Interview mit Joshua Tree

INTERVIEW

Wenn die künstliche Intelligenz die menschliche übertrifft: Interview mit Joshua Tree


Im Interview verrät uns Autor Joshua Tree, welche "Was wäre, wenn…?"-Frage er sich zu Beginn seines neuesten Science-Fiction-Romans "Singularity" gestellt hat. Von Superintelligenzen, Optimierungssehnsucht und alles übertreffenden virtuellen Realitäten.

Würdest du uns verraten, wer eigentlich hinter Joshua Tree steckt?

Hinter Joshua Tree steckt jemand, der ein "früheres Leben" hatte, das nach einer Zäsur (einer Motorrad-Weltreise) zugunsten eines Lebens als Romanautor weichen musste. Eine Besonderheit ist vielleicht, dass ich viele Dinge, die meine Protagonisten tun, vorher selbst lerne. So habe ich Fallschirmspringen, Tauchen, Reiten, Kampfkunst, das Fliegen von Passagierjets und sogar den Umgang mit leichten und schweren Schusswaffen bei der philippinischen Polizei gelernt. Im Sommer folgt ein Parabelflug zusammen mit angehenden Astronauten der europäischen Weltraumagentur ESA, um die Schwerelosigkeit zu erfahren. All das macht nicht nur wahnsinnig viel Spaß, sondern hilft mir dabei, möglichst realistische Beschreibungen von Abläufen und Gefühlen liefern zu können. Dazu gehört auch, dass ich alle irdischen Schauplätze meiner Bücher selbst bereist habe – bis auf die Antarktis, aber dafür habe ich eine Expeditionsreise zum Polarkreis unternommen. Es war kalt :-).

Das erste Buch, das du geschrieben hast, lässt sich ja eher dem Ratgeberbereich Lebenshilfe zuordnen. Da wirkt die Science Fiction weit weg. Was hat dich bewegt, unter dem Pseudonym Joshua Tree SF-Romane zu schreiben?

Mit Ende zwanzig habe ich beschlossen, mein Leben radikal umzukrempeln – zu der Zeit befand ich mich gerade in Kuala Lumpur, Malaysia, und hatte nach beinahe zwei Jahren auf dem Motorrad und den irrwitzigsten Erlebnissen in Ländern, von denen ich zuvor gar nichts wusste, kein Geld mehr, aber auch keine Motivation, in mein altes Leben zurückzukehren. Ich wollte etwas tun, das mir Spaß macht und mich ortsunabhängig hält. Ich habe das, was ich anderen mit meinem Ratgeber beibringen wollte, einmal mehr auf mich selbst angewendet und bin in mich gegangen: Was kann ich gut und was macht mir wirklich Freude? Herausgekommen ist das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Insofern war mein "früheres Leben" als Coach und Ratgeberautor so etwas wie die Brücke zu meinem "neuen Leben". Der Graben, den ich damit überqueren musste, war auch nicht allzu groß, war ich doch schon immer an aktuellen Technik- und Wissenschaftstrends interessiert und habe in meiner Freizeit viel gelesen. Mein kommunikationspsychologischer Hintergrund hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass meine Bücher in erster Linie charakter- und nicht bloß handlungsgetrieben sind und die Dynamik zwischen den Figuren im Vordergrund steht.

Was macht für dich den Reiz aus, über nahe Zukünfte, dystopische Szenarien oder ferne Galaxien zu schreiben?

Meine Bücher sind größtenteils eher bodenständig in der nahen Zukunft angesiedelt und haben tatsächlich einen Hang zur Dystopie. Das liegt daran, dass in meinen Augen jede Idee für einen Science-Fiction-Autor mit der Frage nach dem "Was wäre, wenn ..." beginnt. Das unterscheidet uns ja von den Fantasy-Autoren. Beide Genre entwerfen eine andere Welt mit oder ohne Fabelwesen/Aliens mit Magie oder Technologie. Anders ist bloß die Ausgangslage. Wir entwickeln all das auf Basis einer Gegenwart, die wir alle teilen und kennen, sie ist ein gemeinsames Fundament. Also muss ich mich bei jeder neuen Romanidee fragen: "Was wäre, wenn sich diese oder jene aktuelle Entwicklung fortsetzt oder einstellt?" Für "Singularity" war das die Frage nach den Auswirkungen disruptiver Technologien auf uns Menschen und unser Zusammenwirken als Gesellschaft: Was passiert mit unserer psychischen Gesundheit, wenn die Unsterblichkeit in Reichweite ist? Setzen wir uns immer noch Risiken wie dem Autofahren oder Sport im Freien aus oder werden wir alle zu Angstneurotikern, weil wir nicht riskieren wollen, unseren Sieg gegen die Altersschwäche durch einen Unfall zu gefährden? Wo finden wir Sinnhaftigkeit, wenn KIs und Roboter uns das Denken und Arbeiten immer mehr abnehmen – erste Anzeichen dafür sehen wir bereits durch den Siegesmarsch des Smartphones. Science Fiction hat schon immer einen mahnenden Charakter gehabt und versucht, aktuelle Entwicklungen weiterzuspinnen und aufzuzeigen, was passieren könnte, wenn es in eine bestimmte Richtung ungebremst weitergeht.

Erzähl uns doch ein bisschen was über deinen neuen Roman. Was macht ihn aus?

Alles dreht sich um die titelgebende "Singularity", zu Deutsch präziser "technologische Singularität". So wird ein von vielen namhaften Wissenschaftlern prognostizierter Punkt in unserer (erschreckend nahen) Zukunft bezeichnet, in dem durch die explosionsartige Entwicklung von künstlicher Intelligenz Maschinen den IQ von uns Menschen übertreffen und sich selbst verbessern. Nach diesem Ereignis ist die Zukunft nicht mehr vorhersehbar, weil wir einer neuen Superintelligenz dabei zusehen würden, wie sie die Welt vor unseren Augen verändert und nicht wir. Was ein Wesen mit einem x-Fachen unseres Intellekts tun und lassen wird, läge jenseits unseres Verständnishorizonts – eine Ameise kann auch nicht im Ansatz begreifen, was wir Menschen treiben. "Singularity" befasst sich mit der Frage, wie dieser Punkt aus den Augen von verschiedenen Menschen aussehen könnte, aber auch den Weg dorthin: Wie werden wir gesellschaftlich organisiert sein, wenn achtzig Prozent oder mehr von uns nicht länger als Arbeitskräfte gebraucht werden, weil die Automatisierung uns überflüssig gemacht hat? Können Nationalstaaten es überhaupt verkraften, wenn eine genetisch und kybernetisch verbesserte reiche Oberschicht intellektuell und körperlich dem Rest enteilt ist und alle anderen abgehängt hat? Und wenn die Entwicklung von Computer-Hirn-Schnittstellen und Grafik-Engines weiterhin so rasant voranschreitet, ist der Punkt, an dem sich virtuelle Realitäten von unseren unterscheiden, nicht mehr weit entfernt. Ist es möglich, dass wir dann versucht sind, uns eine perfekte Welt zu bauen und unserer zu entfliehen, indem wir uns digitalisieren? All das sind zentrale Fragen, mit denen die Protagonisten in "Singularity" konfrontiert werden.

Was hat dich inspiriert, über künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und eine neue die Optimierungssehnsucht zu schreiben?

Ich halte künstliche Intelligenz Stand heute für unter- und überschätzt zugleich. Einerseits handelt es sich aktuell "lediglich" um hochkomplexe Algorithmen, die äußerst clever wirken, weil sie eben so komplex sind. Gleichzeitig sind sie aber nicht "intelligent" und nicht fähig, kreativ zu handeln oder das eigene Handeln zu hinterfragen. KIs sind immer noch vordefinierte Problemlöser für einprogrammierte Aufgabenstellungen. Bei meinen Recherchen habe ich mit Datenanalysten und KI-Programmierern gesprochen und sie haben mir versichert, dass sich das bald aufgrund der Fülle an Daten, die wir tagtäglich generieren, ändern dürfte. Wir befinden uns in der Mitte einer Exponentialkurve, von der wir nur einen so kleinen Ausschnitt sehen, dass die Kurve wie eine Linie aussieht. Mich hat völlig überrascht, dass die meisten Experten bereits Mitte des Jahrhunderts eine Super-KI erwarten, die die technologische Singularität einleitet und damit die menschliche Geschichte beendet, wie wir sie kennen. Optimierungssehnsucht und VR lagen für mich dann als zugehörige Themen nahe, denn einerseits wollen wir immer besser und produktiver sein, um in einer zunehmend kompetitiven Gesellschaft mitzuhalten, sehnen uns aber gleichzeitig nach Zerstreuung bei Netflix und in Computerspielen, weil jede extreme Bewegung in eine Richtung immer wie ein Pendel in einer Art kollektiver Ausgleichshandlung auch in die andere ausschlägt. Darum sehen wir auch bereits einen Rückgang in der Produktivität von Arbeitnehmern, obwohl wir jedes Jahr neue elektronische Hilfsmittel und Apps sehen, die alles effizienter machen sollen. Meine Befürchtung ist, dass es diese (Selbst-)Optimierungssehnsucht ist, die uns in die Singularität treibt und zukünftige virtuelle Paradiese, die uns zu betäubt oder blind machen, um zu sehen, was da eigentlich passiert.

Glaubst du, wir werden uns in der nahen Zukunft zu einer solchen Gesellschaft entwickeln?

Ich glaube wir tun das aktuell schon. In meinem Buch klafft eine weite Schere zwischen Armen und Reichen, Verbesserten und Unverbesserten ("Überflüssigen"). Das reichste Prozent der Weltbevölkerung hält heute schon über die Hälfte des weltweiten Privatvermögens, Tendenz seit Jahren steigend. In den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten werden wir massive Durchbrüche in der Biotechnologie sehen, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Googles Tochterfirma Calico – bislang eher als sehr vorsichtig in ihren Schätzungen bekannt – ist guter Dinge, das menschliche Altern bis 2045 stoppen zu können. Eine kurze Recherche nach Begriffen wie NAD+ oder seneszenten Zellen dürfte viele Leser dieses Interviews verblüffen. Firmen wie Crispr Therapeutics und Regeneron Pharmaceuticals träumen nicht mehr bloß davon, das menschliche Erbgut zu designen und zu optimieren, sie können bereits mehr, als es der Gesetzgeber zulässt und der Öffentlichkeit bekannt ist. Die legislativen Schranken werden sich in einer kompetitiven Welt aber nicht mehr lange halten können und dann geht es wie immer um Kapital: Die Vermögenden werden zu den Early Adoptern, weil sie die einzigen sind, die es sich leisten können. Das haben wir schon früher gesehen bei Autos, Immuntherapien oder den ersten Mobiltelefonen. Der Unterschied ist bloß, dass es bei körperlichen und intellektuellen Verbesserungen um eine Oberschicht geht, die uns permanent enteilt. Wenn das reichste eine Prozent plötzlich einen doppelt so hohen IQ hat wie der Rest, stärker, gesünder und schöner ist, wird es sich zwangsweise als eine Art Weiterentwicklung vom Homo sapiens sehen. Das ist der einsetzende Transhumanismus, die Geburt einer neuen Spezies, die uns betrachten könnte wie wir heute unsere direkten Vorfahren, die Primaten. Die finden wir im besten Fall niedlich und sperren sie in Zoos, im neutralen Fall sind sie uns egal und im schlimmsten werden sie gejagt und ihr Lebensraum zerstört, weil er Industrialisierungsprojekten oder Brandrodung weichen muss. Darüber sollten wir nachdenken und wir müssen es jetzt tun, bevor es zu spät ist. Falls es das nicht schon ist.

In "Singularity" wechselst du zwischen verschiedenen Figuren und ihren Erlebnissen hin und her: James, der Hausdiener; Adam, der 12-Jährige "Überflüssige", der in einem Zug lebt; Rhea, die in einer VR-Testumgebung nach einem Weg zu den Sternen forscht. An welchem Handlungsstrang hast du am liebsten gearbeitet?

Das ist schwer zu beantworten, wie die Frage nach einem Lieblingskind. Am leichtesten fielen mir inhaltlich die Kapitel von Adam, weil seine dystopische Welt noch am nächsten an der heutigen ist. Gleichzeitig ist er noch ein Kind und es war eine Herausforderung, das sprachlich und von seinen Introjektionen her so darzustellen, dass er sich nicht liest, wie ein kindlicher Erwachsener. James ist mir früh ans Herz gewachsen, aber gleichzeitig musste ich ihn in einer Umgebung darstellen, in der alle anderen um ein Vielfaches intelligenter sind als er. Das ist in etwa so, als solle man als Kaninchen beschreiben, wie sich eine Schlange bei der Kaninchenjagd fühlt und verhält. Das hat meine Fantasie gefordert und wirklich Spaß gemacht. Bei Rhea mochte ich vor allem die Frage danach, wie sich der Bezug zur Realität verändern könnte, wenn man in einer virtuellen Welt arbeitet und die Grenzen zusehends verschwimmen.

Und was war die größte Herausforderung beim Schreiben oder bei der Konzeption des Romans?

Die Komplexität. Wer das Buch zu Ende gelesen hat, wird verstehen, was ich meine. Manchmal hatte ich das Gefühl, mit zehn Bällen gleichzeitig zu jonglieren, und war froh, dass ich immer wieder Hilfe von meinem Bruder bekommen habe. Mit ihm habe ich bereits die "Signal"-Trilogie geschrieben und er konnte mir mit seinem wachen Verstand und gleichzeitig seiner schriftstellerischer Erfahrung helfen, wenn ich verzweifelt war und mich in meinem eigenen Gedankenlabyrinth verloren habe. Vierzig Prozent der Arbeitszeit bestanden aus Nachdenken. Hilfreich war natürlich auch, dass mein Lektor Andy Hahnemann äußerst präzise und konstruktiv mitgewirkt hat. Um nicht zu allgemein zu sein bei meiner Antwort: Zu den größten Herausforderungen zählten für mich die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der virtuellen Welt, die im Buch eine besondere Rolle einnimmt. Die stellt man ja auf, damit sie eingehalten werden, und so musste ich ein komplexes Geflecht im komplexen Geflecht überblicken, um Logikbrüche zu vermeiden. Das hat mich teilweise ganz schön ins Schwitzen gebracht.

Du hast vor einigen Jahren eine Weltreise gemacht. Inwiefern beeinflussen dich die Erfahrungen und Erlebnisse dieser Zeit beim Schreiben?

Meine Freundin und ich haben im Iran im Gefängnis gesessen, wurden für NATO-Spione gehalten, nachts in Usbekistan von bewaffneten Schmugglern überrascht und sind nur knapp einem Kidnapping entkommen. Jetzt könnte man den Eindruck bekommen, die Welt sei ein gefährlicher Ort, aber das Gegenteil war der Fall: Besonders vom Isthmus von Korinth bis in die tiefste Mongolei waren 99,9 Prozent der Menschen unglaublich gastfreundlich, hilfsbereit und herzlich. Wir würden und werden auch wieder in den Iran reisen. Diejenigen, die am wenigsten hatten, haben uns am meisten gegeben. Unser Planet ist voller fantastischer Menschen, darum versuche ich stets, viele verschiedene Handlungsorte zu haben und etwas von der Kultur dort greifbar zu machen. Obwohl ich die Schere zwischen Arm und Reich (Beispiel Europa gegenüber Zentralasien, wo es oftmals kein fließendes Wasser und nur rationierten Strom gab) selbst miterleben musste, habe ich dadurch die Erkenntnis gewonnen, dass der Mensch grundsätzlich gut sein will, wenn man ihm das ermöglicht. Darum sind meine Romane zwar zumeist mahnend-dystopisch, aber doch letztendlich immer mit der Hoffnung versehen, dass am Ende alles gut werden kann. Das Zeug dazu haben wir.

Verrätst du uns, woran du gerade arbeitest und worauf sich deine Leser*innen freuen können?

Aktuell arbeite ich am zweiten Band von "Teleport". Der Erste erscheint am 1. Mai und es geht um ein ausgegrabenes außerirdisches Artefakt, das ein internationales Wissenschaftlerteam für ein uraltes Tor zu den Sternen hält. Ob das stimmt, ist allerdings nicht sicher und schon bald müssen sie sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, das mysteriöse Objekt tief unter der Erde zu lasen ...

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