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ESSAY

Heldenreise? Teamwork!


Lena Richter & Judith Vogt
02.02.2020

Die Heldenreise als Erfolgsformel für Geschichten braucht vor allem eins – einen Helden! Oder vielleicht, wenn wir ganz modern sein wollen, eine Heldin. Aber muss es eigentlich immer eine einzelne Person sein, auf der der Fokus der Erzählung liegt? Und was sagt uns diese Vorstellung über unsere Art, Geschichten zu erzählen? 

Die Heldenreise ist das Erfolgskonzept schlechthin. Nachdem Joseph Campbell 1949 den Heros in 1000 Gestalten dechiffrierte, ist das Konzept einer guten Heldengeschichte, das seit dem Gilgamesch-Epos in unserer erzählerischen DNS liegt, auch theoretisch erfasst und kann als Formel auf alles, was wir spannend finden, angewandt werden.

Grob skizziert gibt es bei der Heldenreise ein eingängiges Personal – den Helden, den Mentor, den Schurken, den Boten usw. – und einen klaren Ablauf – den Ruf zum Abenteuer, die Weigerung des Helden, den Abstieg in die Unterwelt usw. Wie gut das funktioniert, sieht man an den allermeisten Blockbustern. George Lucas baute Krieg der Sterne sogar ganz explizit auf Campbells Stationen der Heldenreise auf. Und es funktioniert so gut, weil es psychische Mechanismen bei uns anspricht: Wer von uns durchlebt nicht ab und an (weit weniger spektakuläre) Heldenreisen? Der alte Job macht unglücklich, wir müssten uns neu bewerben, aber erst einmal weigern wir uns. Es ist Mühe, es ist unsicher, der Leidensdruck ist ja doch nicht so groß. Damit wir doch dem Ruf des Abenteuers folgen, versuchen, unseren Alltag besser zu machen, dem neuen Job hinterherzujagen, die Kinderzimmer aufzuräumen, brauchen wir Geschichten, in denen Held*innen Schlimmeres durchlebt haben. Diese Geschichten geben uns gleichzeitig Ablenkung vom Alltag wie auch den Mut, Alltägliches anzugehen.

Und trotzdem ist die Heldenreise unzeitgemäß

Ja, ihr habt richtig gelesen. Die Zeit der Helden ist vorbei. Ist es die Zeit der Heldinnen, die angebrochen ist? Sind Greta Thunberg und AOC, Alexandria Ocasio-Cortez, unsere neuen Luke Skywalkers?

Ihr kennt vielleicht den TED-Talk von Chimamanda Ngozi Adichie: „The Danger of A Single Story“. Es ist nicht nur einsam, an der Spitze einer Held*innenreise zu stehen – es ist auch gefährlich, immer wieder Einzelgeschichten zu erzählen und große Zusammenhänge auf einzelne Personen zu reduzieren. Wir haben das menschliche Bedürfnis nach Heilsfiguren, Held*innen, zu denen wir aufschauen können – aber eine Bewegung auf die Person an der Spitze zu reduzieren, birgt auch Risiken. Denn wenn Greta Thunberg morgen keine Lust mehr hat und freitags wieder zur Schule geht oder wenn sie etwas zutiefst moralisch Verwerfliches tut, wenden wir uns dann von der Idee des Klimastreiks ab, gar von dem Wunsch, die Klimakatastrophe zu verhindern? Ad-hominem-Angriffe auf Thunberg beabsichtigen genau das: Gegner*innen machen sie klein, möchten sie ins Lächerliche ziehen oder beschuldigen sie, keinen globalen Masterplan zu haben – im Versuch, die Bewegung als Ganzes der Lächerlichkeit preiszugeben.

Auch in der deutschen Parteipolitik erleben wir immer wieder die Suche nach einer Galionsfigur, die an der Spitze der Partei, der Bündnisse oder des Landes stehen soll. „Die haben eben keine*n, um die Leute zu begeistern“, ist ein oft vorgebrachtes Argument. Die Suche nach der charismatischen, mitreißenden Persönlichkeit, die das Ruder wieder herumreißen soll, wenn der Erfolg ausbleibt, ist allgegenwärtig.

Doch auch, wenn eine einzelne Person der Perfektion nahekommt und dazu noch dem Druck standhält und die Kraft für jahrelange Arbeit hat: Sie ist eben nur eine Person und kann nur ihre eigenen Erfahrungen, Perspektiven und Ideen einbringen. Außerdem sehen wir immer wieder, wie die Auswahl einer Identifikationsfigur von der Voreingenommenheit von Medien und unserer eigenen Sozialisation in einer immer noch kolonialistisch und strukturell rassistischen Gesellschaft geprägt ist. Um beim Beispiel Greta Thunberg zu bleiben: Habt ihr schon von Helena Gualinga, Bruno Rodriguez oder Autumn Peltier gehört? Das sind andere junge Klima-Aktivist*innen, die aber weit weniger bekannt sind. Und nein, es ist kein Zufall, dass es sich bei ihnen um People of Color handelt und Thunberg als weiße Frau wesentlich mehr Gehör und Aufmerksamkeit erhält.

Wir identifizieren uns als Menschen natürlich viel eher mit anderen Menschen als mit abstrakten Bewegungen. Das Gesicht von Greta Thunberg erfüllt uns mit weit mehr Emotionen, als es das Logo, die Flagge oder das Emblem einer Bewegung je könnte. Wie können wir uns also mit einer Bewegung verbinden?

Gebt uns nicht eine*n Held*in! Gebt uns viele!

Eine der wichtigsten Botschaften, die wir der einsamen, auserwählten Held*innenfigur entgegensetzen können, ist die Idee eines Teams, das zusammenarbeitet und sich gegenseitig bereichert und unterstützt. 

In der Literaturszene scheint sich dieser Gedanke langsam auszubreiten. So wurde vor Kurzem der nach James Tiptree, Jr. benannte Science-Fiction- und Fantasy-Award umbenannt, der Werken verliehen wird, die sich besonders Geschlechterrollen und einer neuen Perspektive darauf widmen: Er heißt nun Otherwise-Award. Unser erster Gedanke dazu war: Der einzige SFF-Award, der nach einer Frau benannt wurde, wird umbenannt – na toll! Aber die Intention dahinter ist genau die, dass das Verklären Einzelner zu Held*innen auch rasch die falsche Botschaft senden kann. Tiptree Jr, alias Alice Sheldon erschoss 1987 erst ihren nach langer Krankheit blinden und bettlägerigen Mann und dann sich selbst. 

Zur Namensänderung positionieren sich die Organisator*innen wie folgt: „Wir wertschätzen die Autor*innen, Leser*innen, Künstler*innen und Fans mit Behinderung, die diesen Preis unterstützen. Viele von ihnen – viele von euch – haben uns gesagt, dass der bisherige Name des Awards negative, schmerzhafte, ausschließende Assoziationen weckt. Deshalb ändern wir ihn.“ Ein guter Schritt weg von der Verehrung Einzelner – die auch anders im Gedächtnis bleiben und geschätzt werden – und ein Bekenntnis eher zur Bewegung selbst als zu den Funktionen einzelner Personen.

Auch der britische Turner Prize, eine Auszeichnung für bildende Kunst, wurde dieses Jahr erstmalig an alle vier Nominierten der Endrunde vergeben, nachdem diese sich an die Jury gewandt hatten. Lawrence Abu Hamdan, Helen Cammock, Oscar Murillo und Tai Shani formulierten folgendes Statement: „In dieser Zeit der politischen Krisen in Großbritannien und der ganzen Welt gibt es schon so viel, das uns trennt und Personen und Gemeinschaften isoliert, dass wir uns dazu berufen fühlen, die Preisverleihung als Gelegenheit für ein gemeinsames Statement zu nutzen, im Namen von Gemeinsamkeit, Vielfältigkeit und Solidarität – in der Kunst wie auch in der Gesellschaft.“ Die Jury folgte dem Vorschlag der Nominierten und verlieh den Preis an sie als Kollektiv.

Teams in den Medien 

Ein gut aufgestelltes Team bietet aber nicht nur in der echten Welt, sondern auch in Erzählungen verschiedenste Vorteile. Zum einen sorgt ein Team aus Protagonist*innen automatisch dafür, dass verschiedene Figuren in gleichem Maße im Mittelpunkt stehen – das macht es leichter, diverse und vielschichtige Charaktere zu erschaffen. Wenn nicht eine, sondern gleich vier oder fünf Hauptfiguren zur Verfügung stehen, um Identifikationspotenzial zu bieten, ist es gar nicht schlimm, wenn verschiedene Konsument*innen Zu- und Abneigung unterschiedlich empfinden, denn es ist ja nicht nur eine Person da, die interessant genug sein muss, um die Geschichte zu tragen. Außerdem bietet ein Team bereits in sich Möglichkeiten für Konflikte, Dynamik und Charakterentwicklung. 

In manchen Genres ist der Team-Gedanke schon lange verbreitet. So haben beispielsweise Superheld*innen-Comics und deren Verfilmungen zwar oft auch ikonische Titelfiguren, die sich aber regelmäßig zusammenschließen müssen, um eine Bedrohung abzuwehren. Ob Avengers, Justice League oder Legends of Tomorrow – am stärksten sind Held*innen gemeinsam. Auch viele Krimiserien sind um ein Team von Ermittler*innen aufgebaut, die gemeinsam Fälle lösen und deren Stärken und Schwächen immer wieder thematisiert werden. Viele klassische Science-Fiction-Serien haben ebenfalls eine Gruppe von Protagonist*innen, die oft einfach aus der Brückencrew eines größeren Schiffs (siehe Star Trek) oder einfach der gesamten Besatzung eines Raumschiffs (siehe Firefly) besteht. Und auch Formate, die sich lange Zeit eher um eine einzelne Hauptfigur drehten, beginnen davon abzuweichen: So gibt es seit der letzten Staffel der britischen Serie Doctor Who nicht mehr die titelgebende Hauptfigur mit einer einzelnen Begleiterin, sondern das Team Tardis, bestehend aus insgesamt vier Personen.

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Buchtipps mit starken Ensembles

Wie euch vielleicht aufgefallen ist, schreiben wir diesen Artikel zu zweit. Ein Teamwork-Artikel von einer einzelnen Autorin kam uns nicht richtig vor. Wir beide hosten im Teamwork den Genderswapped-Podcast, der sich mit dem Team-Hobby schlechthin beschäftigt: Fußball? Nein! Pen&Paper-Rollenspiel! In den allermeisten Rollenspielen steht nicht die Heldenreise einer einzelnen Person im Fokus, sondern die Geschichte einer ganzen Gruppe. Oft drehen sich auch Romane aus Rollenspielwelten um Ensembles, die gemeinsam Potenzial für große Taten, aber auch großes Drama bieten, so zum Beispiel die Klassiker der Drachenlanze von Margaret Weis und Tracy Hickman. Auch viele Romane zu Das Schwarze Auge, wie Dorothea Bergermanns Trilogie „Nachtrichter / Tagrichter / Scharfrichter“ und André Wieslers „Rose der Unsterblichkeit“, spielen mit dem Motiv des ungleichen Teams. 

Ähnlichkeiten zum bereits genannten Firefly hat die Serie Tales of the Ketty Jay von Chris Wooding (auf Deutsch sind „Piratenmond“ und „Schwarze Jagd“ erschienen). Eine auch in ihren Motiven äußerst heterogene, steampunkige Freibeutercrew bringt sich von einer Schwierigkeit in die nächste, nicht zuletzt, weil eine davon, eine Katze mit Mordgedanken, stets nach dem Leben des zweiten Begleitfliegers trachtet! 

Ebenfalls um Schlitzohren und Halunken dreht es sich bei Leigh Bardugos „Das Lied der Krähen“ und „Das Gold der Krähen“. Die sechs Erzählperspektiven rund um das kriminelle Mastermind Kaz Brekker können nicht verhehlen, dass in jeder*m Einzelnen von ihnen ein Herz aus Gold schlägt, das für Freundschaft, Zusammenhalt, Liebe und die Sicherheit ihrer Heimatstadt Ketterdam weit mehr riskiert als zu lügen und zu stehlen.

James Sullivans „Nuramon“ richtet zwar den Blick auf eine der drei Hauptfiguren aus „Die Elfen“, erweitert ihn jedoch gleichzeitig auch um eine ganze Menge Perspektiven und menschliche Freund*innen und Familie, mit denen das letzte Albenkind sich fernab seiner Heimat behauptet. Daraus entsteht eine Elfen-Menschen-Familiensaga, die mehrere Jahrzehnte umspannt und immer wieder Konflikte und gesellschaftliche Veränderungen aus verschiedenen Blickwinkeln aufgreift.

Nachdem wir weiter oben schon Star Wars als Inbegriff der Heldenreise erwähnt haben: Auch aus diesem Universum gibt es inzwischen gleich mehrere Romane, die auf ein starkes Team setzen. Beispielsweise sei hier die „Aftermath“/„Nachspiel“-Trilogie von Chuck Wendig genannt, in der sich eine Gruppe sehr unterschiedlicher, toll gezeichneter Figuren durch die letzten Tage des Imperiums schlägt. Aber auch „Alphabet Squadron“ und „Inferno Squad“ sind, wie die Titel schon ahnen lassen, auf die Abenteuer eines Teams fokussiert.

Im Roman „Hexagon – der Pakt der Sechs“ vermischt Henning Mützlitz die Musketier-Ära mit Dämonen und Paktierern, die in Frankreich ihr Unwesen treiben. Auch hier ist es nicht eine einzelne Person, die sich den finsteren Mächten entgegenstellt, sondern nur die Zusammenarbeit mehrerer Figuren kann Staat und König vielleicht doch noch retten. Dabei fallen die Protagonist*innen diverser aus, als das Setting vielleicht ahnen lässt, und die Gemeinschaft muss sich immer wieder zusammenraufen, Vorbehalte überwinden und einander vertrauen.

Change is a team effort – Veränderungen erreichen wir gemeinsam, und Geschichten brauchen nicht immer eine einzelne Held*innenfigur, um uns zu begeistern und zu inspirieren. Wenn ihr also, ganz im Sinne des Teamgedankens, noch weitere Bücher kennt, die ein großartiges Ensemble haben, schreibt sie uns doch in die Kommentare!

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