Things from the Flood (2/3): Ein wundervoller, wundervoller Schmetterling

© Simon Stålenhag

BUCH

Things from the Flood (2/3): Ein wundervoller, wundervoller Schmetterling


Simon Stålenhag
14.04.2021

"Things from the Flood" heißt der dritte illustrierte Roman des schwedischen Autors und Künstlers Simon Stålenhag. Wir zeigen in drei kleinen Ausschnitten, was die Flut mitgebracht hat. Heute Teil 2/3: "Ein wundervoller, wundervoller Schmetterling".

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In Anders Näslunds Zimmer hingen so viele Poster an den Wänden, dass kein Zentimeter Tapete mehr zu sehen war. Bluttriefende Körperteile, Dämonen, Raumschiffe, Zombies, Ufos und Tentakelmonster bildeten einen bunten Flickenteppich hinter Anders’ Pickelgesicht, wenn er uns mit seiner brüchigen Teenagerstimme schilderte, wie sein Onkel um ein Haar bei lebendigem Leib von einer »Tellus / Pegasi-Drohne«, die sein Auto im Norden von Färingsö attackiert hatte, verschluckt worden wäre. Außerdem behauptete Anders, er habe im Rahmen seiner Feldforschung festgestellt, dass die mit »Maschinenkrebs« infizierten Roboter trächtig und deshalb so aggressiv waren. Bei dem Wort Maschinenkrebs zeichnete er Gänsefüßchen in die Luft.

Wir konnten Anders nicht richtig ernst nehmen, weil er ständig so komisches Zeugs faselte. Im Jahr davor hatte er zum Beispiel allen Ernstes behauptet, die Gegner in Doom würden regelmäßig das Spiel verlassen, um in einem anderen Spiel Munition zu besorgen. Und ein anderes Mal meinte er, der gecrashte Twingo, den man bei Hilleshög gefunden hatte, sei in Wahrheit von riesigen Killerraupen aus der überfluteten Loop-Anlage massakriert worden. Die Geschichte ließ uns eher kalt, weil in Anders’ Zimmer ein fast wandgroßes Poster von Die Gefahr aus der Unterwelt II hing.

Nach der Überschwemmung war Anders aber nicht mehr der Einzige, der von Monstern und Verschwörungen redete. In der Berggårdener Schule kursierten unzählige Gerüchte, was in der Evakuierungszone tatsächlich vor sich ging, und jeder hatte seine Lieblingsversion. Die einen glaubten, aus dem Gravitron sei eine Substanz ausgetreten, die Insekten mutieren ließ; andere meinten, der Teilchenbeschleuniger habe ein Schwarzes Loch aufgerissen, das jetzt namenlose Schrecklichkeiten aus einem Paralleluniversum ausspuckte.

Eines Tages zeigte Johanna Lo und mir ein Dokument, ein Fax aus dem Institut für Molekularbiologie der Universität Göteborg. Sie erklärte uns, dass es sich um den Analysebericht von Wasserproben handele, die nach der Überschwemmung im Norden von Färingsö genommen worden waren. Mit den meisten Fachbegriffen konnten wir nicht viel anfangen, aber bei einer Formulierung waren wir sofort Feuer und Flamme: In der Zusammenfassung war von »anomalen biologischen Komponenten« die Rede. Plötzlich leuchtete es uns ein, kein Leitungswasser mehr zu trinken.

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Übersetzt von Stefan Pluschkat

 

© by Simon Stålenhag

© der deutschen Übersetzung: 2021 by S. Fischer Verlags GmbH.
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Autor Simon Stålenhag

© Fredrik Bernholm


Simon Stålenhag
(*1984) ist schwedischer Autor, Künstler und Musiker. Berühmt geworden ist er mit seinen hyperrealistischen Bildern, die oft eine retrofuturistische Variante der schwedischen Landschaft zeigen. Der Guardian zählte sein Buch "Tales from the Loop" (neben Kafkas "Der Prozess" und Atwoods "Der Report der Magd") zu den zehn besten Dystopien.  

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