Matt Ruff im Interview

© VR/l.gold/altmann/pixabay

INTERVIEW

Sherpas, verführerische Albträume und Virtual Reality – Interview mit Matt Ruff


Matt Ruffs neuer SF-Roman "88 Namen" nimmt uns mit auf einen Ritt durch die Welt der Virtual-Reality-Games. Im Interview spricht Übersetzerin Alexandra Jordan mit dem Autor über Sherpas, Augmented Reality und das Vorgaukeln anderer Identitäten.

 


Alexandra Jordan: Die Welt in 88 Namen ist unglaublich detailreich und basiert auf mehreren bekannten MMOs. Woher hast du die Inspiration für einen Roman, der hauptsächlich online spielt?

Matt Ruff: Der Cartoon-Autor Peter Steiner hat mal einen Comic im New Yorker veröffentlicht: „On the internet, nobody knows you’re a dog.” Online ist es ganz einfach, eine oder mehrere neue Identitäten zu erstellen. Mit Virtual Reality wird man sogar zum Gestaltwandler. Die Figuren in 88 Namen haben die Kontrolle darüber, wie sie aussehen und wie sie klingen, und da mein Protagonist John Chu die meisten seiner Online-Freunde noch nie persönlich getroffen hat, muss er sich dauernd fragen, mit wem er es wirklich zu tun hat. Das ist ein toller Ausganspunkt für einen Mystery-Thriller, in dem ich auch gleichzeitig der Frage nachgehen kann, wie das Online-Leben menschliche Beziehungen verändert.

Was war bei der Recherche am schwierigsten?

VR steckt noch in den Kinderschuhen und ist auch noch ziemlich teuer. Als ich mit 88 Namen angefangen habe, hatte ich kein Geld für eine moderne VR-Ausrüstung. Also hatte ich nicht viel praktische Erfahrung, derer ich mich beim Schreiben bedienen konnte. Zum Glück ging es mir gar nicht um VR wie wir sie heute kennen, sondern eher darum, was die heutige VR-Technologie mal werden möchte.

Hast du die Spiele aus dem Roman selbst gespielt? Was ist dein Lieblingsspiel?

Ich war lange Jahre ein großer World of Warcraft-Fan, das die Inspiration für das fiktionale Spiel Call to Wizardry in 88 Namen ist. Heute habe ich keine Geduld mehr dafür, aber das Design des Spiels gefällt mir immer noch sehr gut. Grand Theft Auto ist auch einer meiner Lieblinge, deshalb habe ich es im Buch als Habitual Offender verewigt.

Kann man wirklich Sherpa werden? Hattest du einen bei deiner Recherche?

Es gibt sogenannte „Goldfarmer”: Spieler, die virtuelle Währungen und Gegenstände sammeln und sie für Echtgeld an andere Spieler weiterverkaufen. Davon habe ich Anfang der 2000er das erste Mal gehört und mir gefiel die Idee eines Goldfarmers als Protagonist. Diese Idee hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, und aus meinem Goldfarmer wurde ein richtiger „Sherpa“, der ein ganzes Online-Abenteuer für seine Kunden anbietet. Ich habe zwar noch nichts davon gehört, aber es würde mich nicht überraschen, wenn es das wirklich gäbe.

Geek-Frage: Was wird in zehn Jahren beliebter sein? Augmented Reality oder Virtual Reality?

Soweit ich weiß braucht man für Augmented Reality mehr Prozessor-Power als für Virtual Reality, also hat VR auf kurze Sicht einen Vorteil, weil die Technologie günstiger ist und mehr leisten kann. Auf lange Sicht wird AR jedoch mehr Leute ansprechen, denke ich. Stell dir eine Brille vor – oder irgendwann in der Zukunft sogar Kontaktlinsen –, die all das kann, was dein Smartphone heute kann. Der Markt dafür wäre riesig, viel größer als der für die tollste VR-Ausrüstung.

Zurück zum Roman: John ist sehr gut darin, politisch neutral zu bleiben. War das eine bewusste Entscheidung?

John ist ein Geschäftsmann. Ihm ist egal, ob man seine politischen Einstellungen teilt. Er will nur bezahlt werden. Deshalb profiliert er permanent Leute und versucht, die richtige Strategie und das perfekte Angebot für sie zu finden. Das macht er in seinem Privatleben genauso: „Wie mache ich meine Freundin glücklich, damit sie mich glücklich macht?“ Diesen Transaktionsgedanken finden einige vielleicht komisch, aber John würde sagen, dass es effektiver ist, als sich über diejenigen aufzuregen, die eine andere Meinung haben als du.

In gewisser Weise ist seine Ex-Freundin Darla Johns Gegenteil: Sie ist lebendiger, ein wütender, manischer Pixie von einer Traumfrau, der faszinieren und provozieren soll. War es schwer, sie zu schreiben? Hat es Spaß gemacht?

Es macht immer Spaß, jemanden wie Darla zu schreiben. Sie sagt ganz genau das, was sie denkt. Sie tut, was sie will und hat so viel Mut und Skill, dass ihre Pläne aufgehen. Ich bin nicht sicher, ob John sie wirklich als Traumfrau bezeichnen würde. Eher als einen verführerischen Albtraum.

88 Namen stellt die Frage nach Identität und Moral – hast du schon mal so getan, als ob du jemand anderes wärst? Ist es falsch, sich als jemand anders auszugeben oder Teil unserer Ausdrucksfreiheit?

Wenn ich mich online mit Leuten unterhalte, bin ich entweder Matt Ruff oder ein anonymer Niemand. Ich verstehe den Reiz dahinter, ein detailliertes Alter Ego zu erschaffen, aber es ist produktiver – und sicherer – wenn ich das in Romanen auslebe.

Was die moralische Frage angeht: Hochstapler gab es schon lange vor dem Internet. Einige davon sind ganz harmlos, aber wenn es falsch ist, jemanden persönlich hinters Licht zu führen, dann gilt das auch fürs Internet. Und das Internet vergisst nie, also kann man ganz genau nachvollziehen, wie die Sache abgelaufen ist.

In dem Roman lernen wir mehrere Zukunftstechnologien kennen. Wie weit in der Zukunft spielt der Roman? Glaubst du, dass es in der nahen Zukunft vollständig immersive VR geben wird?

Ich habe absichtlich nicht festgelegt, in welchem Jahr die Handlung stattfindet. Aber wenn man das Alter der Figuren und historische Ereignisse einbezieht, kommt man darauf, dass der Roman irgendwann um 2040 spielt. In 20 Jahren sollte die VR-Technologie ausgereift sein und ich vermute, dass Heim-VR so normal sein wird wie die heutigen Konsolen. Die einzigen unrealistischen Aspekte des Romans sind die Stellen, in denen KI vorkommt. Es wäre schon cool, einen „Software-Agenten” wie Mr. Park zu haben, mit dem man sich unterhalten kann, aber ich bin auch schon mit einer Stimmerkennung zufrieden, die mich gleich beim ersten Mal richtig versteht.

Besteht die Möglichkeit, dass du die Welt des Romans erneut besuchst und die Geschichte weitererzählst? Vielleicht ist Darlas Wunsch am Ende des Romans ja wahr geworden?

Ich denke nicht, dass ich noch einen Roman mit diesen Figuren schreiben werde. Aber wenn jemand einen Film aus 88 Namen machen möchte, würde mir bestimmt etwas für eine Fortsetzung einfallen.

Letzte Frage: Was ist dein nächstes Projekt?

Das weiß ich noch nicht, aber wenn es etwas Neues gibt, poste ich die Ankündigung auf meiner Webseite www.bymattruff.com.

 

Übersetzt von Alexandra Jordan

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook