Wie Tomi Adeyemi zum Schreiben kam

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ESSAY

„Als ob ich keine Luft mehr bekomme“: Warum Tomi Adeyemi schreibt


Tomi Adeyemi hat mit ihrer Bestsellerserie „Children of Blood and Bone“ Fantasygeschichte geschrieben. Diesen Blogbeitrag hat sie vor fünf Jahren als Reaktion auf den rassistischen Anschlag von Charleston verfasst. Leider ist er heute so aktuell wie damals. Tomi Adeyemi über realen Hass und echte Leidenschaft.

Das hier ist nicht der Blogpost, den ich für diese Woche geplant hatte, aber genau wie Jon Stewart gerade unfähig ist, Witze zu erzählen, konnte ich mich nicht dazu bringen, über etwas anderes zu schreiben, als ich von dem Hassverbrechen in Charleston, South Carolina, hörte. Was als Schlagzeile begann, verwandelte sich in eine Tragödie, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich sah zu, wie mein Postfach und Newsfeed von Nachrichten über das brutale Massaker an neun Schwarzen Kirchgängern überrollt wurden.

Nun bin ich es gewohnt, tragische Schlagzeilen zu lesen, besonders wenn es um ethnische oder religiöse Minderheiten geht. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie es sich anfühlt, in einer Welt zu leben, in der man ständig Angst haben muss, dass der eigene Bruder, Vater oder das eigene zukünftige Kind die nächste traurige Schlagzeile wird. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Polizist behauptet, er habe „keine andere Wahl“ gehabt, als einen Zwölfjährigen mitten auf einem Spielplatz zu erschießen. Ich bin dieses Gefühl gewohnt.

Aber wenn ich von neun Menschen höre, die zur Bibelstunde gingen und nie zurückkehrten, weil sie angeblich „das Land ruinierten“, dann zerbricht etwas in mir. Wenn ich vom 26-jährigen Tywanza Sanders lese, der starb, um seine 87-jährige Tante vor einer Kugel zu schützen – wenn so etwas passiert, dann fühle ich mich, als ob ich keine Luft mehr bekomme.

Ich fühle mich, als wären meine Tränen bedeutungslos. Ich fühle mich, als hätte es keinen Sinn, in einer Welt zu leben, in der Kirchen nicht sicher sind und in der es Leute gibt, die mich so sehr hassen könnten, dass sie mich erschießen. Wenn ich mich so fühle, würde ich am liebsten aufgeben.

Das ist der Moment, in dem ich mich daran erinnere, weshalb ich schreibe.

Ich schreibe, seit ich lesen kann, und mein Traum war schon immer der gleiche: einen Young-Adult-Roman zu schreiben und ihn irgendwann auf der Leinwand zu sehen (total einfach und machbar, oder?). Wenn ich also Trailer zu Maze Runner oder Divergent sehe, lese ich sofort die gesamte Serie und schaue die Filmadaptionen, um zu verstehen, was die Geschichten so großartig macht und die Filme so erfolgreich (aber ich weigere mich, mich mit Twilight auseinanderzusetzen – das liegt jenseits jeglicher logischen Analyse).

Ein entscheidender Moment in meiner Schreibkarriere war, als die Verfilmung von Die Tribute von Panem rauskam. Mir waren die Bücher schon vor Jahren ans Herz gelegt worden, aber ich war nicht wirklich motiviert – bis ich den ersten Trailer sah. Die Prämisse fand ich spannend, und ich musste natürlich gleich alles über die Geschichte wissen, bevor ich meine erste Handvoll Popcorn aß. Es ist wahrscheinlich unnötig zu sagen, dass ich die Trilogie in Rekordzeit verschlang und die Filmpremiere sehnlich erwartete.

Zu sagen, dass ich den Film geliebt habe, wäre eine Untertreibung. Die Welt, die Action, die Figuren – das alles hat mich umgehauen. Der Film hat dem Buch Leben eingehaucht, und der Erfolg der Adaption hat mich zutiefst beeindruckt. Doch bald merkte ich, dass nicht alle Zuschauer*innen so beglückt von dem Film waren wie ich. Manche wurden tatsächlich wütend, als sie bemerkten, dass bestimmte Figuren von Schwarzen Schauspielern gespielt wurden.

Als ich das zum ersten Mal hörte, konnte ich es nicht glauben. Ich konnte keinen Unterschied zwischen den Figuren in den Büchern und den Figuren im Film ausmachen, und ich verstand auch nicht, warum das irgendeine Bedeutung haben sollte. Aber da waren die Entrüsteten, die Dinge posteten wie „Warum zum Teufel machen die aus Rue eine verdammte schwarze B*** im Film?!? Lolol will ja nicht rassistisch sein, aaaaber … jetzt bin ich wütend“ oder „Beschuldigt mich halt, ein Rassist zu sein, aber als ich rausfand, dass Rue Schwarz ist, war ihr Tod nicht mehr so traurig.“

 

Rue's Farewell/Rue's Death The Hunger Games full scene

Das war der Moment, in dem ich wütend wurde. Ich konnte nicht verstehen, wie diese Leute ernsthaft so etwas fühlen oder sagen konnten, aber ich schob es beiseite als etwas, das so dämlich und rassistisch war, dass es meiner Aufmerksamkeit gar nicht würdig war. Aber dann schaute ich mir den Film ein zweites Mal an. Ich weine beim Lesen oder Filmeschauen ständig, also hat es mich beim ersten Mal nicht überrascht, dass ich ein paar Tränen verdrückt habe, als der Speer Rues Herz durchdrang und Katniss sie in den „Schlaf“ sang. Doch als ich die Szene ein zweites Mal schaute, konnte ich nicht aufhören zu weinen. Der Gedanke, dass man diese Szene hassen könnte, einfach, weil Rue schwarz war, dass der Anblick dieses ermordeten Kindes kein Mitgefühl auslösen würde, war unvorstellbar. Nun ist der Film eine erfundene Geschichte – aber der Hass ist echt. Und mit diesem Hass in einer Welt zu leben, fühlt sich unerträglich an.

Vor dem Anschlag von Charleston war das der Moment, in dem ich diesem ohnmächtigen Gefühl der Verzweiflung am nächsten gekommen bin. Dieser Moment, in dem man unerschütterlichem, unerklärlichem Hass begegnet. Das war der Tag, an dem ich das erste Kapitel meines Romans begann. Ich war fest entschlossen: Ich würde eine unglaubliche YA-Geschichte schreiben, mit Abenteuern und Vorstellungskraft, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Und meine Protagonistin würde eine Schwarze sein.

Und wisst ihr was? Es würde keinen Unterschied machen. Denn wenn man eine gute Geschichte schreibt, macht es keinen Unterschied, von wem die Geschichte handelt. Wenn man eine gute Geschichte schreibt, wird es Menschen geben, die es nicht abwarten können, sie zu lesen, und Studios, alles dafür tun würden, sie zu verfilmen. Jede Person, die kein Buch mit Figuren lesen will, die anders sind als sie selbst, wird sich zusammenreißen müssen oder aber die schönsten Geschichten ihres Lebens verpassen.

Das ist der Grund, weshalb ich schreibe. Der Traum ist der gleiche geblieben, aber die Absicht ist eine andere. Es geht nicht um Ruhm oder Erfolg; es ist die Leidenschaft, eine Geschichte über jemanden zu schreiben, der anders ist, und die Leser*innen dazu zu bringen, sich in dieses Anderssein zu verlieben. Es ist der Gedanke, dass ein kleines Mädchen eines Tages in eine Bücherei gehen und einer Figur begegnen würde, die tatsächlich wie sie selbst aussieht. Es ist der Gedanke, dass auch jemand, der anders aufgewachsen ist, diese Geschichte genug mögen könnte, dass er zweimal nachdenkt, bevor er dem Hass nachgibt.

Wenn ich die Namen und Geschichten dieser unschuldigen Menschen lese, die in Charleston dem Hass zum Opfer fielen, dann schreibe ich. Ich schreibe diesen Blogpost. Und ich öffne meinen Roman, um daran weiterzuschreiben.

Liebe Schreibende, wenn ihr bis hierher mitgegangen seid, kommt jetzt ein Rat: Wir leben nicht in einer perfekten Welt, und das heißt, dass ihr höchstwahrscheinlich an irgendeinem Punkt in eurem Leben aufgrund eurer Hautfarbe, eures Geschlechts, eurer Religion, eurer sexuellen Orientierung, eures Gewichts, eurer Ansichten oder eurer Werte verletzt worden seid oder verletzt werden könntet. Denn es gibt immer Menschen, die jemanden angreifen, weil er oder sie anders ist. Diese Angriffe tun weh, aber sie geben euch eine Geschichte oder einen Blickwinkel, den andere nicht haben. Es ist nicht nur in unserem Interesse, diesen Blick auf die Welt zu teilen, es ist fast schon eine Verpflichtung.

Vielleicht sind Schriftsteller*innen keine Herzchirurgen oder Feuerwehrleute, aber wenn man seine Leser*innen in den Kopf und die Welt einer anderen Person führen kann, schafft man Empathie. Man trägt seinen Teil dazu bei, dass Menschen andere Standpunkte verstehen lernen, man hilft eine Generation zu formen, die es nicht gelernt hat, das Anderssein zu hassen. Es ist mir egal, ob ihr den nächsten Gatsby oder den nächsten Harry Potter schreibt. Schreibt eine Geschichte, die eine Bedeutung für euch hat, eine Geschichte, die nur ihr schreiben könnt. Es wird euch die Energie geben, das Buch auch zu vollenden, und es wird etwas Einzigartiges sein, das niemand sonst schreiben könnte. Da habt ihr es. Ich danke euch, dass ihr bis hierher gelesen habt. Lasst uns gemeinsam der Opfer von Charleston gedenken.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Lexa Rost

Erstmals erschienen unter dem Titel „Why I Write: Telling a Story that Matters“ am 23. Juni 2015 auf https://www.tomiadeyemi.com/blog/telling-a-story-that-matters

Über die Autorin

Tomi Adeyemi

© Ronke Champion-Adeyemi

Tomi Adeyemi, geboren 1993, ist eine amerikanische Autorin nigerianischer Herkunft. Nach Abschluss ihres Literaturstudiums in Harvard hat sie sich von ihren westafrikanischen Wurzeln zum stärksten Fantasy-Debüt der letzten Jahre inspirieren lassen. Der erste Band ihrer »Children of Blood and Bone«-Trilogie eroberte die SPIEGEL-Bestsellerliste und war wochenlang auf Platz 1 der »New York Times«-Bestsellerliste. Von der Zeitschrift »Brigitte« wurde »Children of Blood and Bone – Goldener Zorn« unter die besten 50 Bücher des Jahres 2018 gewählt und belegte Platz 2 der Phantastik-Bestenliste.

 

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