Autismus und Autorenleben

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ESSAY

Autismus und Autorenleben


Die Welt aus dem Blickwinkel anderer sehen: Mark Lawrence, Autor der "Waffenschwestern"-Trilogie, erzählt vom Zusammenspiel von Autismus und Schreiben – und wie aus einer Schwäche im realen Leben eine Stärke im Erdenken fiktiver Welten werden kann. 

Lawrence/Autismus

Bei aller Buntheit der Abbildung oben hat das hochfunktionale Ende des Autismus-Spektrums etwas von einer Grauzone. Die Grenzen zwischen einigen Aspekten des Asperger-Syndroms und Introvertiertheit, sozialer Ängstlichkeit oder schlichtweg Ungeselligkeit verschwimmen mitunter sehr.

Ich sollte vorausschicken, dass ich kein Experte bin und es nicht böse gemeint ist, falls ich Fakten falsch darstelle.

Ich hatte schon mit diversen Menschen zu tun, die die ganze Breite des Autismus-Spektrums repräsentieren, von milder Ausprägung, die sich kaum bemerkbar macht, bis hin zu starker Ausprägung, bei der die Sprachfähigkeit und vieles andere verlorengegangen sein kann. Offenbar lässt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen die Fähigkeit, andere Menschen zu modellieren, so weit nach, dass das Individuum nicht mehr erkennt, welche Informationen es mit anderen teilt, und sich deshalb zu Monologen ohne Einleitung oder gemeinsame Grundlage aufschwingt. Als Gegenüber weiß man unter Umständen nicht einmal, wovon gerade die Rede ist.

Dies stellt das genaue Gegenteil zum Geschichtenerzählen dar. Angehende Autor*innen neigen zu dem »Fehler«, Dinge nicht aus der Perspektive der Menschen zu sehen, die ihre Bücher lesen; sie begreifen nicht, dass die leuchtende Stadt, die sie in ihrer Phantasie vor sich sehen, oder die entscheidende Motivation oder vibrierende Leidenschaft in Wahrheit noch gar nicht im Text zu finden ist, sondern immer noch allein in ihrem Kopf existiert und die geschriebenen Sätze eher eine Tragstruktur darstellen als ihre ganzheitliche Vision.

Eine autistische Person, die sich keine inneren Modelle ihrer Gesprächspartner*innen erschafft, denkt vielleicht gar nicht darüber nach, ob das, was sie sagt, für ihr Gegenüber relevant oder interessant ist. Wenn wir schreiben, müssen wir jedoch unbedingt dazu in der Lage sein, uns auf die andere Seite des Buches zu begeben und den Text dahingehend zu überprüfen, wie er vermutlich auf diejenigen wirkt, die nicht auf die Inhalte unseres Kopfes zugreifen können.

Und doch ordnet mein Diagramm eine signifikante Anzahl von Autor*innen am milden Ende des Spektrums ein …

Meinem Eindruck nach wirkt sich der stärkere Autismus zwar schädlich auf das Geschichtenerzählen aus, die mildesten Formen jedoch können hilfreich sein. Ich selbst dürfte mich ebenfalls nahe bei diesem Ende des Spektrums befinden. Schon die sehr milde Asperger-Ausprägung errichtet bereits eine Barriere zwischen der übrigen Welt und dir. Es kann soziale Ängste auslösen. Es kann dafür sorgen, dass alltägliche soziale Interaktionen Anstrengung erfordern. Keine große Anstrengung vielleicht, aber wenn du sie zu lange ohne Verschnaufpause aushalten musst, zehrt sie deine Kräfte auf.

Unterm Strich schauen Menschen wie ich lieber zu, als uns ins Gewühl zu stürzen. Und da uns die soziale Interaktion nicht so leichtfällt wie das Atmen oder das Setzen des nächsten Schritts, studieren wir ihre Wunder. Wir verwenden viel geistige Kraft darauf, andere Menschen zu modellieren, zu begreifen, was sie antreibt, zu versuchen, die Welt aus ihrem Blickwinkel zu sehen. Spontan sind wir darin vielleicht immer noch nicht besonders gut. Die geistige Anstrengung, die Konzentration, die es erfordert, in Echtzeit mit anderen umzugehen, ermüdet uns vielleicht schnell. Beim Schreiben jedoch, das uns ein bisschen mehr Zeit lässt, alles zu durchdenken, verstehen wir uns am Ende vielleicht richtig gut darauf.

Ein Beispiel: Ich habe Angst vor dem Telefonieren. Ich hasse es, Anrufe zu machen. Mit meinem besten Freund habe ich in den letzten zwanzig Jahren vielleicht viermal telefoniert. Es dauerte sieben Jahre als Autor, bis ich bereit war, meinen bisher einzigen Podcast aufzunehmen. Als Teenager in Vor-Internet-Zeiten, der auf eine Schule in der Londoner City ging, die Meilen von meinem Zuhause entfernt war und deren Schüler*innen über die ganze Stadt verteilt wohnten, war ich gezwungen zu telefonieren, wenn ich ein Sozialleben haben, auf Partys gehen, Mädchen treffen wollte usw. Also biss ich in den sauren Apfel und nahm den Hörer in die Hand. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor jedem Anruf viel Zeit darauf verwendete, mir das Telefonat auszumalen, was die anderen wohl sagten, was ich dann antwortete, wie ein Sportler, der seinen Sieg visualisiert. Wenn ich ein wenig Talent zum Schreiben von Dialogen habe, dann rührt es definitiv von dieser Angst her, diesen Visualisierungen und Proben.

So lautet jedenfalls meine Theorie, gestützt auf Beobachtungen bei vielen meiner Autorenkolleg*innen. Ich habe den Eindruck, nicht wenige von uns haben eine Schwäche gemeinsam, die wir in eine Stärke verwandelt haben.

 

Alle Rechte © 2018 bei Mark Lawrence

Zuerst erschienen auf https://mark---lawrence.blogspot.com/2018/11/autism-and-authoring.html

 

Deutsch von Frank Böhmert

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