Böse Affen in Lovecraft Country: Die Romane von Matt Ruff

BUCH

Böse Affen in Lovecraft Country: Die Romane von Matt Ruff


Gerade frisch ins Regal gewandert: Matt Ruffs neuester Science-Fiction-Roman „88 Namen“. Grund genug für einen Spaziergang durch die Bibliothek seines bisherigen Schaffens, in der sich die Geister von J. R. R. Tolkien, Douglas Adams, Philip K. Dick, H. P. Lovecraft und vielen anderen pudelwohl fühlen.

Fool on the Hill

Deutsch von Ditte & Giovanni Bandini • dtv, Taschenbuch, 576 Seiten • 11,95 Euro

Mit „Fool on the Hill“ legte der 1965 geborene Matt Ruff, der an der Uni ein Schüler von Pulitzer-Gewinnerin Alison Lurie war, im Jahre 1988 ein imposantes Erstlingswerk vor. In diesem gab er sich ganz der Grenzenlosigkeit der Fantasie hin, was ihm eine in vielen Fällen bis zum heutigen Tage treue Leserschaft bescherte. Ruffs Romandebüt kreist um den Campus der von ihm selbst besuchten Cornell University in Ithaca, New York, ist ziemlich abgedreht und hat neben reichlich Fantasie auch ganz viel Herz. Im Mittelpunkt der Handlung stehen unter anderem: Shakespeares Puck, nordische Mythen, ein nach dem Himmel suchendes Hund-Katz-Gespann, ein ohne Wind fliegender Drache, ein Schriftsteller, der Krieg zwischen Elfen und Ratten auf dem Friedhof, eine tolkien-orientierte Studentenvereinigung auf der Suche nach ihrem Mittelerde, das Auftauchen der schönsten Frau der Welt, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse – und natürlich eine Gummipuppe. Ein fantastischer Spaß, wobei aus dem Kultroman mittlerweile ein Klassiker der modernen Fantasy wurde.

G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke

Deutsch von Ditte & Giovanni Bandini • dtv, Taschenbuch, 624 Seiten • 11,95 Euro

Eines ist sicher: Die „Trilogie der Stadtwerke“, die 1997 auf Anhieb in einem Buch erschien, ist genau das Richtige für alle Fans von Douglas Adams, obwohl das mit humoristischer Science-Fiction und den Geschmäckern ja immer so eine Sache ist (wenngleich der überstrapazierte Vergleich zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ ausnahmsweise mal passt!). „G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke“ liefert grellen Cyberpunk mit einem Wirbelsturm durchgeknallter Einfälle für das inzwischen gar nicht mehr so ferne und futuristisch wirkende Jahr 2023, wo mitten in New York City ein neuer Turm zu Babel entsteht, ein Mörder gejagt wird, Öko-Terroristen ein U-Boot lenken, Roboter leben und arbeiten, ein riesiger weißer Hai in der Kanalisation sein Unwesen treibt und eine unfassbare Verschwörung ans Licht kommt. Mit Abstand Ruffs schrillstes und schrägstes Buch (was einiges heißen will), das den bunten MTV-Geist der 1990er atmet, ein Kind seiner Zeit ist und sich nach dem Jahrtausendwechsel und den Anschlägen vom 11. September 2001 noch mal ganz anders liest.

Ich und die anderen

Deutsch von Ditte & Giovanni Bandini • dtv, Taschenbuch, 720 Seiten • 11,95 Euro

Manche Menschen, so sagt man, haben mehr als ein Herz in ihrer Brust, oder mehr als eine Seele – meistens sollen damit widerstreitende Sehnsüchte oder Charaktereigenschaften beschrieben werden. 2003 legte Ruff seinen Roman „Ich und die anderen“ vor, im Original als „Set This House in Order. A Romance of Souls“ vor. Darin wohnen im Kopf von Andrew Gage mehrere Persönlichkeiten, Charaktere und, klar, Seelen. Wird die penible Ordnung im imaginären Haus von Andrew nicht eingehalten, kann das schlimme Folgen für alle „Anwesenden“ haben. Doch als Penny Driver in Andrews Leben tritt, kommen die Dinge auf einem einmaligen Trip fürchterlich durcheinander. Psychische Krankheiten sind kein Witz, viel mehr ein ernstes Thema. Um sich diesem Gebiet mit Humor zu nähern, muss man ein literarischer Könner sein. Gut, dass Matt Ruff seit Langem einer ist. Für „Ich und die anderen“ erhielt er u. a. den damals noch als solchen bekannten James Triptree Jr. Award.

Fool On The Hill
G.A.S.: Die Trilogie der Stadtwerke
Ich und die Anderen

Bad Monkeys

Deutsch von Ditte & Giovanni Bandini • dtv, Taschenbuch, 576 Seiten • 9,95 Euro

Achtung, hier kommt ein echtes, ewiges Lieblingsbuch, das perfekt für den Erstkontakt mit Matt Ruff geeignet ist: „Bad Monkeys“ von 2007 war – und ist – eine geniale Hommage an Philip K. Dick, der in seinen Werken seinerseits mehrmals die subjektive Wahrnehmung und Definition von Realität hinterfragt hat. „Bad Monkeys“ wurde von „Southpark“ und „Homicide“ inspiriert. In diesem Matt-Ruff-Krimi arbeitet Jane Charlotte, die wegen Mordes angeklagt und von einer Psychologin befragt wird, für eine Geheimorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, schlechte Menschen – die titelgebenden schlechten, bösen Affen – aus der Welt zu schaffen. Mit Gewalt, versteht sich. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn Ruff hält für seine Protagonistin und seine Leser ein paar mordsmäßige Wendungen bereit. Universal und Margot „Harley Quinn“ Robbie haben sich vor ein paar Jahren die Filmrechte gesichert, und seitdem hoffen wir Fans, dass der „Bad Monkeys“-Streifen Realität wird und die Affen Zucker bekommen.

Mirage

Deutsch von Ditte & Giovanni Bandini • dtv, Taschenbuch, 496 Seiten • 11,95 Euro

Philip K. Dick lässt schon wieder grüßen, genauer gesagt, sein bekannter Alternate-History-Roman „Das Orakel vom Berge“, der unter seinem Originaltitel „The Man in the High Castle“ vor nicht allzu langer Zeit zur Fernsehserie wurde. 2012 verarbeitete Ruff in seiner Fantastik-Punk-Manier die bereits erwähnten Anschläge vom 11. September in New York und den folgenden „Krieg gegen den Terror“ in einem schier unnachahmlichen Alternativweltroman. In dessen gespiegelter Realität werden die Vereinigten Arabischen Staaten von einem Terroranschlag christlicher Fundamentalisten in Bagdad erschüttert, was zum Krieg führt. Um herauszufinden, ob ihre Welt bloß ein Trugbild („Mirage“ auf Englisch) ist, reisen einige Agenten aus Arabien nach Amerika, in die Heimat des Terrors. Ruffs Spiegelwelt ist frech: eBasar, Senator bin Laden, der Geheimdienst al-Quaida und Die Bibliothek von Alexandria als Wikipedia-Ersatz sind pfiffige, provokante Drehungen. Ein herrlicher, herrlich moderner Alternativwelt-Krimi, der im Buchregal gleich neben Michael Chabons „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ und Lavie Tidhars „Osama“ gehört.

Lovecraft Country

Deutsch von Anna Leube & Wolf Heinrich Leube • dtv, Taschenbuch, 432 Seiten • 24,00 Euro

Der schwarze Korea-Veteran Atticus Turner kommt heim in die USA, wo 1954 noch die Jim-Crow-Gesetze zur Rassentrennung gelten, sodass Afroamerikaner jederzeit diffamiert und schikaniert werden können und sogar einen eigenen Reiseführer brauchen, um halbwegs sicher durch manche Bundesstaaten zu kommen. Aber Atticus und seine Familie haben nicht bloß Ärger mit weißen Rassisten, die sie drangsalieren, sondern auch mit okkulten Geheimlogen, Hexenmeistern, Opferritualen, Monstern, Zeitreisen, Spukhäusern, Zauberbüchern und Portalen. Kein lupenreines Werk zum Cthulhu-Mythos, sondern ein außergewöhnlicher Lovecraft-Remix, ein wichtiges Buch über die Geschichte des Rassismus – und seit 2016 ein dringend beachtenswerter Roman in Zeiten von wieder erstarkendem Fremdenhass, auf den auch die Fantastik-Szene reagierte und nach vielen Jahren die Lovecraft-Büste als Trophäe für den World Fantasy Award abschaffte. Gut möglich, dass „Lovecraft Country“ Ruffs wichtigstes Buch ist. Und die Adaption als HBO-Fernsehserie durch Misha Green, Jordan Peele, J. J. Abrams und Co. fand man schon nach dem ersten Trailer super.

Bad Monkeys
Mirage
Lovecraft Country

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook