Transmenschen in Krieg der Klone

© Sharon McCutcheon/unsplash

BUCH

Keine Zeit für Engstirnigkeiten: Transmenschen in „Krieg der Klone“


In John Scalzis Science-Fiction-Serie "Krieg der Klone" rekrutiert die Koloniale Verteidigungsarmee ständig Nachschub für ihre Weltraumschlachten – sowohl Frauen als auch Männer. In seinem Blogbeitrag räumt der Autor mit der Frage auf, ob sich auch Transmenschen rekrutieren lassen können. 

 

Anmerkung: Dieser Beitrag enthält Spoiler zu meinem Buch Krieg der Klone. In Anbetracht der Tatsache, dass es vor über zehn Jahren veröffentlicht wurde, sollte man vielleicht gar nicht mehr von Spoilern sprechen, aber egal. Falls Sie das Buch also noch nicht gelesen haben und nicht möchten, dass ein relativ wichtiger Aspekt gespoilert wird, fasse ich hier nur die Kernaussage zusammen: Ja, es gibt Transmenschen im KdK-Universum; nein, es ist kein Problem für die Koloniale Union und die Koloniale Verteidigungsarmee (KVA), dass diese Menschen trans sind. So, jetzt wissen Sie Bescheid und können sich den Rest dieses Beitrags sparen.

Und für alle anderen:

Ich wurde bereits mehrere Male gefragt (sogar erst gestern per E-Mail), was mit Transmenschen passiert, die zur Kolonialen Verteidigungsarmee in den KdK-Büchern kommen. Um es noch einmal zu rekapitulieren: Die Soldaten der KVA werden als 75-Jährige auf der Erde rekrutiert und erhalten neue, super-fantastische Körper, die – wenn auch nicht ausschließlich – auf ihrer eigenen DNS basieren. Da die Erstellung dieser Körper nur teilweise mittels der ursprünglichen genetischen Informationen der Rekruten geschieht, wäre es dann möglich, dass Transmenschen festlegen können, welches Geschlecht ihr neuer Körper haben soll?

Das ist eine wirklich interessante Frage. Ich will versuchen, sie zu beantworten.

Dazu möchte ich vorausschicken, dass ich bei der Arbeit an Krieg der Klone überhaupt nicht daran gedacht hatte, was mit Transmenschen passiert, die zur KVA kommen. Warum? Kurze Antwort: Als weißer Hetero-Mann, der zu jener Zeit nichts über Transmenschen wusste, hatte ich bislang keinen Gedanken daran verschwendet. Also ist alles, was ich von nun an schreibe, ein ergänzender Kommentar zum Originaltext. Aber da es von mir, dem Autor, stammt, können wir es als kanonisch betrachten.

(Und noch eine Anmerkung: Ich bin nicht hundertprozentig auf dem neuesten Stand, was Begriffe mit Trans-Bezug angeht. Falls ich also falsche Begriffe benutze, ist es keine Böswilligkeit, sondern einfach nur Unwissenheit. Weisen Sie mich bitte in den Kommentaren auf so etwas hin, und ich werde es ändern.)

1. Um das zuallererst klarzustellen: Es gibt keine Zugangsbeschränkungen zur KVA für Transmenschen, denn: Warum sollte es welche geben? Die Aufnahmebedingungen sind: a) Man lässt sich rekrutieren, b) man stammt aus reichen, entwickelten Ländern, wie es im Buch heißt (was größtenteils der heutigen Liste reicher, entwickelter Länder entspricht). Also ja, es gibt Transmenschen unter den Rekruten.

2. Standardmäßig sind die KVA-Körper in klassischer männlicher und klassischer weiblicher Form gestaltet. Dank Gentechnik und anderen Dingen ist die Leistungsfähigkeit von männlichen und weiblichen Körpern gleich, sodass die geschlechtsspezifischen Ausführungen ausschließlich der psychologischen Zufriedenheit der Rekruten dienen, das heißt, wenn man (für gewöhnlich) gewohnt ist, ein Mann oder eine Frau zu sein, bleibt man genau das, wenn man in den neuen Körper transferiert wird.

3. Da die geschlechtliche Ausführung der Körper rein psychologische Gründe hat, wird die KVA, wenn ihr die geschlechtliche Identität einer Transperson bekannt ist, den Körper entsprechend ausführen. Zum Beispiel würde eine Transperson nach einer geschlechtsangleichenden Operation einen Körper in genau dieser Ausführung erhalten, ungeachtet des DNS-Profils dieser Person, weil das die offensichtliche Präferenz für diese Person ist.

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4. Was ist mit Transmenschen ohne geschlechtsangleichende Operation, solchen, die genderfluid oder intersexuell sind oder ihr bevorzugtes Geschlecht nicht öffentlich bekannt gemacht haben? Zunächst sortiert die KVA ihre Rekruten nach bestem Wissen in die Kategorien männlich oder weiblich ein, um nach dem Transfer gegebenenfalls weitere Modifikationen vorzunehmen. Die KVA ist eine Organisation, die Gliedmaßen und Organe ohne Schwierigkeiten nachwachsen lassen kann (jedenfalls ohne Schwierigkeiten für die KVA; für die betreffende Person ist es schon etwas traumatischer). Also ist die Modifikation von Körpern zum Zweck der psychologischen Zufriedenheit eine relativ triviale Angelegenheit. Überwiegend lässt sich so etwas bewerkstelligen, bevor die Rekruten in die Grundausbildung gehen, obwohl insbesondere im Fall von Transmenschen, die ihre Identität nicht öffentlich gemacht haben, viel davon abhängen würde, was sie den Ärzten und Technikern der KVA erzählen.

5. Und nein, die KVA schert sich nicht darum, in welchem Geschlecht sich die Rekruten präsentieren. Der KVA geht es nur darum, dass sie zum Kämpfen bereit sind. Du willst kämpfen? Super, hier ist deine Vauzett. Zieh los und töte Aliens. Besten Dank.

6. Könnte es andere Rekruten geben, die ein Problem mit Transmenschen hätten? Das wäre möglich, da die KVA niemandem die Aufnahme verweigert. Die Ausbilder der Armee sind gerne bereit, solchen Leuten zu sagen, dass sie damit klarkommen müssen. Wenn sie das nicht tun (oder wenn sie wegen irgendwelcher anderen Engstirnigkeiten nicht klarkommen), wären die Folgen für sie unangenehm.

7. Könnte ein KVA-Soldat während seiner oder ihrer Dienstzeit entscheiden, die allgemeine oder äußerliche Geschlechtsidentität zu wechseln? Klar, warum nicht? Alle KVA-Körper haben dieselben Grundfähigkeiten, und die persönliche Identität lässt sich durch den BrainPal verifizieren, sodass es in dieser Hinsicht keine Benachteiligung oder Verwirrung gäbe. Hältst du dich an deine Befehle? Tötest du Aliens? Super – ändere dein Aussehen, wie es dir am liebsten ist.

8. Gleichermaßen könnten KVA-Soldaten, wenn sie den Dienst beenden, die Geschlechtsidentität und das Aussehen des Körpers bestimmen, in den sie dann transferiert werden. Denn auch in diesem Fall gilt: Warum nicht?

Kurzfassung: Die KVA ist gerne bereit, Transmenschen das sein zu lassen, was sie sind, weil sie dann mit sich selbst zufrieden sind – und das macht sie zu besseren Soldaten, was letztlich das ist, worum es der KVA geht.

In der KdK-Serie habe ich nichts über Transmenschen geschrieben (einige der Figuren könnten trans gewesen sein, aber sie haben es mir nicht gesagt), doch es gibt keinen Grund, warum ich es nicht tun könnte. Also werde ich es vielleicht irgendwann tun, wenn es eine Möglichkeit gibt, es so zu tun, dass es nicht aussieht, als würde ich auf durchschaubare Weise Pluspunkte sammeln wollen. Doch ganz gleich, ob ich Transmenschen in meinen Büchern erwähnt habe, ist es Kanon, dass es Transmenschen im KdK-Universum gibt. Denn warum auch nicht?

(Update: Inzwischen habe ich ein paar sprachliche Anpassungen vorgenommen, dank der Hinweise von einigen Lesern, die trans sind oder sich mit Transthemen auskennen.)

 

Deutsch von Bernhard Kempen

Erschienen unter dem Titel „Old Man’s War and Transfolk“ am 31.7.2014 auf https://whatever.scalzi.com/2014/07/31/old-mans-war-and-transfolk/.

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