INTERVIEW

„Mia nimmt sich, was sie will“ – Ein Interview mit Jay Kristoff


„Nevernight – Die Rache“ von Jay Kristoff ist der letzte Teil der Geschichte um die junge Assassine Mia, die alles daransetzt, den Tod ihrer Eltern zu rächen – und sich dadurch mächtige Feinde macht. Am Ende des zweiten Bands ist Mia auf der Flucht, verfolgt von ihren einstigen Verbündeten, den Assassinen der Roten Kirche, dem mächtigen Konsul Scaeva und nicht zuletzt der Götterwelt, aber sie gibt nicht auf. Ein Interview mit Jay Kristoff von „Nevernight“-Übersetzerin Kirsten Borchardt

Das Werk ist vollbracht, die Bücher sind geschrieben und Mias Geschichte ist erzählt. Welche Figur vermisst du persönlich am meisten?

Kristoff: Mia. Sie ist Herz und Seele dieser Bücher, und es steckt viel von mir in ihr. Aber es ist ja nicht so, dass sie ganz verschwunden ist: Ich sonne mich noch immer sehr in der Liebe, die ihr entgegengebracht wird, in Fanart, Tattoos, Cosplay und so weiter. Wenn man sieht, wieviel sie bewegt und ausgelöst hat, ist das schon ein ziemlich tolles Gefühl.

Was war die Inspiration zu einer Welt, in der es kein Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht gibt, und die sich in ihrem Aufbau an das Römische Reich und die Republik Venedig orientiert?

Kristoff: Die Kulisse entsprang meiner Begeisterung für alles, was mit dem alten Rom zusammenhängt. Ich bin der totale Nerd, was diese geschichtliche Epoche angeht. Es gibt nur wenige Gebiete, in denen ich mich wirklich richtig gut auskenne, aber die Dynastie der Julier gehört dazu.

Das Ungleichgewicht zwischen Tag und Nacht war bedingt durch das Bedürfnis, Mias Kräfte einzuschränken: Dass ein Mädchen die Macht über die Schatten haben sollte, aber dann in einer Welt lebte, in der es kaum Dunkelheit gab, schien mir eine interessante Spannung für meine Hauptfigur zu erschaffen. Dass dieser Thematik eine größere Rolle in der Rahmenhandlung zukam, entwickelte sich erst später.

Könntest du dir vorstellen, noch einmal nach Itreya und Ashkah zurückzukehren und eine andere Geschichte in diesem Setting zu erzählen?

Kristoff: Man soll ja niemals nie sagen. Aber im Augenblick ist in dieser Hinsicht nichts in Planung. Ich schreibe gerade an einer neuen Serie, die in einer anderen Welt spielt, und beschäftige mich gerade ganz intensiv mit Vampiren.

Die Bände im Überblick

Jay Kristoff - Nevernight: Die Prüfung
Jay Kristoff: Nevernight - Das Spiel
Jay Kristoff - Nevernight - Die Rache

Das Ende der Geschichte wird bereits auf der ersten Seite des ersten Buches verraten: Von Anfang an wissen wir, dass Mia sterben wird. Hast du je bereut, das so früh festgelegt zu haben – bedeutete es für dich eine Beschränkung deiner Möglichkeiten?

Kristoff: Ganz und gar nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie Mia sterben würde: Ich bin nicht in der Lage, eine ganze Trilogie durchzuplanen, bevor ich mit dem ersten Buch anfange, dazu reicht mein Grips einfach nicht. Ich wusste nur, dass sie stirbt. Von daher blieb mir immer noch enorm viel Freiheit. Mir gefiel das Gefühl des drohenden Verhängnisses, dass sich durch diese Verkündung einstellte. Die Leser sollten sich in diese Hauptfigur verlieben und gleichzeitig wissen, dass sie nicht lange unter uns sein würde.

Wie stark hat sich die Geschichte während des Schreibens noch verändert?

Kristoff: Sehr. Wie ich schon sagte, ich bin nicht schlau genug, ganze Trilogien zu planen, sondern schreibe sehr „nach Gefühl“. Schon beim ersten Buch hatte ich am Ende große Mengen Text übrig, die nie verwendet wurden. Es gab beispielsweise einen Handlungsstrang mit einer alten Flamme, die Mia noch aus ihrer Kindheit in Gottesgrab kannte, und die zu einer Rivalin um Trics Aufmerksamkeit werden sollte. Und sehr lange war der Erzähler eigentlich jemand ganz anderes als der, der sich am Ende offenbart.

Nevernight hat unglaublich viel Fanart inspiriert. Am aufwändigsten ist vielleicht die Web-Serie, in der die australische Schauspielerin Piera Forde einzelne Szenen auf Film gebannt hat. Warst du daran beteiligt? Und was war es für ein Gefühl, deine Figuren in Fleisch und Blut zu sehen?

Kristoff: Ich hatte nicht direkt damit zu tun, nein. Piera hat gelegentlich mit mir über ihre Ideen gesprochen, aber ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass ich mich einmische. Die Serie ist ihr Baby, und ich bin sehr stolz auf sie und ihr Team – sie habe großartige Arbeit geleistet.

NEVERNIGHT | Episode 1 | Firsts

Die Tatsache, dass Mia sich in die Mörderin ihrer ersten großen Liebe verliebt, ist ein deutlicher Bruch mit einer der heiligen Konventionen der fantastischen Literatur, in der der Mord eines Geliebten in der Regel als unverzeihliches Verbrechen gilt. Bist du dir beim Schreiben solcher ungeschriebenen Regeln bewusst?

Kristoff: Ich setze mich gern über Konventionen hinweg. Und Mia ist eine sehr unkonventionelle Protagonistin. Das ist meiner Meinung nach auch einer der Gründe für ihre Anziehungskraft, dass sie stets das Unerwartete tut. Sie nimmt sich, was sie will, und sie schert sich nicht darum, was andere von ihr denken. Nicht mal ihre Leser.

Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann ist es wahrscheinlich genau das, weshalb die Leser sie so lieben.

Nach der Assassinenschule in Nevernight – Die Prüfung und der Gladiatorenstaffel in Nevernight – Das Spiel verlagert sich die Handlung nun auf das Meer und in die Welt der Piraten. Was fasziniert dich an der See und Schiffen und draufgängerischen Kapitänen?

Kristoff: Ich bin am Meer aufgewachsen, und es ist eine meiner frühesten Erinnerungen, mit meinem Dad draußen auf dem Wasser zu sein. Aber bei den Piraten in Nevernight – Die Rache geht es vor allem um eine Auslotung von Anarchie und Monarchie innerhalb der Itreyanischen Republik – um ein stark reglementiertes politisches System, das Mia nur ganz wenig Spielraum lässt. Es ist ein cooler und chaotischer Rahmen, den sie erforscht, während sie gerade ihre ganze Macht und auch sich selbst entdeckt.

In Die Rache sind die Götter und Göttinnen nicht mehr nur mythische Objekte der Verehrung, sondern greifen aktiv in das Geschehen ein, ganz ähnlich wie in den klassischen römischen und griechischen Sagen. Interessant fand ich, dass zwar klar zu sein scheint, dass Aa und seine Töchter über die meiste Macht verfügen, aber dass es trotzdem Menschen gibt, die an Niah glauben, die Göttin der Nacht, die sich seit Jahrhunderten als unterlegen erwiesen hat. Was steckt dahinter?

Kristoff: Die Ursprünge der Roten Kirche kommen in Die Rache ans Licht, deswegen kann ich hier nicht zu viel verraten, aber grundsätzlich ging es darum, dass die Rote Kirche geschichtlich weit genug zurückgeht, um sich noch an Niahs wahre Natur zu erinnern. Niah wurde schließlich erst als böse „Mutter der Dunkelheit“ porträtiert, nachdem die Priester des Aa an die Macht kamen. Aber sie ist tatsächlich viel mehr als das.

Leider wird die Geschichte aber immer von den Siegern geschrieben …

Du hast in letzter Zeit eine enorme Zahl von Büchern veröffentlicht, beinahe zwei in jedem Jahr. Woher nimmst du die Disziplin zum Schreiben? Und lässt dir die Arbeit Zeit für andere Dinge?

Kristoff: Ich sehe das Schreiben als Job. Leute, die einer normalen Arbeit nachgehen, können auch nicht nur dann arbeiten, wenn ihnen danach ist. Sie müssen jeden Tag ran, oder sie werden gefeuert. Und deswegen gehe ich auch an den Tagen, an denen mir nicht nach Schreiben ist, an meinen Schreibtisch.

Zwar sorge ich dafür, dass Zeit für Spaß und Hobbys bleibt, aber ich arbeite auch ziemlich hart. Dennoch schätze ich mich glücklich, denn auch, wenn ich es als Job betrachte, liebe ich diese Arbeit mehr als alles andere, was ich vorher gemacht habe. Ich kann die Welt bereisen. Ich habe die Möglichkeit, das Leben anderer Menschen zu berühren und es zu bereichern. Und ich will nicht, dass mir das je selbstverständlich erscheint. So lange die Menschen meine Bücher lesen wollen, werde ich auch welche schreiben.

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook