5 Tipps für freie Lektor*innen

BUCH

Freies Lektorat für Anfänger*innen – 5 Tipps, die du als Neuling unbedingt beherzigen solltest


Freiberufliches Lektorat – für Bücherverliebte ist es einer der Traumjobs schlechthin. Doch der Schritt in die Selbständigkeit ist nicht ganz leicht. Die Dos und Don'ts verrät euch Susanne Pavlovic.

Du stehst als frischgebackene*r Lektor*in kurz vor oder direkt nach dem großen Schritt in die Selbständigkeit? Herzlichen Glückwunsch, du hast dir einen fantastischen Beruf ausgesucht – hoffentlich aus den richtigen Gründen. „Weil ich vom Schreiben immer noch nicht leben kann“ oder „Weil ich mühelos einen Batzen Geld verdienen möchte“ sind übrigens nicht die richtigen. Lektorat ist für Überzeugte, Fleißige, Wagemutige und Geschichtenverliebte.

Lektorat ist nichts für Feiglinge.

Ich will dich nicht scheitern sehen. Wir brauchen überzeugte, fleißige, wagemutige Geschichtenliebhaber*innen, egal ob im Verlagswesen oder im Selfpublishing.

Deshalb kommen hier die 5 verbreitetsten Irrtümer rund um den Beruf – und Tipps, wie du ihnen nicht auf den Leim gehst.

1. Für das belletristische Lektorat brauche ich ein Germanistik-Studium.

-> Nö. Ich hab eins, und ich kann genau eine Sache damit machen: Eindruck schinden. Das akademische Analysieren und Einordnen von Texten, Literaturgeschichte und -theorie haben rein gar nichts mit dem Alltag als Lektor*in zu tun.

Was du als Lektor*in brauchst, ist die Erfahrung, an die Texte fremder Leute mit einem analytischen Auge ranzugehen. Du brauchst ein Gespür für die Zielgruppe – und umso mehr davon, je weniger Erfahrung deine Kundschaft hat – und für deren Erwartungshaltung. Du musst Schreibtechniken sattelfest beherrschen – was nicht heißt, dass du zwingend selbst schreiben musst. Es reicht nicht, zu sehen, dass dem Text hier Spannung fehlt –, du musst erkennen können, warum, und wie sich das ändern lässt. Zumindest zu meiner Uni-Zeit (die letzten Dinosaurier waren da gerade ausgestorben) hab ich das in keinem Kurs gelernt. Im Sachbuchbereich brauchst du didaktisches Gespür, die Kenntnis über Konventionen (mit anderen Worten, die Erwartungshaltung des späteren Lesepublikums) und sehr gute Fähigkeiten, Stoffe zu strukturieren. (Ja, eigentlich wäre das Job des Autors / der Autorin. Nein, die beherrschen das nicht immer.)

Woher deine Expertise kommt, ist völlig zweitrangig – Hauptsache, sie ist da.

2. Ich hab nicht so viel Erfahrung, deshalb biete ich meine Leistung am Anfang billiger an.

-> Bitte nicht. Stell dir vor, du gibst dein Auto wegen defekter Bremsen in die Werkstatt. Der Lehrling repariert es – das ist billiger, weil du nicht sicher sein kannst, ob er’s auch richtig macht, er hat ja noch nicht so viel Erfahrung. Würdest du mit diesem Auto auch nur einen Schritt fahren? Siehste.
Für Autor*innen ist das Lektorat der TÜV. Sie wollen sich drauf verlassen können, dass sie mit dem Text nicht gegen die Wand fahren. Es nützt ihnen nichts, zwei Euro fuffzich zu sparen, wenn sie ständig Zweifel an der Leistung haben müssen.

Deine Leistung als Lektor*in muss zuverlässig sein, also kannst du auch ein angemessenes Honorar fordern.

Im Übrigen – wer zu billig anbietet, macht nicht nur den Markt kaputt, sondern zieht auch Kundschaft an, die nicht bereit ist, mehr auszugeben. Und sobald du deine Preise mal anhebst, kannst du dir neue Kundschaft suchen.

(Ich weiß. Es gibt Menschen, die nicht viel Geld haben. Für die bieten versierte Lektor*innen Leistungen an, die auf „Hilfe zur Selbsthilfe“ hinauslaufen und wesentlich erschwinglicher sind als ein komplettes Lektorat, weil einfach weniger Arbeitsstunden anfallen.)

Was sicher hilft, ist, wenn ihr beide, also du und der Buchmarkt, schon mal miteinander zu tun hattet. Sei es, du hättest als Buchhändler*in gearbeitet, im Journalismus, du hättest über Jahre ein engagiertes Buchblog geführt oder wärst als Korrektor*in oder Übersetzer*in tätig gewesen. Viele freie Lektor*innen haben auch zeitweise in einem Verlag gearbeitet oder zumindest ein Volontariat im Lektorat absolviert. Das ist sicher ein Startvorteil, weil sie schon mal professionell mit Autor*innen gearbeitet haben, die Erwartungshaltungen der Leser*innen an bestimmte Genres kennen und ihr Handwerkszeug verbessern konnten.   

Aber Anfänger haben eben keine 20 Jahre Berufserfahrung. Da musst du durch.

3. Als Lektor*in bin ich freiberuflich tätig – da muss ich es mit dem ganzen unternehmerischen Kram nicht so ernst nehmen.

-> Kommt drauf an. Freiberuflich Tätige und Solo-Selbständige genießen viele Erleichterungen, wenn es ans Abrechnen mit dem Finanzamt geht. Eine einfache Einnahmen-Überschuss-Rechnung reicht in der Regel, was die Steuererklärung deutlich vereinfacht. Nicht mal ein Gewerbeschein ist nötig.

Unternehmerisches Denken bleibt dir trotzdem nicht erspart. Du kannst nicht, wie im Angestelltenverhältnis, davon ausgehen, dass du 40 Stunden bezahlt bekommst, wenn du 40 Stunden arbeitest. Der Anteil an „billable hours“ (also Stunden, die du jemandem in Rechnung stellen kannst) liegt bei etwa 50 Prozent. Der Rest ist Verwaltung, Akquise, Beratung, Netzwerken, Marketing und „Kümmerkram“. Ich verbringe beispielsweise in der Woche bis zu 8 Stunden allein mit dem Beantworten von Mails. Da sind Projektanfragen dabei, Fragen von Kund*innen zu aktuellen Projekten, Nachlese aus einer früheren Zusammenarbeit, Bitten um Einschätzungen von diesem und jenem und vieles mehr. Das ist wichtig, aber in Rechnung stellen kann ich diese Zeit niemandem. Bei anderen Kolleg*innen geht viel Zeit fürs Netzwerken oder für Akquise, z.B. von Partnerschaften im Agenturbereich, drauf.

Faustregel: Der sinnvolle Stundensatz ist höher, als du zuerst glaubst, und niedriger, als du dir langfristig wünschen würdest.

Die Kalkulation eines langfristig verträglichen Stundensatzes ist nur die Spitze des Eisbergs, der „Unternehmenserfolg“ heißt. Positionierung ist ein wichtiges, gemeinhin unterschätztes Gebiet. Service design ein weiteres. Sichtbarkeit, bestehend aus SEO, Netzwerken, Social media (ja, auch da gehen deine „non billable hours“ hin). Nur weil du keine Personalverantwortung jenseits deiner eigenen Person hast, heißt das nicht, dass du nicht unternehmerisch denken musst. Fehlendes unternehmerisches Denken führt dazu, dass Lektor*innen entweder von früh bis spät arbeiten und doch nie Geld fürs Nötigste haben – oder dass sie tatenlos rumsitzen und sich fragen, warum sie keine Aufträge bekommen.

Unternehmerisches Denken ist erlernbar. Nimm es ernst.

Es gibt natürlich auch Berufverbände, die einem dabei helfen können. Beispielsweise den Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren, die übrigens auch einen hervorragenden Leitfaden für das Freie Lektorat veröffentlicht haben.

4. Als Lektor*in arbeite ich für alle Menschen, die Bücher lieben.

-> Nein. Wer für alle arbeitet, arbeitet zum Schluss für niemanden.

Was auf den ersten Blick wirkt wie ein ziemlich homogenes Tätigkeitsfeld – wir lektorieren Texte –, ist auf den zweiten eine ganz differenzierte Sache. Es gibt Lektor*innen für Spannungsliteratur oder Liebesroman, für Sach- oder Fachbuch, für Werbetexte, Webseiten, Gebrauchstexte oder Firmenkommunikation. Manche arbeiten für Selfpublisher*innen, manche für Verlage, wieder andere für Agenturen oder direkt für Firmen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Und nicht mal alle Texte auf dieser Liste finden sich in Büchern.

Das Zauberwort heißt „Positionierung“. Positionierung ist ein komplexer Prozess, während dem du als künftige*r Dienstleister*in entscheidest,

  • was die Fachgebiete sind, in denen du am meisten glänzt
  • was das für Kund*innen sind, die sich dort tummeln
  • was die für Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Nöte haben
  • und wie du ihnen durch deine Arbeit einen maximalen Mehrwert verschaffen kannst.

Daraus leitet sich alles ab: deine Angebotspalette, dein „wording“, dein Auftritt bis hin zu deinen Unternehmensfarben.

Du musst präzise wissen, für wen du arbeitest, damit ich auch weiß, ob ich deine Kundin bin.

5. Der größte, am weitesten verbreitete Irrtum: Als Lektor*in arbeite ich in erster Linie mit Texten.

-> Falsch. Als Lektorin arbeite ich in erster Linie mit Autor*innen. Natürlich verbringe ich meist mehr Zeit mit deren Texten als mit ihnen selber, das Ausschlaggebende ist aber, was zwischen mir und dem Autor / der Autor*in passiert. Wenn ich nicht in der Lage bin, meine Ideen, Verbesserungsvorschläge und meine Kritik so zu verpacken, dass meine Kundschaft sie mühelos erfassen und umsetzen kann – dann kann ich noch so schlaue Ideen zu einem Text haben und er wird am Ende doch nicht besser sein. Das „Wie“ der Vermittlung ist also ebenso wichtig wie das „Was“.

Jede*r Autor*in hat ein anderes Lerntempo. Bei manchen ist die Schulzeit lange her, sie sind es nicht mehr gewohnt, sich Ideen aus anderen Köpfen anzueignen. Autor*innen haben auch unterschiedliche Empfindlichkeiten – und das sollen und dürfen sie. Ich habe darauf Rücksicht zu nehmen. Nicht umsonst kündigen Autor*innen in den Sozialen Medien oft ihr nächstes „Buchbaby“ an – nicht immer, aber oft ist eine Veröffentlichung eine emotional aufgeladene Angelegenheit. Da darf ich mich als Lektorin nicht reinziehen lassen (sonst werd ich ja hektisch bei zwei Dutzend oder mehr begleiteten Projekten im Jahr), aber ich muss in der Lage sein, den Prozess einfühlsam zu begleiten. Ich mach nicht nur Fehler raus. Ich begleite einen kreativen Prozess.

Das Wichtigste an deiner Arbeit sind die Autor*innen, nicht die Texte.

 

Ich hoffe, ich habe dich nicht abgeschreckt. Nein? Gut so, dann gehörst du zu den Mutigen. Dann wirst du die Freiheit und Selbstbestimmtheit zu schätzen wissen, du wirst die kreative Arbeit lieben, du wirst immer wieder dankbar und glücklich sein, dass Autor*innen dir ihre Bücher anvertrauen, weil sie wissen, dass die bei dir gut aufgehoben sind. Du wirst all deine Expertise brauchen, all deinen Hirnschmalz, deine Empathie, deine Begeisterung für Geschichten, all dein Durchhaltevermögen, und du wirst sowas von belohnt werden.

Lektorat ist was für Mutige.

In diesem Sinne – viel Erfolg!

Eure Susanne „Textehexe“ Pavlovic

Über die Autorin

Susanne Pavlovic begleitet als Freie Lektorin seit 2012 mehrheitlich Selfpublisher*innen. Als Autorin von Fantasyromanen weiß sie die Unterstützung ihrer Teamkolleginnen sehr zu schätzen.

www.textehexe.com

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