Making-of „Exit this City“

BUCH

Von der Kurzgeschichte zum Roman: Das Making-of von »Exit this City«


Jedes Buch entsteht auf einmaligem Wege. Die Geschichte zum Climate-Fiction-Roman »Exit this City« ist besonders anschaulich. Autorin Lisa-Marie Reuter berichtet anhand zahlreicher Bilder von einem faszinierenden Prozess zwischen Indien und Deutschland, inspirierender Lektüre und Excel-Übersichten. Inklusive Fun Facts zum Buch!


Am Anfang von »Exit this City« stand der Climate-Fiction-Schreibwettbewerb, der unter dem Motto »Der Schnee von morgen« auf TOR ONLINE stattfand. Einen Tag vor Einsendeschluss reichte ich meine Kurzgeschichte »Tod einer Göttin« ein – und fand gut eine Woche später eine E-Mail-Antwort in meinem Postfach. Betreff: »Herzlichen Glückwunsch! Du hast gewonnen«.

Cli-Fi-Kurzgeschichte: Tod einer Göttin

© fotolia.com - B.Teerapong

»Tod einer Göttin« war die erste Geschichte, bei der ich mich von meinen Indienreisen hatte inspirieren lassen. Indien, Zukunft, Klimawandel – in meinen Augen waren das perfekte Cli-Fi-Zutaten. Da FISCHER Tor das ähnlich sah, fiel kurz darauf der Startschuss für »Exit this City«.

Inspiration gesucht.

Schauplatzbesuche sind die schönste Art der Recherche. Auf kaum einen Indienbesuch habe ich mich so sehr gefreut wie auf die Reise zum Auftakt von »Exit this City«. Wenn jeder Tag mit einem heißen Chai beginnt, sprudeln die Ideen von ganz allein.

All You Need for Breakfast is Chai

Vor 12 Jahren war ich zum ersten Mal in Delhi. Seitdem habe ich dort unzählige Kilometer in Motorrikschas, in der Metro und zu Fuß zurückgelegt und trotzdem nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt gesehen. Bevor es Smartphones gab, benutzten die Menschen Stadtpläne. Delhi ist so groß, dass der Stadtplan 315 Seiten hat und wie ein Buch gebunden ist. Meine Ausgabe stammt von 2011 und hat mich nicht nur vor Ort, sondern auch beim Schreiben von »Exit this City« durch den Großstadtdschungel gelotst.

Old Delhi, Schauplatz im Kapitel »Jalebi«
Delhi, Connaught Place
Nizamuddin, das Viertel in Süddelhi, in dem ich 2011 gewohnt habe
Nizamuddin, das Viertel in Süddelhi, in dem ich 2011 gewohnt habe
Delhi City Map – oben rechts ist die Gegend, in der Marti am Anfang des Kapitels »Jalebi« Ray trifft

Zu Hause in Deutschland konnte ich die meisten Schauplätze beim Spazierengehen erkunden. Es war eine schöne Erfahrung, die Orte durch die Augen meiner Protagonisten zu betrachten und mich von vielen altbekannten Dingen neu verzaubern zu lassen.

Das Käppele in Zeil am Main, Schauplatz im Kapitel »Diya«
Zeil am Main, Schauplatz im Kapitel »Murti«
Der Main bei Würzburg, Schauplatz im Kapitel »Khet«

Parallel zum Plotten und Schreiben habe ich eine Menge Bücher gelesen, in denen sich die Themen aus »Exit this City« auf die eine oder andere Weise widerspiegeln. Hier eine kleine Auswahl, alle mit Leseempfehlung:

  • Für den Rundumschlag in indischer Mythologie: R. K. Narayans Nacherzählungen der indischen Epen The Mahabharata, The Ramayana und die Legendensammlung Gods, Demons & Others
  • Für die wohldosierte Prise Exzentrik: Salman Rushdies Two Years Eight Months and Twenty-Eight Nights
  • Für die meditative Schreibstimmung: Die 2000 Seiten starke Familiensaga Eine gute Partie von Vikram Seth
  • Für den Lesespaß nach Manuskriptabgabe: Wasteland von Judith C. Vogt und Christian Vogt
Leseeinflüsse

Von Schneeflocken und Tarotkarten

Bis zum fertigen Buch gab es dann aber doch ein bisschen mehr zu tun als lesen und spazieren gehen. Den groben Handlungsplan von »Exit this City« habe ich in ungefähr vier Wochen skizziert. Dabei fand ich die Snowflake-Methode hilfreich, bei der die Geschichte zuerst auf einen einzigen Satz komprimiert und dann Stück für Stück erweitert wird, bis sie so komplex und rund wie eine Schneeflocke ist (naja, vielleicht nicht gleich beim ersten Anlauf ;-P).

Ausschnitt aus der Zeitleiste für das Finale von »Exit this City«

Als das Grundgerüst stand, kamen die Figuren dran. Ich habe viele Ansätze entwickelt und wieder verworfen. In meinem Büchlein der rudimentären Romanideen fand ich schließlich die Figurenkonstellation eines verwirrten Typen, der zusammen mit einem pausenlos plappernden Hund durch Delhi irrt. So kam das Dreamteam Marti und Ray ins Buch.

Wenn gar nichts mehr geht, ziehe ich manchmal Tarotkarten, um auf frische Assoziationen zu kommen. Die Hauptfiguren Veeru und Marti gingen im Kern aus den Karten »Ritter der Stäbe« und »Bube der Stäbe« hervor. Die beiden Karten habe ich damals übrigens direkt nacheinander aus einem gut gemischten Deck gezogen. Ich bin ja nicht abergläubisch, aber …

Tarotkarten

Im Schreibflow

Ich habe es noch nie geschafft, einen Roman von Anfang bis Ende durchzuplanen, bevor ich anfange zu schreiben. Irgendwann nervt mich die ganze Theorie, ich schiebe die Tabellen beiseite und tippe die ersten Sätze. So war es auch bei »Exit this City«. Erst als das Manuskript ungefähr 100 Seiten lang war, habe ich mir meine Schneeflocke nochmal vorgenommen und die komplette Handlung auf ungefähr acht Seiten zusammengefasst. Dieses Exposé und die Leseprobe schickte ich ans Lektorat von FISCHER Tor.

An einem milden Oktoberabend nach einem langen Tag auf der Frankfurter Buchmesse trafen wir uns dann auch persönlich und sprachen das Projekt von vorn bis hinten durch. Nachdem wir eine Hauptfigur gestrichen und drei Nebenschauplätze rausgekürzt hatten, konnte ich mich so richtig ins Manuskript stürzen.

Für »Exit this City« bin ich ein halbes Jahr lang sehr früh aufgestanden, um mich mit halbwegs klarem Kopf und einer Tasse Darjeelingtee an den Schreibtisch zu setzen. Die beste Motivation: Wenn ich aus dem Fenster schaute, hatte ich den Ort, an dem das Finale spielt, immer direkt vor Augen.

Ausblick beim Schreiben

Im Januar 2020 schickte ich das fertige Manuskript an den Verlag, klappte den Laptop zu, streckte mich, verließ blinzelnd meine Wohnung und machte zaghaft ein paar erste Schritte an der frischen Luft. Acht Wochen später kam der erste Lockdown. Das nennt man wohl Timing.

Insiderwissen zu »Exit this City«:

  • Am Anfang des dritten Kapitels verstecken sich ein paar Zitate aus dem fünften Akt von Shakespeares »Hamlet« (die Szene, in der Ophelia begraben wird). Das Stück musste ich in der Oberstufe und an der Uni insgesamt dreimal lesen. Es ist mir sehr ans Herz gewachsen.
  •  Ungefähr in der Mitte des Buches sind die Figuren in einer Szene so angeordnet wie auf Leonardo da Vincis Gemälde »Das Abendmahl«. Mein Lektor hat’s erkannt!
  •  Die vielen Tunnel und Wehrgänge im Würzburger Festungsberg gibt es wirklich. Sie tragen Namen wie Teufelsschanze, Bastion Mars und Höllenschlund.
  •  Die Namen »Veeru« und »Paksha« sind keine geläufigen indischen Vornamen. Aber zusammengesetzt werden sie zu »Virupaksha«, eine Bezeichnung für den Gott Shiva.
  •  Der Virupaksha-Tempel ist das Wahrzeichen von Hampi, einer historischen Welterbestätte in Südindien. Für mich ist Hampi einer der schönsten Orte überhaupt. Deshalb spielt dort das letzte Kapitel von »Exit this City«.
Der Virupaksha-Tempel in Hampi
Lisa – Happy in Hampi

Über die Autorin

Lisa-Marie Reuter

(c) Sybille Thomé

Lisa-Marie Reuter, geboren 1987, zog für ihr Indologie-Studium nach Würzburg, wo sie bis heute lebt und schreibt. Wenn sie dabei nicht in frei erfundene Fantasywelten abtaucht, lässt sie sich von ihren Indienreisen inspirieren. Vieles, was sie zwischen Delhi und Bengaluru, Jaisalmer und Guwahati erlebt hat, ist allerdings viel zu verrückt, um einen glaubwürdigen Roman abzugeben.

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