ES MUSS NICHT SO SEIN, WIE ES IST

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ESSAY

Essay von Ursula K. Le Guin: Es muss nicht so sein, wie es ist


Ursula K. Le Guins »Erdsee«-Saga prägte die Phantastik enorm. Doch noch immer steht der Eskapismusvorwurf im Raum, wenn man über Fantasy spricht. In diesem Essay reflektiert die Grande Dame der Fantasy über die Funktionsweisen der phantastischen Literatur und setzt sie in Beziehung zur Naturwissenschaft.

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Juni 2011

»[Das Feenland erkennt man daran,] dass es zwar unvorstellbar ist, zwei plus eins könnte dort etwas anderes als drei ergeben, aber es ist durchaus vorstellbar, dass die Bäume keine Früchte tragen; man kann sich vorstellen, dass an ihnen goldene Kerzenleuchter wachsen, oder Tiger, die an ihren Schwänzen von den Zweigen hängen.«

Dieses Zitat von G. K. Chesterton stammt aus einem interessanten Artikel von Bernard Manzo im Times Literary Supplement vom 10. Juni 2011 (Manzo hat keine Angabe zum Fundort des Zitats in Chestertons Schriften gemacht). Es brachte mich zum Nachdenken darüber, wie phantastische Literatur funktioniert, vom Volksmärchen bis zur Fantasy, und mich zu fragen, wie sie zu den Naturwissenschaften in Beziehung steht, wobei ich darauf erst gegen Ende dieses Textes eingehen werde.

Eine phantastische Geschichte kann zwar die Gesetze der Physik außer Kraft setzen – Teppiche fliegen, Katzen werden unsichtbar, allein ein Grinsen bleibt zurück – und auch die Gesetze der Wahrscheinlichkeit – immer bekommt der jüngste von drei Brüdern die Braut, und der Säugling, der in einem Korb dem Fluss überlassen wurde, bleibt unversehrt. Doch weiter geht die Revolte gegen die Realität nicht. Die mathematische Ordnung wird nicht infrage gestellt. Zwei und eins ergibt drei, in Koschtscheis Schloss und in Alice’ Wunderland (im Wunderland ganz besonders). Die euklidische Geometrie – oder vielleicht die Riemann’sche, irgendeine Geometrie jedenfalls – bestimmt die Grundzüge. Andernfalls würde Inkohärenz die Erzählung durchdringen und sie lähmen.

Hierin liegt der Hauptunterschied zwischen kindlichen Imaginationen und literarischen. Das Kind, das »eine Geschichte erzählt«, bewegt sich zwischen dem Ausgedachten und dem Halbverstandenen, ohne den Unterschied zu kennen; der Klang der Worte und das reine, nicht zielgerichtete Spiel der Phantasie sind ihm genug, und darin liegt auch der Reiz. Phantastische Erzählungen, ob nun Volksmärchen oder anspruchsvolle Literatur, sind jedoch Geschichten im erwachsenen, anspruchsvollen Sinn. Sie können bestimmte physikalische Gesetze ignorieren, nicht aber die Gesetze der Kausalität. Sie können hier beginnen und dort hinführen (oder wieder zurück hierher), und obwohl die Art der Reise ungewöhnlich sein kann und hier und dort überaus exotische und fremdartige Orte sein mögen, müssen sie doch beide auf der Landkarte der erfundenen Welt liegen und einen Bezug zur Karte unserer Welt haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird der Hörer oder Leser der Geschichte orientierungslos in einem Meer von Ungereimtheiten treiben, oder, noch schlimmer, er ertrinkt im seichten Tümpel schriftstellerischen Wunschdenkens.

Es muss nicht so sein, wie es ist. Das ist die Aussage der Fantasy. Sie sagt nicht: »Alles ist möglich« – das wäre Verantwortungslosigkeit, wenn zwei und eins fünf ergibt, oder siebenundvierzig oder was auch immer und die Geschichte nicht »aufgeht«, wie es heißt. Fantasy sagt nicht: »Nichts ist« – das wäre Nihilismus. Und sie sagt nicht: »So sollte es sein« – das wäre Utopismus, eine andere Geschichte. Fantasy ist nicht beschönigend. Das Happy End, wie sehr es dem Leser auch gefallen mag, betrifft nur die Figuren; es handelt sich um Fiktion, nicht um eine Prognose und nicht um ein Rezept.

Es muss nicht so sein, wie es ist, das ist eine spielerische Aussage, die in fiktionalen Geschichten getroffen wird, ohne den Anspruch, selbst wahr zu sein. Gleichwohl ist es eine subversive Aussage.

Subversion gefällt all jenen nicht, die das Gefühl haben, sich gut ans Leben angepasst zu haben, und die daher wollen, dass die Dinge immer so bleiben, wie sie sind; oder auch Menschen, die von einer Autorität Bestätigung brauchen, dass die Dinge so sind, wie sie sein müssen. Fantasy stellt nicht nur die Frage: »Was wäre, wenn die Dinge nicht so weitergehen wie bisher?«, sondern zeigt auch, wie die Dinge sein könnten, wenn sie sich anders entwickeln würden – und damit rüttelt sie an den Grundfesten der Überzeugung, dass die Dinge so sein müssen, wie sie sind.

Hier geraten Imagination und Fundamentalismus in Konflikt miteinander.

Eine vollständig erdachte imaginäre Welt ist ein geistiges Konstrukt, das in vielerlei Hinsicht einer religiösen oder einer anderen Kosmologie ähnelt. Diese Ähnlichkeit kann, wenn sie bemerkt wird, für einen orthodoxen Geist zutiefst beunruhigend sein.

Wenn eine fundamentale Überzeugung bedroht wird, dann ist die Reaktion darauf wahrscheinlich Wut oder Abschätzigkeit – es heißt entweder »Abscheulich!« oder »Unsinn!«. Für religiöse Fundamentalisten, deren rigide Realitätskonstrukte erzittern, wenn sie infrage gestellt werden, ist Fantasy »abscheulich«. Und für pragmatische Fundamentalisten, die die Realität auf das unmittelbar Wahrnehmbare und das unmittelbar Nutzbringende begrenzen wollen, ist sie »Unsinn«. Alle Fundamentalisten setzen dem Gebrauch der Vorstellungskraft enge Grenzen, außerhalb derer die Imagination des Fundamentalisten selbst Amok läuft und fürchterliche Wüsten evoziert, in denen Gott und die Vernunft und der kapitalistische Lebensstil verschwunden sind; nächtliche Wälder, in denen Tiger an ihren Schwänzen von den Bäumen hängen und mit ihrer Flammenpracht den Weg zum Wahnsinn leuchten.

Diejenigen, die Fantasy weniger entschieden ablehnen, von einem weniger absoluten Standpunkt aus, bezeichnen sie meist als träumerisch oder als eskapistisch.

Traum und phantastische Literatur haben nur auf einer sehr tief liegenden, uns meist nicht zugänglichen Ebene des Geistes miteinander zu tun. Der Traum wird nicht vom Intellekt kontrolliert, seine Geschichten sind irrational und instabil, und sein ästhetischer Wert ist meist zufällig. Phantastische Literatur muss, wie alle Wortkünste, sowohl intellektuell als auch ästhetisch befriedigen. Fantasy ist, so seltsam es klingt, eine sehr rationale Angelegenheit.

Was den Vorwurf der Realitätsflucht betrifft: Was bedeutet Flucht? Flucht vor dem wirklichen Leben, vor Verantwortung, Ordnung, Pflicht, frommem Lebenswandel, das ist diesem Vorwurf implizit. Doch niemand würde ins Gefängnis fliehen, es sei denn, er hätte völlig den Verstand verloren. Die Richtung einer Flucht ist die zur Freiheit. Worauf bezieht sich also der Vorwurf des »Eskapismus«?

Warum sind die Dinge so, wie sie sind? Müssen sie so sein? Wie könnten sie sein, wenn sie anders wären?« Diese Fragen zu stellen, bedeutet, die Kontingenz der Realität anzuerkennen oder zumindest den Gedanken zuzulassen, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit unvollständig sein kann, unsere Interpretation von ihr willkürlich oder falsch.

Ich weiß: Was ich sage, klingt für Philosophen naiv und kindisch, aber ich kann und will philosophischen Argumentationen gedanklich nicht folgen, daher muss ich im Naiven bleiben. Für einen normalen Menschen, dessen Denken nicht philosophisch geübt ist, kann die Frage »Müssen die Dinge so sein wie sie sind/so, wie sie hier und jetzt sind/so, wie man es mir erzählt hat?« wichtig sein. Eine Tür zu öffnen, die vorher geschlossen war, ist ein wichtiger Schritt.

Diejenigen, die einen Status quo aufrechterhalten und verteidigen, sei er politisch, sozial, ökonomisch, religiös oder literarisch, mögen phantastische Literatur verunglimpfen, verteufeln oder abtun, weil sie – mehr als alle anderen Arten von Texten – von Natur aus subversiv ist. Sie hat sich über viele Jahrhunderte als nützliches Instrument des Widerstands gegen Unterdrückung erwiesen.

Doch wie Chesterton aufgezeigt hat, schreckt Fantasy vor nihilistischer Gewalt zurück, vor der Auslöschung aller Gesetze und dem Abbrechen aller Brücken hinter sich. (Wie Tolkien hat Chesterton phantastische Literatur verfasst und war praktizierender Katholik und sich daher der Spannungen und Grenzen womöglich besonders bewusst.) Zwei und eins ergibt drei. Zwei der Brüder bestehen das Abenteuer nicht, dem dritten gelingt es. Auf Aktion folgt Reaktion. Schicksal, Glück, Notwendigkeit sind in Mittelerde genauso verbindlich wie auf Kolonos oder in South Dakota. Die phantastische Erzählung beginnt hier und endet dort (oder wieder hier), wohin die subtilen und unhintergehbaren Maßgaben und Zwänge der Erzählkunst sie geführt haben. Tief unten beim Muttergestein sind die Dinge so, wie sie sein müssen. Allein darüber, über dem Muttergestein, muss nichts so sein, wie es ist.

Fantasy hat nichts an sich, vor dem man sich fürchten muss, es sei denn, man hat Angst vor der Freiheit, die in der Ungewissheit liegt. Deshalb ist es für mich schwierig, mir vorzustellen, dass Fantasy jemandem, der Naturwissenschaften mag, nicht gefallen könnte. Beide beruhen in so hohem Maße auf dem Eingeständnis von Ungewissheit, der offenen, akzeptierenden Haltung gegenüber unbeantworteten Fragen. Natürlich stellt sich der Wissenschaftler die Frage, wie es kommt, dass die Dinge so sind, wie sie sind; es geht ihm nicht darum, sich vorzustellen, wie sie andernfalls sein könnten. Aber sind diese beiden Fragen Gegensätze oder miteinander verwandt? Wir können die Realität nicht unmittelbar infrage stellen, sondern nur, indem wir unsere Konventionen, unseren Glauben, unsere Orthodoxie, unser Realitätskonstrukt hinterfragen. Alles, was Galilei und Darwin sagten, war: »Es muss nicht so sein, wie wir gedacht haben.«

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Deutsch von Anne-Marie Wachs

© 2017 by Ursula K. Le Guin
für die deutsche Ausgabe: © 2018 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG.

Erschienen in: Ursula K. Le Guin: »Keine Zeit verlieren. Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen«. Golkonda Verlag 2018.

Alle Rechte vorbehalten.

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