Wie lebt es sich zwischen Ruinen? Interview mit Christian und Judith Vogt über „Wasteland“

© Yannick Vogt

INTERVIEW

Wie lebt es sich zwischen Ruinen? Interview mit Christian und Judith Vogt über „Wasteland“


Eine postapokalyptische Welt aus den Ruinen eines zerstörten Deutschlands: In „Wasteland“, dem neuen Roman von Judith und Christian Vogt,  hat ein Virus die Menschheit beinahe ausgelöscht. Hier gibt es ein ausführliches Interview mit den beiden Autoren.

 

TOR ONLINE: Könnt ihr „Wasteland“ in einem Satz zusammenfassen?

Judith: Hmmmm … Zwischen einer anarchistischen Gemeinschaft, einer Gang auf einem Schaufelradbagger und einem Mann, der ein Baby im Wald gefunden hat, sucht Laylay nach Antworten auf die Rätsel ihrer eigenen Existenz. So?

„Wasteland“ zeigt eine andere Art von nicht nutzbarem Land:  das Wasteland besteht aus einem wilden Dschungel, dessen Betreten mit einer gefährlichen Krankheit einhergeht. Wieso habt ihr euch dazu entschieden, die bewohnbaren Teile als Wüste und den Rest als unbetretbares Paradies darzustellen? 

Judith: Ich denke, dabei spielte der Gedanke ans Insektensterben eine Rolle. Was wäre, wenn Insekten überall ausgestorben wären, außer in den Gegenden, in denen mit einem Kampfstoff alles menschliche Leben ausgelöscht wurde? Dann würden sich in diesen Gegenden Bäume, Blütenpflanzen, fruchtbare Erde, Verrottungsprozesse entfalten können, während der Rest Steppe wäre, in denen Kadaver endlos verrotten und Menschen ihre Kulturpflanzen auf schlechter Erde selbst bestäuben müssen … Zudem gibt es dadurch natürlich auch Hoffnung: Hoffnung, dass die Insekten zurückkehren, dass das Leben weitergeht.

Was unterscheidet „Wasteland“ von euren anderen Projekten?

Judith: Obwohl wir beide neben der Fantasy auch die Science-Fiction lieben, haben wir bislang wenig in diese Richtung veröffentlicht. Mein „Roma Nova“ ist als mein erster SF-Roman im vergangenen Jahr bei Lübbe erschienen, nachdem es 6 Jahre Schubladendasein gefristet hat. Wir freuen uns total, dass offenbar gerade auch Science-Fiction von Near Future über Cyberpunk bis zur Space Opera wieder stärker gefragt ist! Außerdem ist „Wasteland“ irgendwie auch eine Apokalypsen-Romanze. Wir haben noch nie eine Romanze geschrieben.

Christian: „Wasteland“ ist unsere erste Postapokalypse und damit mal etwas ganz anderes, obwohl wir schon einiges im Steampunk veröffentlicht haben und beide Genres scheinen eine Vorliebe für selbstgebastelte Werkzeuge und für eine ähnliche Ästhetik zu habe. Ein wesentlicher Unterschied fällt mir auf: In vielen unserer Romane müssen die Charaktere in einer wenig gerechten, von Hierarchien geprägten Gesellschaftsordnung bestehen und versuchen häufig, einen Wandel herbeizuführen (viva la revolución!). In „Wasteland“ kämpfen sie darum, eine utopische Gesellschaft gegen das „Recht des Stärkeren“ zu behaupten.   

Die Autoren Judith und Christian Vogt

© Yannick Vogt

Eine Geschichte in der Zukunft anzusiedeln, erfordert meist recht viel Recherchearbeit. Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Judith: „Wasteland“ spielt „nur“ 45 Jahre in der Zukunft. Die Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen uns schon seit Jahren, dazu kam die Frage, wie eine Welt aussehen könnte, in der die Insekten sterben. Und außerdem sind wir in die Vergangenheit gegangen: Es gibt ja dieses geflügelte Wort „in die Steinzeit zurückgebombt“ – wir haben uns gefragt, wie lebt es sich zwischen Ruinen? Welche Gesellschaftsform wird vorherrschen, auf welche Weise kann das Leben in solchen Gemeinschaften vielleicht auch ein besseres Miteinander sein? Welche Rolle spielen Einzelne? Wie kommen solche Gesellschaften mit den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Mitglieder klar?
Uns ist klargeworden, dass wir keine Dystopie erzählen wollen. Inmitten eines dystopischen Settings soll die Gemeinschaft, in der die Hauptfiguren sich befinden, eine utopische sein. Das heißt, wir haben nicht nur die Schattenseiten der nahen Zukunft erforscht, sondern auch neue Möglichkeiten: Wie könnte Anarchismus funktionieren? Wie kann eine Gemeinschaft „post-gender“ sein? Wie würde es sich irgendwo leben, in der „das Normale“ einfach nicht existiert? In der es absolut okay ist, du selbst zu sein, wie auch immer das aussieht?

Gemeinsam ein Buch schreiben – wie kann man sich das vorstellen? Worauf einigt ihr euch schnell und wo kommt es zu Konflikten?

Judith: Wir überlegen uns zusammen die Handlung, ich schreibe dann jedoch den Großteil davon, einfach, weil das mein Hauptjob ist, während Christian noch als Physiker arbeitet. Das heißt, Christian sucht sich Passagen oder Perspektiven aus, die er dann am Wochenende oder abends schreibt. Wir fügen das dann zusammen und überarbeiten uns gegenseitig, damit man es nicht mehr herausliest.
Wobei diese Überarbeitung in „Wasteland“ nicht so wichtig war wie beispielsweise in „Die 13 Gezeichneten“, wo die Erzählstimme ja immer gleich klingen muss. „Wasteland“ hat zwei Ich-Erzählende (die jedoch beide größtenteils von mir geschrieben wurden) und dann noch ein paar sehr wilde Cyberschamanen-Passagen (die größtenteils von Christian stammen). Aber nagelt uns nicht darauf fest: Ausnahmen bestätigen die Regel, und wir haben beide auch das jeweils andere geschrieben.

Christian: Meist läuft es harmonisch ab. Wir freuen uns, die Texte der / des jeweils anderen zu lesen und die gemeinsam entwickelte Geschichte Form annehmen zu sehen – aber „meist“ ist nicht „immer“, und es kommt natürlich auch zu Konflikten – meist, wenn wir beide eine ganz bestimmte Vorstellung von einer Szene haben, die aber unterschiedlich ist, weil wir im Vorfeld nicht genug darüber gesprochen haben – aber dann überwinden wir letztlich unsere Eitelkeiten und finden eine gute Lösung.

In „Wasteland“ gibt es viele tolle Charaktere. Welcher ist euch am meisten ans Herz gewachsen?

Judith: Zeeto und Laylay teilen sich ja die Perspektive als Ich-Erzählende. Ich mag Laylay, weil ihre Gedanken so zugänglich sind. Aber Zeeto mit all seinen manchmal rätselhaften Aufs und Abs ist einfach der Beste, er ist unstet und anstrengend und manchmal depressiv, aber auch wild entschlossen und witzig und hingebungsvoll. (Er war auch der Liebling der Testleser*innen.)

Christian: Root. Ganz klar. Nur er hat es drauf, die Geister des WeWeWe zu beherrschen. Und er wird triumphiert haben – mehr verrate ich nicht.

Falls ihr euch und eure (Buch-)Projekte in drei Adjektiven beschreiben müsstet: welche würdet ihr wählen und warum?

Christian: Revolutionär – weil wir gern über Revolutionen schreiben!

Judith: Anarchistisch – weil wir quer durchs Genre schreiben. Ist eigentlich dumm, Leser*innen und Buchhändler*innen lieben Schubladen. Aber wir haben ständig Lust auf neue Sachen.

Christian: Feministisch.

Judith: Weil Fantasy und Science-Fiction die besten Orte dafür sind.

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