Die besten fantastischen Comics des Jahres 2020

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Die besten fantastischen Comics des Jahres 2020


Die Comic-Highlights aus dem Bereich Fantasy, Horror und Science Fiction, die 2020 auf Deutsch erschienen sind: Das ist unsere Best-of-Auswahl an Bildergeschichten.

Biest und Held: Raowl

Raowl Bd. 1: Die Schöne und das Biest • Autor & Zeichner: Tébo • Deutsch von Marcel Le Comte • Carlsen, Hardcover, 72 Seiten • 14 Euro

Ende 2019 erschienen, schaffte es der erste Band von „Raowl“ leider nicht mehr auf die Bestenliste des Vorjahres. Macht nichts, führt er eben als Nachzügler und Bonus diese Auswahl an! Raowl ist ein Prinz von bestialischer Gestalt und brutaler Natur. Trotzdem hätte er gerne eine Prinzessin zum Küssen, Lieben und Leben. Darum zieht der rabiate Raowl aus, heldenhaft eine Holde zu retten und so für sich zu gewinnen. Doch das erweist sich in der Fantasy-Satire des französischen Künstlers Tébo als schwierig. Schließlich hat Raowl mit einer individuellen Variante des Biestfluchs, eigensinnigen Prinzessinnen und Kannibalen zu kämpfen. Gags und Details sitzen, das Artwork erinnert an Zep, die Splashpages knallen rein. Ein starker Auftakt für Tébos Spiel mit den Klischees von Märchen und Fantasy.

Nach der Bombe: Prinz Gigahertz

Prinz Gigahertz Bd. 1 • Autor & Zeichner: Lukas Kummer • Zwerchfell, Hardcover, 120 Seiten • 18 Euro

Lukas Kummer, der in Österreich geboren wurde und heute in Kassel lebt, schrieb und zeichnete bereits einen preisgekrönten Comic über den 30-jährigen Krieg sowie bemerkenswert stilisierte Adaptionen der Werke Thomas Bernhards. In „Prinz Gigahertz“ nimmt Kummer uns mit in eine postapokalyptische mittelalterliche Fantasywelt nach einer Atombombenexplosion. Wie die Bombe stammt auch die Magie aus einer anderen Dimension. Glücklicherweise kennt sich unser Held mit der fremden Technologie aus – und zieht gegen Killerroboter und anderes in die Schlacht. Kummers Weltenschöpfung verblüfft genauso wie ihre kantige Visualisierung. Stilistisch, perspektivisch und farblich abstrahiert er gekonnt, während die Story nach und nach ihre Zusammenhänge enthüllt und die Grenzen zwischen Fantasy und Science Fiction aushebelt.

Einfach genial: Abteilung für irre Theorien

Abteilung für irre Theorien • Autor & Zeichner: Tom Gauld • Deutsch von Christoph Schuler • Edition Moderne, Hardcover, 160 Seiten • 19,80 Euro

Der Schotte Tom Gauld ist einer der besten Humoristen, den der Comic derzeit kennt und hat. Nach „Kochen mit Kafka“ mit seinen Strips und Cartoons aus u. a. dem „Guardian“ oder dem „New Yorker“ präsentiert der Band „Abteilung für irre Theorien“ Gaulds Arbeiten für das Wissenschaftsmagazin „New Scientist“. Entsprechend widmet sich der begnadete Reduzierer und Simplifizierer, der für seine Gags nur wenige Striche und Worte braucht, Physik und Biologie, Forschung, Robotern und Nanos, Darwin und Frankenstein und natürlich der Science Fiction. Gaulds Sinn für Ironie, trockenen Humor, zeichnerisches Vereinfachen und grafisches Erzählen machen die Bildwitze über die Welt der Wissenschaft, die auch mal als Infografik oder Warnschildersammlung daherkommen können, zu einem großen Vergnügen.

Raowl Bd. 1: Die Schöne und das Biest
Prinz Gigahertz Bd. 1
Abteilung für irre Theorien

Postapokalyptische Außenseiterin: Mechanica Caelestium

Mechanica Caelestium • Autor & Zeichner: Merwan • Deutsch von Resel Rebiersch • Schreiber & Leser, Hardcover, 210 Seiten • 32,80 Euro

Umweltkatastrophen haben die Welt und ihre Ordnung verändert und u. a. die isolierte Gemeinschaft Pan geschaffen. Aster, das Mädchen mit dem Fuchsschwanz, und ihr Freund Wallis plündern die radioaktiv verseuchte Zone Pans, doch eines Tages rückt das mächtige Imperium Fortuna an. Um sich die Unabhängigkeit zu bewahren, müssen Aster, Wallis und einige andere aus Pan zu extremen Völkerball-Matches antreten – und die Spielfelder, eingesetzten Waffen und Intrigen haben es in sich. Postapokalyptischer, politisch relevanter Völkerball? Sollte nicht funktionieren, tut er jedoch sehr wohl. Merwan überzeugt mit Kulisse, Figuren und dynamischen Zeichnungen, die den europäischen Stil mehrerer Generationen, Manga-Elemente und eine aquarellhafte Kolorierung im Albumformat vereinen. Das nennt man einen Volltreffer.

Follow Earthboi and like! Unfollow

Unfollow • Autor & Zeichner: Lukas Jüliger • Reprodukt, Paperback, 168 Seiten • 18 Euro

Lukas Jüliger studierte Illustration in Hamburg und Paris, inzwischen lebt und arbeitet er in Berlin. Seine Coming-of-Age-Graphic Novel „Vakuum“ beeindruckte vor einigen Jahren als starkes Debüt, seine Edgar-Allan-Poe-Neuinterpretation „Berenice“ in der Reihe „Die Unheimlichen“ ebenfalls, und „Unfollow“ setzt das Staunen fort. In diesem Comic-Roman erzählt Jüliger von Earthboi, in dem sich das Bewusstsein der Erde manifestiert. Earthboi wird als Öko-Influencer zur Social-Media-Ikone und viralen Sensation, reißt eine ganze Generation Follower mit und könnte den Planeten dank seiner Ideen retten. Aber Ideen und Ikonen leben gefährlich. Bleistift, Tusche und Computerkolorierung verschmelzen zu einer sanften Optik, die Texte stehen über und unter den ruhigen Panels – die Wirkung von Bildern, Worten und Story ist allerdings immens.

Mit Oma gegen König Artus: Once & Future

Once & Future 1 • Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Dan Mora • Cross Cult, Hardcover, 144 Seiten • 22 Euro

Eine neue unabhängige Serie von Autor Kieron Gillen („Star Wars“, „Thor“) und Zeichner Dan Mora („Klaus“, „Buffy“). Der Historiker Duncan findet heraus, dass seine Oma einst Britanniens größte Monsterjägerin war. Nun zwingt sie Duncan dazu, ihr dabei zu helfen, die britischen Inseln vor englischen Nationalisten zu beschützen, die dem zornigen König Artus mit einem mächtigen alten Schwert zum untoten Comeback verhelfen wollen. Außerdem erfährt Duncan Schockierendes über seine eigene Herkunft und Familienlegende. Gillen setzt auf Brexit-Realität, den mannigfach interpretierbaren Artus-Mythos und das „Fables“-Metaprinzip für Phantastisches in unserer Mitte; Zeichner Dan Mora tut mit seinen Bildern, was er am Besten kann, nämlich rocken. „Once & Future“, natürlich nach den Romanen T. H. Whites benannt, startet als clevere, coole Artus-Urban-Fantasy. Da artet die passende Comic-Lektüre nicht zur Gralssuche aus.

Mechanica Caelestium
Unfollow
Once & Future 1

Rassismus im Geisterhaus: Infidel

Infidel • Autor: Pornsak Pichetshote, Zeichner: Aaron Campbell • Deutsch von Katrin Aust • Splitter, Hardcover, 168 Seiten • 24 Euro

Geisterhäuser sind dank „Spuk in Hill House“ und „Spuk in Bly Manor“ auf Netflix neuerdings wieder gefragte phantastische Immobilien. In ihrem Comic-Einzelband „Infidel“ beweisen der thailändisch-amerikanische Autor Pornsak Pichetshote, der lange als Redakteur von DCs wichtigem Vertigo-Label tätig war, und „Hellblazer“-Zeichner Aaron Campbell, dass selbst Rassismus und Geister unter demselben verspukten Dach eine starke aktuelle Kombination sein können. Ihr Spukhaus ist ein mehrstöckiges urbanes Wohnhaus im modernen New York, und die unheimlichen Phantome darin sind so übel wie der Rassismus, der viele Gestalten annehmen kann. „Infidel“ glänzt als gesellschaftlich relevanter, unterhaltsamer und gruseliger Horror, der auf einem klassischen Genre-Fundament steht und höher hinausgreift als die meisten anderen Geisterhausgeschichten in der multimedialen Nachbarschaft.

Die Fantasy geht vor die Hunde: Donjon

Donjon – Antipoden -10.000 Bd. 1: Die Armee des Schädels • Autoren: Sfar, Trondheim, Zeichner: Grégory Panaccione • Deutsch von Ulrich Pröfrock • Reprodukt, Paperback, 48 Seiten • 13 Euro

Zwischen 1998 und 2015 parodierten und zelebrierten die französischen Comic-Stars Joann Sfar und Lewis Trondheim, die von einer Armee kreativer Mitstreiter unterstützt wurden, in den „Donjon“-Comics das Fantasy-Genre mit seinen Dungeon-Gemäuern, Abenteurern, Monstern und Magiern. Nach rund 40 Alben und zig augenzwinkernd betitelten und nummerierten Serienablegern war Schluss, doch jetzt ist „Donjon“ zurück. Das erste Album der neuen Serie setzt in der Frühzeit des Donjon-Universums ein und folgt dem treuen Kampfhund eines Orks, der alles dafür tun würde, um seinen in der Schlacht gegen die Elfen gefallenen Herrn wiederzuerwecken. So beginnt eine witzige, bissige, phantastische Odyssee auf vier Pfoten. Der perfekte „Donjon“-Comic für den Erstkontakt – und Fantasy-Fun für alle, die etwa auf die Zamonien-Werke von Walter Moers stehen.

Auferstehung einer Ausnahmeserie: Lazarus Risen

Lazarus Risen 1 • Autor: Greg Rucka, Zeichner: Michael Lark • Deutsch von Bernd Kronsbein • Splitter, Hardcover, 152 Seiten • 22 Euro

US-Spitzenautor Greg Rucka schrieb tolle Sagas mit Wonder Woman, Wolverine, Batman oder Batwoman, bevor er mit „Gotham Central“-Zeichner Michael Lark die eigenständige dystopische SF-Serie „Lazarus“ startete. Diese komplexe, gehaltvolle und düstere Zukunftsvision über reiche Familienclans, wertlose Bürger und künstlich erschaffene Krieger legte großartig los und verlor sich dann etwas in der ambitionierten Handlung. Mit „Lazarus Risen“ beginnt quasi eine neue Staffel, und plötzlich findet die Serie zu alter Stärke zurück. Krasse Fights der Lazarus-Champions, coole Military-SF, gutes Worldbuilding und viele Intrigen zeichnen diesen ersten Band von „Lazarus Risen“ aus. So feiert die Welt von Lazarus hier auf der Best-of-Liste ihre Auferstehung und läuft dem zweiten Band von Ruckas „The Old Guard“, das von Netflix adaptiert wurde, locker den Rang ab.

Infidel
Donjon – Antipoden -10.000 Bd. 1: Die Armee des Schädels
Lazarus Risen 1

Moderne Disney-Nostalgie

Minnie Maus – Tante Mirandas Geheimnis • Autor & Zeichner: Cosey • Deutsch von Ulrich Pröfrock • Egmont, Hardcover, 64 Seiten • 29 Euro

Der Schweizer Comic-Macher Bernard Cosandey alias Cosey, Jahrgang 1950, wurde durch Werke wie „Auf der Suche nach Peter Pan“ oder „Buddha des Himmels“ zum Meister der neunten Kunst. 2016 legte er mit „Eine geheimnisvolle Melodie – Oder: Wie Micky seine Minnie traf“ ein sehr schönes Disney-Hommage-Album vor. Mit „Minnie Maus – Tante Mirandas Geheimnis“ hat er nun eine zweite Disney-Verbeugung geschaffen, die man jedoch ohne den Vorgänger lesen kann. Im Fokus stehen Minnie und ihre Freundin Klarabella, die es auf einem verschneiten Berg mit Kater Karlo und der Legende von Bigfoot zu tun bekommen. Wunderschöne Zeichnungen und ein guter Kontrast aus nostalgischer Magie und moderner, teils feministischer Frische legen den Wunsch nahe, Cosey möge nur noch Disney-Hommagen wie diese umsetzen.

Die besseren Freaks

Freaks • Autor & Zeichner: Frank Schmolke, Autor: Marc O. Seng • Edition Moderne, Paperback, 256 Seiten • 28 Euro

Der Netflix-Film „Freaks“ über Superhelden in Deutschland kam leider nicht über hiesige Filmstandards hinaus. Was der Münchner Comic-Künstler Frank Schmolke aus dem Drehbuch von Marc O. Seng gemacht hat, ist da schon wesentlich packender und intensiver. In seinem lässigen Schwarz-Weiß-Strich, in dem er 2019 erst das Noir-Comic-Highlight „Nachts im Paradies“ über einen Taxifahrer und Vater umsetzte, reizt Frank Schmolke das Drehbuch aus, interpretiert er die Figuren und Szenen vom Ansatz her völlig neu. Er geht einen anderen Weg und findet den besseren Zugang zum Szenario und dem Metawesen-Sujet. Statt Standard gibt es hier Intensität, Finsternis und Energie. Plötzlich ist „Freaks“ ein wertvoller, dunkler, gut aussehender Beitrag zur Superhelden-Tradition.

Minnie Maus – Tante Mirandas Geheimnis
Freaks: Du bist eine von uns

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