Tillie Walden "Auf einem Sonnenstrahl"

© Tillie Walden, Reprodukt

COMIC

Auf einem Sonnenstrahl: Die Comics der großartigen Tillie Walden


Fischraumschiffe, Ghibli und LGBT – Tillie Walden ist die spannendste Comic-Künstlerin der letzten Jahre. Ein Streifzug durch das anspruchsvolle Werk eines herausragenden Talents, das sich in keine Schublade pressen lässt. Von Christian Endres.

 

Die amerikanische Comic-Künstlerin Tillie Walden, die 1996 im texanischen Austin geboren wurde, ist das größte Talent, das die Neunte Kunst des grafischen Erzählens in den letzten Jahren gesehen hat. Erfreulicherweise kommen ihre Comics, in denen Walden oftmals das Thema Homosexualität bearbeitet und gern Anspruch mit Phantastik kombiniert, beim Berliner Reprodukt Verlag inzwischen auch auf Deutsch heraus. Gerade erschien so etwa die über 500 Seiten starke Space Opera „Auf einem Sonnenstrahl“, schon jetzt eines der Highlights dieses Comic-Jahres.

Bereits in jungen Jahren veröffentlichte Tillie Walden außergewöhnliche und berührende Bildergeschichten auf einem handwerklichen Niveau, das andere in ihrer gesamten Karriere nie erreichen. Zu Waldens frühesten und wichtigsten Einflüssen gehören die Mangas, die sie in ihrer Jugend neben den Comic-Autobiografien von z. B. Alison Bechdel („Fun Home“) und Craig Thompson („Blankets“) las. Doch auch ein Workshop von Comic-Lehrer und -Cheftheoretiker Scott McCloud („Comics richtig lesen“) und die beliebten Animationsfilme des Studio Ghibli („Prinzessin Mononoke“, „Mein Nachbar Toro“) hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Walden machte ihren Abschluss am Center for Cartoon Studies in Hartford, Vermont, wo sie später selbst unterrichten sollte, und veröffentlichte bereits mit 19 Jahren ihren ersten längeren Comic, der ihr als herausragende Künstlerin 2016 den Ignatz Award einbrachte.

Kein Wunder: Stilistisch liegt die Texanerin irgendwo zwischen den Comics von David Mazzucchelli („Batman: Das erste Jahr“) und den bereits erwähnten Ghibli-Animes von Hayao Miyazaki. Ihre Storys sind rein vom Visuellen her ein schönes Beispiel für die jüngeren Künstlergenerationen in aller Welt, die verschiedene internationale Schulen und Stile samt multimedialer Vorbilder munter vermischen. Dass es dafür dann kein eindeutiges, etabliertes Etikett gibt, scheint völlig egal. Wer wie Tillie Walden bereits in diesem Alter Bildergeschichten solch einer Güte realisiert, braucht kein anderes Aushängeschild als den eigenen Namen.

Tillie Walden "West, West Texas"
Auf einem Sonnstrahl
The Cosmic Slumber Tarot

Seifenoper zwischen den Sternen

Ein Werk wie „Auf einem Sonnenstrahl“ spricht einfach für sich. Der wunderschöne Science-Fiction-Comic handelt von Mia, die als Außenseiterin zur eingeschworenen Crew eines Fischraumschiffs hinzustößt und fortan dabei helfen soll, abgelegene Bauwerke und Ruinen im Weltall zu restaurieren. Allerdings trauert Mia noch immer um ihre Freundin Grace, die sie auf einem galaktischen Internat kennenlernte und die ihr vor einer Weile trotz großer gegenseitiger Gefühle auf verwirrende, geradezu mysteriöse Weise entrissen wurde. Schließlich fliegen Mia und ihre neue Ersatzfamilie los, um auf einem abgelegenen Grenzweltplaneten Antworten zu finden, obwohl mehr zwischen den entzweiten Liebenden steht, als Mia und ihre Begleiter bei aller Abenteuerlust und aller Entschlossenheit ahnen ...

„Auf einem Sonnenstrahl“ ist eine der originellsten Science-Fiction-Geschichten der letzten Jahre, was sich als Adelung keineswegs auf den Comic beschränkt. Keine schlechte Leistung angesichts der Tatsache, dass Tillie Walden eigenen Aussagen zufolge nie groß etwas mit Science Fiction am Hut gehabt hat und so gut wie nichts über das Genre wusste, als sie sich an diesen Comic machte. Ihre famos eigensinnige Space Opera entstand größtenteils in Tokio, wo Walden sie als Fortsetzungsgeschichte ohne große Planung klassisch mit Stift und Papier zeichnete, einscannte, digital retuschierte und kolorierte und dann als Webcomic „On A Sunbeam“ häppchenweise online veröffentlichte. Der Flow und der Rhythmus des Gesamtwerks sind dennoch bestechend.

Walden erzählt auf über 500 Seiten sowie zwei Zeitebenen feinfühlig und doch packend von junger queerer Liebe, faszinierenden Fischraumschiffen, komplizierten familiären und politischen Angelegenheiten, einem trotz allem ziemlich typischen Internat im All und einer Crew, die keine bloße Mannschaft, sondern eine Familie ist, mit allen dazugehörigen Vor- und Nachteilen. Waldens überzeugende Charakterisierungen sind vielschichtig und subtil, ihre Bilder auf passende Weise sanft, charmant und voller Sense of Wonder. Deshalb verströmt ihr mit mehr Fantasie als Hard-SF-Logik besiedelter Weltraum eine ganz eigene Magie, wie sie in einem der besten Ghibli-Film kaum größer sein könnte, um diesen Walden-Referenzpunkt zu nutzen.

Für so viel Erzählmagie und Weltraumzauber erhielt Walden völlig zurecht den L. A. Times Book Prize, während die englischsprachige Buchausgabe von der „Publishers Weekly“ und der „Washington Post“ auf der Liste der zehn besten Bücher des Jahres gesetzt wurde. Obendrauf gab es Nominierungen für den Eisner Award und den Hugo Award, also die wichtigsten Preise für Comics und Science Fiction im englischsprachigen Raum, und nicht zuletzt überschwängliche Liebesbekundungen von SF-Größen wie Becky Chambers („Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“), Ann Leckie („Die Maschinen“), Martha Wells („Tagebuch eines Killerbots“) und Brian K. Vaughan („Saga“)

Auf einem Sonnenstrahl

Autobiografisch, realistisch und magisch

Wer „Auf einem Sonnenstrahl“ gelesen hat (und nach der letzten Seite garantiert am liebsten gleich noch einmal von vorne lesen würde), für den stehen auf Deutsch weitere Werke von Tillie Walden bereit. Zum Beispiel „Pirouetten“, Waldens autobiografische Coming-of-Age- und Coming-out-Geschichte über mehr als das Eiskunstlaufen. In diesem Comic verarbeitete Walden ihre Jugend auf und abseits der Eisbahn, zu der leider auch Missbrauch durch einen Mann gehörte. Man spürt Seite für Seite alle Gefühle und alle Formen von Kälte und Wärme, derweil Walden mit ihrem unaufgeregten, minimalistischen Zeichenstil, ihrem erstklassigen Gespür für Tempo und ihrem Talent für ruhige Szenen brilliert – zumal sie nie darauf aus ist, sich oder ihrem Leser alle Antworten zu geben, was die Wirkung des Ganzen nur verstärkt.

„West, West Texas“ konzentriert sich indes auf die junge Bea, die von zu Hause fliehen muss, und die ältere Lou, die mit Auto und Wohnwagen durch den Süden der USA fährt. Die beiden unterschiedlichen Frauen setzen ihre Reise trotz Zickereien und Kommunikationsproblemen gemeinsam fort und arbeiten auf dem Roadtrip nach und nach ihre emotionalen Wunden auf. Außerdem finden sie eine Katze, und plötzlich nimmt der Trip eine unerwartete Wendung: Das Wetter spinnt, die Landschaft verändert sich oder bricht einfach auseinander, und obendrein werden sie von seltsamen, bedrohlichen Männern verfolgt. Bea und Lou sehen nur eine Chance: Sie müssen das mysteriöse Örtchen West erreichen, das allerdings schwer zu finden ist. Das ist durch und durch Tillie Walden, mit realistischen Gefühlen und Figuren, einer elegant ins Surreale und Phantastische abgleitenden Story und einmal mehr atemberaubend schönen Bildern und Farben.

Walden "Auf einem Sonnenstrahl"

Erhellt nicht nur den SF-Kosmos

Allein diese drei Comics – nennt sie Graphic Novels oder Comic-Romane, wenn ihr sie dann eher in die Hand nehmt – zeigen Tillie Waldens enorme Vielseitigkeit und ihr persönliches Verständnis von Kunst: Sie schreibt und zeichnet nur, was sie will und was ihr wirklich etwas bedeutet. Und genau damit hat sie, zum Glück und völlig verdient, seit ihren kreativen Anfängen diesen großen, mittlerweile internationalen Erfolg und kann daher genau so weitermachen. Unter anderem mit einem von ihr gestalteten Set Tarot-Karten („The Cosmic Slumber Tarot“), einem illustrierten Band voller Künstlerzitate oder einem Google Doodle zum International Women’s Day.

Wer der Science-Fiction als Genre auch nur ein bisschen etwas abgewinnen kann, muss deshalb unbedingt „Auf einem Sonnenstrahl“ lesen und seinen Kosmos von Tillie Waldens Comic-Exzellenz und ihrer zeitgemäßen, magischen Weltraum-Seifenoper erhellen lassen.

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