Wenn Sterne verlöschen: Ein Interview mit Bernd Perplies

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INTERVIEW

Wenn Sterne verlöschen: Ein Interview mit Bernd Perplies


All-Age-Fantasy, Steampunk, Dystopien, „Star Trek“-Romane. Phantastik-Autor Bernd Perplies ist in vielen Sparten des Genres zuhause. Sein neustes Werk „Am Abgrund der Unendlichkeit“ ist ein Science-Fiction-Roman über eine intergalaktische Katastrophe. Wir haben ihn zum Weltenuntergang befragt.

Was hat es mit dem titelgebenden Abgrund der Unendlichkeit auf sich? Ist der metaphorisch für die Weite und Leere des Alls zu verstehen oder steckt da etwas Konkretes hinter?

Halb-halb. Schauen wir in einer klaren Nacht von der Erde nach oben, dann sehen wir, obwohl da vor allem eine Menge Leere ist, einen Himmel voller Sterne. Es wirkt, als wäre das All trotz der Schwärze ein Ort des Lichts und des Lebens. Das Domenaion, jenes Sternenreich, in dem meine Geschichte angesiedelt ist, liegt dagegen ganz weit draußen, sozusagen am Rand des Universums. Wenn man hier in eine bestimmte Richtung blickt, schaut man tatsächlich in die absolute Schwärze. Dort glüht kein einziger Stern mehr. Es ist, als blicke man in einen lichtlosen Abgrund – tatsächlich nennen die dort ansässigen Spezies diese Leere auch „Abgrund“ – und niemand kann ergründen, wie tief er ist.

Klingt irgendwie beängstigend.

Absolut. Wo ein Ort absoluter Finsternis existiert, fragt man sich natürlich instinktiv, welche Monster dort unbemerkt lauern mögen. Dieser Umstand, dass das Domenaion am Rand der Leere liegt, hat die Völker dieser Raumregion entsprechend seit Jahrtausenden geprägt. Der Sternenbund wurde – neben ökonomischen Gründen – vor allem als Schutzbündnis gegründet. Aus dem gleichen Grund wurde vor Jahrhunderten der Orden der Luminatoren ins Leben gerufen, der im Kern ein Ritterorden des Lichts ist und die sehr hypothetische Aufgabe hat, gegen das Dunkel zu kämpfen, das aus dem Abgrund auftauchen könnte. In der Realität haben sich die Luminatoren im Laufe der Zeit zu einer Art überparteilicher Polizeieinheit entwickelt, die neben den planetaren Streitkräften existiert, ein bisschen wie die Sternenflotte bei „Star Trek“, nur ohne den Forschungszweig.

Ungeachtet all dieser Vorsichtsmaßnahmen: Haben die Völker des Domenaions wirklich damit gerechnet, dass etwas aus der Leere auftauchen und ganze Sternensysteme verschwinden lassen könnte? Wie reagieren die Leute darauf? Wie die Luminatoren?

Das kommt darauf an, wie gläubig man ist. Diejenigen, die eher dem Mystizismus zugeneigt sind, haben wohl immer gefürchtet, dass es das Böse im Abgrund geben könnte. So wie es viele Menschen gibt, die den Teufel oder Dämonen fürchten. Rationalere Geister haben sich gesagt, dass Leben immer Energie benötigt, und in einem sternenlosen Leerraum einfach nicht genug Energie vorhanden ist, um irgendeine Form von Bedrohung daraus erwachsen zu lassen. Ich schätze, diese Fraktion war besonders schockiert, als sie feststellen musste, wie sehr sie sich geirrt hat.

Grundsätzlich reagieren die Völker des Domenaions wie jedes vernunftbegabte Wesen im Angesicht der Katastrophe: mit Panik, Unglauben, Zorn – je nach persönlicher Disposition. Allerdings ist vor allem die Verwirrung groß, denn es gibt keinerlei unmittelbare Berichte von dem, was in den Systemen passiert, die ausgelöscht werden. Sie verschwinden einfach vom Himmel – und der Kontakt bricht vollkommen ab. Diese Unsicherheit sorgt neben der Angst auch für ein Gefühl der Hilflosigkeit. Wie hält man etwas auf, dass Sterne verdunkelt?

Für die Luminatoren ist das eine besonders brennende Frage. Man stelle sich vor: Jahrhundertelang waren sie im Wesentlichen eine bessere Polizeitruppe, obwohl sie als die Elite des Lichts im Kampf gegen die Finsternis stilisiert wurden. Jetzt aber wird dieser mythisch verbrämte Kampf sehr real. Und die Luminatoren erkennen erst, wie wenig Antworten sie auf die Fragen haben, die ihnen die verängstigten Völker des Domenaions nun stellen.

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Es geht ja auch gar nicht primär um Luminatoren in deinem Roman, sondern um Bendis Kahain, den Captain des Raumschiffs Leitstern, und seine Truppe Raumretter. Wie kamst du darauf, Raumretter als Protagonisten zu wählen?

Mein letzter Science-Fiction-Roman (neben den „Perry Rhodan“-Arbeiten) war „Frontiersmen – Civil War“, auch für Bastei Lübbe. Dort geht es um eine Truppe Außenseiter, die als freischaffende Unternehmer tätig sind, als Frachterpiloten und Schmuggler. Das wollte ich hier nicht wiederholen, obwohl es ein naheliegender Gedanke ist, wenn man beim Plotten des Romans über einer bunt zusammengewürfelten Gruppe an Freigeistern brütet. Tatsächlich wollte ich – im Rahmen des Möglichen – einigen Abstand zwischen John Donovan aus „Frontiersmen“ und Bendis Kahain bringen. Deswegen ist der eine ein Schurke, den man zu jeder Heldentat regelrecht zwingen muss, weil er keine Lust hat, sich in irgendwas einzumischen. Und der andere ist ein Mann, der unbedingt helfen will, aber immer wieder zurückgehalten wird. Ihn zu einem Raumretter zu machen, erschien mir folgerichtig, zumal Raumretter während einer galaktischen Krise leicht an die wichtigen Handlungsschauplätze zu bringen sind.

Du nennst die Truppe um Bendis Kahain bunt zusammengewürfelt. Das trifft es ja wirklich. Obwohl die Mannschaft der Leitstern mit neun Personen grenzwertig groß scheint, um sie Lesern als Protagonisten zuzumuten, fällt auf, wie unglaublich unterschiedlich die Figuren sind. Wie bist du beim Entwickeln deiner Helden vorgegangen?

Nicht nur die Besatzung der Leitstern ist recht groß (für eine Gruppe Protagonisten), überhaupt ist der Personal in „Am Abgrund der Unendlichkeit“ ziemlich umfangreich. Das liegt vor allem daran, dass ich den Konflikt nicht bloß aus einer Perspektive schildern wollte. Neben Kahains Sicht wollte ich noch die der Militärs – in Gestalt der Luminatoren – einbringen, außerdem die der politischen Führungsriege des Domenaions und natürlich die eines Opfers der Katastrophe. Das ist zugegeben ziemlich viel für einen 360-Seiten-Roman, aber ich glaube, es hilft, dass ich sehr verschiedenartige Alienspezies entwickelt habe – neben sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Sowohl was die Protagonisten angeht als auch die Alienspezies war mein Leitsatz die ganze Zeit: „Schaffe möglichst große Vielfalt.“ Deshalb gibt es mit neben den Menschen etwa die insektoiden Silphi, die, da eine Schwarmspezies, nur im Plural von sich reden. Es gibt die reptiloiden Sleen, die furchteinflößend aussehen, aber die fröhlichsten und friedfertigsten Typen überhaupt sind. Es gibt die künstlichen eN'iX, die Technologie und Biologie so perfekt miteinander verschmolzen haben, dass ich selbst nicht weiß, ob es sich um K.I.s in semibiologischen Körpern handelt oder eine ehemals menschenähnliche Spezies, die sich extrem aufgecybert hat. Und es gibt die pflanzlichen Floryll, die mit Düften kommunizieren und Veganer nicht ausstehen können. Das sind nur ein paar Beispiele.

Was meine Heldentruppe angeht, habe ich mich einerseits an der Vielfalt der Spezies bedient. Fünf von neun Mitgliedern der Crew nicht Nichtmenschen mit ihren entsprechend kulturellen Eigenheiten. Bei den vier Menschen habe ich mich bemüht, möglichst unterschiedliche Charaktere zu wählen. Wir haben den bedächtigen Boss, die No-Nonsense-Erste-Offizierin, den stillen Computerspezialisten und den großmäuligen Raumretter.

Wie gelingt es einem als Autor bei einem so großen Ensemble, den Figuren Tiefe zu verleihen?

Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, wie „tief“ die Figuren wirklich sind. Ich glaube, dass sie sympathisch sind und man als Leser gern mit ihnen unterwegs ist. Das zu erreichen, ist mir in jedem Roman das Wichtigste. Aber werden sie von privaten Sorgen und Nöten geplagt? Haben Sie Sehnsüchte und Träume? Vermutlich. Ganz sicher. Aber „Am Abgrund der Unendlichkeit“ ist kein psychologischer Roman. Er erzählt von einer galaktischen Katastrophe, die sich binnen weniger Tage abspielt. Die Figuren werden praktisch ständig in Aktion erlebt, sie müssen handeln, als Profis funktionieren, an Lösungen arbeiten. Und das tun sie – die meiste Zeit zumindest.

Ich hätte es in diesem Umfeld als unpassend empfunden, etwa die unerwiderte Liebe, die der Computerspezialist Shem Randon für seine eN'iX-Kollegin eL'Ha empfindet, größer auszubreiten. Oder die kriminelle Ader von Raumretter Venk Hobric – er bereichert sich gern während Rettungsmissionen – stärker in Konflikt mit dem Ordnungssinn der Ersten Offizierin zu setzen. Darum geht es nicht in diesem Roman. Und ich denke, das entspricht durchaus der Realität: In Zeiten einer Katastrophe treten private Probleme in den Hintergrund. Abgesehen davon kennen sich alle Protagonisten schon seit Jahren, und alle Probleme, die sie miteinander (oder allein) haben, wurden sicher schon mehr als einmal durchdacht oder diskutiert. Sie jetzt unvermittelt hochkochen zu lassen, hätte sich forciert angefühlt, zumal sich am Innenleben einer Person binnen weniger Tage kaum etwas ändert – wenn sie nicht gerade von einer persönlichen Tragödie heimgesucht wird. (Was durchaus im Roman passiert, und dann auch mit Folgen.)

Wir wollen dieses Interview nicht beenden, ohne die Sache mit den Floryll angesprochen zu haben. Du hast die Floryll als nonbinäre Individuen angelegt: nicht Mann, nicht Frau, sondern zweigeschlechtlich. Warum? Und magst du ein paar Sätze zu den Folgen verlieren?

Die Floryll sind eine Pflanzenspezies. Genau genommen handelt es sich um zweibeinige, vierarmige Blütenpflanzen. Ich bin kein Biologe, aber soweit ich das recherchiert habe, ist unter Pflanzen, gerade Blütenpflanzen, Zweigeschlechtlichkeit praktisch die Regel. Von wenigen Ausnahmen abgesehen besitzen alle Blütenpflanzen Blüten mit männlichen Staubblätter und weiblichen Fruchtblättern. Es erschien mir daher – zugegeben erst nach einigen Kapiteln mit den Floryll – konsequent, diese Wesen ebenfalls als Zwitter anzulegen.

Das stellte mich rückwirkend allerdings vor ein unerwartetes Problem. Denn das Deutsche kennt, anders als die Sprachen im Domenaion, die sich über Jahrhunderte an die Existenz der Floryll angepasst haben, keine Vokabeln für Zweigeschlechtliche. Es heißt „der Mann“ und „die Frau“. Aber wie lautet der Artikel für ein/e Mann-Frau? Für einen Zwitter? Es gibt einige Versuche in der Realität, nonbinäre Menschen zu adressieren. Statt „er“ oder „sie“ sagt man z.B. „xier“ oder „ser“ oder „ersie“, im Englischen auch gern „them“. Leider erschöpft sich das Vokabular meist in diesen einzelnen Pronomen und bestimmten Artikeln. Mir zumindest ist keine komplette Grammatik für nonbinäre Personen untergekommen. Also musste ich sie, um sie im Roman verwenden zu können, selbst entwickeln. Herausgekommen ist ein mehrseitiges Dokument, das alle möglichen Artikel, Possesivpronomen, Relativpronomen, Demonstrativpronomen usw. enthält. Und das habe ich dann konsequent im Text angewandt.

Gib mal ein Beispiel.

Okay. Also, beispielhafte Situation: Zwei Personen – ein Mann und eine Frau – unterhalten sich, etwa auf einer Party. Da betritt eines der Pflanzenwesen den Raum. Der Mann fragt: „Wer ist denn dier Floryll?“ Die Frau antwortet: „Das ist Chi Margolis. Sier ist enie bedeutendis Politikeris.“ Man sieht am Beispiel, dass ich stets versucht habe, die maskuline mit der femininen Wortform zu verbinden. So wird aus der/die = dier, aus er/sie = sier und aus ein/eine = enie. Außerdem habe ich die neue Wortendung -is für Substantive und Adjektive geschaffen, um nonbinäre Personen zu kennzeichnen.

Stört das nicht den Lesefluss?

Eine gute Frage. So viel ist klar: Wir leben eben nicht im Domenaion; zweigeschlechtliche Wesen gehören nicht zum Alltag und unsere Sprache hat sie dementsprechend nicht integriert. Ich weiß also nicht, wie sehr meine Entscheidung, die Floryll konsequent pflanzlich (also als Zwitter) anzulegen, hier und da das Lesevergnügen stören wird. Ich hoffe, dass sich schnell eine Gewöhnung bei den Lesern einstellen wird. Rückmeldungen sind hier gern gesehen.

Da sind wir auch gespannt. Letzte Frage: Ist eine Fortsetzung zu dem Roman geplant oder vielleicht schon der Mache?

Gegenwärtig nicht, nein. „Am Abgrund der Unendlichkeit“ ist ein komplett eigenständiger Roman mit einer in sich abgeschlossenen Handlung. Allerdings ist das Universum, das ich hierfür entwickelt habe, so bunt und reichhaltig, dass ich in der Tat mit dem Gedanken spiele, irgendwann in der Zukunft dorthin zurückzukehren. Doch das wäre dann erneut eine eigene Geschichte und auch mit anderem Personal.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

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