Cixin Liu, China und die Uiguren

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BUCH

Wegsehen, boykottieren, kritisieren? Cixin Liu und die Uiguren


Nach Boykottaufrufen zu Disneys "Mulan" wegen des Umgangs Chinas mit der Volksgruppe der Uiguren hat es jetzt auch Netflix und dessen Adaption von Cixin Lius "Die drei Sonnen" ereilt. Doch was ist passiert? Unser Redakteur Markus Mäurer fasst zusammen, welche Äußerung Lius in der Kritik steht und wie die Situation in China aussieht.

Cixin Lius Science-Fiction-Roman The Three Body Problem (dt. Die drei Sonnen) über einen sehr ungewöhnlichen Erstkontakt mit Außerirdischen geriet zum Weltbestseller, sogar vom damals noch amtierenden US-Präsident Barack Obama empfohlen. Inzwischen sind alle drei Teile der Trisolaris-Trilogie sowohl in englischer als auch deutscher Übersetzung erschienen, und der WDR hat ein Hörspiel dazu produziert. Über geplante Verfilmungen gab es immer wieder Gerüchte: Erst sollten sie in China erfolgen, dann war Amazon im Gespräch, inzwischen hat Netflix verkündet, dass die Game of Thrones-Macher D. B. Weiss und David Benioff die Bücher für das Streamingportal als Serie adaptieren werden.

Und mit der einhergehenden Medienberichterstattung wird auch Kritik an Autor Cixin Liu (die korrekte chinesische Schreibweise wäre übrigens Liu Cixin, mit dem Familiennamen zuerst) laut – darüber, dass er die Internierungsmaßnahmen der chinesischen Regierung gegen die Volksgruppe der Uiguren gutheißen würde. Über diese Thematik wird in den Medien zwar immer wieder mal berichtet, insgesamt erhält sie aber nur wenig Beachtung. Erst jüngst durch Disneys Mulan geriet der Konflikt in den Fokus der Medien und sozialen Netzwerke.

Aber was hat Liu eigentlich gesagt?

In einem Interview mit dem New Yorker 2019 wurde Liu zur Situation der Uiguren gefragt. Seine Antwort:

"Would you rather that they be hacking away at bodies at train stations and schools in terrorist attacks? If anything, the government is helping their economy and trying to lift them out of poverty." ...  "If you were to loosen up the country a bit, the consequences would be terrifying."

"Wäre es Ihnen lieber, wenn sie Terroranschläge auf Bahnhöfe und Schulen verüben, indem sie dort auf Menschen einhacken? Wenn überhaupt, unterstützt die Regierung ihre Wirtschaft und versucht, sie aus der Armut zu holen." ... "Würde man die Maßnahmen im Land lockern, wären die Folgen verheerend."

Wie viel über die Lage der Uiguren in China selbst bekannt ist, ist eine andere Frage. Da Liu auch im Ausland unterwegs ist und Englisch lesen kann, dürfte er durchaus Zugang zu unabhängigen Informationen haben.

Gelesen habe ich bisher nur den ersten Band der Trilogie, The Three Body Problem, in dem mir nichts negativ in Richtung Regierungshörigkeit aufgefallen ist. Die Figuren sind größtenteils flach und klischeehaft, das Problem wird aber mit einem internationalen Team angegangen. Erstaunt hat mich, wie kritisch er die Kulturrevolution in teils drastischen Szenen behandelt. Geschrieben hat er das Buch allerdings schon 2007, als noch Hu Jintao Staatspräsident von China war. Seit 2013 ist Xi Jinping an der Macht, unter dem das Klima wieder rauer geworden ist, da er seine Position noch stärker zu der eines autokratischen Alleinherrschers ausgebaut hat und wenig Kritik (auch an der Geschichte Chinas) duldet.

Außerhalb der Politik im Westen scheint mir der größere Aufreger die Personalie D. B. Weiss und David Benioff zu sein, jene Showrunner, die das Ende von Game of Thrones nach Meinung vieler versaut haben sollen. Der popkulturelle Groll über fiktive Ereignisse scheint länger zu währen als jener über reale Menschenrechtsverletzungen.

Die größte Empörung in Bezug auf Lius Äußerungen geht von fünf US-Senator*innen aus, die einen offenen Brief an Netflix verfasst haben. Darin stellen sie vier konkrete Fragen zu der Causa und wollen wissen, ob man von den Äußerungen wusste, ob man für solche Fälle Verhaltensregeln habe und wie man in Zukunft verhindern wolle, dass das Verhalten der chinesischen Behörden gegenüber den Uiguren von am Projekt beteiligten Personen weiter glorifiziert wird. Man bittet Netflix, das Projekt zu überdenken, um Cixin Liu nicht weiter eine so prominente Plattform zu bieten.

Nun handelt es sich bei den fünf Senator*innen um Mitglieder der Republikanischen Partei, für die dieser Fall, nach der Angelegenheit mit TikTok, ein gefundenes Fressen im aktuellen Wirtschaftskrieg mit China sein dürfte – den man wohl schon fast als neuen Kalten Krieg bezeichnen kann –, um weiter Druck auf China und dessen Handelspartner auszuüben.

Und was sagt Netflix?

Trotzdem könnte die Sache für Netflix brisant werden. Die jüngste Kontroverse um den französischen Film Mignonnes – entstanden vor allem durch ein völlig inakzeptables Filmposter seitens Netflix – und der Gegenwind für Disney im Bezug auf Mulan (siehe weiter unten) haben gezeigt, dass sich solche "Skandale" zu einem Proteststurm auswachsen können, die ernsthafte wirtschaftliche Folgen auch für das größte Unternehmen haben kann. Von den moralischen Implikationen ganz zu schweigen. Hier wäre Netflix gut beraten, sich eindeutig zu Cixin Lius Äußerungen und der Behandlung der Uiguren seitens chinesischer Behörden zu positionieren. Zumal man von Liu nicht lediglich die Filmrechte erworben hat, sondern ihn auch als aktiv Beteiligten an dem Serienprojekt aufführt.

Die erste Reaktion von Netflix' Vice President of Public Policy Dean Garfield, man würde Lius Kommentare, die in keinen Zusammenhang zum Buch oder dieser Netflix-Serie stünden, nicht zustimmen, hört sich nach dem üblichen schwachen PR-Sprech an, das man eben nach solcher Kritik wie in einem Automatismus aus juristisch geprüften Textbausteinen veröffentlicht.

Liu selbst wird sicher äußerst vorsichtig sein, was weitere Äußerungen zu der Thematik angeht. Wir können von ihm wohl nicht erwarten, dass er sich offen kritisch gegenüber seiner eigenen repressiven Regierung äußert. Wie weiter oben schon angedeutet, bin ich mir auch nicht sicher, wie gut er über die Lage der Uiguren Bescheid weiß. Aus seinen Interviews und seinem Werk lese ich heraus, dass er sich vor allem als Ideen-Autor sieht, der den Figuren und ihrer Entwicklung nur wenig Raum lässt. Inwieweit seine Empathiefähigkeit reicht, um sich in die Lage der Uiguren hineinzuversetzen, bleibt reine Spekulation. Trotzdem sollte man ihn für seine Äußerungen kritisieren.

Bei uns in Deutschland ist der Fall noch nicht so richtig angekommen, bisher findet man nur vereinzelte Meldungen im Netz. Bei Boykottaufrufen in den sozialen Netzwerken sollte man sich genau ansehen, wer dahintersteckt. Wirklich hohe Wellen hat die Sache noch nicht geschlagen. Sie könnte aber eine Gelegenheit bieten, eine breitere Öffentlichkeit über die Menschenrechtssituation der Uiguren in China zu informieren.

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Worum genau geht es bei dem Konflikt mit den Uiguren?

Die Volksgruppe der Uiguren ist eine muslimische Minderheit, die den turksprachigen Ethnien zugeordnet wird und vor allem in der chinesischen Provinz Xinjiang beheimatet ist. Die amtliche Bezeichnung für die Region lautet Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjiang. Doch von Autonomie kann keine Rede sein. Im Gegenteil, Xinjiang dürfte das am besten und restriktivsten überwachte Gebiet der Welt sein. China hat nach Angaben der Weltbank ca. 1,3 Milliarden Einwohner. Die Bevölkerungsmehrheit stellen die Han-Chinesen (ca. 1,25 Milliarden), hinzu kommen bis zu 20 ethnische Minderheiten, die zum Teil massiv unterdrückt werden. Das prominenteste Beispiel ist wohl Tibet.

Die Uiguren stellen ca. 11,5 Millionen Einwohner, von denen sich mehr als eine Million in Umerziehungslagern befinden sollen. Seit 2017 soll China 380 neue Internierungslager errichtet haben, die euphemistisch als Bildungszentren bezeichnet werden und in denen angeblich extremistisches Gedankengut bekämpft werden soll. Was in der Praxis so aussieht, dass niemand weiß, wer wann für wie lange verschwindet. Es kann sich um Jahre handeln. Und bei dem »extremistischen Gedankengut« sind oft nur harmlose religiöse Praktiken gemeint, oder die Menschen werden verschleppt, weil sie einen Bart oder ein Kopftuch tragen.

Das Australian Strategic Policy Institute (ASPI) berichtet, dass um die 16.000 Moscheen und andere religiöse Stätten wie Friedhöfe von der Regierung vor allem in den letzten drei Jahren zerstört wurden. Es gibt auch Gerüchte über Folter, Mord und Zwangssterilisationen. Hier soll anscheinend eine komplette Volksgruppe vernichtet werden. Dass es einige Terroranschläge uigurischer Extremisten gegeben hat, rechtfertigt dies natürlich in keiner Weise.

Chinas Arm reicht weit

Ich persönlich bin schon seit Jahrzehnten großer Fan des chinesischen Films (nicht zu verwechseln mit dem Hongkong-Film, den ich auch sehr schätze) und interessiere mich sehr für chinesische Kultur und Geschichte. Und gerade deshalb halte ich eine kritische Auseinandersetzung mit der Politik der chinesischen Regierung für wichtig. Zensur hat es innerhalb Chinas schon immer gegeben. Und auch das Hongkong-Kino wird schon lange durch Chinas Politik beeinflusst. Man denke an das alternative Ende von Infernal Affairs (2002, die Vorlage zu Scorseses The Departed), das extra für den chinesischen Markt gedreht wurde, weil im chinesischen Film die Schurken am Ende auch bestraft werden müssen.

Inzwischen reicht dieser Einfluss aber bis nach Hollywood. Der chinesische Markt ist zu groß und wichtig, um ihn zu verärgern. Im Actionthriller Olympus Has Fallen soll man aus den Terroristen statt den ursprünglich geplanten Chinesen Nordkoreaner gemacht haben. Prinzipiell ist es zu begrüßen, wenn man nicht ein ganzes Land als einen Haufen Bösewichte abstempelt, so wie es bis zu ihrem Zusammenbruch mit der Sowjetunion gemacht wurde. Verlogen ist es, wenn ein anderes Land als Sündenbock herhalten muss und das problematische Agieren einer Regierung komplett unter den Tisch fällt.

Im Falle des Films Mulan hat sich nicht nur die Hauptdarstellerin Liu Yifei ins Fettnäpfchen gesetzt, als sie ihre Unterstützung für die Honkonger Polizei äußerte. Auch Disney sorgte mit Mulan für negative Schlagzeilen. Der Film, der kürzlich statt im Kino direkt auf Disney+ gegen eine zusätzliche Gebühr veröffentlicht wurde, ist eine Realverfilmung des gleichnamigen Zeichentrickfilms von 1998, der wiederum auf Motiven der chinesischen Ballade Hua Mulan basiert, die zwischen 420 und 589 nach Christus entstanden sein soll. Immerhin hat Disney dieses Mal chinesische Darsteller eingesetzt und kein Whitewashing betrieben – wobei die Macher hinter den Kulissen (Drehbuch, Regie, Produktion) alles Weiße gewesen sind, was ebenfalls zu Kritik führte. Und man hat direkt vor Ort in China gedreht. Leider auch in der Provinz Xinjiang. Und deren Behörden dankt man im Abspann des Films, also genau jenen, die für die Unterdrückung und Internierung der Uiguren verantwortlich sind. Unter anderem dem "Büro für öffentliche Sicherheit in Turpan", das einige solcher Lager betreibt.

Und wie reagiert man im Ausland?

Ironischerweise ist Mulan in China an den Kinokassen gefloppt. Und das lag nicht an Corona, denn fast zeitgleich deklassierte das Kriegsepos The 800 die Konkurrenz an den Kinokassen. Und ein wenig verlogen ist die Aufregung schon, vor allem, wenn sie aus den USA kommt. Immerhin werden auch dort Kinder von Behörden in Käfige gesteckt und sollen Frauen, wie kürzlich bekannt wurde, zwangssterilisiert worden sein. Und hier in Europa sollten wir uns mit Blick nach Moria und aufs Mittelmeer auch an die eigene Nase fassen. Was der berechtigten Kritik an der chinesischen Regierung aber nichts an Relevanz nimmt.

Ähnliche Konflikte gab es mit China schon zuvor, vor allem wenn es in Filmen um Tibet ging. Brad Pitt hatte nach Sieben Jahre in Tibet Ärger mit der chinesischen Regierung (Einreiseverbot), die auch Martin Scorseses Kundun (über den Dalai Lama) kritisiert. Bei Disney bereute man schnell, Kundun produziert zu haben, und Michael Eisner bezeichnete ihn als dummen Fehler. Auch die NBA, die amerikanische Basketball-Liga, verhielt sich reichlich unterwürfig, nachdem ein Manager der Houston sich kritisch zum Umgang der Regierung mit den Protesten in Hongkong äußerte.

Aber wir müssen gar nicht bis nach Hollywood und in die USA schauen. Kürzlich wurde bekannt, dass China in Thalia-Buchhandlungen Ausstellungsfläche gekauft hat (was viele Verlage machen), um chinesische Staatspropaganda zu vertreiben. Cixin Lius The Three Body Problem wurde übrigens auf Initiative einer staatlichen chinesischen Agentur ins Englische übersetzt, die an Ken Liu herangetreten war. Was nicht per se verwerflich ist – wir haben ja auch die Deutsche Welle und die Goethe-Institute in vielen Ländern, um deutsche Kultur im Ausland bekannt zu machen. Und es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die USA und die CIA während des Kalten Krieges ein antikommunistisches Kulturförderungsprogramm betrieben.

Auch die akademische Freiheit wird weltweit durch Chinas Einfluss bedroht. Human Rights Watch hat ausführlich dokumentiert, wie China sie in Australien, Großbritannien, Kanada und den USA untergräbt.

Doch um den Bogen zurück zur Science Fiction zu schlagen: China ist in Sachen digitaler Überwachung dem Rest der Welt wohl um Jahre voraus und setzt aktuell schon vieles um, was sonst nur in den düstersten Dystopien der SF-Literatur vorkam. Ein Social-Scoring-System, das die Reisefreiheit und weitere Betätigungen einschränkt, wenn man sich nicht systemkonform verhält. Eine erzwungene Gesichtserkennung. Apps mit Regierungsbotschaften, die gelesen werden müssen oder für deren Lesen man Pluspunkte erhält. Von der aktuellen chinesischen Science Fiction kann man wohl kaum erwarten, dass sie solche Verhältnisse offen kritisiert. Cixin Liu hat schon seit 2010 nichts mehr veröffentlicht und ist der Meinung, dass die Science Fiction aufgrund des technologischen Fortschritts am Ende sei und auch er nicht Neues mehr zu erzählen habe (und hier findet sich Frank Weinreichs Replik auf Lius These).

Boykott oder kritische Auseinandersetzung? – Mein Fazit

Boykottiert man die Werke Cixin Lius, bringt man sich um interessante Einblicke in die chinesische Literatur und Kultur und einen etwas anderen Ansatz der Ideenliteratur in der Science Fiction. Zumal sich Lius politisch kontroverse Ansichten in seinem Werk (meines Wissens) nicht widerspiegeln. Was die Netflix-Serie angeht, bleibt abzuwarten, was Weiss und Benioff daraus machen. Einen Boykott von Disneys Mulan (keinen organisierten, sondern einen privaten, indem man sich den Film einfach nicht anschaut) halte ich allerdings für gerechtfertigt, da man solchen Konzernen und Hollywood aufzeigen muss, dass sie sich für den schnöden Mammon nicht alles erlauben können und dass es durchaus noch zivilen Widerstand gibt, wenn sich Unternehmen aus Sorge vor Umsatzeinbußen nicht um Menschenrechte kümmern.

Insofern sind solche Kontroversen durchaus geeignet, wichtige Themen, die sonst im Medienrauschen untergehen, in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Ein guter Zug von Netflix könnte es sein, zum Ausgleich eine Dokumentation über die Menschenrechtslage in China zu produzieren. Und von uns Leser*innen, Zuschauer*innen und Konsument*innen, nicht gleich allergisch auf solche Boykottaufrufe zu reagieren, sondern sich kritisch mit der Thematik auseinanderzusetzen.

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