Cline – Ready Player Two – Übersetzungsteam

BUCH

Ausgefuchste SF-Expertise: Die Übersetzer*innen von Ready Player Two im Interview


Der neue Science-Fiction-Roman "Ready Player Two" von Kultautor Ernest Cline erzählt die Geschichte von Wade Watts und den High Fives weiter. Gleich drei Übersetzer*innen haben den Roman ins Deutsche übertragen. Im Interview mit Alexandra Jordan, Sara Riffel und Alexander Weber sprechen wir über das Wie und Warum und was Ernies Bücher so besonders macht.

Ernest Cline ist durch "Ready Player One" zum Kultautor geworden, vor allem in den USA. Habt ihr ihn als solchen auch in Deutschland wahrgenommen?

Alexander Weber: Ich muss gestehen, dass ich erst über den Film zum Buch und damit auch zum Autor gekommen bin. Ich denke aber, dass er mit der Spielberg-Verfilmung und dem Nachfolgeroman auf dem sicheren Weg ist, hierzulande einen ähnlichen Status zu erreichen wie in den USA.

Alexandra Jordan: Mir geht es da wie Alexander. Ich habe den Film gesehen, als er in die Kinos kam und dann als Vorbereitung auf die Übersetzung von "Ready Player Two" den ersten Roman in zwei Tagen komplett eingeatmet – und war dann entsprechend gespannt auf den zweiten Roman.

Sara Riffel: Ich habe 2012, zusammen mit Hannes Riffel, "Ready Player One" übersetzt, zunächst für Penhaligon. Wir waren damals schon begeistert von dem Buch, auch wenn es im Gegensatz zu den USA hierzulande noch nicht gleich den durchschlagenden Erfolg hatte. Dank der Verfilmung und der Neuauflage des Romans bei FISCHER Tor ist das Buch jetzt aber zum Glück auch bei uns auf dem Weg zu dem Kultstatus, den es meiner Meinung nach verdient!

Dass "Ready Player Two" schon jetzt im März auf Deutsch erscheint, ist allein eurem Dreierteam zu verdanken. Schließlich liegt auch das englischsprachige Manuskript noch gar nicht so lange vor. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

AW: Unser wunderbarer Lektor Andy Hahnemann hat uns drei zusammengebracht. Mit einer Übersetzerin wäre dieser frühe Termin ja leider nie zu schaffen gewesen. Ich denke, neben Sara, die ja eigentlich Ernest Clines Übersetzerin ist, hat Andy noch andere Leute gesucht, die er in irgendeiner Weise dafür geeignet hielt, etwa Alexandra, weil sie Gamerin, Computerspiel-Übersetzerin und ein wandelndes Tolkien-Lexikon ist, und ich, weil ich zu dem Zeitpunkt gerade in den letzten Zügen eines recht großen, thematisch verwandten Projekts gesteckt habe, über das ich an dieser Stelle aber noch nichts verraten darf …

AJ: Genau so war’s! Wir sind alle irgendwie Expert*innen auf einem oder mehreren Gebieten, die im Roman vorkommen, und es hat wirklich viel Spaß gemacht, sich an einem Text mal so richtig austoben zu können.

SR: Absolut! Zunächst spielte natürlich der Zeitfaktor eine große Rolle. Das Buch sollte schnellstmöglich auch auf Deutsch erscheinen. Da kam eigentlich nur eine Kooperation mehrerer Übersetzer*innen in Frage. Und dann war es auch eine tolle Erfahrung, einen solchen Übersetzungssprint mit zwei so kompetenten und auf den unterschiedlichsten Gebieten bewanderten Kolleg*innen zu meistern und sich im Laufe der Arbeit immer wieder zu verschiedenen Themen und Problemen auszutauschen.

Ich habe gehört, dass ihr teilweise gleichzeitig am und im Text gearbeitet habt. Verratet ihr uns, wie ihr vorgegangen seid?

AW: Ja, diese Arbeitsweise war für mich auch absolutes Neuland: Wir haben zeitgleich in einem einzigen Google Doc gearbeitet, wenn auch an anderen Stellen. Aber jeder hatte natürlich seine eigenen Kapitel. Trotzdem konnte man sich einfach in andere Textteile klicken und sehen, wie sich dort das Buch wie von Geisterhand selbst schrieb und wie weit die Kolleginnen schon waren – was einen manchmal ganz schön unter Druck setzen konnte, wenn man gerade einen Hänger hatte. Aber es konnte genauso gut inspirierend sein zu sehen, wie einem anderen eine ganz tolle Passage gelungen war. Natürlich gab es auch andere Dokumente  und Glossare, auf die alle zugreifen und über die wir uns jederzeit bei Problemen austauschen konnten – und selbstverständlich die heute üblichen Videokonferenzen.

AJ: Für mich war die Zusammenarbeit im Google Doc super angenehm, weil ich Übersetzungen sehr gerne als Gruppenprojekte angehe. Natürlich haben wir mit dem Lesen immer gewartet, bis der jeweilige Teil auch als fertig markiert war. Dann hatte ich aber viel Freude daran, die Arbeit der anderen beiden zu lesen und habe dabei auch einiges mitnehmen können.

SR: Ich habe auch früher schon gemeinsam mit anderen Übersetzer*innen an Büchern gearbeitet, die Verwendung von Google Docs war für mich aber trotzdem eine neue Erfahrung. Und auch der direkte und zeitnahe Austausch mit den anderen bei unseren wöchentlichen Videokonferenzen, den ich sehr motivierend fand. Statt wochenlang allein am PC zu arbeiten und am Ende ein Feedback vom Lektor oder der Lektorin zu bekommen, wie es bei Übersetzungen meistens der Fall ist, bekam man hier gleich ein Feedback von den anderen, konnte sich gegenseitig Anregungen geben und die dann sofort im Text umsetzen.

Was sind die Vor- und Nachteile bei der Arbeit im Team?

AW: Der große Vorteil ist, dass man enorm vom Wissens- und Erfahrungsschatz der anderen profitiert, gerade wenn man wie in meinem Fall mit so ausgefuchsten SF-Expertinnen zusammenarbeitet. Und du kannst laut "Hilfe" rufen, wenn du bei einem oft ganz simplen Problem komplett auf dem Schlauch stehst. Schwierigkeiten mit Tandem- oder Team-Übersetzungen kriegen meines Wissens eher Kontrollfreaks, die gezwungen werden, Dinge gemeinsam zu klären und Kompromisse zu machen. Die Leser*innen können von Teamwork in der Regel nur gewinnen: Schließlich ist es bei drei Leuten viel wahrscheinlicher, dass einer oder einem davon die beste, wirklich zündende Idee für die Übersetzung einer Passage einfällt.

AJ: Wie oben schon angeklungen ist für mich einer der großen Vorteile an Teamprojekten der Erfahrungszuwachs. Wenn man alleine an einer Übersetzung sitzt, kocht man sein eigenes Süppchen und darf im Zweifelsfall nicht mal darüber reden, sodass keine Möglichkeit gibt, jemanden zu fragen, ob man diesen Begriff in diesem Kontext auf Deutsch auch wirklich so verwendet, oder ob man sich mit jener Formulierung zu weit vom Ausgangstext gelöst hat oder zu sehr dran klebt. Ich find’s immer super, wenn mich mal jemand aus meinem Film rausholt und mir einen anderen Blick auf den Text ermöglicht. Da wir alle an einem Dokument gearbeitet haben, konnte ich eben hochscrollen und hatte dadurch wieder genug Abstand, um frisch an meine Teile herangehen zu können.
Ein kleiner Nachteil war das Dokument selber, das mit zunehmender Textlänge immer latenzanfälliger wurde, aber davon bekommen die Leser*innen ja nichts mit.

SR: Von der Team-Arbeit kann man selbst und auch der Text meiner Erfahrung nach nur profitieren. Es ist eine tolle Sache, gemeinsam an der Terminologie oder auch an einzelnen Passagen eines Textes zu basteln, bis man das Gefühl hat, gemeinsam die bestmögliche Variante gefunden zu haben. Gerade bei einem Buch wie "Ready Player Two", in dem es von popkulturellen Anspielungen nur so wimmelt, ist es super, wenn man auf das Wissen und den Erfahrungsschatz der anderen zurückgreifen kann, um nichts zu übersehen. 

Die Serie im Überblick

Ernest Cline "Ready Player One"
Ernest Cline "Ready Player Two"

Aber jetzt mal inhaltlich: "Ready Player One" (RP1) war ja eigentlich als eigenständiger Roman gedacht und als solcher auch total rund. Nun setzt "Ready Player Two" (RP2) die Geschichte rund um Wade Watts und die Oasis fort. Ist die Fortsetzung gelungen?

AW: Ich finde schon. Besonders interessant fand ich, dass Cline nicht einfach das Schema von RP1 wiederholt, sondern Wade zu einem komplexeren Charakter heranwachsen lässt, der auch negative und wenig sympathische Seiten zeigt. Anfangs wirkt es fast, als wolle Cline das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende des Vorgängers richtiggehend dekonstruieren. Trotzdem kommen natürlich alle SF-, Gaming- und 80er-Quest-Freaks voll auf ihre Kosten. Ein echter Cline eben. Durch und durch.

AJ: Ich habe mich, nachdem ich den ersten Band beendet hatte, auch gefragt, wo Cline denn mit dem zweiten Teil ansetzen will, wie er die Geschichte weiterführen will – zum Glück konnte ich ja von RP1 direkt zu RP2 übergehen und habe einfach nahtlos weiter gelesen. Der zweite Teil hat mich genauso gepackt wie der erste und ich kann Alexander nur zustimmen: Cline hätte 1:1 kopieren können, aber stattdessen hat er seine Welt ausgebaut und vergrößert und seinen Figuren erlaubt, sich weiterzuentwickeln. Das Leben jedes High-Five-Mitglieds hat sich zum Ende des ersten Teils ja drastisch verändert, und mit dieser Veränderung müssen sie erst klarkommen. So sind sie für mich noch glaubhafter geworden.

SR: Ich finde auch, dass RP2 ein gelungener Nachfolger des ersten Bandes ist. Die Geschichte wird logisch fortgeführt und auf ein ganz neues Level gehoben. Die Figuren des ersten Bandes, die den Leser*innen ans Herz gewachsen sind, allen voran Wade, machen eine spannende Entwicklung durch, werden erwachsener und vielschichtiger. Und auch die Welt von RP1 wird weiterentwickelt. Cline hat hier viele tolle, verrückte Ideen, die beim Lesen Spaß machen.

Ich stelle mir ja – selbst als SF-Geek – vor, dass es eine ganz schöne Herausforderung ist, die ganzen Trivia, Anspielungen und Easter Eggs, die Cline in seinen Romanen verbaut, ins Deutsche zu übertragen. Was waren die größten Hürden bei der Übersetzung?

AW: Als größte Herausforderung empfand ich, alles so zu übersetzen, dass es für die deutsche Leserschaft genauso funktioniert wie für die englischsprachige: Gereimte Rätsel, knifflige Wortspiele oder Querverweise innerhalb des Romans und zum Vorgänger mussten identifiziert und irgendwie übertragen werden. Oft genug waren wir gezwungen, selbst kreativ zu werden, weil es zum Beispiel nicht für alle Redewendungen Äquivalente gibt. Da muss man dann eher den "Spirit" des Originals übersetzen als den direkten Wortlaut.  Aber natürlich hatte ich immer auch Angst, dass mir mal eine Anspielung durchrutscht. Was die Eighties-Trivia betrifft, kam mir allerdings zugute, dass ich selbst Mitte der 1980er als Austauschschüler ein Jahr in den USA verbracht habe – lustigerweise nur wenige Kilometer von Middletown, Ohio, entfernt, wo der fiktive OASIS-Erfinder James Halliday aufwächst. Ich kannte damals auf der Highschool tatsächlich solche Mega-Nerds wie ihn. Die gesamte Achtzigerjahre-Popkultur, die John-Hughes-Filme, die MTV-Clips, die Mixtapes mit den Smiths-Songs usw. kenne ich wirklich gut.

AJ: Ich habe bei der Übersetzung tatsächlich nochmal alles geprüft. Namen aus dem Herr-der-Ringe-Universum, Feinheiten aus Computerspielen, die lange vor meiner Zeit veröffentlicht wurden … Ich wollte sichergehen, dass die deutschen Leser*innen das Gefühl bekommen, das man beim Lesen des englischen Romans hat: Cline spricht genauso fließend Nerd wie du. Mir ist sowas persönlich immer sehr wichtig, deswegen habe ich besonders darauf geachtet. Die Recherche war nicht ohne, aber vermutlich könnte man mich jetzt um 3 Uhr morgens wecken und mich nach einem Lied aus dem Silmarillion fragen, und ich könnte es auf Sindarin singen.

SR: Das Wichtigste bei einem solchen Roman ist natürlich erstmal, wie Alexandra sagt, den lockeren, nerdigen Ton auch auf Deutsch gut rüberzubringen. Es muss eine bestimmte Coolness besitzen, ohne aufgesetzt zu klingen. Und natürlich muss man höllisch aufpassen, dass einem keine der vielen Anspielungen entgeht. Bei Filmzitaten, die ja im Roman reichlich vorkommen, ist leider manchmal das Problem, dass die deutsche Synchro nur entfernt mit dem Original übereinstimmt. Und dass dann etwas im Kontext des Romans einfach nicht passt. Da steht man vor der Wahl: Wörtlich übernehmen oder doch etwas Eigenes daraus machen. Wir haben da von Fall zu Fall entschieden und manches behutsam angepasst.

Gab es Highlights für euch im Übersetzungsprozess?

AW: Ich habe endlich mal wieder jede Menge alte Prince-Songs hören dürfen. Echt klasse. Und ich konnte mir auf Verlagskosten "Ghostbusters" ansehen!

AJ: Der "Herr der Ringe"-Teil! Ich hatte zu der Zeit, als die Mail zu RPT kam, super viel mit einem anderen Projekt zu tun und wollte eigentlich nur die Trilogie bingen, um ein bisschen Wirklichkeitsflucht betreiben – und dann war einfach genau das Teil meiner Arbeit. Für mein Fan-Herz der pure Luxus.

SR: Für mich waren es die Filme von John Hughes. Ich war überrascht, wie viele von ihnen, zum Beispiel "L.I.S.A." oder auch "Kevin – Allein zu Haus", ich in meiner Jugend gesehen hatte, ohne damals natürlich Hughes als Regisseur oder Drehbuchautor zu kennen. Gleichzeitig gab es aber auch einige absolute Klassiker von ihm wie "Ferris macht blau", die ich noch nicht kannte und diese Bildungslücke bei der Filmzitate-Suche jetzt schließen konnte. Der Geist der 80er, den diese Filme ausstrahlen, ist einfach unübertroffen! Und davon abgesehen sind sie auch heute noch sehr unterhaltsam.

Würdet ihr euch wieder auf solch ein Übersetzungsabenteuer einlassen?

AW: Jederzeit! Das nächste Mal vielleicht mit einem extra Spesenkonto für Espresso mitten in der Nacht … Nein, aber im Ernst. So abenteuerlich und schlafraubend es auch war, es hat wirklich eine Menge Spaß gemacht.

AJ: Aber klar! Es war eine tolle Erfahrung, mit zwei so erfahrenen Kolleg*innen zu arbeiten, und der Roman war so packend, dass ich das sofort wieder machen würde.

SR: Auf jeden Fall! Die Arbeit im Team hat super viel Spaß gemacht und ging dabei viel leichter (und dreimal so schnell!) von der Hand. Ich wäre sofort wieder dabei!

Wisst ihr schon, ob es Ready Player Three geben soll?

AW: Nein, aber die Ideen scheinen Ernest Cline zumindest nicht auszugehen. Und wenn Steven Spielberg bei der Verfilmung von RP2 wieder einsteigt, wer weiß?

AJ: Ich habe noch nichts davon gehört, aber wenn Ernest Cline ihn schreibt und er so wird, wie die ersten beiden Teile, kann er gar nicht schnell genug kommen.

SR: Ich würde sagen: Aller guten Dinge sind drei! Ob es dazu allerdings schon konkrete Pläne gibt, wer weiß? Ich glaube aber, dass Ernest Cline immer für eine Überraschung gut ist und sicherlich noch die eine oder andere Idee in der Schublade hat.

Vielen Dank!

Über die Übersetzer*innen

Seit den ersten Erfahrungen mit Windows 95 und "Age of Empires II" ein ganz großer Nerd und seit der 5. Klasse mehr auf Englisch als auf Deutsch unterwegs: Alexandra Jordan ist ein sprachverliebter Nerd und vereint beides in ihrem Beruf als Übersetzerin für Literatur ("88 Namen", "Ready Player Two") und Videospiele. In ihrer Freizeit verbringt sie viel Zeit in Temerien, Skyrim oder auf der Citadel und backt genug für eine ganze Familie.

Sara Riffel studierte Amerikanistik, Anglistik und Kulturwissenschaft an der Freien Universität und der Humboldt-Universität Berlin. Während des Studiums begann sie, aus dem Englischen zu übersetzen, und arbeitet seither als freie Literatur- und Sachbuchübersetzerin, Lektorin und Korrektorin. 2009 erhielt sie den Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie Beste Übersetzung. Sie lebt und arbeitet in Brandenburg.

Alexander Weber, geboren 1969 in Bangalore (Indien), ist promovierter Anglist, hat als Universitätsdozent, Musiker und Verlagslektor gearbeitet und lebt heute als freiberuflicher Literaturübersetzer mit seiner Familie in Berlin. Er hat unter anderem Werke wie "Twelve Years a Slave" und "House of Cards" ins Deutsche übertragen.

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