Von Weltenflüchtern und Weltenschöpfern

ESSAY

Ist die phantastische Literatur ein Biotop für Weltenflüchter?


Bernhard Hennen
13.10.2019

Sind wir alle Eskapisten, die Fantasyromane lesen, während unsere Welt in Plastikmüll erstickt? Mitnichten – denn auch Fantasyliteratur bietet zahlreiche Chiffren, die unsere Wirklichkeit codieren. Ein Text von Bernhard Hennen.

Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Zeiten, in denen Werte am unmittelbar greifbaren Nutzen gemessen werden. Schwere Zeiten für all jene, die sich mit dem Ungreifbaren beschäftigen.

Es sind Zeiten, in denen Bibliotheken ihr Recht auf Existenz verteidigen müssen, weil mutmaßlich jegliche Texte auch im Internet abrufbar seien. Zeiten, in denen Autoren phantastischer Literatur vorgeworfen wird, dass unsere Existenz Eskapismus sei und wir Weltenflüchter-Literatur schreiben.

Ist die phantastische Literatur also ein Biotop für Weltenflüchter?

Zunächst einmal gilt für mich, dass ein Buch – ganz gleich welches –, das mich nicht binnen weniger Seiten die Welt um mich herum vergessen lässt, versagt hat. Doch zurück zum Vorwurf der Weltenflüchter. Leisten wir uns den Luxus, nicht sofort weiter zu hetzen, sondern bei diesem Wort zu verharren.

Weltenflüchter.

Für mich ist das jemand, der das Hier und Jetzt im Geiste verlässt, um sich eine andere Welt vorzustellen. Es müssen solche Menschen gewesen sein, die das Feuer in die Höhlen der Steinzeit getragen haben, denn Fortschritt resultiert aus der Fähigkeit, über die Gegenwart hinauszudenken.

Die phantastische Literatur unserer Welt entwickelt unzählige denkbare Zukünfte. Manche wurden von der Gegenwart überholt. Andere klingen wie Märchen.

Leisten wir uns einen Eskapismus. Reisen wir in Gedanken in den Herbst 1813. Wir sind in einem Gasthaus nahe Kassel. Wilhelm Grimm hat gerade die greise Dorothea Viehmann verlassen, die ihm wieder einmal Märchen erzählte, die er später gewissenhaft aufschreiben wird. Nun sitzt Wilhelm Grimm über einer dampfenden Kartoffelsuppe. Am Nebentisch murmelt ein hohlwangiger Mann von den Schrecken des Russlandfeldzuges, auf dem er den großen Napoleon begleitet hat.

Mutig setzen wir uns neben Wilhelm Grimm. Er sieht nicht ganz so aus wie auf den Kupferstichen, fragend blickt er zu uns auf. Der Blick ist müde, abweisend. Gleich wird er uns fortschicken, wenn wir nicht sofort sein Interesse gewinnen. Wir legen ein Handy auf den Tisch und beginnen von diesem kleinen Zauberkästchen zu schwärmen. Wir erklären, dass wir das Wissen der ganzen Welt über dieses kleine, eigentümliche Kästchen abrufen können. Nur leider haben wir 1813 kein Internet und bleiben den Beweis schuldig.

Wilhelm Grimm beginnt wieder seine Kartoffelsuppe zu löffeln. Seine Geduld mit uns Schönschwätzern ist fast erschöpft, da fällt uns ein, ihm die Bilder auf dem Handy zu zeigen und kurze Filme. Ja, wir machen ein Foto von ihm.

Die Kartoffelsuppe ist vergessen. Ungläubig tastet er über das Foto unter dem Glas. Jetzt hört er uns zu, und wir erzählen von der Welt, aus der wir kommen. – Ich glaube, diese Geschichten hätte Wilhelm Grimm für märchenhafter gehalten als alles, was Dorothea Viehmann ihm je über Aschenputtel, Schneewittchen oder irgendwelche Zwerge erzählt hat.

1913, hundert Jahre später, gibt es Telefone und Fotoapparate. Allerdings wäre das Handy, das heute fast jeder von uns in seiner Tasche trägt, noch immer ein märchenhafter Zukunftstraum. Weit weg von jeglicher Realität.

Was lernen wir daraus? Nichts ist so vergänglich wie das scheinbar festgefügte Weltverständnis unserer Gegenwart.

Wir kleiden unsere Natur in Gesetze, um sie beherrschbar erscheinen zu lassen. 3750 Naturkatastrophen mit mehr als 700.000 Toten in den letzten zehn Jahren sprechen eine andere Sprache. Wir jagen der Illusion nach, diese Welt zu verstehen, um uns sicher zu fühlen. Wir gebieten über Technik, die vor nur drei Generationen märchenhaft erschienen wäre. In Mikroprozessoren geronnene Träume von Phantasten.

Immer schneller verändert sich die Welt. Immer größer wird der Fortschritt, der in der Lebensspanne eines einzelnen Menschen erreicht wird. Die Welt, in die wir geboren wurden, ist lange gestorben, bevor man uns ins Grab legt. Denkbarkeit ist die letzte Grenze geworden, so scheint es …

Und die Gesellschaft? Kehren wir zurück zum Ungreifbaren. Wie wütet der Fortschritt in den Seelen derer, die dazu verdammt sind, ihre Welt zu verlieren, lange bevor sie ihr Leben verlieren?

Science Fiction hat seit langem den Ruf, zukünftige Gesellschaften zu entwerfen. Aber Fantasy? Sind das nicht die Märchentanten und -onkel der modernen Literatur?

Manche halten Märchen für Balsam für unsere Seelen. Vielleicht sind sie deshalb – im Gegensatz zu anderen Errungenschaften aus Wilhelm Grimms Zeit wie etwa Mesmerismus und Schnupftabak – immer noch populär. Geschichten von einer Welt, in der die unterdrückte Stieftochter über Nacht zur Prinzessin aufsteigen kann. Geschichten, die Mut machen, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, in der Hoffnung, dass es selbst dann, wenn man unbedeutend erscheint, möglich ist, die Welt von morgen zu verändern.

Tut das nicht jeder Roman, der vom Kampf eines Helden erzählt? Ja, aber wie sehr identifiziere ich mich mit einer Kommissarin, einem pfiffigen Sekretär, einer Automechanikerin oder einem Erzieher, wenn ich zum Beispiel Finanzbeamter bin? Ein Fantasyheld ist losgelöst von den Rollen und Berufen unserer Gesellschaft und deshalb ein Held für alle, eine individuelle Indentifikationsfigur. Oft beginnt er als Außenseiter, ohne besondere Eigenschaften – diese entwickeln sich erst im Laufe der Zeit – außer der einen, alles entscheidenden: der Bereitschaft, sich auf ein Abenteuer einzulassen.

Warum aber von Drachen schreiben in Zeiten, in denen unsere Welt in Plastikmüll zu ersticken droht?

Lesen Sie in Ihrer Freizeit Geschichten über die Welt, die in Plastikmüll erstickt? Oder fliehen Sie davor? Die Mehrheit tut letzteres. Aber kann man unserer Welt überhaupt entkommen? Märchen gesteht man inzwischen zu, dass böse Wölfe, hinterhältige Stiefmütter, Hexen und schwarze Ritter Chiffren sind, die unsere Wirklichkeit codieren. Gestehen Sie dies doch bitte auch der Fantasy zu, obschon sich noch nicht Generationen von Universitätsprofessoren mit den Chiffren dieser Welten beschäftigt haben. Sie bleiben skeptisch? Gestatten Sie, dass ich ein wenig den Schleier lüfte, wie eine meiner Welten entsteht.

Am Anfang meiner Arbeit steht ein Hauptthema, um das sich die werdende Geschichte drehen soll. Bei den Chroniken von Azuhr sind dies zum Beispiel die sogenannten fake news. Wie sähe eine Welt aus, in der ein talentierter Erzähler die Wirklichkeit umschreiben – neu schreiben – kann, indem er geschickt Lügen platziert? Eine Welt, in der wahr wird, was die Menschen glauben?

Ich habe diese Welt Azuhr genannt, nach der azurblauen Ferne, wo an einem Sommertag Himmel und Meereshorizont untrennbar eins werden. Zu Beginn der Serie ist es eine Welt, die der unseren im ausgehenden 14. Jahrhundert gleicht. Zunächst gibt es keine Magie und keine Fabelwesen. All dies hält erst durch ein kosmisches Ereignis schleichend Einzug. Den meisten Menschen sind die Kräfte, die ihre Welt verändern, rätselhaft. Doch die Veränderungen werden schnell offensichtlich. Zunächst treten die Märengestalten in Erscheinung. Figuren aus weit verbreiteten Märchen. Der Grym zum Beispiel, ein gewaltiger Bär, manifestiert sich in dunklen Wäldern, weil er einen festen Platz in der Welt von Kindern hat, die an diese Schreckensgestalt glauben. Und dass es plötzlich Wanderer gibt, die ihm begegnet sind, verstärkt den Glauben an ihn. Da es, wie in vielen Märchen, keine konkrete Ortsangabe gibt, wird das Problem komplex. Man kann in jedem dunklen Wald dem Grym begegnen. Und nicht nur ihm … helfende und übellaunige Kobolde treten in die Welt, Nixen und Hexen, Basilisken und Einhörner.

Das ist die märchenhafte Komponente. Aber was ist mit den Menschen, zu denen viele andere aufblicken? Leitfiguren. Priestern zum Beispiel. Wenn man ihnen glaubt, dann haben sie die Macht, durch ihr Wort die Welt zu verändern. Sie erinnern sich? Wahr wird, was geglaubt wird. Und wenn es eine Lüge ist? Dann wird sie die Wirklichkeit überschreiben, ja, Lügen haben sogar die Macht, einzelne Menschen zu einem Zerrbild ihrer selbst werden zu lassen, mit nicht mehr als nur einer vagen Erinnerung daran, dass sie früher möglicherweise einmal anders waren.

Nur eine düstere Phantasie? Hatten Sie schon mal das Gefühl, dass einander widersprechende Nachrichten, sie orientierungslos zurücklassen? Dass Ihnen die Wahrheit entgleitet? Oder sie einfach so komplex ist, dass sie nicht mehr zu erfassen ist?

Nandus Tormeno, Erzpriester von Cilia, ist eine Romanfigur in der Welt Azuhr, die für sich das Recht beansprucht, mit Wahrheit gestalterisch umzugehen, so lange dies auf moralisch integerer Basis und zum Wohl der Allgemeinheit geschieht. Milan, sein jüngster Sohn, rebelliert gegen dieses Weltbild. Für ihn ist Wahrheit ein unveränderliches Gut. Beide geraten sie in die Machtkämpfe einer Welt, die aus den Fugen gerät, in der alle Gewissheiten auf den Kopf gestellt werden und in der, was immer vorstellbar ist, Gestalt annehmen kann, wenn man eine glaubwürdige Geschichte erzählt. Zutiefst verunsicherte Menschen, die sich in einer rasant verändernden Welt nichts mehr wünschen als neue Gewissheiten, um die sie ihr Leben aufbauen können, werden zum fruchtbaren Boden für die Samen, die Nandus und Milan streuen, denn beide sind begabte Geschichtenerzähler. Und eine Welt im Umbruch ist formbar für jeden, der ihr mit einer großen Vision entgegentritt.

So begegnen diese beiden Helden Handelsfürsten mit Monopolphantasien, Herrschern, die sich die ganze Welt untertan machen wollen, Verschwörern, die verstanden haben, wie die neue, magische Welt manipuliert werden kann, und Märengestalten, die davon träumen, sich vom starren Drehbuch ihrer Mär lösen zu können, um frei zu sein. Klingt da manches vertraut?

Lassen Sie sich ein auf das Abenteuer der phantastischen Literatur, und lassen Sie sich überraschen, welche Schätze dort verborgen liegen mögen. Azuhr ist nur eine Welt, es warten Hunderte auf Sie, und irgendwo, zwischen zwei Buchrücken, ist die Zukunft schon Gegenwart.

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