Mit dem Fahrrad durch die Wüste: Interview mit Simon Stålenhag

© Fredrik Bernholm

INTERVIEW

Mit dem Fahrrad durch die Wüste: Interview mit Simon Stålenhag


Mit „The Electric State“ hat Simon Stålenhag eine wunderschöne Dystopie voller faszinierender Bilder geschaffen. Im Interview spricht er über Popkultur, Kurt Cobain und Roboter.

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Simon, du bist Digitalkünstler, Musiker und Computerspieleentwickler. Seit ein paar Jahren arbeitest du obendrein auch als Autor. Wie bist du zum Wort-Künstler geworden?

In meinem Kopf gab es so viele Geschichten, die keinen Platz in den Bildern gefunden haben; Geschichten, die mit Worten besser zur Geltung kamen. Also habe ich sie aufgeschrieben, damit sie nicht untergehen. Bei meinen ersten beiden Büchern gab es auch ganz bestimmte, einzelne Wörter, die wichtiger waren als die Erzählung drum herum, wie zum Beispiel „varselklotet“ [dt. „Echokugel“] und ein Haufen andere schwedische Ausdrücke. Das waren Konzepte, die mit meiner Kindheit und Jugend zu tun haben und die in erster Linie verbal funktionierten. Daraus wurden dann diese Bücher.

Kannst du beschreiben, wie du deine Bilder erschaffst?

Ich fotografiere unglaublich viel, hier auf dem Land, wo ich wohne und aufgewachsen bin. Die Kamera habe ich immer dabei, und mein Bildarchiv ist inzwischen echt groß. Diese Fotos von meiner eigenen Umgebung schaue ich mir ziemlich oft an, und daher kommen mir die Ideen. Die Fotos verwende ich als Grundlage für die ersten Skizzen. Wenn ich denke, ich hab da was Spannendes, fertige ich ausgefeiltere Versionen an. Damit experimentiere ich dann mehrere Monate herum, bevor ich mit dem Schreiben beginne.

Bearbeitest du die Bilder mit Photoshop oder wie machst du das?

Genau. Ich habe einen Digitalstift, mit dem male ich einfach auf die Bilder drauf. Ziemlich intuitiv.

Jedes deiner Bücher spielt in einer fiktiven Vergangenheit. Was gefällt dir so an der Kombination aus retrofuturistischen Robotern und realistischen Elementen -- und nicht nur dir, sondern auch vielen anderen Menschen?

Ich verwende gerne Motive aus der Popkultur, die die Leute wiedererkennen. Tatsächlich mochte ich schon immer gerne Gemälde von Dingen, die es bereits gibt. Und Dinge, die es bereits gibt und die einigermaßen bekannt sind, sind eben meistens nicht besonders neu. Popkultur an sich ist ja ziemlich dicht verwoben mit Nostalgie. Bevor etwas in die Popkultur eingeht, vergehen mindestens einige Jahre, und dann werden solche Phänomene, im Rückspiegel betrachtet, zu etwas ziemlich Großem. Ich habe also irgendwie den Drang, bereits existierende Dinge zu malen. Außerdem mag ich Roboter … und das vermische ich alles miteinander. Ganz offenbar trifft das einen Nerv bei den Menschen: Weil man nicht gleich versteht, was man da betrachtet, entsteht ein gewisses Spannungsverhältnis. Sieht man auf den ersten Blick: Aha, das ist ein Bild von einem ganz gewöhnlichen alten Volvo, dann sieht man nicht länger hin, viel mehr passiert da nicht. Aber sobald man bemerkt, dass daran irgendetwas nicht stimmt, verweilt man länger im Bild. Es wird interessanter. Das Bild lebt sozusagen länger im Augenblick des Betrachtens, wenn sich darauf ein Roboter befindet oder irgendetwas anderes, was mit der Realität bricht. Auf einem realistisch gemalten Bild verstärkt sich dieser Effekt natürlich noch.

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Und woher stammt deine eigene Faszination für Roboter?

Ich habe viel für Filme und Computerspiele gearbeitet, da kommt man ums Robotermalen nicht herum. Dabei eignet man sich vieles an, und das sitzt mir immer in den Fingerspitzen. Natürlich macht es mir auch Spaß. Aber ich habe das nicht gelernt, als kleiner Junge war ich auch gar nicht so interessiert an Robotern. Das kam eher durch die Arbeit als Illustrator in der Computerspielbranche. Und wenn man diese Formen einmal intus hat, kann man irgendwie nicht mehr damit aufhören.

Kannst du uns erzählen, wie die Idee zu  „The Electric State“ entstanden ist und wie du das Material gesammelt hast? Du warst dafür selbst in den USA, richtig?

Genau, zum ersten Mal im Jahr 2013. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade noch mit meinem ersten Buch [„Tales from the Loop“] beschäftigt, „The Electric State“ war noch ganz weit weg. Aber ich wusste da bereits, dass ich etwas in einem amerikanischen Setting machen wollte. Eine Woche lang war ich in einem kleinen Motel in Boulder City, das ist eine kleine Vorstadt von Las Vegas, ganz in der Nähe vom Hoover Dam in der Wüste von Nevada. Ich bin also zum Fotografieren mit dem Fahrrad durch die Wüste gefahren …

Mit dem Fahrrad?

Ja, ich habe mir ein Fahrrad geliehen, und es gibt dort sehr viele Radwege. Das habe ich vorher recherchiert, damit es vor Ort keine Katastrophe gibt. Ich habe keinen Führerschein, und man sollte denken, das wird schwierig in den USA, aber so schwer ist das gar nicht. Man muss bloß gut vorbereitet sein. Und wenn man sich so direkt über den Boden bewegt, wie auch beim Spazierengehen, kriegt man eine ganz andere Perspektive auf die Dinge, man kommt an alles näher heran. Einige der Bilder sind in „Tales from the Loop“ eingegangen, ein kleiner Abstecher in die Wüste von Nevada. Aber ich wusste, dass ich ein ganzes Buch in den USA stattfinden lassen möchte, und bin noch mehrmals hingeflogen. Dann irgendwann fing ich an, Bilder von Menschen zu malen, die auf dem Boden liegen und Neurohelme aufhaben. Da habe ich diesen leicht satirischen, humoristischen Ton für meine Bilder gefunden. Ich wusste, dass die Geschichte in den 90ern spielen und mehr Grunge haben sollte, mehr von der „Generation Exit“ als die ersten Bücher. Eine wichtige Inspirationsquelle war außerdem die Serie „Akte X“ und wie dort die Jugendkultur beschrieben wird. Und einen FBI-Agenten wollte ich auch unbedingt drinhaben. Erst dachte ich, die Hauptfigur soll Kurt Cobain ähnlich sein, und fertigte haufenweise Zeichnungen von einer Art Kurt Cobain an. Aber dann habe ich Michelle gefunden, die ja im Prinzip seine Attitüde hat.

Und seine Frisur, oder?

Ja, aber Kurt Cobain hatte blondiertes Haar, und Michelle hat ihre ursprünglich blonden Haare schwarz gefärbt. Der nächste wichtige Schritt war der Roadtrip, den meine Frau, meine Mutter und ich durch den Norden Kaliforniens unternommen haben. Da habe ich die Fotos aufgenommen, die zur Grundlage für alle Bilder im Buch geworden sind. Zu Hause haben wir dann mit der Arbeit an dem Material angefangen und die eigentliche Geschichte und das Design der Welt angelegt. Aber der Wunsch nach einer Geschichte, die in den USA spielt, war schon viel älter als „Tales from the Loop“.

Was hältst du davon, dass „The Electric State“ in China auf Platz 2 der Amazon-Bestsellerliste gelandet ist – genau in dem Land, das auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz eine führende Rolle spielen will? Schließlich haben ja Fortschritt und Technologie die USA in die Dystopie verwandelt, durch die Michelle und Skip reisen, oder?

Tja ... China ist ja ein Land, in dem stark zensiert wird. Warum das Buch dort so beliebt ist, dazu will ich mich nicht äußern. Aber in „The Electric State“ findet man ja das Motiv der Gehirnwäsche, wenn auch nicht unbedingt als explizite Systemkritik. Science Fiction hat sich ja immer gut dafür geeignet, etwas über die Gegenwart zu sagen, und stellt gleichzeitig eine Flucht aus der Gegenwart dar. Aber mir gefällt es richtig gut, dass die chinesische Leserschaft dieses Buch für sich gefunden hat. Das ist natürlich total cool.

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Ist es denn zu viel gesagt, dass die Neurohelme und die Abhängigkeit davon für eine Art Technologiekritik stehen?

Doch, das kann man schon sagen. Allerdings ist das nicht allzu ernst gemeint. Und vor allem geht es um Konsumtechnologie, nicht um Technik als Konzept. Denn an Technik selbst glaube ich schon, das ist ja etwas Positives. Aber dass wir uns mit diesem Konsumwerkzeug schnelle Kicks verschaffen, das wird kritisiert.

Das Studio der Russo Brothers will „The Electric State“ verfilmen. Darfst du erzählen, wie dort der Stand der Dinge ist?

Für den Film ist gerade der erste Drehbuchentwurf fertig geworden. Das hat allerdings noch nicht so viel zu heißen. Der kann noch tausendmal umgeschrieben werden, bevor die Produktion anfängt. Aber der Regisseur von „Es“ [Andy Muschietti] wird Regie führen und zusammen mit seiner Schwester [Barbara Muschietti] den Film auch produzieren. Die mögen das Buch sehr, und wir verstehen uns wirklich gut. Wir haben offenbar die gleiche Vision. Sie legen viel Wert darauf, dass das Drehbuch gut wird. Dass die Regisseure für ein Drehbuch schon feststehen, ist ziemlich ungewöhnlich; jetzt können sie über die Entwürfe entscheiden. Sonst ist es oft so, dass man einen Regisseur zu dem Drehbuch sucht, das das Studio haben möchte. Diese ganze Situation fühlt sich sehr positiv an. Alle Beteiligten sind unheimlich erfahren und leisten hervorragende Arbeit. Für mich wird damit ein Traum wahr.

Und woran sitzt du derzeit? Auf deiner Homepage kann man ja schon einen Blick auf das nächste Projekt erhaschen …

Momentan arbeite ich an einem Buch, das in einer sehr kaputten Zukunft spielt. Aber die Figuren leben in einer geschützten Welt, in der sie es ziemlich bequem haben. Wir folgen einer kleinen Familie, die ein bisschen speziell ist: zwei Geschwister mit einem Adoptivsohn, so ungefähr. Nach und nach versteht man immer mehr, was in der Außenwelt passiert ist und wie die Beziehung der Personen zu einander eigentlich beschaffen ist. Keine ganz unkomplizierte Angelegenheit. Daran schreibe ich gerade.

Wie wird das Buch heißen?

„Labyrinthen“ [dt.: „Das Labyrinth“].

 

Dankeschön!

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Aus dem Schwedischen von Heide Franck.

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