Vergesst, was ihr über Dracula wisst: Interview mit Leslie Klinger

INTERVIEW

Vergesst, was ihr über Dracula wisst: Interview mit Leslie Klinger


Für die große neue Dracula-Ausgabe studierte Leslie Klinger erstmals Stokers Original-Manuskript. Im Interview spricht der Horror-Experte über seine Leidenschaft für Anmerkungen, über Gemeinsamkeiten zwischen Sherlock und Dracula und die Zusammenarbeit mit Neil Gaiman.

LISA MORTON: Als Erstes interessiert mich, wie man eigentlich professioneller Kommentator wird. Wenn ich es richtig sehe, fing alles damit an, dass Sie zu Ihrem Privatvergnügen ein paar Sherlock Holmes-Geschichten mit Anmerkungen versehen haben?

LESLIE KLINGER: Ja, es begann damit, dass ich das für mich ausprobieren wollte. Meine Holmes-Begeisterung wurde durch die erste umfassend kommentierte Ausgabe geweckt, Baring-Goulds Annotated Sherlock Holmes von 1967, und ich träumte davon, eines Tages, wenn ich mich zur Ruhe gesetzt hätte, dieses Buch zu aktualisieren. Mitte der 1990er Jahre hatte ich ein wenig freie Zeit und wagte den Versuch, die Anmerkungen zu einigen Geschichten auf den neusten Stand zu bringen. Ich zeigte meinen Kommentar ein paar Freunden, deren Meinung mir wichtig ist, er gefiel ihnen, und ein Ungeheuer war geboren!

Nach dem dreibändigen kommentierten Sherlock Holmes nahmen Sie als Nächstes Dracula in Angriff, da Sie, wie Sie es im Vorwort formulieren, schon „so tief in die viktorianische Welt eingetaucht“ waren. Was fasziniert Sie an dieser Epoche?

Wir glauben die viktorianische Welt zu kennen, da sie uns zeitlich relativ nahe ist und wir sie in so vielen Filmen gesehen haben. Doch sie steckt voller Überraschungen. Ich behaupte, dass die viktorianische Epoche die Geburtsstätte aller großen Umwälzungen des zwanzigsten Jahrhunderts war – Bürgerrechte, Frauenrechte, Technik, der Aufstieg der Mittelklasse –, und wenn wir das zwanzigste Jahrhundert verstehen wollen, müssen wir uns seinen Wurzeln zuwenden.

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Sie sind sowohl Sherlock-Holmes- als auch Dracula-Experte, zwei Charaktere, wie sie gegensätzlicher kaum denkbar scheinen: Holmes verkörpert den Verstand, Dracula die Leidenschaft … Oder haben beide Figuren mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick den Anschein hat?

Ihre wichtigste Gemeinsamkeit ist, dass sie beide überlebensgroß sind und dass sowohl Dracula als auch Sherlock Holmes schon länger als ein Jahrhundert ihre Leser fesseln. Natürlich waren beide genau zur selben Zeit in London aktiv, und in ihren Geschichten spiegeln sich viele der gleichen kulturellen und geschichtlichen Themen wider. Das ist kein Wunder, da Doyle und Stoker befreundet waren und sich in denselben literarischen Kreisen bewegten. Beide Figuren haben zudem eine eingeschworene Fangemeinde, und auch das hat mich fasziniert. Die Vampir-Fans sind im Moment etwas öffentlichkeitsscheuer als die Sherlockianer, aber das sind Phasen – man denke nur an die Twilight-Filme oder die TV-Serie Sherlock –, und irgendwann wagen auch sie sich wieder ans Tageslicht!

Für Ihre Dracula-Ausgabe haben Sie zwei Tage mit dem Originalmanuskript gearbeitet, das sich in der Sammlung von Paul Allan befindet. Das muss so ähnlich gewesen sein, wie einen Cocktail aus dem Heiligen Gral zu schlürfen.

Es war ein außergewöhnliches Erlebnis, den Schreibprozess so aus der Nähe untersuchen zu können. Das Manuskript (genau genommen ist es mit der Schreibmaschine geschrieben, möglicherweise von Stoker selbst) enthält handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen von Stoker und seinem Lektor und zudem Anmerkungen von Brams Bruder Thornley Stoker, der Arzt war und den er zu medizinischen Themen um Rat fragte. Das Faszinierendste am Manuskript waren die Stellen, wo Stoker neues Textmaterial über den ursprünglichen Text geklebt hatte. Da ich das Originalmanuskript in der Hand hatte, konnte ich die betreffenden Seiten gegen das Licht halten und die „überklebten“ Zeilen lesen. Das war etwas, was vor mir noch nie jemand getan hatte! In meinen Fußnoten habe ich versucht, alle bedeutsamen Änderungen zu dokumentieren.

Ich hatte das Glück, auch mit den Manuskripten von Sherlock Holmes-Geschichten arbeiten zu können, obwohl viele verloren gegangen sind. Conan Doyles Manuskripte sind allerdings weniger ergiebig. Entweder hat er nur wenige Änderungen vorgenommen, oder, was ich in einigen Fällen vermute, die „Manuskripte“ sind in Wirklichkeit Reinschriften von Manuskripten, die er weggeworfen hat.

Warum wurde Dracula nicht gleich bei seinem Erscheinen im Jahre 1897 ein Bestseller?

Wie bei Frankenstein fanden einige Kritiker die Geschichte „abstoßend“, und Stoker stand nicht gerade in dem Ruf, anspruchsvolle Literatur zu schreiben. Ich glaube, es brauchte schlicht eine gewisse Zeit, bis die Leser herausfanden, dass in dem Buch mehr steckte als eine simple Sensationsgeschichte. Es war kein Flop – es gab zahlreiche Auflagen –, doch wirklich bekannt wurde es erst – Überraschung! –, nachdem es für Theater und Film adaptiert worden war.

Warum fasziniert uns Dracula über einhundert Jahre nach seinem Erscheinen immer noch?

Dracula ist zwar nicht die erste Vampirgeschichte, aber der erste echte Vampirroman, und anders als bei seinen Vorgängern (John Polidoris The Vampyre, der Fortsetzungsgeschichte Varney the Vampire und LeFanus Carmilla) liegt der Fokus zu gleichen Teilen auf dem Vampir und den Vampirjägern. Durch die Schilderung der Vampirjäger erreicht Stoker eine nie dagewesene Spannung und ermöglicht es den Lesern, sich in die Perspektive dieser Leute hineinzuversetzen, die nach und nach erkennen, dass sie es mit einem Ungeheuer zu tun haben.

Zudem fasziniert uns die Gestalt des Vampirs an sich – ein Wesen, das dem Tod widersteht und das, zumindest in Dracula, durch seinen „Außenseiterstatus“ eine gewisse Sympathie weckt. Wie ein Freund von mir einmal bemerkte: Wer hätte nicht gern „die Kraft von zwanzig Männern“, hypnotische Macht über andere Menschen und ewiges Leben?

Sie haben an der UCLA Extension in Los Angeles College-Kurse über Dracula abgehalten. Was sollten die Studenten vor allem über den Grafen erfahren?

Die „Wahrheit“ über Dracula. Das heißt, ich möchte, dass sie alle Vorstellungen, die Filme und Popkultur uns vermitteln, erst einmal vergessen. Doch das Wichtigste ist vielleicht, dass Dracula nicht Vlad, der Pfähler, war!

Erzählen Sie uns etwas über die „isländische Ausgabe“ von Dracula.

Die isländische Ausgabe war die erste fremdsprachige Ausgabe des Romans, veröffentlicht im Jahr 1901. Das Bemerkenswerte daran ist Stokers Vorwort, in dem er enthüllt, dass die Harkers und Dr. Seward lebende Personen aus seinem eigenen Freundeskreis waren. Zudem deutet er dort eine Verbindung zwischen Dracula und den Jack-the-Ripper-Morden an. Ich habe das Vorwort in meine Ausgabe aufgenommen, obwohl es erst 1986 auf Englisch erschienen ist!

Von fast allen Werken, die Sie kommentiert haben, gab es schon vorher kommentierte Ausgaben. Hat Sie das jemals eingeschüchtert? Oder sehen Sie diese Vorgängerarbeiten als Inspiration und Sprungbrett für Ihre eigenen Anmerkungen?

Es ist schon respekteinflößend, wenn die vorhandenen Anmerkungen so gut sind wie bei den Büchern, die ich kommentiert habe (es gibt drei kommentierte Dracula-Ausgaben). Aber ich habe immer nur Bücher ausgewählt, bei denen ich dachte, dass ich es besser oder deutlich anders machen kann. So ist zum Beispiel Baring-Goulds Annotated Sherlock Holmes eine wahre Fundgrube. Als ich mit meinem kommentierten Sherlock Holmes begann, war das Buch jedoch schon fast 40 (heute fast 50) Jahre alt und der Forschungsstand entsprechend überholt. Zudem hat Baring-Gould die Geschichten sehr eigenwillig angeordnet. Was meinen New Annotated H. P. Lovecraft betrifft, so sind die beiden schmalen Bände, die S. T. Joshi und seine Mitarbeiter herausgegeben haben, zwar ausgezeichnet, die Anmerkungen bieten jedoch nur einen Kommentar der Herausgeber, ohne auf die umfangreiche übrige Lovecraft-Forschung einzugehen. Zudem wollte ich zahlreiche Abbildungen und Material aus der „Popkultur“ hinzufügen, was es bei Joshi nicht gibt, und schlicht mehr Geschichten kommentieren. Für meinen New Annotated Dracula habe ich als Erster auf Stokers Notizen und das Manuskript zurückgegriffen, und ich wollte umfangreiches Material zum Text selbst miteinbeziehen. Natürlich habe ich früheren Kommentatoren viel zu verdanken. Ich sage immer, dass ich gegenüber Baring-Gould drei große Vorteile hatte, als ich an meinem kommentierten Sherlock Holmes arbeitete: zunächst das Internet (und den Computer im Allgemeinen), dann die großartige Bibliographie von DeWaal, die über 25.000 Veröffentlichungen zu Sherlock Holmes auflistet, und schließlich hatte ich Baring-Goulds Ausgabe vor mir liegen, als ich anfing!

Sowohl in Ihrer Holmes- als auch in Ihrer Dracula-Ausgabe gehen Sie von der Fiktion aus, dass die Figuren der Geschichte wirklich gelebt haben und Arthur Conan Doyle und Bram Stoker eigentlich wahre Ereignisse aufgeschrieben und bloß ein paar Namen geändert haben (unter Sherlockianern „The Great Game“ genannt). Was bezwecken Sie als Kommentator damit?

Indem ich den Ansatz von „The Great Game“ durchspiele, kann ich der Frage der „Authentizität“ größere Aufmerksamkeit widmen. Das heißt, ich kann der Frage nachgehen, ob das, was der Autor beschreibt, tatsächlich so hätte geschehen können. Das gelingt nur großen Schriftstellern wie Doyle und Stoker. Umgekehrt kann ich so auf viel mehr historische Einzelheiten aufmerksam machen und damit die ursprüngliche Geschichte für den Leser glaubwürdiger werden lassen. Und es macht mir schlicht Spaß, Gezeitentabellen und Mondkalender zu wälzen, um herauszufinden, ob Stoker Ebbe und Flut oder die Mondphasen korrekt beschrieben hat!

Benutzen Sie diese Fiktion auch in Ihren Lovecraft-Anmerkungen?

Lovecraft hat selbst einmal gesagt, dass eine gelungene Geschichte Elemente eines Betrugs an sich haben müsse, um wirkungsvoll Grauen zu erzeugen. Also ja, ich gehe der Frage nach, wie gut ihm dieser Betrug gelungen ist, und nehme die verwendeten Orte, Ereignisse und wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechend unter die Lupe.

Haben Sie je die Versuchung verspürt, selbst einen Roman über die Beziehung zwischen einem echten Vampir und dem Autor Bram Stoker zu schreiben?

Die Versuchung schon, aber nie ernsthaft – ich bin mir nicht sicher, ob ich das Talent habe, Geschichten zu schreiben. Vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen jagt mir schreckliche Angst ein!

Sie haben einmal gesagt, dass für Sie Jack Palance den besten Dracula abgibt. Aber was ist mit den anderen Charakteren des Buches: Wer ist der beste Van Helsing und der überzeugendste Renfield?

In dieser Hinsicht bin ich wohl etwas puristisch: Meine Favoriten sind immer noch Edward Van Sloan und Dwight Frye (aus der Dracula-Verfilmung von 1931), auch wenn Pablo Alvarez Rubio aus der spanischsprachigen Version von 1931 ebenfalls ein hervorragender Renfield ist. Obwohl ich Peter Cushing als Schauspieler bewundere – insbesondere seinen Sherlock Holmes ,– hatte ich immer den Eindruck, dass ihm als Van Helsing etwas fehlt. Van Helsing kommt mir ein bisschen verrückt vor, und er ist ganz sicher ein Sonderling, und Cushing verkörpert in den Hammer-Filmen weder das eine noch das andere.

Der Autor Neil Gaiman spielt in Ihrer Karriere immer wieder eine Rolle. Ursprünglich verband Sie die gemeinsame Begeisterung für Sherlock Holmes, dann schrieb Gaiman die Einleitung zu Ihrer Dracula-Ausgabe, und natürlich ist er der Autor des von Ihnen kommentierten Sandman. Ist Neil mit dem Sandman-Projekt auf Sie zugekommen, war es Ihre Idee oder kam jemand anders auf den Gedanken?

Neil und ich hatten schon seit Jahren im Scherz darüber gesprochen, den Annotated Sandman zu machen, und er sagte immer: „Warten wir noch, bis ich tot bin.“ Eines Tages rief er mich an und sagte: „Weißt du, ich fange an zu vergessen, warum ich ein paar von diesen Sachen geschrieben habe. Wir machen es besser jetzt. Ich rufe DC an.“ Das hat er gemacht, sie haben Ja gesagt, und der Rest ist Geschichte.

Hatten Sie keine Bedenken, in die Welt eines lebenden Autors einzutauchen?

Doch. Ich hatte große Sorge, etwas zu schreiben, womit derjenige, der es wissen musste (also Neil) vielleicht nicht einverstanden war. Trotzdem war es gleichzeitig sehr spannend. Manchmal habe ich Neils Text gewissermaßen wieder „auseinandergebaut“ – das heißt, ich habe versucht herauszufinden, welche Quellen er für bestimmte Sachen verwendet hat. Es war ein gutes Gefühl, seine private Bibliothek zu durchstöbern und zu entdecken, dass ich auf der richtigen Spur gewesen war – wenigstens in den meisten Fällen!

Haben Sie Neil während der Arbeit an den Anmerkungen um Rat gefragt?

Ja, allerdings. An ihm habe ich meine Ideen getestet. Manchmal sagte er: „Hm, daran hatte ich gar nicht gedacht, aber wenn du es belegen kannst, dann schreib es hin!“ In anderen Fällen hat er mich diskret in die richtige Richtung gelenkt, wenn ich nicht mehr weiter wusste.

Graphic Novels und Comics haben mit ihren Anspielungen auf andere Serien und Figuren manchmal etwas Inzestuöses. Hatten Sie jemals Angst, solche Verweise in den Sandman-Comics zu übersehen?

Das hat mir große Sorgen bereitet. Als ich anfing, gab es jedoch online bereits zahlreiche Anmerkungen – die Gemeinschaftsarbeit einer großen Fangemeinde, die mit den ersten Sandman-Comics begonnen hatte. Ihnen habe ich sehr viel zu verdanken, nicht zuletzt Hinweise auf zahlreiche Anspielungen. Zudem konnte Neil mit seinem enzyklopädischen Wissen über Comics (und auf zahlreichen anderen Gebieten) die letzten fehlenden Verweise ergänzen.

Wie sind Sie dann auf H. P. Lovecraft gekommen?

Ich war zunächst mit ein paar anderen Ideen hausieren gegangen, bis ich schließlich auf das Offensichtliche kam: Wie Holmes und Dracula hat Lovecrafts Werk eine große und treue Fangemeinde, und genau die wollten die Verlage erreichen. So lange ich denken kann, bin ich ein Science-Fiction-Leser gewesen. Die Idee, mich mit einem der Begründer des Genres beschäftigen zu können, klang also großartig. Ich hatte bis dahin ehrlich gesagt nur sehr wenig von Lovecraft gelesen, und es war eine Freude zu entdecken, was für ein Reichtum an Ideen sich in seinem Werk verbirgt. Ich habe also eine riesige Bibliothek mit Material zu Lovecraft zusammengetragen (einschließlich einer Reihe Weird Tales-Hefte) und mich in die Arbeit gestürzt.

Warum Lovecraft und nicht Poe?

Ich würde liebend gern eine kommentierte Poe-Ausgabe machen. Aber leider hatte Liveright/Norton das Projekt bereits einem anderen Autor anvertraut, Michael Patrick O’Hearn, und er war schon sehr weit damit, als ich dort nachgefragt habe. Vermutlich wird das Buch irgendwann demnächst erscheinen. Natürlich ist Liveright/Norton nicht der einzige Verlag auf der Welt, aber ich arbeite gern mit ihnen, und sie machen ausgesprochen schöne Bücher. Ich glaube nicht, dass ich von einem anderen Verlag dieselbe Unterstützung bekommen hätte wie von ihnen, und zwar für jedes meiner Projekte.

Es gibt Lovecraft-Fans und -Spezialisten, die sich seit Jahrzehnten mit dem Cthulhu-Mythos beschäftigen. Hatten Sie keine Bedenken, sich auf dieses Terrain zu wagen?

Doch, natürlich. Deshalb habe ich buchstäblich alles über Lovecraft gelesen und führende Spezialisten wie S. T. Joshi und Peter Cannon um Rat gebeten, die sich für das Projekt begeisterten und unschätzbare Hilfe geleistet haben.

Ihr Lovecraft-Band enthält 22 Geschichten und bringt es auf fast 1.000 Seiten. Gab es Geschichten, die Sie gern dabeigehabt hätten, aber aus Platzgründen weglassen mussten?

Absolut – auf „Der Außenseiter“, „Der schreckliche alte Mann“, „Die anderen Götter“, „Die Musik des Erich Zann“, „Das gemiedene Haus“ und „Die Ratten in den Mauern“ habe ich nur mit Bauchschmerzen verzichtet. Am Ende habe ich mich aber auf die Erzählungen beschränkt, in denen Arkham und die Miscatonic University vorkommen. Hätte ich die genannten Geschichten noch zusätzlich aufgenommen, dann wären es noch einmal 200 Seiten mehr geworden, was wiederum den Preis des Buches in unschöne Höhen getrieben hätte.

Wenn Sie Lovecraft eine Frage stellen könnten, was würden Sie ihn fragen?

Es wäre nicht nur eine einzelne Frage – ich würde gern mit ihm darüber diskutieren, wie die amerikanische Kultur ihren eigenen Mythos hervorgebracht hat, vor allem aus der Idee des „Schmelztiegels“ heraus. Mir ist klar, dass seine Abneigung gegen alle Menschen, die keine weißen Neuengländer waren, auf die psychischen Erkrankungen seiner Eltern zurückgeht, und ich sehe Hinweise darauf, dass er diese Haltung immer mehr ablegte, als er älter und reifer wurde.

Wie kam es dazu, dass Alan Moore das Vorwort zu Ihrem Lovecraft-Band verfasste?

Das ist eine wunderbare Geschichte: Ich wusste, dass Alan sich sehr für Lovecraft interessiert und gerade eine eigene Graphic Novel mit dem Titel Providence kreierte. Also schickte ich eine E-Mail an Leah Moore, Alans Tochter, die ich durch Dracula kannte (ich hatte Leah und ihrem Mann John bei ihrer wunderbaren Graphic Novel Complete Dracula und ihren Holmes-Comics geholfen), und fragte sie, wie ich Kontakt mit Alan (der keine E-Mail-Adresse hat) aufnehmen könne. Ich nannte ihr auch den Grund, und acht Stunden später schrieb sie mir zurück: „Alan würde sehr gern das Vorwort schreiben!“ Ich wollte eigentlich nur seine Postadresse in Erfahrung bringen, aber Leah hatte ihn schon überzeugt! Ich war maßlos begeistert, dass er eingewilligt hatte – Alan war für mich der Erste und Einzige, der dafür in Frage kam.

Für Ihre Sherlock Holmes- und Dracula-Ausgaben konnten Sie auf eine umfangreiche Sammlung von Material über die viktorianische Zeit zurückgreifen. Wie sieht Ihre häusliche Bibliothek heute aus? Vermutlich enthält sie unzählige Bände über Mythologie, viele Comics und Graphic Novels und viel über den Cthulhu-Mythos.

O ja. Ich habe alles, was Gaiman je geschrieben hat, und dazu hunderte anderer Comics und Graphic Novels. Außerdem besitze ich jetzt eine riesige Lovecraft-Bibliothek: fast 350 Bücher und die kompletten Jahrgänge mehrerer Lovecraft-Zeitschriften (Crypt of Cthulhu, Lovecraft Studies). Die Mythos-Geschichten von Lovecrafts Nachfolgern interessieren mich allerdings nicht so sehr. Nicht zuletzt habe ich eine umfangreiche Sammlung zu Vampiren vor und nach Dracula, zu Jack the Ripper und mittlerweile auch eine Bibliothek der wichtigsten Bücher rund um Frankenstein.

Warum ist Lovecraft so schwierig zu verfilmen?

Lovecrafts Erzählungen gehören nicht zu der Art Horrorgeschichten, die Filmemacher mögen. Sie handeln mehr von psychologischen Schrecken als von Kreaturen, die nachts herumschleichen. Und es gibt praktisch kein Blut. Wahrscheinlich findet man dafür nur schwer ein Publikum.

Sie arbeiten gerade an einer kommentierten Frankenstein-Ausgabe. Zu dem Buch und seiner Geschichte existiert eine gigantische Materialfülle. Ich könnte mir vorstellen, dass eine der größten Schwierigkeiten bei den Anmerkungen zu einem solchen Werk schlicht darin besteht, zu wissen, wann man aufhören muss.

Da haben Sie recht – es gibt tonnenweise literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu Frankenstein. Am Ende werde ich allerdings vermutlich genauso vorgehen wie bei Dracula und Lovecraft. Das heißt, ich werde darauf hinweisen, dass es eine akademische Forschung zu dem Buch gibt, sie aber nicht im Einzelnen diskutieren. Ich interessiere mich mehr für den geschichtlichen und kulturellen Hintergrund von Frankenstein als dafür, ob es sich um eine verschlüsselte Geschichte über eine Geburt aus der Perspektive der Mutter oder eine Fallstudie zu Rousseaus Theorien über die Erziehung handelt.

Werden Sie Frankenstein als „wahre Geschichte“ kommentieren?

Auf jeden Fall werde ich den kulturellen und historischen Hintergrund in den Blick nehmen und die Plausibilität der Geschichte untersuchen – also auf Unwahrscheinlichkeiten und Unstimmigkeiten hinweisen. Ich kann einfach nicht anders. Ich habe allerdings auch bereits eine Menge Material zum Text selbst gesammelt – zu den Änderungen, die Mary Shelley und Percy Shelley im Laufe seiner Entstehung vornahmen.

Sie sind auch als Herausgeber tätig und haben sowohl Bände mit bereits gedruckten Geschichten (In the Shadow of Sherlock Holmes und In the Shadow of Dracula) als auch mit unveröffentlichten Storys (A Study in Sherlock, gemeinsam mit Laurie King) vorgelegt. Arbeiten Sie als Herausgeber gern mit lebenden Autoren? Gibt es andere Anthologie-Projekte, die Sie reizen würden?

Anthologien machen mir großen Spaß – sowohl klassische Geschichten zusammenzustellen, als auch befreundete Schriftsteller zum Verfassen neuer Texte zu animieren. Laurie und ich haben zusammen In the Company of Sherlock Holmes herausgegeben, eine weitere Sammlung neuer Stories, die vom Sherlock Holmes-Kanon inspiriert sind. Das Buch erscheint im November 2014 bei Pegasus, und wir könnten gut noch einen dritten Band zusammenstellen – so viele Freunde wollen gern in diesem Sandkasten spielen! Ich habe zudem gerade mit meiner lieben Freundin Laura Caldwell begonnen, eine Anthologie ganz anderer Art zusammenzustellen, die den Titel Anatomy of Innocence tragen wird. Es handelt sich um wahre Geschichten von zu Unrecht Verurteilten, deren Unschuld erwiesen wurde – die Geschichten werden von renommierten Krimi-Autoren geschrieben, zusammen mit den Betroffenen. Laura ist Gründerin und Leiterin des Life After Innocence Project an der Loyola University Chicago, und sie hatte die Idee zu der Anthologie. Es ist mir eine Ehre, an dem Band mitwirken zu dürfen.

Haben Sie jemals daran gedacht, eine Art historisches Sachbuch über eine Figur wie Dracula oder Sherlock Holmes zu schreiben?

Ein echtes Buch, meinen Sie? Ja, das habe ich tatsächlich. Nancy Holder und ich versuchen im Moment, ein Buch unterzubringen, das Baker Street Chronicles heißen soll und in dem wir die Biographien von Holmes und Watson, Doyle und den wichtigsten Figuren der Zeit zwischen 1850 und 1930 erzählen wollen. Es soll eine Mischung aus erzählendem Text und historischem Sachbuch werden.

Sie haben als Berater an mehreren Filmen mitgewirkt, und ich weiß zufällig, dass Sie alle Folgen von Buffy the Vampire Slayer fünf Mal angeschaut haben. Waren Sie je in Versuchung, ein Filmbuch zu schreiben?

Ich würde gern eines Tages eine kommentierte Buffy-Ausgabe machen, und Scott Allie (der Cheflektor bei Dark Horse) und ich haben auch schon darüber gesprochen, wie man das mit den Comics bewerkstelligen könnte. Außerdem habe ich einmal vorgefühlt, ob es Interesse an einer kommentierten Ausgabe von Christopher Nolans Batman-Drehbüchern gibt. Darauf gab es jedoch wenig Resonanz.

Hauptberuflich arbeiten Sie als Anwalt und sind nebenher in mehreren Schriftstellerverbänden aktiv (so bei den Mystery Writers of America und in der Horror Writers Association). Sie müssen ein unglaubliches Talent zum Zeitmanagement haben.

Und viel Unterstützung von meiner Ehefrau!

Denken Sie schon darüber nach, welches Buch Sie nach Frankenstein kommentieren wollen?

Wir entwickeln gerade die Idee eines umfangreichen Buchs mit dem Arbeitstitel Annotated Noir, das vier oder fünf klassische Romane der „Schwarzen Serie“ enthalten soll (z. B. Der Malteser Falke von Dashiell Hammett und Der große Schlaf von Raymond Chandler) und vielleicht noch ein klassisches Film-Noir-Drehbuch. Wir sind noch dabei, den Inhalt zusammenzustellen, aber das ist ein Projekt, das ich schon immer machen wollte!

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Deutsch von Andreas Fliedner

© 2014 by Nightmare Magazine. Mit freundlicher Genehmigung.

Erstmals erschienen unter dem Titel „Interview: Leslie Klinger“ im Nightmare Magazine, Heft 26, November 2014. Zugänglich unter http://www.nightmare-magazine.com

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