Tiere in der Science Fiction

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BUCH

Elektrische Schafe und Raumquallen: Tiere in der Science Fiction


Science Fiction ist ein Spiegel der Zeit, ersinnt bessere und schlechtere Gesellschaften, fremde Kulturen und Technologien, die Wohlstand und Verderben bringen. Doch ganz gleich ob in einer dystopischen Zukunft oder in den Weiten des Alls – erstaunlich selten beschäftigen sich SF-Autor*innen mit einem wichtigen Teil unseres Alltags: Tieren. Ein Überblick von Judith Madera.

In der Fantasy sind phantastische Tiere wie Drachen oder Chimären weit verbreitet. Sie treten als Bedrohung, magische Begleiter oder auch göttliche Wesen auf, sprechen die menschliche Sprache oder kommunizieren in Gedanken. In der Science Fiction hingegen fallen Tiere mehr durch ihre Abwesenheit auf, etwa wenn sie in Katastrophenszenarien ausgestorben sind und sich die menschlichen Protagonist*innen durch apokalyptische, leblose Welten kämpfen. Auch die Crews von Raumschiffen bestehen zu einem überwiegenden Teil aus Menschen sowie humanoiden Aliens und Robotern. Haustiere wie die Katze Spot (Star Trek: The Next Generation) oder der Beagle Porthos (Star Trek: Enterprise) sind eine Seltenheit. Meist bleibt zwischen Weltraumschlachten und Forschungsmissionen keine Zeit für die Pflege eines Tieres. Doch in seltenen Fällen sind Tiere auch von zentraler Bedeutung in der Zukunft.

Elektrische Schafe und Neonvögel

In den frühen 1980ern prägte Blade Runner die düster schillernde Ästhetik des Cyberpunk und war so erfolgreich, dass die Neuauflagen von Philip K. Dicks Romanvorlage Do Androids Dream of Electric Sheep? (1968) ebenfalls den Titel Blade Runner tragen. So genial die Filmadaption ist, so sehr unterscheidet sich die actionlastige Androidenjagd von dem Buch, in dem Tiere etwas ganz Besonderes sind. In Dicks Zukunftsvision hat der 3. Weltkrieg die Erde zugrunde gerichtet. Es gibt kaum noch echte Tiere, entsprechend ist der Besitz und die Pflege eines solchen purer Luxus, der mit höchster Anerkennung verbunden ist. Androidenjäger Rick Deckard träumt davon, sich eines Tages ein echtes Tier kaufen zu können. Bis dahin kümmert er sich liebevoll um ein elektrisches Schaf, einem Meisterwerk der Technik, das von einem echten Schaf kaum zu unterscheiden ist. Die Echtheit eines Tieres anzuzweifeln, gilt als unhöflich, auch wenn eigentlich jeder weiß, dass die meisten Haustiere „elektronische Schaltungen unter einem geschickt geformten Äußeren“ sind.

In düsteren, von Neonlichtern durchflackerten Megastädten haben Tiere selten Platz. Anders in Marie Graßhoffs Neon Birds (2019), wo Cyberpunk auf Solarpunk trifft und die Städte entsprechend grüner sind. Im frühen 21. Jahrhundert bemüht sich die Menschheit darum, Zivilisation und Natur besser in Einklang zu bringen, entsprechend sind Haustiere allgegenwärtig. Neben echten Tieren wie Huhn Gerta gibt es viele mechanische Tiere, die teils herrenlos durch die Straßen streunen. Bedroht wird diese Zukunft von der mächtigen Künstlichen Intelligenz KAMI, die sich mittels Nanocomputern verbreitet und Menschen sowie Tiere in Cyborgs verwandelt – auch Vögel, die durch ihren riesigen Lebensraum eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von KAMI spielen.

Außerirdische Tiere

Zu einem vielseitigen Ökosystem fremder Planeten gehören natürlich auch Tiere – und der Mensch erschafft Neues, indem er Bekanntes variiert. Es fällt uns schwer, uns Wesen vorzustellen, die wir noch nie gesehen haben. Entsprechend sehen außerirdische Tiere meist irdischen Tieren ähnlich.

Gigantismus ist eine weit verbreitete Variation, die aus irdischen Tieren extraterrestrische macht. Beispiele wären die bis zu mehrere Kilometer langen Sandwürmer des Planeten Dune oder auch die riesenhaften Insekten aus frühen SF-Horrorfilmen wie Formicula (1954). Gigantisch sind auch die urzeitlichen Wesen, die in Videospielen fremde Planeten wie Grand Pulse (Final Fantasy 13) oder Mira (Xenoblade Chronicles X) bevölkern. In Avatar (2010) präsentiert James Cameron urzeitliche Flugsaurier, riesige Raubkatzen und bunte Pferdewesen, die wie die Na’vi spezielle Organe haben, die eine neuronale Verbindung ermöglichen und so die Verbundenheit allen Lebens auf Pandora zeigen. Inspiriert wurde Cameron wohl unter anderem von Alan Dean Fosters Midworld (1975), ein Planet, der vollständig von einem gigantischen Regenwald bedeckt ist, in dem die Tier- und Pflanzenwelt in einzigartigen Symbiosen vereint ist. Die einheimischen Menschen gehen dort eine lebenslange empathische Verbindung mit einem photosynthetischen Tier ein, das Furcot genannt wird.

Das All hält jedoch nicht nur urzeitliche Riesen, sondern auch niedliche Kuriositäten bereit wie die gürteltierartigen Transmutatoren aus Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (2019), die, wenn sie mit einer Perle vom Planeten Mül gefüttert werden, Hunderte solcher Perlen ausscheiden. Als putzig und vor allem nützlich kann man auch den Babelfisch aus Per Anhalter durch die Galaxis (1979) bezeichnen: Setzt man ihn sich ins Ohr, verbindet er sich mit dem Gehirn und ermöglicht so das Verstehen fremder Sprachen, was die intergalaktische Kommunikation enorm erleichtert. Die niedlichsten Tieraliens dürften jedoch die Tribbles aus Star Trek: TOS sein. Die etwa handgroßen Fellkugeln vermehren sich millionenfach, da sie bereits schwanger geboren werden. Die Tribbles sind im Star Trek-Universum so populär, dass man sie auch in späteren Serien wie Deep Space 9  und Discovery sieht.

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Uplift

Als Uplift wird in der SF ein Konzept bezeichnet, bei dem Tierspezies durch Technologie wie Genmanipulation in Lebewesen mit höherer Intelligenz transformiert werden. Als erster Vertreter eines solchen Szenarios gilt H. G. Wells‘ Die Insel des Doktor Moreau (1896), wo der Biologe Moreau durch Manipulation von Körper und Gehirn Tiere in menschenähnliche Chimären verwandelt, die aufrecht gehen und die menschliche Sprache beherrschen. Bei Wells und anderen frühen SF-Werken galt der Mensch als Maß aller Dinge. Tiere, die mindestens so intelligent wie Menschen waren, mussten entsprechend dem Menschen äußerlich und auch im Verhalten ähnlicher werden. Eine Ausnahme bildet Hund Sirius aus Olaf Stapledons 1944 erschienenem gleichnamigem Roman, der mit Hilfe von Chemikalien nahezu die Intelligenz eines Menschen erreicht, dabei aber ein Hund bleibt.

Mit dem Uplift-Universum hat David Brin eine ganze Romanserie (ab 1980) geschrieben, die sich mit dem Liften beschäftigt. Die Zivilisation der Fünf Galaxien ist ein Verbund von sauerstoffatmenden Spezies, die durch genetische Manipulation präintelligenten Arten zu einem höherem Bewusstsein und Verständnis verhelfen. Alle raumreisenden Spezies haben einen solchen Prozess durchlaufen und wurden dabei von einer sogenannten Patronatsrasse begleitet – bei den Menschen ist jedoch unklar, welche Spezies einst ihr Patron war. Zur Zivilisation der Fünf Galaxien gehören unter anderem die vogelähnlichen Gubru, die Teddybären ähnelnden Pila und die reptiloiden Soro.

Auch Planet der Affen ist ein Beispiel des Uplift-Konzepts, wobei in der Neuverfilmung Planet der Affen: Prevolution (2011) der Prozess des Liftens zentrales Thema ist. Ein neues Alzheimermedikament, das an Affen getestet wird, wirkt sich auf die Intelligenz der Tiere aus. Schimpanse Caesar ist der Nachkomme zweier Testtiere und entwickelt enorme geistige Fähigkeiten. Er wächst bei Menschen auf und wird wie ein Familienmitglied behandelt, muss jedoch bald erkennen, dass die meisten Menschen in ihm nur ein Tier sehen und dass die Affen im Testzentrum unwürdig behandelt werden. Caesar wird zum Anführer eines Aufstands, und sein erstes Wort – „Nein!“ – ist richtungsweisend für die weitere Entwicklung.

Ein eher versehentlicher Uplift ereignet sich in Die Kinder der Zeit (Children of Time, 2015) von Adrian Tchaikovsky: Die Menschheit spielt Gott und will auf einem fernen Planeten eine neue Zivilisation erschaffen. Primaten werden dort ausgesetzt, und ein künstliches Virus soll ihre Evolution beschleunigen. Allerdings sucht sich das Virus lieber eine Spinne als Wirt: die Springspinne Portia labiata. Der Autor beschreibt dabei den Auf- und Niedergang ganzer Zivilisationen von Sechs- und Zweibeinern. Ein Uplift, der nicht von anderen Wesen, sondern von einem physikalischen Phänomen verursacht wird, vollzieht sich in Poul Andersons Der Nebel weicht (The Escape 1953 / Brain Wave 1954). Als unser Sonnensystem einen kosmischen Nebel verlässt, der bisher die neuronale Energie der Erdbewohner gedämpft hat, steigt nicht nur die Intelligenz der Menschen, sondern auch die von Tieren, die das Erbe der Menschheit antreten, während diese ins All aufbricht.

Raumfahrende Tierspezies

Intelligente Aliens in Space Operas sind überwiegend humanoid, oft nur mit kleinen Abweichungen von Menschen wie Knochenwülsten oder ungewöhnlichen Haut- und Augenfarben. Manchmal gibt es auch größere Abweichungen wie das dichte Fell der Wookiees in Star Wars oder die riesenhafte Schildkrötengestalt der Clutch Turtles aus dem Liaden-Zyklus (ab 1988). Doch all diese raumfahrenden Tierspezies gehen aufrecht, haben zwei Beine und zwei Arme. Selbst die insektenartige und hochintelligente Kreatur aus Ridley Scotts Alien erscheint humanoid, da uns die Vorstellungskraft dafür fehlt, wie Tiere ohne unseren Körperbau fortschrittliche Technologie bauen und bedienen können.

In Stargate hat es jedoch eine parasitäre, wurmähnliche Tierart zur Herrschaft über die Milchstraße gebracht: die Goa’uld. Sie leben in erzwungener Symbiose mit menschlichen Wirten, womit die Film- und Serienmacher geschickt das Problem umgehen, dass Würmer nicht die körperlichen Voraussetzungen mitbringen, um Raumschiffe zu fliegen. Die Goa’uld inszenieren sich in ihren menschlichen Körpern als (überwiegend ägyptische) Götter, kontrollieren die Sternentore und versklaven ganze Planeten. Doch nicht alle Goa’uld sind Parasiten: Die sogenannten Tok’ra leben mit ihren Wirten in einer gleichberechtigten Symbiose und streben eine freundschaftliche Zusammenarbeit mit Menschen an.

In Bernd Perplies‘ Am Abgrund der Unendlichkeit (2019) gibt es gleich zwei äußerst interessante nicht-humanoide Tierspezies: die im Weltall lebenden, noch unerforschten Kosmozooen und die hochintelligenten Orkanoiden. Letztere sind riesenhafte, vielfarbig schimmernde Raumquallen, die in der Atmosphäre von Zwillingsgasriesen leben und mittels telepathischen Bildern kommunizieren. Sie sind eine sehr alte Spezies, die für ihr großes Wissen bewundert wird und in einer Gemeinschaft mit den echsenartigen Nark lebt. Diese lernen von den Orkanoiden, die ihnen die Raumfahrt ermöglicht haben, und dienen als Übersetzer für ihre bildhafte, telepathische Sprache.

Auch die Medusen in Nnedi Okorafors Binti (2015) sind quallenartig – eine Form, die es der Leserschaft leicht macht, sich vorzustellen, wie komplexe Technologie mit Hilfe der vielen Tentakel erbaut und genutzt wird. In der ersten Binti-Novelle kommt es zum Kampf mit den Medusen. Grund ist der Diebstahl eines wichtigen Medusen-Körperteils durch Forscher der Oomza-Universität, die auch die junge Himba Binti besuchen will. Sie wird zur Vermittlerin, da sie selbst ein Mensch mit einer außergewöhnlichen Kultur ist, die oft missverstanden wird.

 

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