28 Bände SF Personality in 26 Jahren: Hardy Kettlitz im Interview

INTERVIEW

28 Bände SF Personality in 26 Jahren: Hardy Kettlitz im Interview


Der Berliner Kleinstverlag Memoranda stellt in seiner Reihe "SF Personality" die Klassiker der Science-Fiction-Literatur vor – ganz frisch das neu aufgelegte Porträt von Ray Bradbury. Udo Klotz hat mit Autor und Verleger Hardy Kettlitz über das Büchermachen in der Science-Fiction-Szene gesprochen.

Hallo, Hardy! Deine SF Personality-Reihe verfolgt den ungewöhnlichen Ansatz, alle Werke eines Autors oder einer Autorin zu besprechen und zusammen mit einer kurzen Biographie dem Leser in einem Buch vorzustellen. Wie kam es zu dieser Idee?

Ursprünglich hatte ich nicht vor, eine Buchreihe herauszugeben, sondern mich nur mit einem einzigen Autor zu beschäftigen, von dem ich in meiner Jugend eine ganze Reihe von Heftromanen gelesen hatte, nämlich mit dem 1896 geborenen Murray Leinster. 1993 hatte ich in einem Science-Fiction-Antiquariat in London einen ganzen Stapel alter Pulp-Magazine entdeckt, in denen jeweils Kurzgeschichten von ihm enthalten waren. Je mehr ich mich mit Leinster beschäftigte, desto interessanter fand ich ihn. Nicht wegen der literarischen Qualität der Geschichten, sondern weil er zu den Pionieren der frühen Pulp-Ära gehörte und ähnlich wie Edmond Hamilton eine erstaunlich kreative – wenn auch naive – Phantasie zeigte. Herausgekommen ist dabei ein 60 Seiten umfassendes Heft, das ich damals als Sonderheft zu unserem Magazin ALIEN CONTACT veröffentlichte. Es trug noch nicht einmal die Nummer 1, aber noch im selben Jahr schrieb ich bereits eine zweite Ausgabe, diesmal über das Autorenehepaar C. L. Moore und Henry Kuttner.

Hattest Du damals schon die Vision, dieses Projekt über Jahrzehnte zu verfolgen und damit nach und nach eine umfangreiche Reihe zu erstellen?

Über kommende Jahrzehnte hatte ich damals nicht nachgedacht, aber ich hatte durchaus vor, noch einige weitere Bände zu verfassen. Für die ersten Bände haben wir uns zumeist Autoren ausgewählt, deren Werk nicht allzu umfangreich ist, wie zum Beispiel Leigh Brackett, Edgar Pangborn, Cordwainer Smith oder George R. R. Martin, an dessen »Lied von Eis und Feuer« damals noch nicht zu denken war. In den vier Jahren von 1994 bis 1997 erschienen immerhin neun Ausgaben, danach wurden die Abstände größer, weil wir uns ambitioniertere Projekte vorgenommen hatten. Und ich will ganz ehrlich sein, die SF-Personality-Reihe ist auch eher ein »Nebenhobby«, da ich über die Jahre hinweg in viele andere Magazin- und Buchprojekte bei Edition Avalon, Shayol, Golkonda und neuerdings bei Festa und Memoranda eingebunden war und bin.

Du hast schon sehr früh Mitstreiter gefunden, die einzelne Bände allein oder mit dir zusammen erstellt haben. Wie hast Du sie »rekrutiert«, und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Eigentlich habe ich sie am Anfang gar nicht rekrutiert, sondern sie sind auf mich zugekommen und wollten selbst einzelne Ausgaben verfassen. Das hat mich natürlich sehr gefreut, und so entstanden zum Beispiel Ausgaben über William Tenn, Gustav Meyrink und Marion Zimmer Bradley. Die ersten echten Zusammenarbeiten waren Bände über Michael Moorcock und Jack Vance. Dafür haben sich die Co-Autoren zusammengesetzt, wir haben eine Werkliste zusammengestellt und dann die einzelnen Romane und Erzählungen untereinander aufgeteilt. Es ist mir wichtig zu betonen, dass wir alle besprochenen Werke tatsächlich gelesen und nur ergänzend auf Sekundärliteratur zurückgegriffen haben.

Irgendwann im Jahr 2004 meldete sich Christian Hoffmann bei mir und schicke ein Manuskript über John Sladek. Ich kannte Christian damals schon einige Jahre, weil ich Ende der 1990er-Jahre eine Erzählung von ihm in ALIEN CONTACT veröffentlicht hatte. Jedenfalls entwickelte sich aus diesem Kontakt eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit, aus der bisher drei gemeinsame Bücher entstanden sind, nämlich über Fritz Leiber, Robert Sheckley und zuletzt über Harry Harrison.

Murray Leinster
Hardy Kettlitz
Die vergessenen Science-Fiction-Klassiker

Nach welchen Kriterien wählst Du die Autoren aus?

Eine SF Personality-Ausgabe zu erstellen bedeutet eine Menge Arbeit. Man muss viel Zeit investieren und oftmals Tausende Seiten lesen. Daher wählte ich mir Autoren aus, deren Gesamtwerk ich gelesen haben will und von denen ich mir für mich persönlich Lesespaß verspreche. Zum Beispiel, sämtliche Kurzgeschichten von Robert Sheckley zu lesen, war eine große Freude, ebenso das Gesamtwerk von Ray Bradbury. Es gibt eine Reihe eher wissenschaftlich oder technisch orientierte Autoren, deren Werk mich weniger interessiert, um die mache ich dann eher einen Bogen.

Manchmal stimmt es mich traurig, wenn ich mich mit jüngeren SF-Leser unterhalte und sie noch nie von Schriftstellern wie Clifford D. Simak, Jack Vance oder Alfred Bester gehört haben, einfach weil diese Autoren seit Jahrzehnten so gut wie nicht mehr in Deutschland verlegt werden. Dabei gibt es auch bei älteren Autoren eine Menge Interessantes zu entdecken. Ich habe die Hoffnung, durch die SF Personality-Reihe ein Stück weit die Erinnerung an die Wegbereiter des SF-Genres wachzuhalten.

Ist das nicht eine sehr herausfordernde Vorgabe, dass alle Werke eines Autors oder einer Autorin vorgestellt werden sollen, inklusive der nicht ins Deutsche übersetzten? Hat das auch schon mal dazu geführt, ein Projekt nicht zu machen?

In den ersten zehn Jahren der Reihe war es schlicht nicht möglich, alle nicht übersetzten Werke eines Autors zu finden, sodass hauptsächlich die ins Deutsche übertragenen Romane und Erzählungen vorgestellt wurden. Auch heute, in Zeiten von E-Books und Online-Antiquariaten, kann man nicht jede in einem obskuren Fanzine oder Pulp-Magazin erschienene Geschichte auftreiben. Aber seit Band 15 (erschienen 2004) wurden auch die meisten nicht übersetzten Werke der jeweiligen Autoren vorgestellt.

Ein Projekt nicht umzusetzen, weil nicht alle Werke vorlagen oder übersetzt waren, ist mir noch nicht passiert. Es dauert dann einfach nur länger als ursprünglich geplant. An dem Buch über Isaac Asimov habe ich zehn Jahre gearbeitet. Natürlich nicht hintereinander, denn über lange Zeit hinweg nur Asimov zu lesen macht auch keinen Spaß. Aber es gibt mehrere andere Autoren, die sich umfangreiche Werke einzelner Schriftsteller vorgenommen haben und dann einfach an der Menge des Lesestoffs und der Recherche- und Schreibarbeit gescheitert sind. Ich werde hier natürlich keine Namen nennen. Aber das ist der Grund, warum zum Beispiel bisher kein Buch über John Brunner oder Arthur C. Clarke erschienen ist.

Welches Komplettwerk war am schwierigsten zu dokumentieren und zu besprechen, welcher SF Personality Band hat Dich vor die größten Herausforderungen gestellt?

Die größte Herausforderung war zweifellos Isaac Asimov. Dessen Werk ist so unglaublich umfangreich, dass allein das Lesen viele Jahre gedauert hat. Dabei habe ich hauptsächlich die SF-Werke von ihm gelesen, aber auch die Krimis, Fantasy-Geschichten und einige Sachbücher. Aber es hat sich gelohnt. Asimov mag nicht der begnadetste Stilist gewesen sein, aber er war zweifellos ein hochintelligenter Mann mit zahllosen überraschenden Ideen und der Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte allgemeinverständlich zu erläutern.

Die ersten Bände erschienen noch als Fanzine, inzwischen sind es umfangreiche Bücher. 1994 war das Internet noch neu, und es gab keine Autorenwebseiten oder umfangreiche Onlinedatenbanken, heute findest Du zu vielen Novellen und Romanen Rezensionen im Netz. Wie hat sich die Arbeitsweise über die fast drei Jahrzehnte verändert?

Am Anfang jedes Projektes stehen das Sammeln von bibliografischen Daten und natürlich die Beschaffung der entsprechenden Werke. Das war in den 1990er-Jahren noch deutlich komplizierter als heute. Es gab eine Serie von britischen Bibliografien mit dem Titel »Galactic Central«, die von 1980 bis 2006 mit rund 200 Ausgaben erschienen ist, zusammengestellt von Gordon Benson Jr. und Phil Stephensen-Payne. Ich hatte bei mehreren Besuchen in London einen ganzen Stapel dieser Bibliografien gekauft und über Jahre hinweg losen E-Mail-Kontakt mit Phil Stephensen-Payne, der mich mit benötigten Informationen versorgt hat. Außerdem verfüge ich über eine umfangreiche Sammlung englischsprachiger Sekundärliteratur und Fanzines, die ich auch heute noch nutze. Natürlich hat das Internet vieles einfacher gemacht, nicht nur bei der Recherche bibliografischer und biografischer Daten, sondern vor allem auch bei der Beschaffung von Texten. Während es in den 1990er-Jahren sehr teuer war und Wochen gedauert hat, einen Stapel Bücher aus den USA zu bestellen, gibt es heute die meisten SF-Klassiker in günstigen E-Book-Ausgaben. Und viele Fanzines und Pulp-Magazine sind auch im Internet zu finden, dank solcher Organisationen wie The Fanac Fan History Project oder archive.org. Die zuverlässigsten Quellen sind schließlich immer noch die Originaltexte, auch wenn Sachbuchautoren wie Everett F. Bleiler, Mike Ashley, John Clute oder Brian W. Aldiss Bahnbrechendes für die Aufarbeitung der Geschichte des Genres geleistet haben.

Kurt Vonnegut
James Graham Ballard
Robert Silverberg

Die einzelnen Bände sind sehr ähnlich strukturiert. Gab es inhaltlich auch Veränderungen, Verbesserungen oder andere Schwerpunkte über die Jahre hinweg?

Zweifellos. Wie schon erwähnt, standen im Laufe der Jahre bessere Recherchequellen zur Verfügung. Hilfreich ist es natürlich auch, wenn Autobiografien der betreffenden Autoren existieren, aus denen man quasi aus erster Hand Hintergrundinformationen zu Leben und Werk extrahieren kann. Besonders lesenswert sind übriges die Autobiografien von Isaac Asimov, Frederik Pohl und Harry Harrison, da diese drei nicht nur Autoren waren, sondern auch Herausgeber von Anthologie und Magazinen und in der SF-Szene sehr gut vernetzt, demzufolge auch viel darüber zu erzählen hatten.

In einigen neueren Ausgaben gibt es neben den Werkbesprechungen auch Gastbeiträge anderer Autoren. So ist im neuen Buch über Harry Harrison beispielsweise ein Text von John Clute sowie die Erstveröffentlichung eines Harrison-Interviews von Arno Behrend enthalten.

Eine weitere wichtige Verbesserung über die Jahre hinweg sind die Bibliografien in den SF-Personality-Ausgaben. Anfangs waren sie sehr kurz gefasst, aber in den neueren Ausgaben sind die Bibliografien, die jeweils im Anhang zu finden sind, deutlich detaillierter. Dafür greifen wir seit Ausgabe 25 auf das Wissen von Joachim Körber zurück, der über viele Jahre hinweg Daten für das »Bibliographische Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur« gesammelt hat.

Wie war das Feedback bislang? Was hat Dich motiviert, immer weiterzumachen?

Das Feedback war überwiegend positiv. Manchmal melden sich Leser und bedanken sich für die Tipps und Leseanregungen in den Büchern oder wundern sich darüber, was ein Autor noch so alles geschrieben hat, obwohl sie nur eine Handvoll Werke kannten. Eine schöne Anerkennung der Arbeit war auch, dass mir die deutschen SF-Schaffenden im Jahr 2002 den Kurd-Laßwitz-Sonderpreis unter anderem für die Herausgabe der Reihe SF Personality zuerkannt haben. Meine hauptsächliche Motivation weiterzumachen ist aber die Neugierde auf so viele noch ungelesene Bücher von Schriftstellern, die mich sehr interessieren.

Du hast 2002 einen Sammelband mit fünf der frühen SF Personality Bände neu veröffentlicht und dieses Jahr den Band über Kurt Vonnegut Jr. in einer erweiterten Neuauflage herausgegeben. Wird es weitere Nachauflagen geben? Versuchst Du, auch die alten Bände vorrätig zu halten?

Die Bände bis Ausgabe 24 sind in Verlagen erschienen, die nicht mehr existieren, weshalb die leider nicht mehr lieferbar sind. Durch die Gründung des Memoranda Verlags im Januar 2020 habe ich die Buchreihe aber jetzt in eigener Hand. Lieferbar sind die Bücher über J. G. Ballard, Robert Silverberg, James Tiptree Jr., Kurt Vonnegut Jr. und Harry Harrison. Es wird ganz sicher auch Neuausgaben älterer Nummern geben, so zum Beispiel das Buch über Ray Bradbury. Nach und nach werden auch weitere Neuausgaben folgen, aber das braucht Zeit.

Was erwartet uns in Zukunft? Welche Autoren und Autorinnen nimmst Du mit deinem Bibliographie-Team als nächstes ins Visier? Ist für Band 30 etwas Besonderes geplant?

Seit einiger Zeit arbeite ich an einem Buch über den SF-Pionier und Space-Opera-Mitbegründer Jack Williamson. Wann das fertig wird, wage ich aber noch nicht zu prognostizieren. Wenn alles klappt, erscheint dieses Jahr SF Personality 29 über Philip K. Dick. Vier weitere Ausgaben von vier unterschiedlichen Autoren sind ebenfalls in Arbeit. Welchem Schriftsteller Band 30 gewidmet ist, hängt davon ab, welcher Autor als Erstes fertig wird. Lass dich also überraschen und schau gelegentlich mal auf die Verlagshomepage memoranda.eu.

Herzlichen Dank!

(Das Interview führte Udo Klotz.)

Hardy Kettlitz mit Hugo Award
James Tiptree Jr.

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