Das Gegenteil von Faschismus ist Kunst

© Isi Parente / unsplash

ESSAY

Das Gegenteil von Faschismus ist Kunst, oder: Lies doch auch mal ein verdammtes Buch, Mensch!


Catherynne Valente
08.06.2020

Die aktuellen Bilder aus den USA sind erschütternd – doch auch in Deutschland haben wir nach wie vor ein handfestes Rassismusproblem. Ein Gegenmittel: Bücher lesen, und zwar über Menschen, die anders sind als wir selbst. Catherynne Valentes ziemlich wütender Essay über das Gefühlskunststück der Empathie.

Es scheint unmöglich, dass es bereits Ende Mai ist. Dass das plötzliche Grün an den Bäumen vor meinem Fenster real ist, und nicht nur eine neue, ausgefallenere Form von Schnee. Dass die Menschen – auf Grund eines unsichtbaren Todes, der durch Umarmen und Singen übertragen wird – hier, wo ich wohne, nur deshalb nicht im selben Maße eingesperrt sind wie anderswo, weil unsere Aristokratie uns weismacht, es hätte ihn nie gegeben und die Toten seien nicht tot; und anstatt in der Sonne zu stehen und uns wider besseres Wissen einzureden, es sei okay, weil wir wenigstens mal kurz das Gefühl haben wollen, wir wären am Leben, brennt unser Land.

Ich habe keine Ahnung, worüber ich diesen Monat mit Euch reden soll. Ich hatte vor, darüber zu schreiben, wie es ist, im Angesicht einer Welt, die aus den Fugen gerät, Kunst zu schaffen, und dann fiel mir ein, dass ich darüber im März geschrieben hatte. Was mir vollständig entfallen war. Weil die Zeit aufgehört hat zu existieren, und ebenso die Wirklichkeit, der Raum und die Erinnerung. Seit März ist alles viel, viel schlimmer geworden; damals habe ich offenbar (seither hat mein Gehirn eine Auszeit genommen) über Shakespeare geschrieben und darüber, dass alles wieder gut wird und niemand während der Quarantäne König Lear schreiben muss; damals war mir offenbar noch nicht wieder eingefallen, dass es, ganz gleich, wie hoffnungslos alles erscheint, jederzeit möglich ist, ein Streichholz anzuzünden, wonach dann zwar noch immer alles hoffnungslos ist, aber zudem in Flammen steht.

Diese Lektion müsste mir eigentlich schon seit 2016 in den Knochen sitzen. Und dennoch muss ich sie, etwa im Vierteljahresrhythmus, immer wieder lernen, weil es etwas in mir gibt, das an das Gute, an Empathie und die Zahnfee glaubt und fortwährend sein buntes Hütchen aufsetzen und sich dem Überleben zuwenden will.

Das Land steht in Flammen

Und deswegen weiß ich nicht, was ich in diese leuchtende Gedankenmaschine tippen soll, denn ich kann buchstäblich an nichts anderes denken als an die brennenden Städte und die zerschlagenen Gesichter, an den erstickten Atem – und das grausame Lachen der Leute, die uns eigentlich beschützen sollen. Im Moment arbeite ich an einer ziemlich heftigen Kurzgeschichte; gestern konnte ich genauso wenig an etwas anderes denken, also habe ich aufgegeben und eine Szene geschrieben, in der eine Figur bei einer Demonstration ein Auge verliert, weil ein Polizist aus kürzester Entfernung mit einem Gummigeschoss auf sie schießt.

Und als ich heimkam, hatte eine Frau, der ich auf Twitter folge, bei einer Demonstration ein Auge verloren, weil ein Polizist aus kürzester Entfernung mit einem Gummigeschoss auf sie geschossen hatte.

Angesichts der Tatsache, dass die Geschichte von blitzartigen Blicken in die Zukunft handelt, hat mich das, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich erschüttert. Alles hängt miteinander zusammen, nichts hängt miteinander zusammen. Ich muss dauernd an den armen George Floyd denken, nicht an seine schrecklichen letzten Augenblicke, sondern daran, wie er am Montagmorgen aufwachte, frühstückte, sich die Schuhe band und nicht auch nur den Schimmer einer Ahnung haben konnte, dass er an diesem Tag sterben würde und dass das Land auf Grund seines Todes, dass es seinetwegen, von Ozean zu Ozean in Flammen stehen würde.

Und wer bin ich angesichts von alledem, eine weiße, queere Frau in Maine, wo wir so tun, als hätten wir diese Probleme nicht, die in einem bequemen Sessel sitzt und so privilegiert ist zu wissen, dass ihr in diesem Leben wahrscheinlich kein Polizist neun lange Minuten die Gurgel zudrücken wird (aber nicht so privilegiert, dass ihr das nicht ein anderer Mann irgendwann antun könnte), die nicht auf Demonstrationen gehen kann, weil sie ihr kleines Kind nicht in Gefahr bringen oder alleinlassen will, weil draußen noch immer der unsichtbare Tod lauert, nun Hand in Hand mit dem sichtbaren Tod. Was bin ich wert, wenn ich nicht dort bin, wenn ich nicht etwas tue, wenn ich lediglich etwas auf einen Bildschirm tippe, das nicht einmal real ist – obgleich es manchmal, zwischen meinem Schreibtisch und meiner Haustür, real wird? Menschen können furchtbar schlecht damit umgehen, sich hilflos zu fühlen; wenn wir das bisher nicht wussten, wissen wir es ganz bestimmt jetzt, und ich bin da keine Ausnahme. Ich fühle mich absolut mies, weil ich nichts tue, weil sich das Schreiben nicht so anfühlt, als würde ich etwas tun, weil ich hier und jetzt genauso verloren bin wie alle anderen, und nirgendwo einen Ausweg sehe.

Was zum Teufel soll ich tun, außer zuzuschauen und häppchenweise 280 Buchstaben zu weinen?

Die aufgezwungene Konformität

Was ist überhaupt noch jemand von uns wert, wenn so schreiend deutlich geworden ist, dass all die Mächtigen in unseren Seelen nur das Geld sehen, das wir erwirtschaften, und die Konformität, die sie uns aufzwingen? Wenn ein Regierungsangehöriger uns im Fernsehen als menschliches Kapital bezeichnet und dafür weder gefeuert noch gemaßregelt wird – sondern von manchen der Leute, die er gemeint hat, noch verteidigt wird; von Leuten, die zugeschaut haben, wie ein Mann nach seiner Mutter rief, während er gewaltsam erstickt wurde, und sich sofort in rechtschaffenen Zorn hineingesteigert und behauptet haben, er hätte das verdient ... was kann da noch ein Märchen zählen, wie hübsch geschrieben, wie gutgemeint es auch sein mag?

Oder besteht mein Wert nur in dem steuerpflichtigen Einkommen, das meine hübsch geschriebenen und gutgemeinten Märchen erwirtschaften, weil es dazu beiträgt, die Männer zu bezahlen, die George Floyd erstickt haben, die Männer, die uns als Vieh bezeichneten, die Soldaten, die in Minneapolis einmarschieren, während ich das schreibe, die siebten Häuser und Jachten und herrlichen Mahlzeiten der Leute, denen die Firmen gehören, für die ich arbeite?

Ich möchte diesen Text gerne zu einem erbaulichen Ende bringen, aber ich weiß nicht, wohin er führen wird. Er wird nicht lustig sein oder gehaltvoll oder in irgendeiner Form unterhaltsam. Dessen bin ich mir ziemlich sicher.

Das Gegenteil von Faschismus ist Kunst

Aber etwas anderes habe ich nicht zu bieten, denn ich muss einen Weg finden, mich durch die Flammen zu kämpfen, damit ich weiter essen kann, und diesen Weg müssen wir alle finden, denn nicht nur sind wir menschliches Kapital, und unsere Könige würden uns eher töten als zuzulassen, dass wir auf ihrem Land auch nur ein einziges Kaninchen jagen; sondern die Obrigkeit arbeitet mit voller Kraft daran, uns alles zu rauben bis auf das Notwendigste, was wir brauchen, um ihr weiter zu dienen, bis sie uns auch das nimmt. Ich glaube noch immer an das, was ich 2017 geschrieben habe. Verdammte Scheiße, ich muss daran glauben, sonst stürze ich mich ins Meer – ich muss glauben, dass das Gegenteil von Faschismus nicht Anarchie ist, sondern das Theater, denn Theater, bildende Kunst, Musik, Geschichten, das alles – die Phantasie – zeigt uns ohne Kompromisse und ohne Zögern, dass es auf dieser Welt etwas Größeres und Wichtigeres gibt als den Staat.

Hier also ist das ,was ich sagen will, hier ist der kleine Rest Hoffnung, den ich noch vom schmutzigen Grund der Büchse der Paandora kratzen kann, hier ist mein Rampenlicht und mein Vorhang, hier ist meine One-Woman-Show:

Die Quelle, das Ziel, der Effekt und die sehr reale Gefahr der Kunst ist Empathie.

Das Gefühlskunststück Empathie

Empathie ist ein ziemlich esoterisches, supersanft passives Wort für die außergewöhnliche Fähigkeit, das, was ein anderer Mensch empfindet, ebenso deutlich zu empfinden, als würde das, was ihnen widerfährt, einem selbst widerfahren. Mitgefühl ist etwas anderes. Das ist wie der Unterschied zwischen einem Vergleich und einer Metapher. Mitgefühl bedeutet, dass du etwas für andere empfindest. Wegen etwas, das ihnen passiert. Empathie bedeutet, dass du etwas empfindest, als wärst du sie. Empathie ist echt ein großes Ding. Es ist nichts, zu dem jeder in der Lage ist, wie es sich derzeit verdammt offensichtlich zeigt. Wenn es etwas gibt, das »uns von den Tieren unterscheidet«, wie manche Leute gerne sagen, dann ist es das Potenzial, dieses erstaunliche Gefühlskunststück zu vollbringen. Es ist kein Versehen, dass die Tiere, die von Menschen für die intelligentesten gehalten und so wertgeschätzt werden, dass man sie nicht ausrottet, uns etwas Ähnliches wie Empathie entgegenbringen. Hunde, Katzen, Elefanten, Delphine, Affen, Pferde, manche Vögel. Vielleicht ist es auch das, was uns ursprünglich darauf brachte, dass wir einige Tiere zähmen könnten und andere nicht.

Was zurzeit geschieht, geschieht auf Grund von Empathie und auf Grund ihres Fehlens. Millionen von uns haben zugeschaut, wie ein Mann langsam, grausam gestorben ist, für nichts, völlig ohne Grund. Manche von uns haben sein Leiden und die Ungerechtigkeit dessen, was da geschehen ist, so tief empfunden wie etwas, das uns selbst widerfahren ist. Und manche von uns nicht. Manche von uns haben nichts empfunden oder sogar eine Verwandtschaft mit demjenigen, der den Schmerz zugefügt hat, statt mit dem Opfer. Oder sie haben den instinktiven Drang verspürt, sich und anderen irgendwie zu sagen, dass der Tote ein Unrecht getan haben müsse oder sowieso krank oder in anderer Hinsicht selbst schuld gewesen sei, denn wenn das irgendwie zur Wahrheit gemacht werden konnte, dann konnten sie selbst ruhig schlafen, in dem Wissen, dass sie sich in Sicherheit befanden, dass ihnen das nicht passieren konnte, weil sie ja niemals ein Unrecht tun oder krank sein oder den Staat allein dadurch provozieren würden, dass es sie gibt.

Das Besondere an der Empathie ist, dass sie keine Empathie ist, wenn du sie nur für Leute empfindest, die so sind wie du. Die aussehen wie du und reden wie du und leben wie du und shoppen wie du und tanzen wie du und sich erinnern wie du und lieben wie du und deren Familien schon immer so waren wie deine Familien, viele Jahre und Meilen zurück bis in alle Ewigkeit. Das ist keine Empathie. Das ist Egoismus. Das ist nichts anderes als der Instinkt, sich selbst zu bewundern und zu verstehen; nicht etwa, in aller Deutlichkeit das zu empfinden, was ein Fremder empfindet, und das, was du tust, an dieser Verbindung auszurichten.

Die Magie von Geschichten über Leute, die anders sind als du

Dabei kommt mir in den Sinn, dass ich nicht glaube, dass Derek Chauvin ein großer Leser ist. Ich glaube nicht, dass irgendeiner der Männer, die in diesem Augenblick andere Menschen mit ihren Autos überfahren oder die sie gegen eine Betonwand stoßen oder die ihnen ins Auge schießen oder die sich heimlich unter die Leute mischen, denen nicht alles scheißegal ist, um ein Gebäude anzuzünden, damit brutale Gewalt gerechtfertigt und das Mitgefühl der Öffentlichkeit zurückgezogen werden kann, begeisterte Leser sind. Oh, ein paar von ihnen lesen vielleicht gerne im Flugzeug einen Krimi oder hin und wieder einen schreiend bunten Bildband über den Zweiten Weltkrieg oder die aufgeblasene Tirade eines Politikers. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner von ihnen zu den treuen Fans von Jane Austen oder Emily Dickinson oder Toni Morrison oder Langston Hughes oder Octavia Butler oder Maya Angelou oer N. K. Jemisin oder W.E.B. DuBois gehört. Nein, ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass niemand, der oder die eine treue Anhängerin der genannten AutorInnen ist, jemals neun Minuten lang den Hals eines Mannes zugedrückt hat oder zudrücken wird, während andere Leute sie anflehen, damit aufzuhören, und zwar aus dem einzigen Grund, dass ihnen gerade danach ist.

Denn Geschichten gehören zu den ureigensten Möglichkeiten, Empathie zu erlernen.

Damit will ich nicht sagen, dass Ungeheuer grundsätzlich keine Bücher lesen. Viele Leute, denen es Vergnügen bereitet, Schmerzen zuzufügen und/oder die den Großteil ihrer Spezies hassen, lesen. Hemingway-Fans? Sicher. Bret Easton Ellis? Auf jeden Fall. Salinger, aus irgendeinem Grund? Nachweislich. Ayn Rand? Ohne Frage. Überwiegend weil ihre Bücher von Arschlöchern handeln. Auf diese Weise geht der Empathieeffekt oft nach hinten los und produziert nur weitere Arschlöcher. Wobei ich feststellen möchte, dass viele dieser Leute diese Bücher entweder in der Schule entdeckt und nie etwas anderes gelesen haben, oder zu einer Zeit gelebt haben, als Lesen eine weit alltäglichere Freizeitbeschäftigung war, über viele Klassengrenzen hinweg. Auch die Zimtzicken dieser Welt lesen, dem Klischee zufolge, gewiss jede Menge ... vor allem Bücher über gute, ungehobelte Polizisten, die Schurken fangen, die Frauen getötet haben, die genauso aussehen wie sie, oder Bücher über Frauen, die genauso aussehen und sich genauso verhalten wie sie und eine stürmische Liebe finden oder verlieren. Lesen ist, für sich genommen, keine Magie. Historisch betrachtet waren die meisten Menschen, die lesen konnten, Männer, und die meisten von ihnen hatten weniger Probleme damit, Frauen zu unterdrücken und zu benutzen, als du und ich, uns was auf Netflix anzusehen.

Die Magie liegt darin, über Leute zu lesen, die völlig anders sind als du.

Der Akt des Lesens an sich verlangt von dir, dass du dich in die Gefühle und Erfahrungen eines anderen Menschen hineinversetzt, der nicht mit dir identisch ist, der nicht auf dein Leben zurückblickt, der nicht dieselben Entscheidungen gefällt hat wie du, der mit großer Wahrscheinlichkeit vor deinen Augen Leid erfahren wird, denn das begründet eben einen erzählerischen Konflikt; und das zwingt dich, dieses Leiden mitzuerleben und dir vorzustellen, wie du einen Ausweg daraus finden kannst. Auf diese Weise erfahren Kinder zum ersten Mal ein Leben außerhalb ihres Zuhauses, unabhängig von ihren Eltern, ihrer Schule, ihres Alltags, und zwar vom frühesten Alter an. O nein, der rote Lastwagen mit dem Menschengesicht ist traurig. Ich möchte nicht, dass der rote Laster traurig ist. Wenn der rote Laster traurig ist, bin ich auch traurig. Ich möchte, dass der rote Laster glücklich ist. Dann bin ich auch glücklich.

Die Sehnsucht von Menschen, die es gar nicht gibt

Und wenn Schriftsteller sehr, sehr gut sind, können sie dir das Gefühl vermitteln, du wärst gar nicht mehr da, so dass es keine Grenze gibt zwischen deinem Ich und dem Ich der Figuren in den Büchern, dass du ihr Leben und ihre Welten mit derselben Unmittelbarkeit erlebst wie dein Leben und deine Welt. Sie können dich ebenso stark wie das, was du fühlst, wenn dir etwas selbst widerfährt, die Freude und die Pein, das Scheitern und den Erfolg, die Liebe und die Sehnsucht von Menschen fühlen lassen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Science-Fiction- und Fantasy-AutorInnen gelingt das mit Figuren, die nicht einmal menschlich sind. Sie können dir sogar erklären, wie du eine Pandemie überstehst.

Wenn dein sehr reales, leibhaftiges, sterbliches Herz wegen eines Jagdhundes oder eines Einhorns oder eines Schwertwals oder eines roten Lastwagens oder eines Außerirdischen schneller schlagen kann, kann es auch eines Menschen wegen schneller schlagen, dessen Tod du  mitansiehst und der gestorben ist, weil er anders aussieht als der Mann, der ihn umgebracht hat.

Und das ist der Grund, warum autoritäre Regierungen wenig begeistert sind, wenn die Leute Geschichten lesen, die keine Propaganda sind.

Und eben deshalb ist Repräsentation so wichtig. Nicht wegen Quoten oder kindischer Kritik an politischer Korrektheit oder dem, was das Internet sonst noch alles hochkotzt, um den Begriff im Bausch und Bogen zu verdammen. Denn wenn dein sehr reales, leibhaftiges Herz schneller schlagen und wehtun und frohlocken und sich auf einer ganz grundlegenden Ebene mit einem schwarzen Protagonisten in einem Buch oder einer lateinamerikanischen Frau auf einem Bildschirm oder einer Transperson auf einer Bühne oder der Stimme einer Frau in deinem Ohr verbunden fühlen kann, öffnet das die Tür zu ebenjener Verbindung zu realen Menschen in der realen Welt, und diese Verbindung ist eine Gefahr für diejenigen, die von fest gezogenen Grenzen profitieren, die einen Menschentyp vom anderen unterscheiden. Erinnert euch, was ich über Empathie gesagt habe – sie zählt nicht, wenn du sie nicht für Menschen empfinden kannst, die anders sind als du. People of Colour und Frauen und Minderheiten auf Grund von Geschlecht oder sexueller Orientierung haben auf der ganzen Welt, als Gruppe, gelernt, Empathie für die bevölkerungsstatistisch herrschende Schicht zu empfinden, nur um überleben zu können. Die Repräsentation von heller Haut, Cisgender, Heterosexualität und vornehmlich männlichen Bildern und Stimmen in sämtlichen Medien hat diese Form von Empathie geschaffen und verstärkt, und zwar sowohl in denjenigen, die diesem Modell nicht entsprechen, wie auch in denjenigen, auf die es passt. Ohne andere Vorbilder, in denen menschliche Gefühle und Beziehungen wurzeln können, wird der hellhäutige, cisgender, heterosexuelle Mann das einzige Wesen, für das in einer Kultur überhaupt Empathie infrage kommt. Wie kommst du dazu zu behaupten, der gutaussehende weiße Mann hätte etwas Böses getan; neunzig Prozent aller Geschichten, die ich jemals gehört habe, handeln von gutaussehenden weißen Männern, die in allem rechthaben. Wie kommst du dazu zu behaupten, ein Polizist sei ein Verbrecher, ich habe vierzig Jahre lang nur Filme gesehen und Bücher gelesen, in denen die einzigen Polizisten, die etwas falsch machen, sofort von anderen Polizisten aufgehalten werden.

Das reaktionäre Internet

Und das ist der Grund, warum das reaktionäre Internet so vehement dagegen ankämpft, dass überall in Geschichten Diversität repräsentiert wird. Das stellt eine existenzielle Bedrohung für ihr Selbstbild dar, ihrem überlegenen Rang in der kulturellen Hierarchie. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die jeden Moment ermordet werden können, bei hellem Tageslicht, vor aller Augen, weinend, ohne Atem holen zu können, ohne Grund. Ich gehöre zu den Menschen, denen Kontext immer wichtig ist, die stets aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden, deren Leid und deren Erfahrung von Bedeutung sind, mit denen andere mitfühlen und denen sie helfen möchten. Wenn andere Menschen zu dem Menschen werden können, der ich bin, kann ich zu dem Menschen werden, der sie sind, und ich kann die Vorstellung nicht ertragen, dass der kalte Bordstein und das Gewicht dieses Knies auch mir drohen könnten.

Was gerade läuft, ist ein Krieg der Geschichten. Ein Mann hat wutentbrannt »all lives matter« geschrien – jedes Leben zählt –, weil die Vorstellung, dass schwarze Leben zählen und Menschenmengen mit ihren Sprechchören eine Gruppe meinen könnten, die ihn nicht einschließt, sein Gehirn entzweireißt und ihm schier das Rückgrat zerfrisst; dann hat er angefangen, Pfeile in die Menschenmenge zu schießen, weil er sich so sehr in seinem Narrativ verbissen hatte, dem zufolge sie böse sind und er nicht, dass er Menschen erschossen – und anschließend die Medien angelogen hat, er sei grundlos verprügelt worden. Dieser Kerl ist ausgerastet, weil die Dissonanz zwischen der Geschichte, in der er zu sein glaubte, und derjenigen, die um ihn herum ablief, ihn um den Verstand gebracht hat.

Da war gestern.

Ein Krieg der Geschichten

Die Geschichten kämpfen also miteinander, und Menschen sind der Käfig, in dem der Kampf ausgefochten wird. Die Wissenschaft sagt uns, das Virus ist real ist und die Zahlen steigen. Die Regierung erfindet ein Märchen, nach dem das Sonnenlicht alles heilt und die warme weite Welt wieder sicher ist, und weiß dabei, dass ihre Geschichte in ihrer Einfachheit und wegen der Aussicht auf Grillpartys am See verführerisch ist. Sie hören auf, Menschen zu testen, und wetten darauf, dass ihre Geschichte gewinnen kann, weil so viele Leute wollen, dass sie wahr ist, und weil die andere kacke ist. Würde ich alle verzerrten Märchen auflisten, die unsere Regierung seit 2016 wahrmachen wollte (angefangen mit der größten aller Lügen, dass Midas Midas ist und alles in Gold verwandelt hat, was er jemals berührt hat), dann würde ich an meinem Schreibtisch verhungern. Inzwischen ist es zu einer Superkraft geworden, auch nur die Realität hinter den haltlosen Phantasiegespinsten dieses Koboldstaates erkennen zu können. Je mehr Menschen sich gegen ihre Geschichten wehren, umso brutaler werden ihre Stiefeltritte. Die beste Waffe des Präsidenten ist ein soziales Medium, das keine Satzgebilde zulässt, die lang genug sind, um irgendwelche Nuancen auszudrücken, und mit ihrer Hilfe überträgt das Rumpelstilzchen seine Träume in die Wirklichkeit.

Wir müssen für die Geschichte der Wirklichkeit kämpfen, denn die andere Seite kämpft mit aller Macht für die Geschichte ihrer Träume und Vorstellungen. Der Unterschied zwischen den beiden lässt sich nicht deutlicher ausdrücken als mit zwei Schlagzeilen, die ich heute Morgen gesehen habe: Gewaltsame Demonstrationen erschüttern Großstädte und Im ganzen Land bricht Polizeigewalt aus.

Ein Teil dieser Welt ist auf Leben und Tod der Geschichte verpflichtet, in der der starke weiße Mann mit Uniform immer der Held ist und der Schwarze auf dem Boden immer der Schurke, der kriegt, was er verdient. Diese Leute sind buchstäblich nicht in der Lage sich vorzustellen, sie selbst könnten dort auf dem Boden liegen. Wir anderen hören George Floyd verzweifelt nach seiner Mutter rufen. Wir empfinden seine Panik und seine Furcht. Es zerreißt uns, wenn wir ihn sagen hören, dass er nicht atmen kann. Wir haben Angst um uns und unsere Kinder, denn wir wissen, dass wir dort auf dem Boden liegen könnten, jederzeit. Und diejenigen, die es nicht wussten, finden es heraus, wenn Polizisten willkürlich Journalisten und Demonstranten misshandeln und die Leute im Fernsehen über Sachbeschädigung reden.

Als wären unsere Körper nichts wert.

Die Polizei selbst setzt sich mit aller Macht für diese Geschichten ein. Dass sie immer im Recht sind. Dass sie gut und korrekt sind. Dass sie mehr wissen und mehr verdient haben und über denen stehen, die sie überwachen. Jeder ist ein Süchtling, wenn es um die Geschichten geht, in denen sie die Rolle der Helden spielen, aber die Bullen haben sich in einer Kultur gesonnt, die dieses Garn feilgeboten hat, seit das erste Dienstabzeichen geprägt wurde. Sie werden nicht davon lassen. Sie werden keine andere Geschichte hören.

Sie lesen nicht gerne anderer Leute Geschichten.

Und so greifen sie jeden Journalisten an, der ihnen über den Weg läuft, verhaften und misshandeln ihn oder sie, denn für sie steht jeder Journalist für die Geschichte eines weiteren Menschen, der sich dem Ereignishorizont der binären, dualistischen Obrigkeitserzählung entzieht. Microsoft entlässt seine menschlichen Journalisten und ersetzt sie mit KIs, denn wenn menschliche Entscheidungen von Botfarmen manipuliert werden können und Botfarmen über diese Entscheidungen berichten, dann ist die vertikale Integration erreicht, und es ist nicht mehr nötig, auf irgendetwas anderes zu hören als auf die Programme, die von reichen weißen Männern geschrieben wurden, um sich selbst die Geschichte zu erzählen, in der sie sicher sind und ihnen nichts Böses widerfahren kann.

Wenn es ihnen gelingt, dafür zu sorgen, dass auch wir alle diese Geschichte lesen, wird sie wahr werden.

Das besonderste Geschöpf im ganzen Universum?

Der Auslöser für das, was sich in den letzten Tagen abgespielt hat, war eine Geschichte, die die Leute auf ihren Bildschirmen (heutzutage der Vermittler jeglicher Realität) sehen und deren Ungerechtigkeit sie so schneidend empfinden konnten. Jedes neue, aus einem anderen Blickwinkel gefilmte Video hat eine neuere und schlimmere Version dieses beschissenen Rashomon erzählt, in der die Polizei immer der Täter war, aber irgendwie in jeder Fassung noch mehr. Und die Ungerechtigkeit ist deshalb so schneidend, weil wir uns als Spezies immer Geschichten erzählt haben, in denen diejenigen, die sündigen, bestraft werden, und Mörder kein freies und glückliches Leben führen können, weil Gerechtigkeit und Moral sich am Ende immer durchsetzen, und dieses Mal, während wir zuschauen, die vier Ungeheuer lachen und in ihren eigenen Betten schlafen. Selbst wenn diese Geschichten nicht wahr sind, selbst wenn sie nie wahr waren, schürt die Leidenschaft, mit der wir sie wahrmachen möchten, die Entwicklung der Zivilisation zu etwas, das ein Quäntchen weniger barbarisch ist.

Wir erleben einen Krieg der Geschichten: Die eine sagt, Nur Menschen wie ich sind besonders, und DIE wollen mir das wegnehmen, und die andere sagt, Niemand ist besonders, sondern alle sind ebenbürtig.

Leider sind viele Menschen grundsätzlich nicht fähig, sich nicht für die Geschichte zu entscheiden, in der sie das besonderste Geschöpf im ganzen Universum sind. Warum, meint ihr, reden evangelikalische Christen fortwährend so, als würden sie an einem Herr der Ringe-LARP teilnehmen? Die Menschen sehnen sich verzweifelt danach, Teil einer epischen Geschichte zu sein, in der sie etwas Besonderes sind, weil das echte Leben es nicht bringt und langweilig ist und Lebensrettung manchmal nichts Dramatisches oder Cooles mit toller Begleitmusik ist, sondern bloß die Pflicht, zu Hause zu sitzen, bis man leise den Verstand verliert, während die Zombie-Apocalypse gar nicht eintritt, sondern nur die Pandemie der Introvertierten; und die Gefahr jenes fast universellen Verlangens, Teil einer allumfassenden glorreichen, aber letztlich einfachen Geschichte über Gut und Böse zu sein, besteht darin, dass sie verdammt schnell zur Inquisition führt, zu Kreuzzügen und blutigen Revolutionen, zu gottgewollten Landnahmen und zu Jahrzehnte langer Unterwanderung von politischen Parteien mit dem Ziel, ungeliebte Menschen ihrer Rechte zu berauben, und letztlich zu waschechten Nazis.

Ich bin zu besonders, um gezwungen zu sein, einen Gedanken auf dich zu verschwenden – das ist der Ort, an dem viele von uns gelandet sind, und nicht nur in Amerika.

Rettungsfallschirm Empathie

Aber niemand landet dort, der über einen starken, aktiven empathischen Antrieb verfügt. Empathie ist der Fallschirm, der verhindert, dass du im gottverdammten brennenden Sumpf des Solipsismus landest.

Das ist also alles, womit ich meine Existenz rechtfertigen kann, während das Universum den Hitzetod erleidet. Ich produziere diese Kleinigkeiten, und sie sind lächerlich und dumm, und manchmal handeln sie von Feen oder Rockstars oder Greifen oder liebevollen Menschen oder anderen mythischen Geschöpfen, und ich werfe sie in hohem Bogen in die Zukunft, in die Hände von Leuten, denen ich nie begegnen werde, von denen manche noch nicht einmal geboren sind. Ich bin eine Abbruchexpertin, die Empathie einsetzt. Meine einzige Hoffnung ist, dass eine meiner sauberen kleinen Bomben eines Tages explodieren und den Geist eines anderen Menschen mit gleißendem Licht erfüllen und die Art und Weise, wie sie oder er die Welt jenseits von sich selbst sieht, verändern werden. Nur ein klein wenig. Wir wissen, dass Bücher Menschen zur Explosion bringen können. Ayn Rand fliegt fortwährend in die Luft. Aber vielleicht können von Zeit zu Zeit andere Feuerwerkskörper den Himmel erleuchten, und nicht die Hölle der Gefühllosigkeit.

Kunst beginnt mit der Sehnsucht nach Vereinigung, nach Verständnis, nach der Herstellung einer empathischen Verbindung, die so stark ist, dass sie die Grenze zwischen Kunst und Publikum auslöscht; der Effekt dieser Vereinigung ist, manchmal, wenn der Mond richtig steht, dass sie die Last der Einsamkeit in der Welt verringert. Und autoritäre Staaten hassen diesen ganzen Scheiß mit der Hitze von einer Million Sonnen, denn wenn die Menschen nicht einsam und entlang künstlicher, von der Regierung gestützter Stammesgrenzen voneinander getrennt sind, wenn die Menschen die Gefühle anderer ebenso deutlich empfinden können wie ihre eigenen, wenn jeder ebenbürtig und niemand besonders ist, wenn etwas Helleres und Freundlicheres und Interessanteres als die Loyalität dem Regime gegenüber und die Freude der Unterwerfung in ihrem Leben auftaucht und sagt: Hallo, Schätzchen, es ist okay, du bist nicht allein, komm, ich erzähl dir mal eine Geschichte, ja, lass uns ein Bild malen, lass uns ein Lied singen, scheiße, dann will niemand mehr Stiefel lecken. Stiefel lecken ist eklig, und es ist langweilig, und es sind nie deine eigenen Schuhe, die am Ende sauber sind.

Radikal sein: Güte zeigen

Aber im Moment sind wir furchtbar einsam. Der Abstand zwischen uns ist größer als anderthalb Meter. Wir sind schon so lange eingesperrt. Und ich rede nicht nur über Quarantäne. Wir sind einsam und voneinander getrennt, und wir wissen nicht, wie wir unversehrt aus dieser Geschichte herauskommen. Ich habe gesagt, dass ich nicht weiß, wie erbaulich dieser Text am Ende wird, und ich weiß es noch immer nicht. Wir haben noch nicht den dritten Akt erreicht. Davor müssen noch viele Entscheidungen gefällt werden. Von Milliarden einsamer kleiner Kinder in den Schuhen großer Kinder, die sich in letzter Zeit nicht von ihrer besten Seite gezeigt haben.

Das Radikalste, was du am gähnenden Abgrund des Totalitarismus sein kannst, ist gütig. Du nimmst Flüchtlinge auf. Du öffnest deinen Dachboden. Du kümmerst dich um die Kranken. Du fällst schwierige Entscheidungen. Du arbeitest nicht mit denjenigen zusammen, die Schmerzen zufügen. Du nickst nicht, wenn die Obrigkeit darauf beharrt, dass manche anderen überlegen sind. Du beschützt den Menschen unter dem Knie, nicht das Knie. Du schaltest deine Kamera ein. Du trägst deine Maske. Wenn jemand behauptet, Menschen wären Vieh, dann schreist du sie nieder bis in die Finsternis am Ende aller Dinge. Du sprichst auch dann die Wahrheit, wenn der automatische Lautsprecher betäubend ist. Du fühlst. Selbst dann, wenn es für dich selbst sicherer wäre, nicht zu fühlen.

Und du erzählst die Geschichte, wie wir überleben und die Sonne wiederfinden.

Wie wir einander wiederfinden.

Denn diese Geschichte gibt es. Auch wenn ich beim besten Willen nicht weiß, wie sie geht.

Jede und jeder nehme sich einen Stift. Vor uns liegt viel Arbeit.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Riffel

Redaktion: Karen Nölle

 

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Story of Us, or, Read a Fucking Book Once In Awhile, Why don't you?: Empathy, Crisis, and the Function of Art Right Now« am 31. Mai 2020 auf www.patreon.com/posts/37741744

© 2020 by Catherynne M. Valente

© der Übersetzung 2020 by Hannes Riffel

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Übersetzers. Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Autorin: Catherynne M. Valente

© Winter Tashlin

Catherynne M. Valentes Romane wurden für den Hugo Award und den World Fantasy Award nominiert und mit dem James Tiptree, dem Andre Norton, dem Mythopoetic Fantasy und dem Locus Award ausgezeichnet. Mit ihrem Jugendbuch »Die wundersame Geschichte von September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelte« stand sie mehrere Wochen auf der »New York Times«-Bestsellerliste. Der Eurovision Song Contest ist für sie die erstaunlichste und großartigste Errungenschaft der menschlichen Spezies.

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