Home-Office und Utopie.

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ESSAY

Home-Office und Utopie. Was bedeutet die Corona-Epidemie für unser Zusammenleben?


Unser Leben ist aus den Fugen geraten, und niemand weiß, welche langfristigen Folgen die Pandemie für unser Zusammenleben haben wird. Führt die Corona-Pandemie nach Utopia oder Dystopia? Ein Text zur Krise von Judith C. Vogt.

Na? Habt ihr schon den Roman geschrieben, für den euch früher parallel zum „Brotjob“ schlicht die Zeit fehlte? Habt ihr mit Igor Levit Klavier gelernt? Alle Ghibli-Filme auf Netflix geschaut und ein bisschen gemütliches #FlauschTheCurve mit lustigen Videos auf TicToc und niedlichen Tieren bei „Animal Crossing“ betrieben?

Wenn ja: Bitte weitermachen, ihr macht das super.  Es ist toll, dass es euch gut geht.

Wenn nein: Warum nicht?

  1. Vielleicht, weil ihr in einem systemrelevanten Job arbeitet, tagtäglich da raus geht, das Risiko einer Infektion auf euch nehmt und den Laden am Laufen haltet? Auch dann: Ihr macht das super, und ich und viele andere sind euch nicht nur sehr dankbar, sondern stinksauer – meist schon seit Jahren – dass ihr so schlecht bezahlt und eure Jobs permanent abgewertet werden. Ein Applaus im Bundestag und ein paar nette Worte in diesem TOR-Online-Text sind nicht genug.
  2. Ihr seid im „Lockdown“, habt Home Office, seid in Kurzarbeit, beurlaubt, bangt um euren Job oder habt ihn vielleicht bereits verloren? Ihr seid zu Hause, allein, mit Partner*in(nen), in einer WG oder mit eurer Familie? Es ist nicht einfach, an einem Ort zu bleiben und einer unsicheren Zukunft entgegenzusehen, und doch ist das euer neuer Normalzustand. Er ist nicht normal, auch wenn wir mit netten Gesten, einem halbwegs geregelten Tagesablauf und „Animal Crossing“ versuchen, nicht zu verzweifeln, auszurasten oder zusammenzubrechen. Ihr habt kein Klavier gelernt, keinen Roman geschrieben. Ihr wart beschäftigt mit Existenzangst – und das ist okay und verständlich, und ich hoffe, ihr guckt ab und zu in den Spiegel und sagt euch selbst: Ihr macht das super.

Plötzlich irrelevant

Und vielleicht trifft euch auch gerade ein Anfall von subjektiv empfundener „Irrelevanz“. So viel von dem, was vor drei Wochen noch wichtig schien, ist es plötzlich nicht mehr. Schulunterricht, Studium, physische Nähe in der erweiterten Familie und unter Freund*innen, Aktivismus und die Wirklichkeit der Arbeitswelt – auf einmal ist das alles angehalten, eingefroren. Auch ein Grund, warum die inneren Musen oft am Boden liegen.

Und ich sag das nicht einfach so in einem Anflug von Küchenpsychologie. Ganz ehrlich, wen interessiert der Fantasy-Roman, an dem ich gerade sitze? Ich kann mich kaum dazu bringen, mich selbst dafür zu interessieren. Und nicht nur Kreativität fällt mir gerade schwer: Auch andere Themen, mit denen ich mich sonst beschäftige, in denen ich mich fortbilde oder zu denen ich diskutiere und podcaste, sind mir unzugänglicher als vorher, dabei gibt es gerade dafür eigentlich keinen Grund! Außer, dass das neue Normal eben kein Normalzustand ist.

Wir konzentrieren uns gerade auf männliche Leitfiguren in den Medien und in der Aufklärung rund um Covid-19. Gerne wird gerade gesagt, dass „Quote“ jetzt kein Thema sein dürfe – oder sogar von der erzkonservativen „Werte-Union“, dass die Knappheit an Masken nur daran läge, dass wir uns alle zu sehr mit Gender Studies befasst hätten. Cool, cool. Endlich kann alles für irrelevant erklärt werden, für nicht systemrelevant, es geht schließlich ums Überleben (und unser Bruttosozialprodukt).

Dabei sind sicherlich nicht Gender-Studies-Professor*innen und -Studierende daran schuld, dass Krankenhäuser privatisiert und heruntergewirtschaftet wurden, und wenn ich mich recht entsinne, weisen Feminist*innen schon seit Jahrzehnten darauf hin, dass die nun plötzlich systemrelevant genannten Berufe abgewertet und besonders die professionelle Care-Arbeit in Form von Kranken-, Alten- und Kinderpflege, unterirdisch bezahlt werden.

Was bleibt, ist das Gefühl, selbst im Moment wenig „Relevantes“ beitragen zu können. Es macht die Tage voll und leer gleichzeitig. Alles ist außerordentlich, und doch völlig normal.

Der Ausnahmezustand als Normalzustand

Denn wir befinden uns psychologisch in einem Zustand, der dem von Menschen in Kriegsgebieten ähnelt. Menschen, die in Nationen lebten und leben, die sich im Krieg befinden, sind ja nicht unter Dauerbeschuss. Das Wissen, dass gerade Ausnahmezustand herrscht, ist auch im Hinterkopf, wenn keine Bomben fallen und sich die Front hunderte Kilometer entfernt oder gar auf einem anderen Kontinent befindet. Claus Vögele (Professor für Klinische Psychologie) formuliert das so: „In der Tat hat die derzeitige Covid-19-Pandemie viel mehr Ähnlichkeit mit einem Weltkrieg als mit einem singulären Ereignis wie z.B. einer Naturkatastrophe oder einem Terroranschlag – denn erstens ist die Pandemie nicht auf einen Zeitpunkt begrenzt, sondern erstreckt sich auf die vorhersehbare Zukunft und zweitens ist sie räumlich nicht begrenzt, sondern betrifft den gesamten Globus.“

Trotzdem gibt es natürlich maßgebliche Unterschiede, und die Analogie zum Kriegszustand hinkt und dient auch wieder einem männlich geprägten, martialischen Narrativ: Es gibt keine physischen Schäden an Häusern und Infrastruktur, keinen „Feind“, keinen Patriotismus – und das ist verdammt gut und gänzlich anders als in allen wie auch immer gearteten Kriegen, an die uns Vergleiche gemahnen wollen. Und noch etwas: Auch die Soldat*innen in diesem Krieg sind andere Menschen, als wir und unsere liebsten Dystopien und Near-Future-Apokalypsen es uns ausgemalt haben. Es sind Ärzt*innen und Pflegepersonal, Epidemiolog*innen, Virolog*innen – und doch wird in gerade wie beim Wehrdienst über ihre Grundrechte und die Beschneidung derselben diskutiert statt darüber, ob ihr Gehalt in Relation zu ihrer Arbeit steht. Bei allen Schwierigkeiten, vor die uns die aktuelle Situation stellt, hat es etwas Tröstliches, dass nicht Härte und Waffengewalt den Ausschlag geben, sondern das Bedürfnis und die Notwendigkeit zu heilen. Und deshalb ist der Vergleich zu Kriegen nicht der beste, der uns gerade einfallen dürfte. (Laurie Penny sagt dazu: „This Is Not the Apocalypse You Were Looking For“.)

Diese Krise ist anders, als Near-Future-Romane, Dystopien und andere Science-Fiction über den politischen Zusammenbruch oder Virusapokalypsen ausgemalt haben. Um eine Zukunft zu entwerfen, die sich maßgeblich von unserer Gegenwart unterscheidet, haben SF-Autor*innen oft auf den „Kniff“ zurückgegriffen, den Kapitalismus zusammen mit der Zivilisation gewaltsam in einem kataklystischen Ereignis untergehen zu lassen. Aus der Asche erhebt sich dann nicht immer eine bessere Welt, aber immer eine andere.

Aber unser Gesellschaftssystem basiert nach wie vor auf Geld und Gütern, Arbeits- und Kaufkraft und Globalisierung, und all das war und ist ausschlaggebend für den Verlauf dieser Krise. Die klaffende Schere zwischen Besitzenden und den Besitzlosen ist mittlerweile so dystopisch, dass man Marx’ Grabrotation längst als erneuerbare Energiequelle nutzen könnte. Und wie in Science-Fiction-Romanen bietet uns jetzt diese Pandemie tatsächlich eine Chance: die Chance, unser System zu überdenken, den Wert von Arbeit, den Wert von Menschenleben vs. wirtschaftlichen Erträgen – letztlich den Wert von denen, die wenig besitzen vs. den der wenigen, die fast alles besitzen.

Wie verändert man ein System?

Wie können wir diese Krise als Chance begreifen? Das Meme, dass wir die „humans of late capitalism“ sind, ist real. Aber was machen wir daraus? In den USA ist die Arbeitslosigkeit in dystopische Höhen geschnellt, innerhalb kürzester Zeit, ohne dass es so aussieht, als würde Bernie Sanders von einer wütenden sozialismushungrigen Meute zum Präsidenten gewählt. Von einer kommunistischen Massenbewegung fehlt jede Spur.

Aber lasst uns uns nicht zu früh freuen, dass wir uns auf der „sozialdemokratischen“ Seite des Atlantiks befinden: Die Krise wird an Europa nicht vorübergehen. Politiker*innen und vor allen Dingen Unternehmen wird nichts daran liegen, die Krise zur Reform eines bröckelnden Systems zu nutzen. Schon jetzt werden Spargelpflücker*innen eingeflogen, während die Geflüchteten in Moria auf viel zu engem Raum in schrecklichsten Bedingungen und berechtigter Todesangst vor der Pandemie leben müssen.  Wird der Leidensdruck – in den USA, aber auch hier – irgendwann groß genug sein, um neuen sozialen Bewegungen die notwendigen Impulse zu geben?

Der Endboss wartet noch

Denn wir haben das Spiel unserer Generation ja noch nicht zu Ende gezockt. Der Endgegner liegt noch vor uns: Die Klimakrise wird krasser, bedrohlicher, umwälzender als die Corona-Pandemie. Vielleicht sind wir nun aber auch besser gerüstet als je zuvor: Dass wir Maßnahmen ergreifen können, globale, schnelle Maßnahmen, dass sich Verkehr reduzieren lässt und Arbeits- und Lebensrealitäten verändern lassen, haben wir jetzt gezeigt. Ob wir es langfristig schaffen, nicht die Schwächsten, die Alten, die Nicht-Krankenversicherten, die Vorerkrankten zu opfern, wird sich noch zeigen müssen. Ebenso wie entschlossen wir nicht nur die Mehrheit unserer Gesellschaft beschützen, sondern auch alle am Rand, auch unsere Verletzlichkeiten, unsere vermeintlichen Schwächen, unsere Hoffnungen, unsere Gemeinschaft.

Ob wir die letzten Reste unserer alten Dystopie sind, ob die alte auch die neue sein wird, oder ob Veränderungen von unten möglich sind und wir damit die Bewohner*innen eines neuen morgigen Tags – das alles wird sich zeigen.

Wir brauchen Kraft dafür, die im Moment nicht einfach zu finden ist. Diese Krise ist wie alles politisch, und sie fördert das Beste und das Schrecklichste in uns zutage. Lasst uns nachsichtig mit uns selbst sein, sozial und geduldig mit allen, die wir brauchen und die uns brauchen. Und ungeduldig mit allen Veränderungen, die so dringend kommen müssen.

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