinerzeit auf die Idee, den Preis ins Leben zu rufen?

Oliver: Die meisten damals bestehenden Preise waren Auszeichnungen, die zwar innerhalb der Phantastik-Szene bekannt und wichtig waren, aber nicht stark nach außen strebten. Wir wollten unbedingt einen wertigen und öffentlichkeitswirksamen Jurypreis ins Leben rufen, der zuverlässig jährlich vergeben wird.

Natalja Schmidt:  In den USA existieren ja zum Beispiel auch schon seit langer Zeit mit dem „Hugo“ und dem „Nebula“-Award  in der Phantastik ein großer Jurypreis und ein Publikumspreis hervorragend nebeneinander, und wir sahen auch hierzulande Raum für einen weiteren Preis. Sehr wichtig war uns von Anfang an der Aspekt der Nachwuchsförderung - uns war relativ schnell klar, dass zumindest die Auszeichnung für das „Beste Debüt“ unbedingt dotiert sein sollte. 

Und wie gründet man einen Phantastik-Preis?

Oliver: Ich bin auf Natalja und Julia Abrahams, die damals gemeinsam die auf Phantastik spezialisierte Literaturagentur Schmidt & Abrahams führten, zugegangen.  Außerdem kontaktierte ich noch die Firma WerkZeugs, die seinerzeit Dienstleistungen und Marketing rund um phantastische Bücher und Lesungen anbot – so hatten wir gleich viel Know How versammelt.

Natalja: Die beste Möglichkeit, um uns zu organisieren, schien uns ein Trägerverein zu sein - und so wurde die Phantastische Akademie 2011 gegründet. Die Gemeinnützigkeit erlangten wir ein Jahr später. 2012 haben wir dann das erste Mal den SERAPH verliehen – 2021 folgt ergo die zehnte Verleihung.

Auf welche Ideen und Ansätze habt Ihr euch während der Gründungsversammlung verständigt?

Oliver: Die Idee hinter dem SERAPH war, dass wir Leute aus der Buchbranche zusammenbringen, die Fachwissen aus verschiedenen Bereichen einbringen, und uns so möglichst professionell aufstellen. Einerseits innerhalb der Akademie, mit den Menschen, die den Verein am Laufen halten, andererseits sollte es zur DNA des SERAPH gehören, dass eine jährlich wechselnde Expert*innen-Jury über den Preis bestimmt – Lektor*innen, Journalist*innen, Autor*innen und so fort. So wollten wir von Anfang an gewährleisten, dass die besten Bücher gewinnen und nicht nur der Autor oder die Autorin mit dem bekanntesten Namen oder den meisten Fans das Rennen macht. Ein weiteres wichtiges Momentum: Wir wollten und wollen möglichst viel Aufmerksamkeit für die Phantastik generieren und über die Szene hinaus für das Genre werben. Mit Öffentlichkeitsarbeit. Mit Veranstaltungen. Mit Networking.

Steht Ihr noch heute hinter diesem Ansatz?

Natalja: Zu hundert Prozent. Wir sind in diesen zehn Jahren dem Ansatz immer treu geblieben, haben aber auch versucht, beständig zu wachsen. 2016 kam, erst in Kooperation mit Neobooks, dann später aus eigener Kraft getragen, der Indie-SERAPH dazu. Wir kämpfen stets um höhere Dotierungen. Im Jubiläumsjahr sind nun sogar ausnahmsweise alle Kategorien mit Preisgeldern versehen, aber der Schwerpunkt liegt auf Debüt und Indie und damit der Förderung von Nachwuchsautor*innen.

Seraph

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Wie schwierig ist es, die Phantastik in die Öffentlichkeit zu bringen

Natalja: Größere Akzeptanz für ein unterbewertetes literarisches Genre erreicht man natürlich nicht über Nacht, das erfordert einen langen Atem.  Phantastik wird zum Beispiel normalerweise in den Feuilletons nur aufgegriffen, wenn sie sehr erfolgreich ist – oder gar nicht unbedingt direkt als Phantastik vermarktet oder begriffen wird. Allerdings lässt sich beobachten, dass die wirklich erfolgreichen Titel mittlerweile längst Teil der Popkultur geworden sind. Zitate und Referenzen aus „Game of Thrones“ oder dem „Herrn der Ringe“ sind heute auch in den größten Medien keine Seltenheit mehr.

Oliver: Noch dazu ist und war die Bandbreite ein wesentlicher Punkt, nicht unbedingt in den Feuilletons, sondern insgesamt in der Wahrnehmung der Phantastik. Phantastik war, zur Zeit der Gründung der Akademie, in der Wahrnehmung vor allem klassische Fantasy in der Tolkien-Tradition. Wir wollten breit kommunizieren, wie alt das Genre eigentlich ist, dass es an vielfältige Traditionen anknüpft, unsagbar viele Spielarten und Untergenres hat – und für diese Vielfalt ein Bewusstsein bei Autor*innen,  Journalist*innen, Verlagen und natürlich Leser*innen schaffen.

Mit welchen Partner*innen arbeitet die Phantastische Akademie dafür zusammen?

Natalja: Unser wichtigster Partner und Sponsor ist natürlich die Leipziger Buchmesse, die uns von Anfang an unterstützt hat und uns einen Platz für die SERAPH-Verleihung im offiziellen Messeprogramm angeboten hat. 

Oliver: Zu unseren früheren Sponsoren gehörten aber zum Beispiel auch die Stadtwerke Leipzig. Dort hatten wir einen legendären Termin bei dem ich vor Ort gefragt wurde: „Was haben denn Stadtwerke mit Phantastik zu tun?“ Und ich begann über Star Trek und die zahllosen innovativen Ideen zu philosophieren, die Erfinder dadurch zu Klapphandys und Mikrowelle inspiriert hatten. Und über Energie! Energie! Das hat gezogen. Mit dieser Science-Fiction-Argumentation gewannen wir unseren ersten großen Sponsor.

Natalja: Wir denken auch, dass durch unser Zutun im Rahmen der Phantastik-Leseinsel auf der Leipziger Buchmesse ein professionelles und vielfältiges Umfeld entstanden ist. Die Zusammenarbeit mit der Buchmesse ist heute erprobt und für uns natürlich enorm wertvoll.

Ein weiterer wichtiger Partner ist das Autor*innen-Netzwerk PAN…

Natalja: In der Tat. Es ist schön zu sehen, dass Phantastik-Autor*innen über PAN eine starke Vertretung haben. PAN gehört nicht nur zu unseren Sponsoren, wir arbeiten auch sonst in vielerlei Hinsicht eng zusammen. Auch, wenn wir eine andere Ausrichtung haben, kämpfen wir gemeinsam für die gleiche Sache – für die Sichtbarkeit der Phantastik und ihrer Schöpfer*innen.

Wieviel hat die Phantastische Akademie denn in Sachen Sichtbarkeit von Phantastik beigetragen?

Natalja: Die Akademie und die nominierten Autor*innen werden jedes Jahr von vielen etablierten Medien wahrgenommen. In lokalen Zeitungen und Radiosendern werden regelmäßig unsere Gewinner*innen vorgestellt, wir haben es aber auch schon in große Medien geschafft.

Oliver: Phantastik – auch wenn wir hier viel von Harry Potter, Herr der Ringe und Co sprechen – ist heute mehr im Mainstream angekommen. Wie viel die Akademie im deutschsprachigen Raum beigetragen hat, lässt sich schwer messen. Wir wissen ja nicht, wie es ohne uns gelaufen wäre. Ich denke aber, wir haben die Entwicklung neben vielen anderen mit befördert. Für Autor*innen sind wir ein guter Argumentationspunkt, eine Rechtfertigung: Da bekommt jemand einen Literaturpreis auf der Leipziger Buchmesse verliehen. So jemanden sollte man doch ernst nehmen.

Wie hat sich die Phantastik generell in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Natalja: Sie hat sich sehr stark verändert. Auf dem angloamerikanischen Markt beispielsweise wird bereits seit einigen Jahren radikal mit vielen Traditionen gebrochen und das schwappt inzwischen auch nach Europa. Viele Akteur*innen der deutschen Buchbranche sind ja noch fast ausschließlich mit Fantasy aufgewachsen, die einen eurozentrischen und pseudeomittelalterlichen Hintergrund im Fokus hat. Die Bandbreite kultureller, historischer und ethnischer Hintergründe, der Protagonist*innen und ihrer Geschichten ist aber heute viel größer. Und wir sehen eine neue Generation von Phantast*innen, die diese Geschichten schreiben und die einfordern, wahrgenommen zu werden. Zu Recht.

Oliver: Mir ist außerdem aufgefallen, dass heute Urban-Fantasy-Themen stärker im Fokus stehen, es gibt einen stärkeren Realitätsbezug, zuweilen wird es politischer, die Tribute von Panem haben da zum Beispiel etwas losgetreten. Aber ich würde die klassische Fantasy auch nicht abschreiben, auch das kommt wieder, vermischt mit neuen Elementen – auch wenn wir das Schwarz-Weiß-Denken in der Fantasy der 60er- und 70er-Jahre so nicht mehr erleben werden.

Gesellschaftliche Diskurse spiegeln sich auch heute in der Phantastik …

Natalja: Debatten, wie sie sich heute durch die Gesellschaft ziehen, führen wir natürlich auch in der Akademie. Welche Bücher werden überhaupt eingereicht? Wer ist sichtbar, wer nicht? Erreichen wir alle, die berechtigt wären, sich um den Preis zu bemühen? Wie lesen wir selbst, wo haben wir vielleicht selbst Vorurteile oder eine überkommene Herangehensweise? Wo und wie wir hier besser werden können, beschäftigt uns natürlich, und das ist sicher ein Prozess, der nie abgeschlossen sein wird. Hier gilt die Devise, immer weiter zu lernen.

Oliver: Unsere Mission ist die Förderung der Phantastik als Ganzes und Jahr für Jahr die Suche nach den besten Büchern. Das ist schließlich unser Vereinszweck!

Dieses „Wir, die Phantastische Akademie “ – wer ist das eigentlich?

Natalja: Neben dem Lesezirkel, der die Vorauswahl trifft und der Jury haben wir einen festen Kern von Ehrenamtlichen, Menschen, die teils seit vielen Jahren in ihrer Freizeit Arbeit für die Akademie leisten. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes phantastisches Team.  Über die Lesearbeit, die Kommunikation zu den Verlagen, die technische Infrastruktur, Grafik, Social Media, Pressearbeit, ist so viel zu tun. Da steckt jede Menge Herzblut drin. Oliver: Wir haben viele helfende Hände, die mitarbeiten, sich reinknien. Das ist klasse. Übrigens darf man auch mal erwähnen: Die Autor*innen, die bei uns ehrenamtlich tätig sind, reichen ihre Bücher grundsätzlich nicht für den Preis ein. Sie verzichten auf die Möglichkeit, den Preis selbst zu gewinnen, um die Arbeit der Akademie zu unterstützen.

Phantastische Akademie Team

© Phantastische Akademie e. V.

Wie nehmt Ihr die Stimmung während Corona unter Phantastik-Verlagen und Autor*innen wahr?

Natalja: 2020 war generell für die Buchbranche kein so schlechtes Jahr, wie zunächst befürchtet. Allerdings sind vor allem Autor*innen, die ohnedies schon erfolgreich waren, gut durchgekommen. Diejenigen, die mehr Sichtbarkeit in Form von Messen, Lesungen und Co. brauchen, haben es schwerer – und da insbesondere die Phantastikbranche viel vom persönlichen Kontakt und von Lesungen profitiert und auch stark von der Kleinverlagsszene lebt, hatten phantastische Autor*innen und Verlage es sicher schwerer als der Durchschnitt.

Oliver: Man merkt in diesen Monaten auch sehr deutlich, dass die Arbeit des Autors, der Autorin nicht ausschließlich darin besteht, zuhause zu hocken und Bücher zu schreiben. Das Buch in der Öffentlichkeit zu präsentieren, das ist elementar - auch für den eigenen Geldbeutel.

Natalja: Was positiv war: Viele Buchmenschen haben enorm kreative Formate entwickelt und ausgebaut, viele Autor*innen haben mit Lesungen oder Diskussionsformaten auch Plattformen wie Twitch erobert.

Ist Corona ein Thema in den Geschichten, die heute geschrieben werden?

Natalja: Für den SERAPH 2021 hat das noch keine Rolle gespielt, die Bücher, die bei uns in diesem Jahr eingetrudelt sind, wurden ja meist vor der Pandemie geschrieben. Aber ich sehe nun immer häufiger Manuskripte, auch im Bereich der Phantastik, die Pandemien und Seuchen zum Thema haben. Ob sich daraus nun ein Trend abzeichnet, das kann ich noch nicht sagen.

Wie beeinflusst die Pandemie denn die Preisverleihung des SERAPH?

Natalja: Im vergangenen Jahr haben wir sie gestreamt, Tommy Krappweis hat uns dankenswerterweise technisch und moderierend dabei geholfen. Das lief gut …

Oliver: … generell hat sich natürlich während der Pandemie auch die Akademie technisch weiterentwickelt. Wir haben vieles dazu gelernt, was wir später auch nutzen können.

Natalja: Absolut! In diesem Jahr werden wir den SERAPH am 27. Mai im Rahmen von „Leipzig liest extra“ in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig verleihen. Viele der Preisträger*innen und wir werden vor Ort sein, allerdings findet die Veranstaltung ohne Publikum statt und wird gestreamt.

Wie sieht die Zukunft der Phantastischen Akademie und des SERAPH aus?

Natalja: Weltherrschaft!
Oliver (zeitgleich): Weltherrschaft!

Natalja: Eine wichtige Änderung haben wir in diesem Jahr schon umgesetzt, es gibt nun keine Short- oder Longlist mehr, sondern nur noch eine einzige Nominiertenliste. Das erleichtert das Arbeiten und schärft den Fokus.

Oliver: Es ist gut für unsere internen Abläufe, aber auch fürs Marketing.

Natalja: Und dann sind wir natürlich zuversichtlich, dass es im kommenden Jahr wieder eine „reale“ Preisverleihung in Leipzig gibt.

Oliver: Den SERAPH noch größer machen, noch öffentlicher, noch mehr Aufmerksamkeit auf den Preis und die Phantastik richten – das ist natürlich immer das Ziel, für das wir kämpfen. Er soll ebenbürtig neben den Buchpreisen anderer Sparten und Genres stehen. In der Phantastik ist er wohl mittlerweile der wichtigste Preis in Deutschland.

Alle Preisträger*innen der vergangenen zehn Jahre finden Sie hier: www.phantastische-akademie.de

Die beiden Vorsitzenden

Natalja Schmidt

© Markus Röleke

Oliver Graute

© Phantastische Akademie e. V.

Natalja Schmidt ist seit 2019 Erste Vorsitzende der Phantastischen Akademie, die jährlich den Literaturpreis Seraph vergibt. Zehn Jahre lang war sie Geschäftsführerin der Literaturagentur Schmidt & Abrahams, heute leitet sie den Bereich Knaur Belletristik bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur.

Oliver Graute
leitete die Phantastische Akademie von ihrer Gründung an bis 2019. Dann gab er den ersten Vorsitz ab und übernahm den Posten des zweiten Vorsitzenden. In der Phantastik ist er zudem bekannt als langjähriger Teilhaber am Verlag Feder und Schwert und als Designer und Erfinder des Rollenspiels Engel, zu dem er auch mehrere Romane verfasste. Heute arbeitet er als Head of Design bei Cult & Glory.

Über den Autor

Peter Michael Meuer, Jahrgang 1981, arbeitet als Journalist und Tageszeitungsredakteur in und um Stuttgart und war zuvor als Redakteur und Comic-Autor für Kinder- und Jugendmedien tätig. Der Interviewautor arbeitet selbst seit 2016 ehrenamtlich als Pressesprecher bei der Phantastischen Akademie mit.

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