Die Hugo Awards 2008

KOLUMNE

Die Hugo Awards 2008: Das waren die Gewinner


Die Buchreihe „Die Hugo Awards 2001–2017” gibt einen Überblick über die wichtigsten Gewinner des berühmten Hugo Awards. Welche Preisträger gab es im Jahr 2008?  

Die Verleihung der Hugo Awards fand 2008 auf der Denvention 3 in Denver statt.

Toastmaster: Wil McCarthy

Novel

Michael Chabon: The Yiddish Policemen’s Union

(2007 bei HarperCollins; dt. Die Vereinigung jiddischer Polizisten, Kiepenheuer & Witsch 3972 und dtv 13793)

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Die Hugo Awards - Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards - Das waren die Gewinner

Der Pulitzer-Preisträger Michael Chabon geht in seinem ungewöhnlichen Alternativweltroman von der Tatsache aus, dass der US-amerikanische Innenminister Harold Ickes im Jahr 1940 der Regierung unter Präsident Roosevelt den Plan präsentiert hat, jüdische Flüchtlinge in Alaska anzusiedeln, um sie nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurückkehren zu lassen. In unserer Realität wurde dieser Plan vom Kongress abgelehnt, Michael Chabon jedoch verwendet das Szenario in seinem Roman.

Die Handlung spielt ungefähr in unserer Gegenwart in der Metropole Sitka in Alaska, in der im Jahr 1977 sogar eine Weltausstellung stattgefunden hat. Sitka ist zum größten Teil mit Menschen jüdischer Abstammung besiedelt, aber es leben dort auch einige Ureinwohner Alaskas sowie ein kleiner Teil US-Amerikaner. In der nächsten Zeit soll der Sonderstatus von Alaska aufgehoben werden.

Der 1948 gegründete Staat Israel wurde noch im selben Jahr durch einen arabisch-israelischen Krieg vernichtet, sodass auch nach dem Weltkrieg weiterhin Juden nach Alaska einwanderten. Auch sonst gibt es einige Veränderungen gegenüber unserer Realität: Nazideutschland hat die Sowjetunion 1942 besiegt, 1946 wurde Berlin durch eine Nuklearwaffe zerstört. John F. Kennedy wurde nicht erschossen, sondern heiratete Marilyn Monroe.

Die zentrale Figur des Romans ist Meyer Landsman, ein alkoholabhängiger Polizist des Mordderzernats in Sitka, der den Mord an einem jungen Mann aufzuklären hat, der im selben Hotel erschossen wurde, in dem auch Landsman wohnt. Einen Hinweis auf den Täter könnte ein Schachbrett geben, das neben dem Toten gefunden wurde. Zusammen mit seinem Kollegen Berko Shemets nimmt Landsman die Spuren auf. Seine Ex-Frau Bina wird zu Landsmans Leidwesen als Vorgesetzte in der Polizeidienststelle eingesetzt und drängt auf eine schnelle Klärung des Falls. Landsman findet heraus, dass der Tote Mendel Shpilman hieß und der Sohn eines bedeutenden Rebbe war. Doch der Rebbe, offenbar Boss einer kriminellen Vereinigung, interessiert sich nicht für den Tod seines Sohnes. Außerdem gibt es Gerüchte, dass Mendel Shpilman der Tzadik ha-Dor gewesen sein könnte, ein potenzieller Messias, der nur einmal pro Generation geboren wird. Und die Klärung des Falles nimmt zunehmend politische Dimensionen an.

Der US-Amerikaner Michael Chabon (*1963) ist kein typischer Science-Fiction-Autor, sondern verwendet in seinen Romanen zuweilen phantastische Elemente. Für seinen Roman The Amazing Adventures of Kavalier & Clay (dt. Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay) erhielt er 2001 den Pulitzer-Preis in der Kategorie »Fiction«. Rund ein Dutzend weiterer Romane waren sehr erfolgreich und sowohl Wonder Boys als auch Die Geheimnisse von Pittsburgh wurden verfilmt. Der Produzent Scott Rudin hatte übrigens bereits 2002 die Filmrechte an The Yiddish Policemen’s Union gekauft, und zwar lediglich auf einen eineinhalbseitigen Entwurf hin. Die Coen-Brüder, die auch Regie führen sollten, haben das Drehbuch verfasst, das jedoch bis heute nicht umgesetzt wurde, sodass die Filmrechte an den Autor zurückgefallen sind.

The Yiddish Policemen’s Union gewann nicht nur den Hugo, sondern außerdem den Nebula Award, Locus Award und den Sidewise Award for Alternate History. Damien Broderick und Paul Di Filippo stellten das Buch auch in ihrer Sammlung Science Fiction – The 101 Best Novels 1985–2010 vor.

Weitere Nominierungen:

John Scalzi: The Last Colony

(2007 bei Tor; dt. Die letzte Kolonie, H 52442)

Charles Stross: Halting State

(2007 bei Ace; dt. Du bist tot, H 52687)

Robert J. Sawyer: Rollback

(2007 bei Tor; auch Oktober 2006 bis Januar/Februar 2007 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Ian McDonald: Brasyl

(2007 bei Gollancz und Pyr; nicht auf Deutsch)

Novella

Connie Willis: »All Seated on the Ground«

(Dezember 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Ihren inzwischen zehnten Hugo konnte Connie Willis für eine eher satirische Erzählung verbuchen.

Völlig überraschend ist ein außerirdisches Raumschiff gelandet, und zwar direkt auf dem Campus der Denver University. Sechs Außerirdische steigen aus und stellen sich in Reihe vor der Universität auf, geben ansonsten aber kein Lebenszeichen von sich und starren die Leute geradezu feindselig an. Alle Kommunikationsversuche scheitern, und natürlich gibt es auch keine Reaktion auf die Willkommensreden des Bürgermeisters und des Gouverneurs von Colorado.

Erzählerin der Geschichte ist Meg Yates, eine Zeitungskolumnistin, die eingeladen wurde, der Kommission zur Kontaktaufnahme mit den Aliens beizutreten. Meg fühlt sich durch das feindselige Starren der Außerirdischen an ihre schreckliche Tante Judith erinnert, und diese Erinnerung wird zu einem Running Gag in der Erzählung.

Nach rund drei Wochen verschwinden die Außerirdischen immer abends gegen 21 Uhr in ihrem Raumschiff, nur um am folgenden Morgen wieder ihre Position vor der Universität einzunehmen. Die Kommission versucht alle Kommunikationsformen, die die moderne Wissenschaft aufzubieten hat, doch nichts funktionert. Schließlich führt man die Aliens in der Stadt herum, um ihnen die Errungenschaften der Menschheit zu zeigen, was die Fremden ohne weitere Reaktion über sich ergehen lassen. Erst als sie in der großen Mall zum ersten Mal ein Weihnachtslied hören, setzen sie sich plötzlich auf den Boden. Meg findet zusammen mit einem sympathischen Chorleiter namens Calvin heraus, dass es wohl an der Textzeile »All Seated on the Ground« liegen muss. In den folgenden Tagen und Wochen testen Meg und Calvin allerlei Weihnachtslieder an den Aliens, wobei sie tunlichst jene Textzeilen vermeiden, die negative Reaktionen hervorrufen könnten. Des Rätsels Lösung scheint darin zu liegen, dass die Fremden offenbar nur auf Chorgesänge reagieren. Aber wie soll man damit eine sinnvolle Kommunikation herstellen? Meg hat allerdings bereits eine Idee, als das Schiff der Aliens plötzlich Anzeichen eines baldigen Starts erkennen lässt.

Connie Willis würzt ihre unterhaltsame und witzige Geschichte mit einer Menge von Seitenhiebe auf die Vertreter der Religionen und auf die Blödheit bestimmter Medien. Zudem hat die Autorin offensichtlich ausführlichst über US-amerikanische Weihnachtslieder recherchiert und gibt die absurdesten Textzeilen zum Besten.

Abgesehen davon, dass es äußerst schwierig sein dürfte, diese Erzählung ins Deutsche zu übersetzen, ist es doch gerade an dieser Stelle zu bedauern, dass nur ein so geringer Teil von Willis’ Kurzgeschichtenwerk den Weg auf den deutschen Buchmarkt gefunden hat.

Weitere Nominierungen:

Kristine Kathryn Rusch: »Recovering Apollo 8«

(Februar 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Nancy Kress: »The Fountain of Age«

(Juli 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Gene Wolfe: »Memorare«

(April 2007 in F&SF; nicht auf Deutsch)

Lucius Shepard: »Stars Seen Through Stone«

(Juli 2007 in F&SF; nicht auf Deutsch)

Novelette

Ted Chiang: »The Merchant and the Alchemist’s Gate«

(September 2007 in F&SF; dt. »Der Kaufmann am Portal des Alchemisten« in Chiang: Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes, Golkonda)

Die Geschichte spielt am Hof des Sultans im alten Bagdad. Der Erzähler heißt Fuwaad ibn Abbas; er hat die meiste Zeit seines Lebens als Lieferant feiner Stoffe gearbeitet und berichtet nun dem Sultan die Geschichte seines Lebens. In dieser Erzählung ist Fuwaad auf der Suche nach einem Geschenk für einen Geschäftspartner, als er einen neuen Laden mit interessanten Waren entdeckt. Das Geschäft gehört dem Alchemisten Bashaarat, mit dem Fuwaad schnell ins Gespräch kommt und der ihm einen der wertvollsten Gegenstände in seinem Laden zeigt: einen polierten schwarzen Spiegel. Bashaarat behauptet, es sei ein Tor durch die Zeit, und beweist dies, indem er seine Hand in den Spiegel steckt, die erst Sekunden später auf der anderen Seite wieder erscheint. Noch viel erstaunlicher jedoch ist ein zweiter Spiegel, das »Tor der Jahre«, welches sogar zwanzig Jahre in die Zukunft reicht. Als sich Fuwaad fragt, welchen Zweck ein solches Tor haben könnte, erzählt Bashaarat drei Geschichten über das Schicksal von Männern, die das Tor durchschritten haben: die Geschichte des glücklichen Seilers, die Geschichte des Webers, der sich selbst bestahl, und die Geschichte der Ehefrau und ihres Geliebten. Schließlich berichtet Fuwaad von seinem eigenen Schicksal und dem Unglück, das ihm vor knapp zwanzig Jahren widerfahren ist. Der Alchemist eröffnet Fuwaad, dass es ein weiteres Tor der Jahre im Laden seines Sohnes in Kairo gibt, das jedoch nicht in die Zukunft führt, sondern in die Vergangenheit. Allerdings weist Bashaarat darauf hin, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann, sosehr man sich auch darum bemüht. Fuwaad reist also nach Kairo, durchschreitet das Tor in die Vergangenheit und erhält dort schließlich eine Nachricht, die sein Unglück abmildert und ihn in Frieden weiterleben lässt. Am Ende wird Fuwaad jedoch von der Stadtwache aufgegriffen und verhaftet, weshalb er schließlich dem Sultan vorgeführt wird, dem er nun seine ganzen Erlebnisse schildert.

In dieser stilistisch ausgefeilten Erzählung sind gleich vier raffinierte Geschichten enthalten, die unterschiedliche Aspekte und Probleme der Zeitreise beleuchten, wobei der technische Aspekt der Zeitreise nicht berücksichtigt werden muss. Und auch wenn Fuwaad die Vergangenheit nicht verändern kann, so haben die Reise und die dabei gewonnene Information doch sein Leben verändert. Ebenso raffiniert ist der Aspekt der Erzählung, dass man nicht mit Gewissheit erfährt, ob es die Tore der Jahre tatsächlich gibt, denn schließlich handelt es sich insgesamt nur um einen Bericht an den Sultan, der ebenso frei erfunden sein könnte, damit Fuwaad sein eigenes Leben rettet, ähnlich wie in den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Ted Chiang erhielt für diese Erzählung nicht nur seinen zweiten Hugo, sondern auch den Nebula Award.

Weitere Nominierungen:

Daniel Abraham: »The Cambist and Lord Iron: a Fairytale of Economics«

(2007 in Klima [Hrsg.]: Logorrhea, Bantam; nicht auf Deutsch)

Greg Egan: »Dark Integers«

(Oktober/November 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Greg Egan: »Glory«

(2007 in Dozois/Strahan [Hrsg.]: The New Space Opera, HarperCollins/Eos; nicht auf Deutsch)

David Moles: »Finisterra«

(Dezember 2007 in F&SF; nicht auf Deutsch)

Short Story

Elizabeth Bear: »Tideline«

(Juni 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Diese Kurzgeschichte erzählt von einem empfindungsfähigen Kriegsroboter namens Chalcedony, über den ausschließlich in der weiblichen Form berichtet wird. Was zuvor geschehen ist, kann sich der Leser nur aus kleinen Informationsschnipseln zusammenreimen. Offenbar gab es einen apokalyptischen Krieg, der die Menschheit dezimiert und die Überlebenden auf den Stand von Höhlenmenschen und Jägern und Sammlern zurückgeworfen hat. Die beschädigte Chalcedony ist die einzige Überlebende ihrer Kampfeinheit und sucht einen Strand nach wertlosem Plunder ab, um daraus Halsketten als Erinnerungsstücke an ihre 41 gefallenen Kameraden zu basteln. Dabei trifft sie den Waisenjungen Belvedere, mit dem sie sich anfreundet und dem sie Kriegsgeschichten erzählt. Als Chalcedonys Energiereserven schwinden, übergibt sie die Erinnerungsketten an Belvedere und erzählt von jedem ihrer gefallenen Kameraden, damit diese nicht vergessen werden. Die Autorin verwendet in der handlungsarmen Erzählung zahlreiche Anspielungen und Querverweise auf andere literarische Werke.

Die US-Amerikanerin Elizabeth Bear (*1971) wurde 2005 mit dem John W. Campbell Award ausgezeichnet (siehe dort).

Weitere Nominierungen:

Michael Swanwick: »A Small Room in Koboldtown«

(April/Mai 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Stephen Baxter: »Last Contact«

(2007 in Mann [Hrsg.]: The Solaris Book of New Science Fiction, Solaris Books; dt. »Letztkontakt«, Tor-Online.de)

Ken MacLeod: »Who’s Afraid of Wolf 359?«

(2007 in Dozois/Strahan [Hrsg.]: The New Space Opera, HarperCollins/Eos; nicht auf Deutsch)

Mike Resnick: »Distant Replay«

(April/Mai 2007 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Related Book

Jeff Prucher: Brave New Words: The Oxford Dictionary of Science Fiction

(2007 bei Oxford University Press; nicht auf Deutsch)

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat die SF-Literatur eine ganz eigene Terminologie entwickelt. In seinem Vorwort nennt Jeff Prucher gleich mehrere Gründe, warum es inzwischen notwendig war, das vorliegende Wörterbuch zu erstellen. Viele Wörter waren nie zuvor in einem Wörterbuch enthalten oder haben, wie zum Beispiel im Fall von »Alien«, in der Allgemeinheit eine andere Bedeutung als in der Science Fiction. Auch war es Prucher wichtig, den Ursprung und jeweilige maßgebliche Quellen eines Wortes festzuhalten. Dabei wurden nur Wörter aufgenommen, die allgemein Eingang in den Sprachgebrauch der SF gefunden haben und nicht nur in einem einzelnen Werk oder Zyklus verwendet werden. So wurde beispielsweise »Dilithium« nicht aufgenommen, da dieses Wort nur innerhalb der STAR TREK-Serie von Bedeutung ist. Weitere wichtige Kategorien des Wörterbuches ist »Fanspeak«, also Wörter, die innerhalb des SF-Fandoms entstanden sind und verwendet werden, sowie typische Wörter, die mit der Erschaffung von Science Fiction im Zusammenhang stehen (zum Beispiel »world-building« oder »infodump«). Außerdem wurden nur Wörter aufgenommen, die vor dem Jahr 2000 entstanden sind, weil sich bei später entstandenen Wörtern erst noch herausstellen muss, ob sie langfristig in den Sprachgebrauch der SF übergehen werden.

Nach einem ausführlichen Apparat, der die Abkürzungen und den Gebrauch des Wörterbuchs erklärt, geht es dann auch schon mit Begriffen wie »actifan«, »AI«, »air-car« und »alien« los, wobei nach einer Wortdefinition jeweils, chronologisch sortiert, die vermutlich erste Verwendung, bedeutende Zitate und Bedeutungswechsel des Wortes aufgeführt werden. Das Buch ist nicht nur von akademischem Interesse, sondern birgt auch für den interessierten Fan eine Menge an Information und Spaß.

Das eher thematisch aufgebaute deutsche Wörterbuch der Science-Fiction von Peter Schlobinski und Oliver Siebold (2008 bei Peter Lang) ist zwar ebenfalls sehr unterhaltsam und informativ, kann sich aber in Bezug auf die Fülle der Informationen nicht mit Jeff Pruchers Werk messen.

Weitere Nominierungen:

Barry Malzberg: Breakfast in the Ruins: Science Fiction in the Last Millennium

(2007 bei Baen; nicht auf Deutsch)

Diana Glyer: The Company They Keep: C. S. Lewis and J. R. R. Tolkien as Writers in Community

(2007 bei Kent State University Press; nicht auf Deutsch)

Luis Ortiz: Emshwiller: Infinity x Two

(2007 bei Nonstop; nicht auf Deutsch)

Shaun Tan: The Arrival

(2007 bei Arthur A. Levine; dt. Ein neues Land, Carlsen)

Dramatic Presentation, Long Form

Stardust

(Paramount Pictures; Drehbuch Jane Goldman & Matthew Vaughn; Regie Matthew Vaughn; basiert auf dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman; dt. Der Sternwanderer)

Der kleine Ort Wall liegt an der Grenze zwischen England und dem magischen Königreich Stormhold. Die Grenze wird durch eine Mauer gekennzeichnet, deren einziger Durchbruch Tag und Nacht von einem Mann bewacht wird. Die Handlung beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als ein junger Mann namens Dunstan Thorn den Wächter überlistet und die Grenze überquert. Er gelangt zu einem Ort, der ganz anders aussieht als die ihm bekannten Orte in England. Er lernt eine junge Frau kennen, die von einer Hexe als Sklavin gehalten wird und die behauptet, eigentlich eine Prinzessin zu sein. Sie verführt Dunstan, und neun Monate später erhält er einen Korb mit einem Säugling namens Tristan, der wohl Dunstans Sohn ist. Achtzehn Jahre später lebt Tristan noch immer bei seinem Vater. Er hat sich in die schöne Victoria verliebt, die jedoch einen anderen jungen Mann bevorzugt. Als Tristan und Victoria sich zu einem nächtlichen Picknick treffen, sehen sie eine Sternschnuppe, und Tristan verspricht seiner Angebeteten, dass er ihr den gefallenen Stern innerhalb von einer Woche bringt, wenn sie ihn dann heiratet.

In Stormhold liegt der König im Sterben, doch er will keinen seiner missgünstigen Söhne zu seinem Nachfolger bestimmen. Deshalb wirft er einen Rubin in die Luft, der daraufhin seine rote Farbe verliert, und verkündet, dass derjenige, der den blassen Stein wieder zu einem Rubin macht, der neue König sein wird. Der Edelstein steigt in den Himmel, stößt mit einem Stern zusammen und stürzt zur Erde zurück. Der Stern hat die Gestalt des schönen Mädchens Yvaine, die Tristan tatsächlich als Erster findet. Doch nicht nur die Thronfolger haben es auf den Stein und Yvaine abgesehen, sondern auch drei Hexen, die sich mithilfe von Yvaines Herz die eigene Jugend zurückzaubern wollen. Es beginnt eine haarsträubende Verfolgungsjagd, und bis zum Happy End haben die Helden zahlreiche Abenteuer zu bestehen.

Dieses wahrhaft bezaubernde moderne Märchen, das von Neil Gaiman erdacht wurde, erinnert in seiner übersprudelnden Handlungsführung an Die Braut des Prinzen (siehe 1988), auch wenn es aufwendiger produziert wurde. Die Rollen sind glänzend besetzt, selbst in Nebenrollen sieht man Stars wie Peter O’Toole, Michelle Pfeiffer und Rupert Everett. Robert De Niro überrascht in der Rolle des transsexuellen Captain Shakespeare. Dieser ungewöhnliche Fantasy-Film sollte in keiner DVD-Sammlung eines Fans fehlen.

Weitere Nominierungen:

HEROES, Season 1

(NBC Universal Television and Tailwind Productions; kreiert von Tim Kring; dt. HEROES)

Harry Potter and the Order of the Phoenix

(Warner Bros. Pictures; Drehbuch Michael Goldenberg; Regie David Yates; basiert auf dem gleichnamigen Roman von J. K. Rowling; dt. Harry Potter und der Orden des Phönix)

Enchanted

(Walt Disney Pictures; Drehbuch Bill Kelly; Regie Kevin Lima; dt. Verwünscht)

The Golden Compass

(New Line Cinema; Drehbuch und Regie Chris Weitz; basiert auf dem gleichnamigen Roman von Philip Pullman; dt. Der Goldene Kompass)

Dramatic Presentation, Short Form

DOCTOR WHO: »Blink«

(BBC; Drehbuch Steven Moffat; Regie Hettie Macdonald; dt. »Nicht blinzeln«)

Sally Sparrow macht Fotos in einem alten, verlassenen Haus in Western Drumlins und stößt auf eine an die Wand geschriebene Nachricht, die sie vor weinenden Engeln warnt und die mit »Der Doktor (1969)« unterschrieben ist. Am nächsten Tag kehrt sie mit ihrer Freundin Kathy zum Haus zurück, doch Kathy verschwindet plötzlich spurlos, nachdem sie einer weinenden Engelsstatue gegenübergestanden hat, und Sally erhält einen Brief, in dem Kathy ihr mitteilt, dass sie ins Jahr 1920 versetzt wurde und wie sie den Rest ihres Lebens verbracht hat. Sally wendet sich an die Polizei, doch Inspektor Billy Shipton, der sich spontan in Sally verliebt, fällt ebenfalls den Engeln zum Opfer und landet im Jahr 1969, wo er auf den Doktor trifft, der in der Zeit gestrandet ist und seine Tardis verloren hat. Der Doktor übermittelt mit Billys Hilfe, der später Video-Verleger wird, eine Nachricht an Sally, die als Videobotschaft auf DVDs versteckt ist. So erfährt Sally, dass die Statuen der weinenden Engel in Wirklichkeit uralte außerirdische Wesen sind, die früher die »einsamen Assassinen« genannt wurden und die fast so alt sind wie das Universum. Aufgrund einer Quantensperre können sie nicht existieren, sobald sie beobachtet werden. Daher darf Sally keinesfalls wegsehen oder blinzeln, wenn sie einem Engel gegenübersteht. Die Engel bedecken meist ihre Augen, weil sie es nicht riskieren können, einander anzusehen. An einer Stelle erwähnt der Doktor, dass die Engel die einzigen Psychopathen seien, die auf eine nette Art töten, denn sie schicken ihre Opfer in die Vergangenheit und ernähren sich von den Tagen, die ihnen geblieben wären, sowie von dem, was hätte sein können. Sally findet den Schlüssel zur Tardis und kann sie zum Doktor zurückschicken, wodurch die Engel schließlich ausgetrickst werden und Sally gerettet wird.

Die Neuauflage der britischen Kult-Serie DOCTOR WHO hatte 2008 bereits viele Fans gefunden, doch mit »Blink«, der zehnten Folge der dritten Staffel, kam es regelrecht zu Begeisterungsstürmen. Das Drehbuch von »Blink« basiert übrigens auf der Erzählung »What I Did on My Christmas Holidays by Sally Sparrow« des Drehbuchautors Steven Moffat, die bereits 2006 veröffentlicht wurde. Drehbuchautor und Hauptdarstellerin wurden mit Preisen ausgezeichnet, und die Zuschauer waren von den weinenden Engeln so begeistert, dass diese auch in späteren Staffeln wieder auftauchten. In der Wikipedia steht übrigens: »Die britische Tageszeitung THE DAILY TELEGRAPH listete ›Blink‹ als eine der zehn besten DOCTOR WHO-Folgen aller Zeiten auf. Der Autor Neil Gaiman setzte die weinenden Engel auf Platz 3 seiner Top 10 klassischer Monster.«

Bemerkenswert ist übrigens eine Dialogpassage, in der der Doktor die Zeit erklärt: »Die Menschheit glaubt, Zeit wäre eine strikte Abfolge von Ursache und Wirkung, aber in Wahrheit, vom nicht linearen, nicht subjektiven Punkt betrachtet, ist sie mehr wie ein großer Ball aus Schnibbedischnick – wibbelig-wabbeligem Zeugs.«

Weitere Nominierungen:

DOCTOR WHO: »Human Nature« & »Family of Blood«

(BBC; Drehbuch Paul Cornell; Regie Charles Palmer; dt. »Die Natur des Menschen« und »Blutsbande«)

BATTLESTAR GALACTICA: »Razor«

(Sci Fi Channel; Drehbuch Michael Taylor; Regie Félix Enríquez Alcalá & Wayne Rose; dt. »Auf Messers Schneide«)

TORCHWOOD: »Captain Jack Harkness«

(BBC Wales; Drehbuch Catherine Tregenna; Regie Ashley Way; dt. »Captain Jack Harkness«)

STAR TREK NEW VOYAGES: »World Enough and Time«

(Cawley Entertainment Co. and The Magic Time Co.; Drehbuch Michael Reaves & Marc Scott Zicree; Regie Marc Scott Zicree; nicht auf Deutsch)

Professional Editor, Short Form

Gordon Van Gelder

Die Hugo Awards - Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards - Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards - Das waren die Gewinner

Wie schon im Vorjahr konnte Gordon Van Gelder die Sympathien der Fans für sein THE MAGAZINE OF FANTASY & SCIENCE FICTION gewinnen. Vielleicht waren die Gründe dafür auch die Begeisterung für die Gewinner-Novelette »The Merchant and the Alchemist’s Gate« (dt. »Der Kaufmann am Portal des Alchemisten«) von Ted Chiang oder die drei weiteren nominierten Erzählungen »Memorare« von Gene Wolfe, »Stars Seen Through Stone« von Lucius Shepard oder »Finisterra« von David Moles. Darüber hinaus brachte das Magazin u. a. Erzählungen von David Gerrold, Bruce Sterling, Marta Randall, Neil Gaiman, Robert Reed, Alexander Jablokov, John Morressy, Ron Goulart, Gene Wolfe, Ian R. MacLeod, Paolo Bacigalupi, A. A. Attanasio, Lucius Shepard, Esther M. Friesner, Gwyneth Jones, Robert Silverberg, Daryl Gregory, Michael Swanwick und David Marusek.

Weitere Nominierungen:

Sheila Williams | Ellen Datlow | Stanley Schmidt | Jonathan Strahan

Professional Artist

Stephan Martiniere

Stephan Martiniere (*1962) ist ein französischer Künstler, der zunächst in Paris studierte, um sich dann kurz darauf mit Animationsfilmen zu beschäftigen. Er ging nach Japan und arbeitete an der Fernsehserie INSPECTOR GADGET mit. Schließlich zog er nach Kalifornien, wurde Animation Director bei DIC Entertainment und zeichnete von 1994 bis 1997 Cartoons für Zeitungen. Er arbeitete an den grafischen Konzepten mehrerer Hollywood-Filme mit (u. a. I, Robot und Red Planet) und entwarf das Konzept für Themenparkattraktionen. Neben Illustrationen für das Sammelkartenspiel MAGIC: THE GATHERING entwarf er auch grafische Konzepte für zahlreiche Computerspiele, unter anderem das Spiel Rage von id Software. Er gewann nicht nur den Hugo, sondern auch mehrere andere Preise wie den British Science Fiction Association Award, den Chesley Award und den Spectrum Award.

2007 gab es eine Reihe sehr schöner Buchtitelbilder von ihm, insbesondere für die »50th Anniversary Collection« des Science Fiction Book Club, zum Beispiel Doomsday Book von Connie Willis, Memory von Lois McMaster Bujold, Snow Crash von Neal Stephenson, Steel Beach von John Varley oder The Iron Dragon’s Daughter von Michael Swanwick. Auch sehr sehenswert ist das Titelbild zu Brasyl von Ian McDonald.

Weitere Nominierungen:

John Picacio | Bob Eggleton | Phil Foglio | John Harris | Shaun Tan

Semiprozine

LOCUS (Charles N. Brown, Kirsten Gong-Wong, Liza Groen Trombi)

Dies war zwar nicht der letzte Hugo für LOCUS, wohl aber für Charles N. Brown, denn der Gründer und Herausgeber starb im Juli 2009.

2007 erschienen zwölf Ausgaben mit einem Umfang von 72 bis 88 Seiten. Interviewt wurden Naomi Novik, Allen Steele, John Barnes, Tim Powers, Ellen Klages, Kim Stanley Robinson, Mary Rosenblum, Joe R. Lansdale, Nalo Hopkinson, Holly Phillips, Peter S. Beagle, Paolo Bacigalupi, John Scalzi, Guy Gavriel Kay, Kathleen Ann Goonan, Bruce Sterling, Walter Jon Williams, William Gibson, Kelly Link, Elizabeth Hand und Nnedi Okorafor. Neben den aktuellen Convention- und Marktberichten aus den USA gab es Informationen über SF in England, China und den asiatischen Raum. Umfangreichere Nachrufe würdigten Kurt Vonnegut, Fred Saberhagen, Roger Elwood und Robert Jordan. Die zahlreichen Buchrezensionen wurden von Gary K. Wolfe, Faren Miller, Russell Letson, Rich Horton, Nick Gevers, Karen Haber, Graham Sleight, Mark R. Kelly und Carolyn Cushman verfasst.

Weitere Nominierungen:

INTERZONE (Andy Cox)
THE NEW YORK REVIEW OF SCIENCE FICTION (Kathryn Cramer, Kristine Dikeman, David G. Hartwell, Kevin J. Maroney)
ANSIBLE (David Langford)
HELIX (William Sanders & Lawrence Watt-Evans)

Fanzine

FILE 770 (Mike Glyer)

Mike Glyer ging mit der Zeit, auch wenn sein Fanzine bereits seit 1979 ununterbrochen erschien und so zu den Dinosauriern in der Fanzineszene gehörte. Im September 2004 ging sein Blog unter der Adresse file770.com online und erscheint so bis heute, seit einigen Jahren sogar mit mehr als fünfzig Posts pro Monat. FILE 770 erhielt 2008 bereits den sechsten Hugo als bestes Fanzine.

2007 erschienen drei gedruckte Ausgaben mit einem Umfang von 32 bis 42 Seiten. Die Ausgaben seit Dezember 2006 sind auch als PDF auf Glyers Homepage verfügbar.

Weitere Nominierungen:

PLOKTA (Alison Scott, Steve Davies, Mike Scott)
CHALLENGER (Guy Lillian III)
ARGENTUS (Steven H Silver)
DRINK TANK (Chris Garcia)

Fan Writer

John Scalzi

Scalzi hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Handvoll sehr erfolgreicher Romane veröffentlicht und 2006 den Campbell Award als bester neuer Autor erhalten. Den Hugo als ›Best Fan Writer‹ bekam er jedoch für die Texte auf seinem Blog WHATEVER, das auch heute noch unter whatever.scalzi.com zu finden ist und weiter gepflegt wird. Am 13. September 1998 schrieb er den ersten Eintrag, der von einem Dutzend Leuten gelesen wurde. Heute ist die Leserzahl seines Blogs fünfstellig.

2008 erschien übrigens auch sein Buch Your Hate Mail Will Be Graded: A Decade of Whatever, 1998–2008 (bei Subterranean Press), für das er 2009 mit dem Hugo ausgezeichnet wurde (siehe dort).

Weitere Nominierungen:

David Langford | Cheryl Morgan | Steven H Silver | Chris Garcia

Fan Artist

Brad Foster

Zwar war Foster in den letzten Jahren immer wieder nominiert, doch seinen fünften Hugo (siehe 1987, 1988, 1992 und 1994) erhielt er erst wieder nach vierzehn Jahren Pause. Er hatte in den vorangegangenen Jahren neben Illustrationen auch jede Menge Cartoons gezeichnet, die in Fanzines wie BANANA WINGS erschienen. Ab 2008 produzierte er regelmäßig Illustrationen und Cartoons für Dave Langfords ANSIBLE. Für die Online-Version fertigte er farbige Bilder an, für die Druckausgabe jeweils eine schwarz-weiße Version.

Weitere Nominierungen:

Sue Mason | Steve Stiles | Teddy Harvia | Taral Wayne

John W. Campbell Award

Mary Robinette Kowal

Die US-Amerikanerin Mary Robinette Kowal (*1969) arbeitet als professionelle Puppenspielerin unter anderem für Jim Henson Productions. Sie debütierte mit der Erzählung »Just Right« (2005) und veröffentlichte bis Ende 2007 rund ein Dutzend Erzählungen in STRANGE HORIZONS, APEX, ALL POSSIBLE WORLDS und mehreren Anthologien.

Acht ihrer frühen Erzählungen wurden in Scenting the Dark and Other Stories (2009 bei Subterranean Press) gesammelt. Seither wurde sie siebenmal für den Hugo nominiert und hat ihn dreimal gewonnen: für »For Want of a Nail« (Short Story; September 2010 in ASIMOV’S), WRITING EXCUSES, SEASON SEVEN (Related Work; zusammen mit Brandon Sanderson, Dan Wells, Howard Tayler und Jordan Sanderson) und »The Lady Astronaut of Mars« (Novelette; September 2013 bei TOR.COM, dt. »Die Marsianerin« bei TOR-ONLINE.DE).

Seit 2010 schreibt sie die an Jane Austen angelehnte Romanserie GLAMOURIST HISTORIES, von der bis 2015 fünf Bände erschienen sind, beginnend mit Shades of Milk and Honey (2010 bei Tor).

Kowal war von 2008 bis 2010 Schriftführerin und anschließend bis Juni 2012 Vizepräsidentin der Science Fiction Writers of America.

Weitere Nominierungen:

Scott Lynch | David Louis Edelman | Joe Abercrombie | Jon Armstrong | David Anthony Durham

 

© 2018 by Hardy Kettlitz

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 2001-2017” (erschienen 2018 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

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