Ist Grimdark jetzt ein Genre?

© sandvide/unsplash

BUCH

Ist Grimdark jetzt ein Genre?


Game of Thrones gilt als typisches Beispiel für Grimdark-Fantasy. Doch was hat es eigentlich mit dem Subgenre auf sich? Mark Lawrence, Autor der Waffenschwestern-Trilogie, schreibt über die ungewollte Kategorisierung seiner Fantasy-Romane.


Neulich stellte ich beeindruckt fest, dass es in der englischsprachigen Wikipedia eine Definition (oder den Ansatz einer Definition) von Grimdark gibt … und ich komme in dem Artikel vor!

Als weitere Beispiele für Grimdark-Autoren werden (vermutlich zuvörderst) Joe Abercrombie und Richard K. Morgan genannt, die ich beide nicht gelesen habe, sowie George R. R. Martin, den ich gelesen habe.

Kernelemente von Grimdark sind offenbar:

Nihilismus, Gewalt, Düsterkeit, dystopische Züge, moralische Mehrdeutigkeit / das Fehlen von moralischer Gewissheit

Nun kann ich nicht für mich beanspruchen, den Überblick zu haben – schließlich habe ich zwei Drittel meiner beispielhaften Kollegen nicht einmal gelesen! Aber wenn ich tatsächlich eine der tragenden Säulen des behaupteten Subgenres bin (und sei es die kleinste und unwichtigste), dann könnte es doch aufschlussreich sein, einmal zu schauen, ob sich diese Kernelemente in meinen Büchern finden lassen.

Nihilismus

Generell: Oft mit schlecht gelaunten Teenagern assoziiert, und das aus gutem Grund. Wenn Kinder das Stadium erreichen, in dem sie Entscheidungen treffen, etwas mit ihrem Leben anfangen, einen Platz in der Welt finden müssen usw., dann passiert es durchaus, dass sie sich fragen, wieso man dergleichen überhaupt tut, und das Fehlen konkreter Antworten kann ziemlich verstörend sein und Lebensangst und nihilistische Tendenzen auslösen.

Spezifisch: Da meine erste Trilogie einen jungen Mann durch sein vierzehntes bis zwanzigstes Lebensjahr begleitet, betreten wir sicher kein Neuland, nur weil der Gute hier und da nihilistische Tendenzen zeigt. Jedenfalls denke ich absolut nicht, dass Jorg viele der Eigenschaften verkörpert, die gemeinhin mit dem Nihilismus in der Jugendkultur verbunden werden. Er ist weder trübselig noch antriebslos. Stattdessen ist er ehrgeizig, energisch, und besitzt einen Sinn für Humor.

Darüber hinaus erstreckt sich in einem Grimdark-Roman der Nihilismus auf die gesamte Welt. Für die Jorg-Bücher weise ich das zurück. Wir sehen seine Welt einzig durch seine Augen – diese Wahrnehmung ist zwangsläufig davon gefärbt, wer er ist und was er tut. Es wäre zum Beispiel absolut denkbar, dass 98 Prozent der Einwohner der Stadt Krath rundum zufrieden sind und ein gutangepasstes Leben voller Freude und ausgeglichener Beziehungen führen.

Gewalt

Generell: Es ist blanker Unsinn zu behaupten, Gewalt wäre in der Fantasy irgendwie neu. Ich habe in Fantasybüchern, die nicht als Grimdark eingestuft werden, genauso drastische Gewaltdarstellungen gefunden wie in denen, die dazuzählen, und in anderen Genres noch deutlich »schlimmere«.

Spezifisch: Der Fantasykolumnist des Guardian hat zu mir gesagt, Prinz der Dunkelheit würde von Folterszenen strotzen … das sagt ein Mensch, der dafür bezahlt wird, Bücher zu lesen und über sie zu schreiben. Es gibt in Prinz der Dunkelheit keine Folterszenen. Eine Szene spielt in einer Folterkammer, und da enden die Gräuel in dem Augenblick, als der Ich-Erzähler eintritt. Dann gibt es noch eine Stelle, wo jemand (in wenig drastischen Begriffen) schildert, wie eine andere Person gefoltert wurde. Nehmen wir sämtliche Wörter zusammen (nichts davon eine Folterszene), kommen wir vielleicht auf eine halbe Seite Text.

Ich bringe das hier als Beispiel dafür, wie leicht man sich selbst über den Inhalt eines Buches täuschen oder andere aktiv in die Irre führen kann.

Auch auf dieses Zitat hier möchte ich hinweisen: »[Prinz der Dunkelheit] war genau, was ich erwartet habe – nämlich ein Buch, in dem unablässig vergewaltigt wird«. Das wohlgemerkt über einen Roman, der schätzungsweise 61 Wörter Text enthält, der mit Vergewaltigungen zu tun hat, und darin werden Ereignisse kommentiert, die im »Off« stattgefunden haben.

Wenn es also um das Ausmaß von Gewalt oder ähnlichem geht, dann lassen wir uns in unserem Urteil sehr leicht von dem beeinflussen, was andere sagen. Janny Wurts (gute Autorin, toller Mensch) hat mir erzählt, sie fand Prinz der Dunkelheit sehr gut geschrieben, aber für ihren Geschmack zu düster. Ich habe gerade ihr Buch Meister der Schatten angefangen (toll bis jetzt, aber ich bin erst auf Seite 30). Das Ausmaß an Düsterkeit und Gewalt kommt mir doch recht hoch vor – ein Seemann, der sich an Wrackteilen festklammert, wird von einem Schiff aus mit Rudern totgeprügelt; sein Gefährte versucht, dessen Mannschaft dahingehend zu provozieren, dass sie auch ihn tötet, anstatt ihn zu bergen und dem König auszuliefern, an dessen Hof ihm nicht näher bezeichnete Folter droht … Ich habe es schon einmal gesagt (und dafür auf einem Con schallendes Gelächter geerntet), aber mir kommt Prinz der Dunkelheit nicht besonders düster vor. Wirklich nicht. Wie Jessica Rabbit sagt: Ich bin nicht schlecht, ich bin nur so gezeichnet.

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Düsterkeit

Generell: Und nun wird’s erst richtig vage. Vermutlich geht es hier um den Ton. Im Film gibt es ja »Noir«. Die Stadt ist groß, schmutzig. Nie hört es auf zu regnen. Whiskey wird getrunken, der Privatschnüffler ist ein Zyniker, eine Lady kommt ins Spiel …

Aber in den Büchern, die als Grimdark bezeichnet werden? Von meinen eigenen abgesehen habe ich George Martins Romane gelesen, Luke Sculls Schattenkrieger und Schwert des Nordens, Bakkers Schattenfall, R. S. Fords Herald of the Storm, Weeks Der Weg in die Schatten, Lynchs Die Lügen des Locke Lamora … Ich sehe da wirklich keine Wiederholung in den Motiven oder im Ton. Vielleicht bin ich dafür blind, aber das glaube ich eigentlich nicht. Um noch mal auf meine aktuelle Lektüre zurückzukommen … Wurts hat den »Meister der Schatten« als zentrale Figur, der lieber ermordet statt gefoltert werden möchte … und eins ums andere taucht er das Schiff in widernatürliche Nacht. Also da haben wir sie doch, die zugleich buchstäbliche und literarische Düsterkeit.

Spezifisch: In einer Umfrage auf meinem Blog empfanden die meisten Leser*innen die Jorg-Bücher als »gut gelaunt«. Aus meiner Sicht gibt es zwar Höhen und Tiefen, aber … der Ton hat in jedem Fall etwas Trotziges. Wenig Trübsinn, wenig Verzweiflung, eher eine Weigerung, sich zu unterwerfen.

Dystopische Züge

Generell: Das lese ich oft. Möglicherweise haben viele, die den Begriff verwenden, gar nicht über seine Bedeutung nachgedacht. Die Tribute von Panem spielt in einer dystopischen Welt. Dort besteht eine Gesellschaftsordnung, die wie in Orwells 1984 auf eine Weise durchgesetzt wird, die absolut niemand als wünschenswert erachten dürfte. Irgendwelche Leute haben sich ein paar üble Regeln ausgedacht und wenden sie gnadenlos auf eine unterdrückte Bevölkerung an. Sicher, es gibt eine Widerstandsbewegung, aber die strauchelt.

Einige Bücher, die als Grimdark bezeichnet werden, weisen dystopische Züge auf. Die Lügen des Locke Lamora zum Beispiel. Die meisten jedoch spielen in Krisengebieten. Bürgerkriege, Auseinandersetzungen zwischen Staaten, von Raubzügen verwüstete Landschaften … nichts davon ist dystopisch.

Spezifisch: Jorgs Welt ist nicht dystopisch. Es gibt keine verabscheuungswürdige Ordnung, die einer geknechteten Bevölkerung aufgezwungen wird. Jorgs Leben spielt sich in einem chaotischen Krisengebiet ab, und im Verlauf der Bücher kämpft er tatsächlich darum, seinem Land Einheit sowie (eher als Folge denn als Motivation) Frieden zu bringen.

Seine Welt ist auch nicht im Sinne einer »Zivilisation im Niedergang« dystopisch. Es stimmt, in der Vergangenheit befanden sich Technologie und soziale Organisation auf einem höheren Niveau. Das trifft auch auf, sagen wir, die Normannen und das vornormannische England zu – die Römer haben tausend Jahre zuvor über mehr Technologie und Organisation verfügt. Aber wie das normannische England befindet sich auch Jorgs Welt auf dem Weg von einem früheren Tiefpunkt nach oben und nicht auf dem kontinuierlichen Weg von vergangener Größe nach unten. Jorg will vereinen, will ein Reich errichten.

Moralische Zweideutigkeit / das Fehlen von moralischer Gewissheit

Generell: Das trifft zwar auf viele Figuren zu, denen ich in Romanen mit dem Label Grimdark begegnet bin, doch es scheint mir auch für zahllose andere Bücher zu gelten. Für mich deutet es vor allem auf schriftstellerische Reife hin. Viele Fantasyhelden der 1980er kamen mir nicht vor wie echte, widersprüchliche Menschen, die zweifeln und nur begrenzt bereit sind, gegen alle Gefahr »das Richtige« zu tun. In der Literatur fand man solche Menschen durchaus, in den Klassikern des 20. Jahrhunderts, aber dort kämpfen sie weder mit Schwertern noch mit Zaubersprüchen. Eigentlich, so kommt es mir vor, versucht heute nur ein größerer Prozentsatz von Fantasyautor*innen, »echte Menschen« in ihre erdachten Welten hineinzuschreiben, weil sie spüren, dass eine erwachsenere Leserschaft danach verlangt.

Spezifisch: Noch einmal, ich zeige Jorgs Welt ausschließlich durch seine Augen, und er besitzt nun wirklich einen höchst amoralischen Charakter. Aber das bedeutet nicht, dass die Welt, durch die er sich bewegt, diese Eigenschaft ebenfalls aufweist. Viele ihrer Bewohner durchaus, ebenso wie viele von uns. Trotzdem gibt es dort definitiv Leute, die versuchen, das Richtige zu tun, die sich um Aufrichtigkeit bemühen und mit weithin akzeptierten Vorstellungen von anständigem Verhalten übereinstimmen und danach leben.

Fazit

Also. Wenn wir etwas so Simples wie eine wellenförmige zweidimensionale Darstellung nehmen und damit das Problem Berg oder Maulwurfshügel klären wollen … dann läuft das auf Streit hinaus. Ohne Maulwürfe, wann ist eine Erhebung kein Maulwurfshügel, sondern ein Berg? Setzen wir als Definition einen Höhenwert, wird es sofort Protest wegen der Erhebungen hageln, die knapp darüber oder darunter liegen.

Die Geschichten, die wir erzählen, bilden eine deutlich komplexere Vielfalt in mehr Dimensionen, und jeder Versuch, mit knappen Worten eine Grenze festzulegen und denen, die darunterfallen, ein Label anzuheften, wird eine Debatte auslösen.

Ich habe nichts gegen solche Versuche einzuwenden, doch stimmt es mich wirklich traurig, wenn Leute sagen, dass sie nur Grimdark oder auf gar keinen Fall Grimdark lesen wollen. Diese Einstellung setzt die Überzeugung voraus, dass es dieses Subgen­re wirklich gibt und dass Bücher, denen ein solches Label angeheftet wird, tatsächlich bestimmte Kriterien erfüllen (das tun sie nicht) und dadurch garantiert eine Geschichte enthalten, die einem gefällt oder nicht (ebenfalls falsch).

Wir sind von Natur aus stammesorientiert. Die Fanszene ebenfalls. Menschen mögen Label, nicht nur zum Definieren von Büchern (und vielen anderen Dingen), sondern auch, um darüber sich selbst zu definieren, über das, was sie mögen und nicht mögen. Manche gehen dabei noch weiter – ein Satz von Labeln begründet Freundschaften, ein anderer Feindschaften. Wir werden erleben, dass Menschen Grimdark mit derselben Leidenschaft pauschal hassen (oder lieben), mit der andere Manchester United »lieben« und Liverpool »verachten«. Meinetwegen. Viel Spaß damit. Solange das nur niemand ernst nimmt.

 

Alle Rechte © 2015 by Mark Lawrence

Zuerst erschienen unter dem Titel »Is Grimdark a Thing?« auf https://mark---lawrence.blogspot.com/2015/12/is-grimdark-thing.html

Deutsch von Frank Böhmert

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