Mikkel Robrahn Interview

BUCH

Sind Bücher tot? – Wie die Verlage Netflix, EA & Co. das Feld überlassen haben


Mikkel Robrahn
25.08.2020

 

Mikkel Robrahn, Chefredakteur von PietSmiet und Autor des Fantasyromans „Hidden Worlds“, bewegt sich seit Jahren sowohl in der Gaming- als auch in der Verlagsbranche. In seinem kritischen Beitrag geht er der Frage nach, warum junge Menschen von Verlagen nicht mehr erreicht werden – und wie man das anpacken könnte.

Seit drei Jahren bin ich nun in der Verlagsbranche unterwegs, und eine Sache höre ich immer wieder: Junge Menschen wollen nicht lesen. Ein Problem, dass die Videospielbranche, in der ich seit einem Jahrzehnt arbeite, nun wirklich nicht hat. Spiele wie Fortnite und Minecraft sorgen dafür, dass genügend neue Spieler*innen bereitstehen. Es wird immer als gegeben hingenommen: Bücher seien altmodisch und langweilig, Videospiele grell und bunt und die neueste Netflix-Serie das Gesprächsthema in jedem Social-Media-Feed.

Aber haben junge Menschen wirklich kein Bock mehr auf Bücher?

Ich habe nicht lange darüber nachgedacht und bin zu einem Fazit gekommen: Nein, junge Menschen haben noch Lust auf Bücher (hoffentlich auch auf meines), sie wissen bloß nicht, dass sie erscheinen.

Wie wir das ändern können? Ich versuche mich mal an ein paar Denkanstößen. Das fällt mir leicht, denn ich muss nachher keine Marketing-Budgets und Ähnliches verantworten. Ich kann jetzt hier diese Zeilen runtertippen, mir danach auf die Schulter klopfen und mich einem neuen Schreibprojekt widmen. Eine gemütliche Position, von der aus ich das hier predige, ich weiß.

Keine Bücher auf dem Medienradar

Ein ganz großes Problem ist, dass Videospiele, Serien und Filme unsere geliebten Bücher komplett vom Medienradar verdrängt haben. Ich selbst lese schon immer gerne, bekomme aber erst seit dem Beginn meiner schriftstellerischen Tätigkeiten mit, was überhaupt an Neuerscheinungen ansteht. Früher bin ich in eine Buchhandlung gegangen und habe gekauft, was mir in die Hände fiel. Da war niemand auf Twitter oder Instagram, der sich auf einen neuen Heitz- oder Moers-Roman gefreut hat (was ich übrigens anprangere, liebe Freund*innen, denen ich folge). Das liegt natürlich auch an meiner Bubble, aber Verlage dürfen sich nicht nur auf Bookstagram verlassen.

Denn Menschen entscheiden sich nicht nur für ein einziges Hobby. Es ist nicht die Frage, ob sie in Zukunft Bücher lesen, Videospiele spielen oder Serien schauen wollen. Die meisten, das ist meine Erfahrung, leben einen gesunden Mischkonsum. Die Verlagswelt ist aber die einzige Branche, die mit ihren Neuerscheinungen nicht in der breiten Masse wahrgenommen wird. Denn das Marketing, wenn es denn welches gibt, kommt gar nicht auf den Gedanken, auch mal zum Beispiel auf einer gamescom zu wildern.

Die gamescom ist eine der größten Messen Deutschlands. Jedes Jahr (außer in diesem) kommen über 350.000 Besucher*innen nach Köln, um Freund*innen zu treffen und ihr Hobby zu feiern. In erster Linie sind das natürlich Videospiele, aber diese Menschen sind affin für alles, was ein bisschen Eskapismus und Fiktion verspricht. Im letzten Jahr bin ich mal durch die immer viel zu volle Merch-Halle gegangen. Und hier muss ich mal lobend den Panini Verlag erwähnen, der als einziger Verlag mit einer Buchhandlung vertreten war. Das liegt natürlich nahe, weil sie zahlreiche Buchadaptionen zu bekannten Videospielfranchises im Programm haben. Aber ich verspreche euch: Die Schnittmenge an Menschen, die in World of Warcraft abtauchen, Dämonen mit dem Witcher bekämpfen und gerne Phantastik lesen, ist nicht unwesentlich. In beiden Fällen geht es um Storytelling, bloß anders verpackt. Aber wer gerne Handball spielt, tritt auch mal gegen einen Fußball (haben wir immer zum Aufwärmen beim Handballtraining gemacht, für mehr taugt Fußball ja nicht).

Auf solchen Messen müssen Bücher ausgestellt werden, wenn sie endlich wieder junge Menschen (ich brauche unbedingt eine andere Beschreibung, wenn ich aber Teenies oder Twens schreibe, fühle ich mich sofort alt) erreichen wollen. Meinetwegen mit einem Sammelstand, bei dem sich die Phantastik-Abteilungen aller Verlage vereinigen (Utopie?!), aber ihr fehlt auf solchen Messen!

Brücken zwischen Videospiel- und Verlagsbranche

Warum ich mir so sicher bin, dass das funktioniert? Es gibt genügend Beispiele, wo schon Brücken zwischen der Videospiel- und Verlagsbranche gebaut wurden. Der YouTuber Paluten hat 3,77 Millionen Abonnenten auf YouTube und drei Spiegelbestseller. Der ist groß geworden mit Videos über Minecraft und irgendwann kamen dann Bücher dazu. Seine junge Zuschauerschaft fand diese Bücher komischerweise nicht altmodisch oder langweilig. Nein, sie haben mitbekommen, dass da etwas Interessantes erschienen ist und haben die Buchhandlungen gestürmt.

Anderes Beispiel? Isabell Zimmermann, im Internet auch als Honeyball unterwegs, veröffentlicht schon seit Jahren Videos zu (narrativen) Spielen auf YouTube und streamt regelmäßig auf Twitch. Die hat „mal eben“ knapp 90.000 € für ihr Buch „Atlas des Äthers“ auf Startnext eingesammelt.

Einer geht noch: Nino Kerl, alias NinotakuTV, ist im Internet als Berichterstatter zum Thema Animes bekannt. In diesem Jahr hat er seinen märchenhaften (und absolut empfehlenswerten) Roman „Herz aus Stern“ veröffentlicht und ist damit gleich mal auf Platz 8 der Spiegel-Bestsellerliste gelandet.

Ihr sprecht ihre Sprache nicht

Damit will ich nicht sagen, dass ihr euch jetzt ein paar Influencer*innen einkaufen sollt. Das kann man machen, das kann auch funktionieren, ist aber gar nicht der springende Punkt. Es geht mir darum, dass diese drei Beispiele der Beweis dafür sind, dass junge Menschen (die, die angeblich lieber Videospiele spielen und Serien schauen) immer noch gerne Bücher lesen. Aber ihr Verlage erreicht diese Zielgruppe gar nicht mehr, weil ihr nicht ihre Messen besucht, nicht ihre Sprache sprecht und auch kein Netzwerk in dem Bereich habt.

Das sollten wir ändern, und wer das möchte, jetzt verlasse ich meine gemütliche Position doch noch, kann sich gerne bei mir melden. Ich helfe immer gerne mit Denkanstößen, Kontakten und Tipps, denn Bücher sind alles andere als tot.

Über den Autor

Mikkel Robrahn

© Philip Tappert

Mikkel Robrahn, geboren 1991 in Norddeutschland, ist Chief Operating Officer bei der PietSmiet UG & Co. KG. Die PietSmiet UG gehört zu den größten YouTube-Gaming-Kanälen in Deutschland und erreicht jeden Tag Hunderttausende Menschen. Er ist der organisatorische Kopf hinter der kreativen Truppe und bekam von der Community schnell den Spitznamen „Mikkel machts“, weil er Dinge zuverlässig anpackt und umsetzt.

Auf Instagram findet ihr ihn unter @mikkelmachts!

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