Sichtbarkeit von BPoC in der Phantastik

© unsplash/Kristopher Roller

BUCH

„Wir sind kein politisches Accessoire“: Die (unsichtbaren) Hürden für BPoC-Autor*innen in der Buchbranche


Jade S. Kye
25.06.2020

Die Buchbranche ist ein hartes Pflaster. Der Weg zum ersten eigenen Buch gestaltet sich für viele steinig. Allerdings gibt es für manche Autor*innen noch zusätzliche, zum Teil unsichtbare Hürden. Zum Beispiel für Black People of Color (BPoC). Jade S. Kye berichtet von ihren Erfahrungen und spricht mit Nora Bendzko und James A. Sullivan über den Status quo in der deutschen Phantastik.

Vorbilder? Fehlanzeige. Meine ersten Schritte

Meine Reise als Autorin begann relativ früh. Ich war begeistert von Worten und Sätzen. Das Zusammenspiel von Sätzen war für mich das Höchste. In der Grundschule fing ich bereits an, kleine Geschichten zu schreiben und sie meiner Familie vorzulesen. Ich wusste damals schon, dass ich später etwas mit Schreiben tun wollte. Als ich älter wurde, legte sich die Begeisterung, selbst etwas zu schreiben, ein wenig. Ich kaufte und verschlang Bücher ohne Pause. Wenn ich jetzt zurückdenke, stand bei mir kein einziges Buch einer BPoC-Autorin oder eines BPoC-Autors in meinem Bücherregal. Und das war der Moment, in dem ich mir als Kind bzw. Jugendliche dachte, dass ich gar nicht Autorin werden kann, da das einfach kein Feld für Menschen wie mich ist.

Leben und Sorgen als publizierte*r Autor*in

Für diesen Artikel habe ich mich mit meiner Kollegin Nora Bendzko und meinem Kollegen James A. Sullivan über ihre Erfahrungen unterhalten. Die beiden haben bereits Bücher publiziert und sind für mich die Vorbilder geworden, die ich in meiner Kindheit und Jugend nicht hatte.

Sie beide haben ihre Liebe zur Literatur früh entdeckt. Nora liebte die Geschichten ihres Vaters, und James begann klassisch mit Rollenspielen und der Verschriftlichung von eigenen Abenteuern. Beide hatten laut eigener Aussage keine literarischen BPoC-Vorbilder in Deutschland. James ließ den Blick gerne in die USA schweifen und fand dort mit Samuel R. Delany jemanden, der für ihn wegweisend war.

Die deutsche Phantastik war und ist großteils Weiß.

Welche Hürden gab es für dich, als du deinen ersten Roman veröffentlichen wolltest?

Nora: Ich habe mich lange schwergetan mit Vorurteilen in der Szene. Mein Herz schlägt für die dunkle Phantastik, ein Genre, das Autorinnen öfter nicht zugetraut wird, anders als männlichen Kollegen. Aber mir ist auch immer wieder Ignoranz begegnet, wenn es um Themen wie Diversität und bessere Repräsentation geht. Manche Teile der Kollegschaft sind z. B. regelrecht angefasst in Diskussionen zu nicht-Weißen Figuren und unterstellen Leuten, die sie schreiben, ein Reiten auf einer „politischen Trendwelle“ – als ob man nicht persönlich Interesse daran haben könne. Die größte Hürde bei meinem ersten Roman war wohl, durch diese Literaturwelt zu navigieren und mein Publikum zu finden. Durch meine Anfänge im Selfpublishing konnte ich mir ein wunderbares Netzwerk aufbauen und bin mit Droemer Knaur bei einem Verlag gelandet, wo ich mich gut aufgehoben fühle.

James: Wie so viele, reichte ich bei Verlagen Exposés und Leseproben ein und bekam Absagen. Ich hatte aber das große Glück, dass Bernhard Hennen meine Arbeit zu schätzen wusste, für mich eine Art Mentor wurde und mir Einblick in das Leben eines Profi-Schriftstellers bot. Von ihm lernte ich, wie das Verlagsgeschäft funktioniert. Schließlich fragte mich Bernhard 2003, ob ich mit ihm gemeinsam einen Roman schreiben wolle, und daraus wurde dann „Die Elfen“. Das heißt, ich hatte jemanden, der mich an den üblichen Gatekeepern vorbeiführte. Ich habe keine Ahnung, ob ich es ohne diese Hilfe jemals geschafft hätte, etwas bei Verlagen unterzubringen. Bernhard hat mir einfach Raum verschafft, und mit dem Ergebnis waren wir beide und auch die Leser*innen mehr als zufrieden.

Trotz Agenten fiel es James nach dem ersten Erfolg schwer, etwas Eigenes bei einem Verlag unterzubringen.

Wie schätzt du die Repräsentation in der Phantastik ein, sei es in Bezug auf Autor*innen oder auf BPoC-Figuren in Büchern?

Nora: Ich habe das Gefühl, dass die deutschsprachige Szene der restlichen Literaturwelt sehr nachhinkt, was das angeht. In den USA gibt es allein durch den Afrofuturismus viele Schwarze Stimmen im Genre, wie eine N. K. Jemisin. Aber auch große Weiße Autoren ziehen mit, schreiben diversere Casts und bilden sich dahingehend weiter, wie Rick Riordan und Neil Gaiman. Da ist schon viel mehr Normalität.

Nora sieht darüber hinaus auch das Problem, dass in Deutschland noch viel zu wenig mit Sensitivity Reading gearbeitet wird und somit unrealistische und schädliche Stereotype ungehindert reproduziert werden können.

Nora: Es fehlt also an Recherche, und wie so oft wird über Betroffene geredet, jedoch nicht mit ihnen.

James: In der deutschsprachigen Phantastik gibt es kaum Schwarze Autor*innen. Ich bin in der Regel die einzige Schwarze Person im Raum. Und das macht es natürlich nicht leicht, weil inzwischen einfach viel Last an mir hängt. Wenn ich versage und es mir nicht gelingt, neue Verträge an Land zu ziehen und Bücher zu veröffentlichen, dann schwindet der Anteil von Schwarzen Phantastik-Autor*innen bei Publikumsverlagen sofort dahin. Beim Treffen des Phantastik-Autoren-Netzwerks 2019 war ich z. B. froh, Patricia Eckermann kennenzulernen. Das hat wirklich gutgetan. Und gerade, wenn ich mir anschaue, wie sich auf Twitter und abseits davon Communities bilden, bin ich zuversichtlich, dass sich was ändert.

Zur Repräsentation in Büchern nannte er nachfolgendes Beispiel. Da BPoC Autor*innen in der Phantastik noch eine Minderheit sind, bliebe viel an den wenigen vorhandenen hängen.

In einer Rezension wird Tobias O. Meißner dafür kritisiert, dass er in seinem Roman "Dungeon Planet" eine Schwarze Hauptfigur gewählt hat und dann über deren Unterdrückung schreibt. Es heißt dann dort: „Ein gut gemeinter Rat: Überlasst das bitte Betroffenen.“ Als ich das las, dachte ich: Wer sind die Betroffenen? Wer ist Schwarz und veröffentlicht deutschsprachige Phantastik bei Publikumsverlagen? In dem Augenblick war ich das. Die Rezensentin hätte genauso gut schreiben können: „Überlasst das James Sullivan.“ Und das ist ein Problem. Solange es nicht mehr von uns in dieser Szene gibt, sind Leser*innen darauf angewiesen, dass auch andere über Schwarze Menschen schreiben. Das heißt, für mich wäre es wichtiger zu betonen, dass Weiße Autor*innen mit Sensibilität vorgehen, wenn sie über Schwarze Figuren schreiben, als ihnen zu empfehlen, die Finger davon zu lassen.

Kindsräuber
Die Stadt der Symbionten

Gab es für dich schon Situationen, in denen dir (auch unbewusst) Rassismus entgegengebracht wurde?

Nora: Definitiv. In der Literaturszene ist mir vor allem das begegnet, was den wissenschaftlichen Namen „White Fragility“ hat: emotional heftige Abwehrreaktionen, wenn es um Rassismus geht. In einem Autorenforum habe ich, als ich noch jünger war, den Begriff „Rasse“ unreflektiert in einem Fantasy-Text verwendet, noch dazu in einem unglücklichen Kontext. Eine Weiße Userin wies mich ruhig darauf hin. Ich gab ihr Recht mit ihrer Kritik, bat den Moderator, den Text abzuändern … und sah mich mit zig Weißen Menschen konfrontiert, Mod inklusive, die mich auf einmal in den Kommentaren angriffen. Sie hatten sich betroffen gefühlt, weil sie das Wort „Rasse“ im Bezug auf Menschen schon einmal verwendet hatten, und wollten auf einmal mit mir diskutieren, was nicht Rassismus und zu sagen in Ordnung sei. Es dauerte nicht lange, da wurden auch das N-Wort und andere rassistische Begriffe reproduziert.

In unserem Gespräch machte Nora auch noch einmal darauf aufmerksam, dass die Kritik nicht von ihr, sondern einer Weißen Userin kam. Allerdings blieb sie die Einzige, die den Ärger abbekam. Sie betonte auch, dass dieses Verhalten häufig auftritt.

James: Als Schwarzer Mensch ist mir das in meinem Leben natürlich schon oft passiert. In der Buchwelt nur selten direkt. Nehmen wir als Beispiel mal etwas von der Frankfurter Buchmesse. Ich sehe mir an einem Verlagsstand ein Buch genauer an, obwohl ich früher, als ich viel jünger war, die Erfahrung gemacht habe, dass das vielleicht nicht klug ist, weil du als Schwarzer Mensch schnell für einen Dieb gehalten wirst. Jedenfalls sieht mich eine Mitarbeiterin des Verlags, die gerade dabei ist, einen Tisch für ein Meeting zurechtzurücken, und behält mich im Auge. Da sind auch andere am Stand, alles Weiße Menschen, aber irgendwas an mir muss ihr gesagt haben, dass mit mir etwas nicht stimmt und man mich im Blick behalten muss. Ich lege das Buch, nachdem ich fertig bin, zurück und achte darauf, dass es perfekt liegt. Und dann nehme ich mir ein anderes. Die Frau kommt neben mich, rückt das Buch, das ich gerade zurückgelegt habe, schief und rückt es wieder gerade. Sie spricht kein Wort; sie steht einfach nur da. Ich verstehe das Zeichen, lege das andere Buch wieder hin und gehe. Ach ja, ich vergaß zu erwähnen: Es war bei einem der Verlage, bei denen ich veröffentlichte.

In solchen Situationen sind wir immer unglaublich sichtbar; während wir in anderen Situationen fast unsichtbar sind. Das ist ermüdend, und wir lernen dann mit der Zeit Strategien, damit umzugehen. Womit wir nicht umzugehen lernen, sind die versteckten Sachen – die Dinge, die nie an dich herankommen, sich aber oft darin äußern, dass du einfach nicht dabei bist, wenn was passiert. Da hilft nur, sich selbst zu öffnen und sichtbar zu machen, Raum einzunehmen, andere zu finden, die einen unterstützen und die man selbst unterstützen kann.

Was sollte die Buchwelt noch über das Leben als BPoC Autor*in wissen?

Nora: Liebe Buchwelt: Wir sind kein politisches Accessoire, das man gut, schlecht oder gar nervig finden kann. Wir sind unter euch, wir lesen und wir schreiben und haben das Recht, menschenwürdig behandelt zu werden, und das nicht nur in Texten.

Nora betont, dass ein Blick von der anderen Seite nötig wäre, um zu verstehen, dass Rassismus mehr als böse Worte sind und dass es ein Privileg ist, das Problem einfach ignorieren oder nicht ernstnehmen zu können.

Nora: Mich schmerzt und lähmt es, dass Bewegungen wie #BlackLivesMatter noch nötig sind. Begebt euch also nicht in Abwehrhaltungen, nicht mehr. Baut mit uns eine Szene, in der wirklich alle willkommen sind.

James: Wie alle anderen plagen auch uns immer mal wieder Zweifel; nur kommen bei uns noch Rassismus- und Fremdheitserfahrungen dazu. Und das macht es für uns viel schwerer als für Leute, die keine zusätzliche Last zu tragen haben.

Mehr Raum für BPoC!

Selbst eine so phantastische Umgebung wie die Fantasy und Science Fiction hat also ganz klar mit fehlender Diversität und Akzeptanz zu kämpfen. Wir brauchen eine diversere Aufstellung für bessere Repräsentanz und die Bekämpfung von (unbewussten) Rassismen. Abschließend kann ich den beiden nur zustimmen, wenn ich schreibe, dass sich der Buchmarkt langsam weiterentwickeln sollte und endlich mehr Raum für BPoC-Figuren als auch -Autor*innen geschaffen werden muss, damit junge Noras, Jades und James sich endlich in der Phantastik wiedererkennen können.

 

Anmerkung:

Da es sich bei den Begriffen Schwarz und Weiß nicht um die Beschreibung von Hautfarben handelt, sondern um eine politische Selbstbezeichnung, werden diese Begriffe hier großgeschrieben.

 

Über die Autorin

Jade S. Kye, geboren 1994, studiert Germanistik und Amerikanistik in Regensburg. Sie steht kurz vor ihrem Bachelor-Abschluss und arbeitet währenddessen an ihrem Debütroman. Neben dem Studium ist sie auf Twitter als @writingKye aktiv und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Kurzgeschichten, Rezensionen uvm. auf ihrem Blog »Bücherinsel«.

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