Kir Bulytschow

© Clarence e hsu / unsplash

BUCH

Ein Klassiker der russischen Science Fiction: Kir Bulytschow ist wieder da!


Wer war Kir Bulytschow? Mit »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes« des wichtigen russischen SF-Autors liegen, erstmals auf Deutsch, seine politischen SF-Satiren vor, die 1986 bis 1991 in der Zeit der Perestroika entstanden sind. Herausgeber und Übersetzer Ivo Gloss gibt einen Überblick über Leben und Werk des Autors. 

Kir Bulytschow (1934-2003), dessen bürgerlicher Name Igor Moshejko lautete, schloss 1957 ein Studium am Pädagogischen Fremdspracheninstitut in Moskau ab und war danach als Dolmetscher und als Korrespondent für die Zeitschrift RUND UM DIE WELT in Birma (heute Myanmar) tätig. Von dort brachte er eine gute Kenntnis der amerikanischen SF und mehrere Koffer dieser Lektüre mit. In den 1960er-Jahren war er wohl einer der besten Kenner der angloamerikanischen SF in der Sowjetunion. Es war die Zeit, in der dort SF aus dem Westen mehr als nur vereinzelt zu publizieren begonnen wurde, und Kir Bulytschow gehörte zu jenen, die sie ins Russische übersetzten.

In russischer Sprache erschienen von Kir Bulytschow ca. 350 Erzählungen, Novellen und Romane in mehr als 700 Autorenbänden (inkl. Neuausgaben) mit einer Gesamtauflage von über 16 Millionen Exemplaren. Übersetzungen erfolgten in etwa 35 Sprachen u. a. auch in mehr als 200 Bänden.

Ein Takan für die Kinder der Erde
Ein Takan für die Kinder der Erde
Kir Bulytschow

Ein Dinosaurier im Einweckglas

Moshejkos 1961 erschienene erste Erzählung zählte noch nicht zur Phantastik, wohl aber zwei 1965 folgende Veröffentlichungen: Die Erzählung »Ein Gebot der Gastfreundschaft« brachte der clevere beginnende Autor unter dem Pseudonym Maun Sein Dshi als angebliche Übersetzung aus dem Birmanischen in der Zeitschrift ASIEN UND AFRIKA HEUTE unter. Im selben Jahr erschien mit »Das Mädchen, dem nie etwas zustößt« (dt. 1977, vollständig 1984) auch Bulytschows erste Geschichte des an Kinder adressierten SF-Zyklus um das Mädchen Alissa. „Alissa“ ist übrigens nicht nur die russische Form von „Alice“, jener ins Wunder- und ins Spiegelland gelangenden Heldin des von Moshejko sehr verehrten Lewis Carrol, sondern auch der Name von Moshejkos 1960 geborener Tochter.

Auch bei der ersten Alissa-Geschichte bediente Igor Moshejko sich eines Pseudonyms. Er erachtete es bei allem verständlichen Stolz auf die Veröffentlichung doch als notwendig, speziell den Kollegen und Vorgesetzten an seinem nunmehrigen Arbeitsort, dem Institut für Orientalistik, seine schriftstellerische Nebentätigkeit, zumindest soweit sie den Bereich der Belletristik betraf, zu verheimlichen, um zum einen die gebotene Seriosität als Wissenschaftler zu wahren und zum anderen nicht als unterbeschäftigt zu erscheinen. Das Pseudonym lautete: Kir Bulytschow. Das „Kir“ hatte der Autor vom Vornamen seiner Frau Kira Soschinskaja entlehnt, das „Bulytschow“ vom Familiennamen seiner Mutter.

SF für Erwachsene unter dem Pseudonym Kir Bulytschow erschien erstmals 1967, und das unter reichlich kuriosen Umständen. Kir Bulytschow schrieb auch damals noch Reportagen für die Zeitschrift RUND UM DIE WELT. Diese wiederum brachte alle zwei Monate als Ableger ein Magazin mit Spannungsliteratur, den SUCHENDEN. Der Umschlag der Nr. 2 des Jahrgangs bildete einen Stuhl ab, auf dem ein Einweckglas steht, in dem sich wiederum ein Saurier befindet. Er illustrierte die Übersetzung einer amerikanischen SF-Geschichte. Und er war in einer Auflage von 300.000 Stück mehrfarbig gedruckt worden, bevor der entsprechenden Erzählung die Freigabe durch die Zensur verwehrt worden war. Es galt also ein gewisses Problem zu lösen, wozu sich die anwesenden Mitarbeiter bei der Besprechung am Abend zunächst einmal durch ein landesübliches alkoholhaltiges Getränk in einen inspirierten Zustand zu versetzen suchten. Man einigte sich darauf, ein jeder möge sich nach Hause begeben, dort eine zur Illustration passende Geschichte verfassen und diese dann am nächsten Tag zur Wahl stellen. In einer frühen Fassung von Bulytschows Autobiographie wird sogar angedeutet, von ihm selbst stamme sowohl der Vorschlag hinsichtlich des Selberverfassens als auch der bezüglich des Alkoholgenusses, wobei er im durch einige bereits in seiner Schublade liegende Geschichten gestärkten Vertrauen auf seine schriftstellerischen Fähigkeiten dafür gesorgt habe, dass die Kollegen über das inspirative Maß hinaus genossen. Wie dem auch sei, Bulytschow brachte am nächsten Tag eine passende Erzählung mit, die »Wann starben die Dinosaurier aus?« hieß und auch die einzige war.

Alissa: Kinderbücher als Bestseller

Die Geschichten um Alissa ziehen sich durch Bulytschows gesamte Karriere als SF- und Phantastik-Autor. Wie seine erste Phantastik-Veröffentlichung, so gehörte auch seine letzte zu Lebzeiten erschienene neue Geschichte zu diesem Zyklus: Eine Woche vor dem Tode des Autors begann der Zeitschriftenabdruck der neuen Novelle »Alissa und Alissija«. Der Zyklus besteht damit nunmehr aus über 40 Novellen und etwa 10 Erzählungen. Die Alissa-Bücher erschienen in einer russischen Gesamtauflage von bislang rund 5 Millionen Exemplaren und dienten als Grundlage für mehrere Kino- und Fernsehfilme, von denen sich insbesondere die nach der Novelle »Alissa jagt die Piraten« (1978, dt. 1988) entstandene fünfteilige Fernsehserie »Gäste aus der Zukunft« (UdSSR 1984) enormer Beliebtheit erfreute. Der Alissa-Zyklus ist sicher die Basis für Bulytschows große und lang anhaltende Popularität. Die ehemals jungen Leser kaufen nun ihren eigenen Kindern diese ihnen in guter Erinnerung gebliebenen Bücher und halten wohl oft auch selbst ihrem Lieblingsschriftsteller aus Kindertagen die Treue, wenn sie entdecken, dass es von ihm auch ein umfangreiches Angebot für Erwachsene gibt.

Wunder in Guslar

Wunder in Guslar

Die Außerirdischen in Guslar

Die Außerirdischen in Guslar

Rückkehr nach Guslar

Rückkehr nach Guslar

Wenn etwas Seltsames passiert, dann in Guslar

Dieses Angebot für Erwachsene bestand zunächst einmal insbesondere aus den heiteren Geschichten um die Einwohner des fiktiven Provinzstädtchens Guslar, Verzeihung: Groß Guslar. Die erste Guslar-Geschichte war die 1970 erschienene Erzählung »Persönliche Beziehungen« (dt. 1976). Ein russischer SF-Kritiker bemerkte einmal, andere schrieben über »Menschen wie Götter« (eine Space Opera von Sergej Snegow), Bulytschow aber über »Ganz gewöhnliche Leute« (so der Titel seines 2. Erzählungsbandes für Erwachsene). Dies wird im Guslar-Zyklus besonders augenfällig. Auch demonstrieren diese Geschichten, in denen märchenhafte Wunder wie sprechende und wunscherfüllende Goldfische gleichberechtigt neben dem üblichen SF-Instrumentarium von A wie außerirdischer Besuch bis Z wie Zeitmaschine stehen, wie wenig der Autor von einer strengen Trennung der unterschiedlichen Spielarten der phantastischen Literatur hielt. Bulytschow bemühte sich meist nicht eben sonderlich darum, dem Leser die Technik und Wissenschaft in seiner Science Fiction plausibel zu machen. Warum auch – entweder hatten ältere Kollegen das längst getan, oder aber es wäre einfach wenig erfolgversprechend gewesen. Bulytschows Stärken waren das Erzählen der Geschichte und der Blick für die Details der Charaktere und Schauplätze. Bulytschows Geschichten – ob nun in Guslar oder andernorts angesiedelt – beginnen selten mit einem Knall, sondern eher mit einer glaubwürdig beschriebenen Alltagssituation, die sich dann durch den Einbruch des Phantastischen zuspitzt. Freilich ist die im Hier und Heute angesiedelte Alltags-SF ohne exotische Welten, ohne die Romantik der Weltraumfahrt und des Erfinder- und Entdeckertums, ohne übermächtige Superhelden und im Kampf aufeinanderprallende Sternenflotten und normalerweise auch ohne Weltuntergänge nicht für jeden Science-Fiction-Freund die bevorzugte Spielart seines Lieblingsgenres.

Konflikte im Kosmos

Fast gänzlich im Kosmos und in der Zukunft angesiedelt sind die nur lose miteinander verknüpften Texte des Zyklus um den Weltraumarzt Pawlysch. Der Zyklus umfasst die beiden Romane »Der letzte Krieg« (1970) und »Überlebende« (1988, dt. 1995) sowie elf Novellen und Erzählungen. Der Pawlysch-Zyklus gehört nicht zum humoristischen Schaffen Bulytschows. Er ist solide sowjetische wissenschaftliche Phantastik. Mal präsentiert er sich recht actionbetont wie zum Beispiel mit »Der letzte Krieg«, mal spricht er besonders die Emotionen an wie in der Erzählung »Das halbe Leben« (1973), mal steht die moralische Entscheidung seiner Helden im Brennpunkt, wie das in der Novelle »Ein Weg von 13 Jahren« (1983) der Fall ist. In »Der letzte Krieg« haben sich die menschlichen Bewohner auf einem fernen Planeten in einem Atomkrieg gerade selbst den Garaus gemacht. Zwei Angehörige einer fortschrittlichen Alienrasse werden von ihren Juniorpartnern, den Erdenmenschen, zum Ort des Geschehens gebracht. Die Aliens vermögen es, aus Resten biologischen Materials das jeweilige Individuum komplett samt Gedächtnisinhalt wiederauferstehen zu lassen. Ein paar doch noch übrig gebliebene Militärs, die zudem auch noch über Kernwaffen verfügen, machen den unbewaffnet angereisten guten Menschen der Zukunft dann das Überleben schwer und sorgen für ein dramatisches Geschehen. Schon in diesem frühen Buch Bulytschows taucht ein in späteren Werken immer wieder zu findendes Motiv auf: Die technisch und moralisch überlegenen Menschen der Zukunft lassen sich von verschlagenen und skrupellosen Vertretern rückständiger Gesellschaftssysteme in fataler Weise überrumpeln.

In der Erzählung »Das halbe Leben« steht eine Frau mit Namen Nadeshda Sidorowa im Mittelpunkt. Nadeshda Sidorowa, Jahrgang 1923, im Krieg und auch danach Krankenschwester, eine Tochter, früh verwitwet, ist im Sommer 1956 spurlos verschwunden. Ein etwas außer Kontrolle geratenes unbemanntes Erkundungsschiff einer außerirdischen Zivilisation hat sie als Exemplar der Fauna des dritten Planeten unseres kleinen gelben Sterns eingesammelt. Den Rest ihres Lebens fristet sie in dem Raumschiff, oft darüber nachsinnend, was wohl ihre Tochter über ihr Verschwinden denken wird. Sie kommt schließlich um, als sie die Flucht fremdartiger vernunftbegabter Leidensgenossen unterstützt, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hat. Das alles können Pawlysch und Gefährten später unter anderem anhand von Aufzeichnungen der Entführten rekonstruieren, als sie auf das inzwischen völlig tote Schiff gestoßen sind. Knapp hundert Jahre nach Nadeshda Sidorowas Entführung kommt dann eine Expedition irdischer Raumfahrer vom Planeten der aus dem Schiff entkommenen Aliens zur Erde zurück. Der Enkelin Nadeshdas wird ein Foto überreicht, das ein ihrer Großmutter von den Außerirdischen errichtetes Denkmal zeigt.

In der Novelle »Ein Weg von 13 Jahren« schließlich ruht der Fokus auf der moralischen Entscheidung der handelnden Figuren. 106 Jahre bereits ist das Raumschiff »Antäus« unterwegs, und noch dreizehn weitere müssen vergehen, bis es als erstes Schiff der Menschheit einen der Nachbarsterne unserer Sonne erreicht haben wird. Dieser Flug ist das Großunternehmen der geeinten Erde und über all die Jahre hinweg in aller Munde geblieben. Er konnte schon allein deshalb nicht in Vergessenheit geraten, weil er auch und gerade nach dem Start des Raumschiffes ein beständiger gewaltiger wirtschaftlicher Kraftakt ist, der jeden Menschen auf der Erde zu Einschränkungen zwingt. Die »Antäus« transportiert eine Teleportationsstation zu einem hoffentlich vorhandenen geeigneten Planeten im Zielsystem. Die Besatzung wird alle Jahre unter Einsatz riesiger, jedes Mal größer werdender Energiemengen ausgetauscht. Doch nun reißt just während eines Besatzungswechsels die Verbindung zur Erde ab. Ist es ein vorübergehendes technisches Problem in der »Bodenstation«? Oder stimmt sie doch, jene bislang nicht ernst genommene Theorie, nach welcher der der Teleportation zugrunde liegende Wirkungsmechanismus eine nun überschrittene begrenzte Reichweite hat? Die Instruktionen sehen bei einem Abbruch der Verbindung die Umkehr vor. Damit wäre das Jahrhundertunternehmen gescheitert, denn für ein zweites Wenden nach einer möglichen Beseitigung der eventuell nur zeitweiligen Probleme ist kein Treibstoff vorhanden. Soll man stattdessen in der Hoffnung auf die Wiederherstellung der Verbindung weiter dem Zielstern entgegenfliegen und vielleicht nach dreizehn Jahren selbst den ersten Schritt der Menschheit zu den Sternen vollenden, die Teleportationsstation auf einem möglicherweise völlig öden Planeten installieren oder – wenn der Kontakt dann noch immer nicht wiederhergestellt ist – mit ihr zurückfliegen und nach weiteren dreizehn Jahren wieder in den Reichweiteradius der irdischen Station eintreten? Und wie soll die Entscheidung gefällt werden? Darf eine Mehrheit, die weiterfliegen will, über das Schicksal derer entscheiden, die umkehren wollen? Ist der Minderheit, die umkehren will, mit einem Vetorecht gedient, das die Verantwortung für das Scheitern der Mission ihren wenigen Schultern aufbürdet?

Überlebende
Das Marselexier
Der Gebirgspass

Glasnost und Perestroika

Die neue Offenheit in der sowjetischen Gesellschaft der Gorbatschow-Zeit und der nachsowjetischen Zeit spiegelte sich in Bulytschows Schaffen deutlich wider. So halten Glasnost und Perestroika auch in Guslar Einzug. Es existiert eine Bürgerbewegung, die der Guslarer Obrigkeit in Sachen Denkmal- und Umweltschutz auf die Finger klopft, und eine Reise mit der Zeitmaschine offenbart in der Erzählung »Vergangenheit« (1989), dass der alte Loshkin als junger Mann im Jahr 1948 unter den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen durchaus das Zeug zum Schurken hatte, der um ein Haar seine zukünftige Frau denunziert und ins Lager gebracht hätte. Der Gestus der Guslar-Geschichten wandelt sich vom harmlosen Humor zur Satire. Düstere Töne tauchen auf. Die längere Erzählung »Die Senkrechtwelt« (1989) beginnt mit einem Blick auf die durchweg erfreulichen Veränderungen, die in Guslar unter dem in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre an die Macht gekommenen neuen demokratischen und bürgernahen Stadtoberhaupt Beloselski vor sich gegangen sind. In jener Parallelwelt aber, in die sich Bulytschows Lieblings-Guslarer Korneli Udalow begibt, hat Beloselskis Vorgänger Pupykin seine Macht nicht nur behauptet, sondern auch mit diktatorischen Mitteln zementiert. Udalow findet sich in einer Welt der Unterdrückung und Einschüchterung, der Günstlings- und Mangelwirtschaft, der rücksichtslosen Umweltverschmutzung und eines grotesken Personenkultes wieder.

Auch außerhalb Guslars sind die späten 80er- und die frühen 90er-Jahre die Zeit des politischen Bulytschow. Für die Schublade geschriebene Texte können nun publiziert werden. Das Tagesgeschehen spiegelt sich in den Erzählungen wider, die dementsprechend oft auch zeitnah in Zeitungen erstveröffentlicht werden, und die nun ansprechbaren dunklen Seiten der sowjetischen Geschichte werden thematisiert oder zumindest am Rande mit einbezogen.

Der deutsche Auswahlband »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes« (2020) repräsentiert genau diese Phase in Bulytschows Schaffen. Die 1991 erstveröffentlichte witzige Titelerzählung mit der respektlosen Darstellung des greisen Breshnew und seiner Umgebung ist bereits 1986 entstanden. Die etwas älteren Leser werden sich noch gut daran erinnern, wie es in ihrem jeweiligen Heimatland war, als 1982 die Außerirdischen die Bevölkerung eines jeden Landes dazu aufforderten, durch gedankliche Abstimmung zu entscheiden, welche verstorbene Person wieder gesund ins Leben zurückgeholt werden soll. Als damals in der sowjetischen Führungsriege darüber diskutiert wurde, auf wen das Sowjetvolk eingeschworen werden sollte, da wäre sicher mancher gern Mäuschen gewesen. Diese einmalige Möglichkeit bietet Kir Bulytschow nun nachträglich.

Der im Band enthaltene Roman »Der Tod im Stockwerk tiefer« (1989) ist eine Momentaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1987, in dem die bislang uneingeschränkte Macht der Partei bereits etwas zu wanken begonnen hatte. Es geht um die Ignoranz der Verantwortlichen gegenüber den Warnungen der Wissenschaft vor einer sich abzeichnenden hausgemachten Katastrophe, die über eine große, aber fernab von Moskau liegende Stadt hereinzubrechen droht. Es geht um die Überlebens- und Rettungsbemühungen während der Katastrophe und darum, dass sich unter den Überlebenden recht bald durchaus unterschiedliche Ansichten darüber offenbaren, was unter „Schadensbegrenzung“ und „Aufräumarbeiten“ zu verstehen ist.

Die schwarzhumorige Geschichte »Der alte Iwanow« (1989) hingegen ist eine Reise durch die gesamte Sowjetzeit bis hin in die – vom Zeitpunkt des Entstehens aus gesehen – nahe Zukunft anhand der Lebensbeschreibung der Titelfigur. Iwanow ist ein Problemlöser mit hundertprozentiger Erfolgsrate. Sie kennen ihn bisher nicht, denn er hatte keinerlei Ambitionen auf Karriere. Stets reichte die Zusicherung einer Erfolgsprämie, die keineswegs sonderlich groß zu sein brauchte, völlig aus, um ihn ohne Rücksicht auf Verluste die ihm gestellte Aufgabe lösen zu lassen. In dieser herrlich lakonisch geschriebenen Erzählung führt Bulytschow dem Leser vor Augen, dass dieser Iwanow durch die gesamte Geschichte der Sowjetunion hindurch eine stetig zunehmende Rolle gespielt und letztlich im Verborgenen sogar Bedeutung für das Schicksal der gesamten Welt erlangt hat. Eine Erzählung, die man, wie ich finde, mit nicht nachlassendem Vergnügen durchaus mehrmals lesen kann, weil einfach jeder Satz sitzt.

Ebenfalls satirischer Natur ist die Erzählung »Der freie Tyrann« (1988). Sie gehört zum Guslar-Zyklus. Allerdings hat Kir Bulytschow seinem Guslarer Korneli Udalow Reisefreiheit gewährt. Der kommt mit seinem Raumschiff nicht so ganz zurecht, muss auf einem Planeten einen ungeplanten Zwischenstopp einlegen und landet ausgerechnet in einem Gefangenenlager, wo er alsbald neu eingekleidet wird. Er bekommt jedoch auch die Möglichkeit, den Herrscher des Planeten zu treffen und sich so ein Bild von den verblüffenden Verhältnissen auf dieser Welt zu machen. Eine Geschichte, die das Zeug zum Lesebuchtext hat.

Apropos: Die Anerkennung, die Bulytschows Schaffen in seiner Heimat über die Grenzen des Genrepublikums hinaus genießt, zeigt sich unter anderem auch daran, dass verschiedene SF-Texte des Autors Eingang in Schullesebücher fanden. Übrigens auch in ein (west-)deutsches der 1980er- und 1990er-Jahre.

Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes
Besuch aus dem Kosmos
Spiegel des Bösen

Spiegel des Bösen

Was sonst noch auf Deutsch?

Im Zeitraum von 1974 bis 1990 wurde mit Ausnahme von 3 Jahren in jedem Jahr mindestens ein neues Buch oder eine weitere Erzählung von Kir Bulytschow/Igor Moshejko erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht. In der DDR erschienen 4 selbständige Veröffentlichungen Bulytschows mit SF für Erwachsene, 5 Bücher mit SF für Kinder und 2 Sachbücher. Die selbständigen SF-Veröffentlichungen für Erwachsene sind der Auswahlband »Ein Takan für die Kinder der Erde« (dt. 1976), die Guslar-Erzählung in Buchlänge »Das Mars-Elixier« (1971, dt. 1980), die Heftveröffentlichung »Besuch aus dem Kosmos« (dt. 1982) und die Erzählung in Buchlänge »Der Gebirgspass« (1980, dt. 1986). Nach dem Ende der DDR brachte Heyne den Planetenroman »Überlebende« (1988, dt. 1995, spezieller Lesetipp) und 1996 und 1999 erschienen noch zwei Erzählungen und ein Romanauszug. Es ist dem Memoranda-Verlag sehr zu danken, dass er nun mit dem Band »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes« nach einer Unterbrechung von rund 20 Jahren dem deutschen Leser endlich weitere Beispiele des erzählerischen Könnens eines der wichtigsten russischen SF-Autoren verfügbar gemacht hat. Ein nicht durch diesen  Artikel vorbereiteter Leser wird nach der vergnüglichen Lektüre dieser heiteren Erzählungen über ernste Dinge und nach dem Umblättern der letzten Seite des im Band enthaltenen fesselnden Katastrophenromans vielleicht verblüfft feststellen, dass es in diesen mehrere Jahrzehnte alten Texten überwiegend um Probleme geht, die nicht gemeinsam mit der Sowjetunion verschwanden, sondern die heute sogar akuter denn je sind.


Bei dem vorstehenden Text handelt es sich um eine für diese Online-Veröffentlichung stark bearbeitete (teils gekürzte, teils erweiterte, teils überarbeitete) Fassung des Nachworts aus dem Band »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes«. Der Band enthält auch eine Gesamtbibliographie der deutschsprachigen Veröffentlichungen K. Bulytschows.

Über den Autor

Ivo Gloss sammelt seit rund 40 Jahren SF-Literatur. Aus dem russischsprachigen Teil der Sammlung übersetzt er gelegentlich etwas nach seinem Geschmack ins Deutsche. Manchmal aber bastelt er stattdessen auch an SF-Literaturlisten für seine Homepage und deren Besucher zu tendenziell eher speziellen Themen wie zum Beispiel »SF-Bücher, die es nicht gibt«, »Bezüge auf H. G. Wells bei anderen SF-Autoren« oder an einer nach den Handlungsjahren geordneten Liste von SF-Texten.

Mehr dazu unter: http://www.gloss-science-fiction.de

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