Mütter und Töchter in der Phantastik

© chiplanay/pixabay

BUCH

So selten wie ein Einhorn – Mutter-Tochter-Beziehungen in der Phantastik


Gäbe es Lebensversicherungen für Personen in Phantastik-Werken, so wären die höchsten Prämien mit ziemlicher Sicherheit für die Mütter der Hauptfiguren zu zahlen. Für viele Held*innen gehört die verstorbene Mutter zur Hintergrundgeschichte dazu. Besonders mit der Lupe suchen muss man Erzählungen mit Mutter-Tochter-Beziehungen. Wieso ist das eigentlich so?

Tragische Familiengeschichten sind in der Phantastik ebenso beliebt wie häufig. Das ist auch durchaus verständlich, denn Themen wie Verlust, Rache, Trauer und Wut sind nicht nur Motivation für die Protagonist*innen, überhaupt etwas Spannendes zu erleben, sondern auch eine gute Möglichkeit, sie greifbar und sympathisch zu machen und das Publikum mitfiebern zu lassen. Dennoch ist es auffällig, wie oft am Anfang eines Held*innenlebens die toten Eltern oder, alternativ, Geschwister, Geliebte oder Verbündete stehen. Dabei sollte eigentlich das Argument, eine Hauptfigur den Lesenden näherzubringen, auch in die andere Richtung funktionieren: wir sind alle noch nicht sonderlich oft losgezogen, um die Welt zu retten, aber eine Beziehung zu den eigenen Eltern, sei sie gut oder schlecht oder irgendwas dazwischen, haben wir in der Regel schon. Trotzdem wird diese Beziehungsdynamik in phantastischen Erzählungen oft nicht thematisiert, jedenfalls nicht zur leiblichen Familie. Die Found Family hingegen, also eine Gruppe von Personen, die im Laufe der Handlung eng zusammenwächst, ist ein beliebtes Motiv. Dagegen und gegen die Botschaft, dass man sich die wichtigsten Personen im Leben auch selbst aussuchen kann, ist natürlich nichts einzuwenden. Und trotzdem: Wieso wird so selten erzählt, wie eine solche Beziehung zu der Familie aufgebaut wird, in die eine Figur hineingeboren wurde?

Children of Blood and Bone

Schafft es dann doch einmal ein Elternteil über die Hintergrundgeschichte hinaus, ist es oft der Vater. Väter sind ein immer wieder auftauchendes Element in phantastischen Geschichten, sei es als Mentor, als zu überwindender Gegenspieler oder als lange verschollene Person, die irgendwann doch wieder auftaucht. Väter und Söhne, ab und zu auch Väter und Töchter, finden sich also hier und da. Beispielsweise dreht sich in Tomi Adeyemis Children of Blood and Bone für die beiden Geschwister Amari und Inan der wichtigste Teil ihrer inneren Konflikte um die Frage, ob sie sich für oder gegen ihren Vater, den König, entscheiden sollen. Und auch die ganz großen,  bekannten Geschichten wie Star Wars kennen den Konflikt um Vaterfiguren – auch wenn es schon bezeichnend ist, wie ausführlich Luke Skywalker damit hadern darf, dass der Mann, der ihm die Hand abgeschlagen hat, sein Vater ist, während Leia, die ihre Zieheltern und ihren gesamten Planeten durch Vader verloren hat und von ihm persönlich gefoltert wurde, nicht den Platz dafür bekommt.

Ein Grund für den Mangel an Mutter-Tochter-Beziehungen liegt vermutlich darin, dass in der Phantastik noch immer männliche Protagonist*innen öfter vorkommen als weibliche, und auch bei den Nebenfiguren nach wie vor Männer dominant gegenüber weiblichen und nicht binären Personen sind. Für eine bedeutungsvolle Mutter-Tochter-Beziehung braucht es eben schon einmal zwei ausgearbeitete weibliche Charaktere mit der nötigen Tiefe, und bereits daran scheitern viele Erzählungen. 

Vergiftete Äpfel, Entführungen und andere Klischees

Wenn Mutter-Tochter-Beziehungen dann doch existieren, fallen sie oft auf bestimmte Klischees zurück. Ganz klassisch ist dies natürlich die abwesende Mutter oder Tochter, die lediglich durch ihre Abwesenheit Einfluss nimmt, sei es jetzt, dass sie entführt wurde (zum Beispiel Nassun in Zerrissene Erde), im Koma liegt (z. B. Jocelyn Frey in City of Bones) oder die Familie verlässt, um dem Ruf des Abenteuers zu folgen (z. B. Diana im Film Wonder Woman). Eine weitere typische Trope ist die böse oder neidische Mutter, die der Tochter nichts Gutes will oder sich sogar zur Antagonistin entwickelt. Dies geht oft einher mit einem weiteren Klischee: der Ersatzmutter. Diese kann als böse Stiefmutter auftreten, oder aber die abwesende oder tote Mutter als Mentorin ersetzen. Tatsächlich sind Geschichten um eine ältere und eine jüngere Frau, die eine Art Mutter-Tochter-Beziehung haben, ohne verwandt zu sein, wesentlich leichter zu finden. Schlussendlich ist als letzte Klischee noch die schwache Mutter zu nennen, die zwar weder tot noch abwesend ist, aber keine eigene Motivation oder Fähigkeiten hat und die Tochter dazu zwingt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen (zum Beispiel die Mutter von Katniss Everdeen in Hunger Games).

Zerissene Erde

Mütter und Töchter in der Phantastik – eine Spurensuche

Tatsächlich war bereits die Suche nach Büchern, Filmen und Serien, in denen es Mutter-Tochter-Beziehungen gibt, gar nicht so einfach. Zudem fallen viele der Beziehungen dann doch wieder in die typischen Tropes. So gibt es beispielsweise im Goldenen Kompass zwar eine Beziehung zwischen Lyra und ihrer Mutter, doch die Mutter nimmt dabei die Rolle der manipulierenden Antagonistin ein. In der Tamir-Trilogie von Lynn Flewelling spielt die Mutter von Tamir eine Rolle, fällt dabei aber durchgehend ins Klischee der schwachen Mutter, die zerrüttet von den Ereignissen kaum etwas zur Handlung beiträgt. Im Film Maleficent geht es zwar zentral um die Beziehung zwischen Aurora und Maleficent und die Liebe, die die beiden füreinander empfinden, aber sie sind eben nicht wirklich Mutter und Tochter.

Trotzdem gibt es Beispiele für Mütter und Töchter in der Phantastik, und diese sind keineswegs alle erst in den letzten Jahren entstanden. Bereits in der 1973 erschienenen Kurzgeschichte The Women Men Don’t See von Alice Bradley Sheldon (veröffentlicht unter ihrem Pseudonym James Triptee, Jr.) geht es unter anderem auch um die Beziehung der Protagonistin Ruth zu ihrer Tochter Althea. Erzählt aus der Perspektive eines Mannes, der ihre Beziehung von außen beobachtet und kommentiert, thematisiert die Erzählung unter anderem das Vertrauensverhältnis der beiden, welches dem Erzähler völlig unverständlich bleibt. Auch in Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter spielt Ronjas Mutter Lovis eine wichtige Rolle. Dabei wird sie zwar oft in einer mütterlich-schützenden Funktion gezeigt, ist aber letztendlich die Person, die in der Sippe wirklich das Sagen hat. Tamora Pierce greift das Thema in ihren beiden Reihen Das Lied der Löwin (1983-1989) und Trickster (2003-2004) auf andere Weise auf: Die Protagonistin der später erschienenen Bücher ist die Tochter der Protagonistin der ersten Reihe und der Konflikt darum, dass Tochter Aly einen anderen Berufswunsch hat als Mutter Alanna sich wünschen würde, bringt die Geschichte in Gang.

Natürlich gibt es auch jüngere Beispiele für Erzählungen mit Mutter-Tochter-Thema. So stehen beispielsweise in der Brooklyn Brujas-Trilogie von Zoraida Córdova drei Schwestern im Mittelpunkt, von der sie nicht nur als Hexen ausgebildet wurden, sondern auf deren Stärke sie sich immer wieder verlassen können. In Miss Violet and the Great War, dem dritten und letzten Band der Strangely Beautiful-Reihe, nutzt Autorin Leanna Renee Hieber ebenfalls die Tochter der Protagonistin der ersten Bände, um die Beziehung der beiden zu thematisieren. Und mit Hungry Daughters of Starving Mothers von Alyssa Wong gewann 2015 eine Geschichte, die von einem abgewandelten Vampirismus erzählt, der von der Mutter an die Tochter weitergegeben wurde, den Nebula Award 2015 als beste Kurzgeschichte.

Es gibt sie doch!

Bei Serien wie Jessica Jones oder Supergirl scheint sich zu bewahrheiten, was ich weiter oben geschrieben habe: Wenn eine Erzählung erst einmal den Platz bietet, mehr als nur einen relevanten weiblichen Charakter zu haben, ergibt sich daraus auch oft eine Geschichte zwischen Mutter und Tochter. Bei Jessica Jones geht es beispielsweise in allen drei Staffeln immer wieder um die Beziehung zwischen Trish Walker und ihrer Mutter, und diese ist komplex genug, um nicht nur ein bestimmtes Klischee zu bedienen. Supergirl schafft es in Staffel 1 schon, gleich drei Mutterfiguren für Protagonistin Kara bereitzuhalten – ihre leibliche Mutter, die auf Krypton starb, aber in Erinnerungen immer wieder vorkommt, ihre Adoptivmutter und ihre Mentorin Cat Grant. Außerdem wurde ab Staffel 3 der Cast um ein das Mutter-Tochter-Paar Samantha und Ruby erweitert, deren Beziehung zueinander auch immer wieder thematisiert wird. Ähnliches gilt für die animierte Serie She-Ra and the Princesses of Power, in der Glimmer und ihre Mutter Angella in ihrem Bemühen, einander zu beschützen und trotzdem gegen die Horde zu kämpfen, ein ums andere Mal aneinander geraten.

Auch deutsche Romane greifen das Thema Mütter und Töchter durchaus auf: So geht es beispielsweise in Shape Me von Melanie Vogltanz nicht nur um Körperbilder, Selbstbestimmung und staatliche Kontrolle, sondern auch um eine Krankheit, die die Protagonistin mit ihrer eigenen Mutter und ihrer Tochter verbindet. In den Feuerjäger-Romanen von Susanne Pavlovic hat Krona, die Hauptfigur, selbst eine Tochter, die sie einst beim Vater ließ, um ihre Militärkarriere weiter zu verfolgen. Im Verlauf der Geschichte begegnen die beiden sich wieder, ihre Beziehung bleibt jedoch geprägt von alten Verletzungen. Gleichzeitig baut Krona aber eine mütterliche Verbindung zu einer jüngeren Frau in ihrem Team auf, die sie gewissermaßen als zweite Chance begreift.

Oft gehen Geschichten, in denen Mütter und Töchter Platz haben, eine Beziehung zu führen, mit solchen einher, in denen ohnehin Familien im Vordergrund stehen. In der Comic-Reihe Saga beispielsweise stehen Marko, Alana und ihre Tochter Hazel im Mittelpunkt der Handlung. Die Beziehungen innerhalb der Familie werden facettenreich dargestellt – sowohl die Paarbeziehung der Eltern als auch die Beziehung zwischen Alana und Hazel als Mutter und Tochter. und auch wenn es dort auch um die Paarbeziehung der Eltern und andere Themen geht, interagieren Alana und Hazel auch immer wieder als Mutter und Tochter. Auch in der Firebird-Reihe von Claudia Gray ist für Protagonistin Marguerite ihre ganze Familie sehr wichtig. Im Bereich von Fernsehserien gibt es zum Beispiel in den Superheldenserien Black Lightning und The Gifted jeweils eine Familie, die im Mittelpunkt steht und in denen Mütter und Töchter immer wieder Konflikte überwinden und füreinander einstehen müssen.

Letztendlich findet man mit einiger Suche eben doch Geschichten, in denen Mütter nicht nur als tragisches Hintergrundelement dienen – auch wenn es gerne noch mehr davon geben dürfte. Wenn euch noch mehr einfallen, schreibt sie doch in die Kommentare.

Shape Me
Saga 3

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