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ESSAY

Ist die Science Fiction tot? Eine Replik auf Cixin Lius These vom "Ende der Science Fiction"


Alle Jahre wieder wird das Ende eines Genres ausgerufen. Diesmal hat es die Science Fiction erwischt. Im SPIEGEL hat der chinesische Autor Cixin Liu verlauten lassen, dass die SF tot sei, weil der technische Fortschritt den Menschen die Phantasie raube. Müssen wir uns Sorgen machen? Eine Replik von Frank Weinreich.  

Den chinesischen Erfolgsautor Cixin Liu, der mit seiner Trilogie über die „Drei Sonnen“ die wahrscheinlich erfolgreichste – und meiner Meinung nach überzeugendste und spannendste - Hard-SF des Jahrzehnts abgeliefert hat, halte ich für einen großen Genreautor; egal, ob es nun bei Trisolaris bleibt, oder ob er noch ein paar schöne Bücher veröffentlichen wird. Wobei wir auf Letzteres fast nicht mehr hoffen dürfen, nachdem er unlängst in einem Interview das „Ende der Science Fiction“ ausrief.

Liu erzählte Spiegel Online im Oktober 2018, dass er nicht glaube, dass noch viel SF erscheinen werde, denn der Fortschritt der real existierenden Technologie raube den Autorinnen und Autoren die Vorstellungskraft. Mit Hinweis auf sein Smartphone sagte er: „Diese Erfindung ist mehr Science Fiction als das meiste, das dieses Genre hervorgebracht hat. Die Technologie hat unsere Phantasie überholt.“ Das sehe ich aus drei Gründen völlig anders; aus Gründen, die zeigen, dass das Genre der Science Fiction nie sterben wird.

Die Science Fiction ist unsterblich

Erstens, und das ist eigentlich der schwächste der Gründe, sieht man auch heute noch eine ungebrochene Lust an der technischen Spekulation bei den Autorinnen und Autoren. Ein am technischen Puls der Realität lauschender Schriftsteller wie Peter Hamilton beispielsweise extrapoliert aktuelle Entwicklungen aus Kommunikationstechnik und Medizin in eine durch Technologie völlig veränderte Zukunft. Seine Unsterblichen, seine im Computernetz lebenden Menschen oder diejenigen, die ihr Bewusstsein auf verschiedene Körper aufgespalten haben, seine Vision der Internetentwicklung – all das sind technologiebasierte phantasievolle Ausflüge ins gerade noch Vorstellbare, die unter der Entwicklung des realen Smartphones nicht sonderlich gelitten haben.

Natürlich ist nicht alle SF weitschweifige Tech-Vision; sie konnte aber auch zu keiner Zeit  darauf reduziert werden. Und es stimmt schon, dass ein Weiterdenken der Markt- und Sozialisationsmacht von Facebook, wie es etwa Dave Eggers in „The Circle“ vornimmt, technologisch in der Tat eher kleinschrittig denkt und wirklich sehr schnell von aktuell in der Entwicklung befindlicher Hard- und Software ein- und überholt werden kann. Aber darum geht es bei Eggers und den vielen vergleichsweise realitätsnahen Erzählungen der Subgenres Cyber- und Hightech-Thriller von Daniel Suarez bis Karl Olsberg gar nicht, sondern um das Spiel mit den Spekulationen über die gesellschaftlichen Folgen der Technik. 

Nicht die SeeChange-Kameras, die im Circle jeder mit sich herumträgt, um sein Leben ins Netz zu streamen, sind das interessante Spekulationsobjekt, sondern die Überlegungen, die Eggers darüber anstellt, was es mit den Menschen macht, wenn sie so offen alle Hosen runterlassen. Und was es für die bedeutet, die das nicht tun wollen, sich aber dem Sog nicht entgegenstellen können, wenn erst eine kritische Masse entstanden ist, die SeeChange von allen fordert.

Hinterfragen statt vorhersehen

Das kommt bei Eggers & Co. vielleicht etwas arg plakativ, überzeichnet und mit zu viel Theaterdonner herüber, aber das ist eine Stilfrage. Worum es mir mit Blick auf das Ende der SF geht, ist etwas anderes. Selbst wenn Ingenieurinnen und Ingenieure sich als so phantasievoll und erfolgreich erweisen sollten, dass sie eines Tages komplexere Technik hervorbringen, als das Genre sich vorzustellen vermag, so werden die Erzählerinnen und Erzähler doch nicht müde werden, über die psychologischen, politischen und gesamtgesellschaftlichen Folgen zu spekulieren. Dieser zweite Grund für die Unsterblichkeit der SF wird bei jeder neuen kaum glaublichen Umsetzung technologischer Ideen sogar aufblühen und jede einzelne Erfindung in mindestens zehn frischen Stories und Filmen hinterfragen. 

Denn es geht in der Science Fiction ja gar nicht so sehr ums Vorhersehen als viel mehr ums Hinterfragen. Und die Realität notwendigerweise zu hinterfragen, ist der dritte Grund für das gesicherte Überleben der SF. Das Genre blickt auf die gegebene Welt, in der sich gerade eine technische Idee, wie die Raumfahrt oder das Klonen, oder eine neue Ideologie, wie der Sozialdarwinismus, abzeichnet, und stellt sich dann vor, wie sie im Fall der konsequenten Realisierung einmal tatsächlich werden.

Dieser SF werden weder Stoff noch Erzählerinnen oder Erzähler je ausgehen, denn die Geschichte endet auch nicht, und solange es Menschen gibt, wird es eine Gesellschaft geben, über die wir nachdenken können. Dazu ist jede einzelne Stimme ein Original, das die Dinge auf ihre ganz individuelle Weise beschreibt und betont. Es ist ja nicht so, dass nach den großen spekulativen Dystopien von Samjatin, Huxley und Orwell auf einmal kein Bedarf oder Publikum für derartige Ausblicke da gewesen wäre. Stattdessen wird munter weiter gewarnt, werden aus allen möglichen politischen Denkrichtungen und mit unterschiedlichstem Anliegen und unterschiedlichem Adressatenkreis dystopische Werke verfasst.

Ausgerechnet bei einem Autor aus China könnte man doch erwarten, dass er daran denkt, dass es gute Gründe gibt, Entwicklungen in der staatlich gelenkten Gesellschaftspolitik seiner Heimat zu hinterfragen, und dass die vermeintlich dahinsiechende Science Fiction gerade daheim noch ein reiches Betätigungsfeld findet. Trotz eines unübersehbaren Patriotismus, der in der Dreisonnen-Trilogie zum Ausdruck kommt, hat Liu sich schließlich in diesen Büchern auch kritisch mit dem Despotismus in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik auseinandergesetzt.

Man könnte beispielsweise die immer perfekter durchgeführte Überwachung der Bürger Chinas on- wie offline in spekulative Szenarien umzusetzen. Oder sich kreativ mit dem jüngst eingeführten System der Sozialkreditpunkte auseinanderzusetzen. So werden gerade alle privaten und öffentlichen chinesischen Datenbanksysteme miteinander verbunden, und jeder Bürger erhält einen Punktewert, der sich aus beruflichen Beurteilungen und privatem Verhalten zusammensetzt. Von diesem Wert hängt nun unter anderem der Zugang zu Versicherungsleistungen, zu Schulen und Universitäten ab. Der Score entscheidet über beruflichen Auf- wie Abstieg und er wirkt bis tief ins Private und stellt auch auf Datingplattformen einen ganz entscheidenden Gradmesser für die ‚Attraktivität‘ eines potenziellen Partners darstellt.

Undenkbar, dass eine Autorin wie Ursula K. Le Guin das nicht einer beißenden literarischen Analyse unterzogen hätte. Umso bedauerlicher ist es, dass Liu es anscheinend nicht thematisieren will. Auch dem Spiegel gegenüber zeigt er diesbezüglich keinerlei Ambitionen und tut das Thema allzu lapidar ab: „In der chinesischen Gesellschaft gibt es sowieso keine Privatsphäre.“ Eine enttäuschende Antwort. Für einen Science-Fiction-Autor ist dieser Verzicht darauf, wichtige gesellschaftliche Realitäten zu hinterfragen, sogar beschämend. Wer so denkt, für den mag das Genre in der Tat am Ende sein.

Diese Art des Hinterfragens ist zu allen Zeiten gefordert und wird aber auch zu allen Zeiten geliefert werden, unabhängig von der jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Situation oder des politischen Systems. Selbst wenn die Star-Trek-Utopie der freien, wissenshungrigen, egalitären Föderation einmal Wirklichkeit werden sollte, werden SF-Autorinnen und -Autoren diese Wirklichkeit noch immer daraufhin abklopfen, ob sie wirklich schon das Optimum darstellt, und ob sich nicht doch verborgene Gefahren abzeichnen. 

Die großen und kleinen Menschheitsfragen

Dazu kommt, dass die Medien- und die Erzählerfahrung sich schon auf mittlere Sicht stetig verändert. Viele der SF-Klassiker lassen sich vom nachwachsenden Publikum in Diktion wie Metaphorik gar nicht mehr so leicht entschlüsseln. Manches Mal ist die gesellschaftliche Vision, die ein Autor einst auf Basis eigener Erfahrung entwickelte, zu weit weg, manches Mal sind auch die wissenschaftlichen Annahmen so weit überholt, dass es schwer wird, sie mit dem nötigen Ernst aufzunehmen. Deshalb ist es nötig, dass über die großen wie die kleinen Menschheitsfragen in jeder Generation von jeder Generation neu spekuliert wird. 

 

Ach, was soll dieser erhobene Zeigefinger „es ist nötig“? Es passiert einfach, ist sozusagen gar nicht aufzuhalten. Und deshalb ist das Genre Science Fiction unsterblich, lieber Cixin Liu.

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