Interview mit Reinhard Kleist

© Reinhard Kleist

INTERVIEW

„Sediert und durchnormiert“: Interview mit Huxley-Illustrator Reinhard Kleist


Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ ist ein unumstrittener Klassiker der Weltliteratur – und hat an Aktualität nichts eingebüßt. Reinhard Kleist, Illustrator der neuen Huxley-Prachtausgabe bei S. Fischer, spricht im Interview über Satire, Konsum und den Kampf mit dem Pinsel.

TOR ONLINE: Herr Kleist, Sie haben die aktuelle Prachtausgabe von Aldous Huxleys Klassiker „Schöne Neue Welt“ illustriert. Warum sollten wir dieses Buch, das erstmal 1932 erschien, heute noch zur Hand nehmen?

Reinhard Kleist: Huxley hat in diesem Buch nicht nur die Vision einer genormten und sedierten Bevölkerung, sondern auch einer vollkommen konsumorientierten Gesellschaft entworfen, die sich vor lauter Angebot an Ablenkung und Materialismus kaum noch geistig beschäftigen will. Lesen zum Beispiel gilt als rückständig. Es ist natürlich eine Überzeichnung der gegenwärtigen Situation, eine Satire. Aber es gibt Stellen, die einem Schauer über den Rücken jagen, da die Realität die Fiktion schon überholt hat.

Verblüffend ist, dass Huxley es schon vor fast 90 Jahren geschrieben hat. Aber die Fragen, die er stellt, sind aktueller denn je. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die vollkommen durchnormiert ist und das Individuelle als suspekt ansieht?

Worin bestand für Sie als Künstler der größte Reiz an diesem Projekt?

Ich liebe Science Fiction, die etwas über uns und unsere Gesellschaft erzählt. Ray Bradbury zum Beispiel ist ein Meister darin. Und auch Huxley hält uns einen Spiegel vor, indem er Muster überzeichnet und Fragen aufwirft, was eine vermeintlich perfekte Gesellschaft wäre und ob wir wirklich darin leben wollen. Ich versuche in den Bildern ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass diese Utopie Schattenseiten hat, und werfe die Frage auf, wie weit wir noch davon entfernt sind.

Und was war die größte Herausforderung?

Da Huxley das Buch vor so langer Zeit geschrieben hat, kann man es schnell als veraltete Science Fiction abtun. Ich wollte aber mit den Bildern Brücken schlagen zum Heute. So starren die Bewohner von Huxleys London bei mir konstant auf ihre Handys, oder die Straßen sind bepflastert mit Reklame für Markenfirmen, die auch bei uns allgegenwärtig in Shoppingmalls prangen. Wobei, wenn ich jetzt drüber nachdenke, auch das bald schon bald wieder veraltet daherkommen könnte, da die Städte Gefahr laufen, vom Onlinehandel verwüstet zu werden.

Können Sie uns beschreiben, wie Sie bei Ihrer Arbeit konzeptionell vorgehen? Wie gelangen Sie zu den Motiven, die Sie letztendlich verwenden?

Beim Lesen des Buches habe ich mir Notizen gemacht, welches bildstarke Sequenzen sind, die sich gut umsetzen lassen. Ich möchte dabei Bilder finden, die auch für sich sprechen und einen Teil der Handlung erzählen und interpretieren. Bei dem Bild mit dem Müllberg zum Beispiel habe ich den Konsumhunger der Stadt weitergedacht und mir vorgestellt, dass auch dies Kehrseite der schillernden, überperfekten Amüsementwelt sein muss.

Müllberge

© Reinhard Kleist

Später dann mache ich Skizzen zu den Szenen und den Figuren. Bei John Savage habe ich mir einen Spaß erlaubt und den Sänger Romano in der Rolle besetzt.

Die Bewohner der Stadt habe ich alle in die gleichen plusterigen Overalls gesteckt, um ihre Uniformität zu betonen.

Romano

© Reinhard Kleist

Mit was für Materialien arbeiten Sie dann schließlich?

Ich benutze hauptsächlich Tusche und Pinsel. Ich bin da sehr traditionell. Ich brauche einfach die Haptik von Papier und den Kampf mit dem Pinsel. Die Kolorierung wird am Ende allerdings am Rechner gemacht.

Die Farbwelt Ihrer Huxley-Illustrationen ist im Prinzip auf drei Farbtöne reduziert: Rot, Blaugrau und ein Sandton. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Hat Sie das in Ihrer Arbeit eingeschränkt oder im Gegenteil gewisse Möglichkeiten eröffnet?

Ich hatte beim mehrmaligen Lesen schon eine Vision von einer beschränkten Farbwelt. Durch den Einsatz der wenigen Farben und deren unterschiedlichen Aufgaben in den Bildern gelingt es mir, Akzente zu setzen. Der Sandton ist zum Beispiel ist eine Modulation, mit der ich Licht und Schatteneffekte setzen kann; das Rot setzt dramatische und inhaltliche Betonungen, wie z. B die Leuchtreklamen oder die Soma-Tabletten, die der Wilde durch den Raum schleudert. Das Blau verleiht den Bildern Tiefe oder setzt Raumebenen voneinander ab.

Verraten Sie uns, woran Sie als Nächstes arbeiten?

Zur Zeit bin ich mit einem neuen Biografie-Comic über David Bowie beschäftigt. Das wird mich die nächsten Jahre noch auf Trab halten. Dazwischen arbeite ich an Illustrationen zu „1984“ von George Orwell, das wieder bei Fischer erscheinen wird. Interessanterweise schließt sich da ein Kreis, da Bowie auch mal an einer musikalischen Version zu „1984“ gearbeitet hat. Das Projekt scheiterte dann allerdings an George Orwells Erben und daraus wurde dann „Diamond Dogs“, das ein bisschen wie „1984“ auf Acid erscheint.

Herzlichen Dank!

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