Leslie S. Klinger: König der Kommentierer – und mehr

BUCH

Detailverliebt unter Geeks: Ein Porträt über Herausgeber Leslie S. Klinger


Sherlock Holmes, Lovecraft, Dracula: Leslie S. Klinger hat sich als Herausgeber und Aufbereiter großer  literarischer Genre-Stoffe einen Namen gemacht. Ein Porträt von Christian Endres.

Im Zuge der Recherchen für meine Kurzgeschichtensammlung „Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes“ stürzte ich mich vor fast fünfzehn Jahren in die fiktiven, für viele Menschen aber äußerst realen Leben von Mr. Sherlock Holmes und Dr. John Watson. Schnell fand ich zwei Helden, ach was, Götter unter den Sherlockianern, jenen ausgewiesenen, kritischen und hellwachen Experten für Sir Arthur Conan Doyles weltberühmte Schöpfung, die diese mit großem Ernst studieren und analysieren (und als real betrachten und behandeln): William S. Baring-Gould und Leslie S. Klinger. Auf Baring-Goulds im Jahr 1967 veröffentlichte kommentierte Werkausgabe der klassischen Geschichten Conan Doyles hatte ich damals leider keinen Zugriff, sehr wohl jedoch auf seine maßgebliche Biografie des großen Detektivs aus der Baker Street, die meine Zeitleiste und Meta-Spielereien erheblich beeinflusste.

Dass ich die Edition des Original-Kanons mit Baring-Goulds Ansichten und Anmerkungen nicht griffbereit hatte, machte nicht viel, denn 2004 und 2005 hatte Leslie Klinger gerade seinen „The New Annotated Sherlock Holmes“ in drei Bänden veröffentlicht, einen allemal würdigen, sozusagen elementaren Nachfolger als Standardwerk über Holmes’ Abenteuer und Ära – eine wahre Fundgrube des Wissens und ja, der Inspiration („… hatte Leslie Klinger gerade seinen …“, schreibe ich hier, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dabei wusste ich beim ersten Lesen des Namens Leslie Klinger nicht einmal sicher, ob dahinter ein Mann oder eine Frau steckt. Alles eine Weile her, wie gesagt, aus heutiger Sicht freilich zum Schmunzeln.).

Bemerkungen mit Biss

1946 in Chicago geborenen, studierte Leslie Klinger in Berkeley, erlernte den Beruf des Anwalts und stritt vor einigen Jahren mit Conan Doyles Erben um die Gemeinfreiheit mehrerer alter Fälle von Holmes und Watson. Doch es dauerte ein bisschen, bis ich Klinger nicht mehr „nur“ als viel gerühmten Sherlockianer sowie international anerkannten Fachmann für das viktorianische Zeitalter und dessen Literatur wahrnahm. Eine von Klinger mitherausgegebene Anthologie neuzeitlicher Sherlock-Holmes-Geschichten später fiel es mir dann aber wie Schuppen von den Augen. Der Mann hatte neben seinem Meisterwerk der Holmes-Forschung, das faktenreich und -freudig durch die Fälle und Epoche des ikonischen Meisterdetektivs führt, 2008 obendrein den fantastischen Genre-Klassiker „Dracula“ von Bram Stoker einer ähnlich beeindruckenden, da tiefschöpfenden Experten-Behandlung und bissigen Fakten-Bestückung unterzogen. Und es ging noch weiter.

Im Jahr 2014 legte Klinger einen ersten kommentierten Band zu H. P. Lovecrafts Weird-Fiction-Schaffen vor, dessen Tentakel sich bis heute durch unsere Popkultur winden (das Buch, eine richtige Lovecraft-Bibel, liegt bei FISCHER Tor auf Deutsch vor, auf Englisch steht der zweite Band just in den Startlöchern und wird ebenfalls bei Tor erscheinen). 2015 gab Klinger eine Anthologie mit Horrorgeschichten heraus, die zwischen 1816 und 1914 publiziert wurden und deren Autoren im Schatten von Edgar Allan Poe standen und stehen (darunter Stoker, der nicht gerade als Kurzgeschichtenautor berühmt wurde, und Conan Doyle, dessen Wahrnehmung bis zum heutigen Tag von einem gewissen Detektiv dominiert wird). Später tat Klinger dasselbe mit schreibenden Zeitgenossen von Agatha Christie, dazu kommen Anthologien über amerikanische Krimiautoren der 1920er, betagte Geistergeschichten und Justizirrtürmer.

Im Jahr 2017 folgte „The New Annotated Frankenstein“, worin er Mary Shelleys Protoroman der Science Fiction und der Schauerliteratur ebenfalls kenntnisreich mit massig Infos und Hintergründen versah. All das begeisterte mich zwar, wunderte mich inzwischen allerdings nicht mehr groß. Kommentiert von Leslie Klinger? Das war für mich, wie für viele andere, längst ein vertrauenswürdiges Gütesiegel für Klassiker-Aufbereitungen geworden.

Leslie S. Klinger: Bram Stoker - Dracula - Große kommentierte Ausgabe
Leslie S. Klinger: H.P. Lovecraft - Das Werk

Wer kommentiert die Wächter?

Zwischenzeitlich staunte ich dagegen sehr wohl darüber, dass das Interesse und Wissen des Amerikaners sich nicht allein auf Meilensteine der Weltliteratur aus dem 19. Jahrhundert und deren faszinierende Entstehungszeit beschränkte. Denn ebenfalls 2017 legte Klinger, der für seine Arbeit als Herausgeber u. a. mit dem Edgar Award (dem wichtigsten Preis der US-Krimiszene) und dem Bram Stoker Award (dem namhaftesten Preis der englischsprachigen Horrorliteratur) ausgezeichnet wurde, eine kommentierte Ausgabe von Alan Moores und Dave Gibbons Comic „Watchmen“ vor. Also die kommentierte Fassung des vermutlich berühmtesten und einflussreichsten Comics aller Zeiten (inszeniert von zwei Briten, nur fürs Protokoll), der als Superhelden-Decodierung das Ansehen der neunten Kunst und die Ambitionen des grafischen Erzählens in den 80ern fast im Alleingang revolutionierte. Wie passend, dass Klinger, dieser große Decodierer und Kommentierer gewichtiger Genre-Literatur, sich der Bildergeschichte „Watchmen“ annahm, einem der wenigen Comics, den Außenstehende oft ohne mit der Wimper zu zucken als hohe Literatur zu akzeptieren bereit sind.

Nach diesem Überwerk der Comic-Kunst kam in evolutionärer Hinsicht ab 1989 direkt Neil Gaimans literarisch-phantastische Comic-Saga „Sandman“ über das Pantheon der Ewigen und alles, was das menschliche Leben und Träumen ausmacht. Klinger widmete diesem Highlight der Phantastik und des Comics zwischen 2012 und 2015 gleich vier fette Bände mit seinem bewährten Anmerkungsapparat samt Layoutmodell aus Hauptwerk in der Mitte und den üppigen Textspalten am Rand. Übrigens sind sowohl die kommentierte Comic-Edition von „Sandman“ als auch die von „Watchmen“ in Schwarz-Weiß gehalten, falls der eine oder andere jetzt einen Anschaffungsimpuls verspürt (nicht, dass es den Panel-Storys schaden würde).

Die von Klinger verantworteten Ausgaben der Comic-Epen Alan Moores und Neil Gaimans bezeugen zudem den Respekt, den der Amerikaner in elitären kreativen Kreisen genießt. Der gern mal grummelige und kratzige Moore steuerte das Vorwort zu Klingers erstem „Lovecraft“ bei, Gaiman die Einleitung zu „Dracula“ – und für Frühjahr 2020 ist Klingers „The Annotated American Gods“ angekündigt, eine weitere Kooperation der Freunde Klinger und Gaiman, die sich vor vielen Jahren passenderweise erstmals auf einer exklusiven Tagung der verschworenen Holmes-Gelehrten von den Baker Street Irregulars trafen.

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Der Genuss des Geeks

Ob Holmes, Dracula, Lovecraft, Watchmen oder Sandman … Leslie S. Klinger ist auf jedem Gebiet ein ausgewiesener, zu Recht viel gelobter Experte von der besten Sorte. Jemand mit akademischem Rüstzeug und wissenschaftlichem Anspruch, der trotzdem nie den Unterhaltungswert seiner mit einer Flut an Fakten und Kommentaren versehenen Ausgaben berühmter Bücher und Comics aus den Augen verliert; jemand, der weiß, dass sich Seriosität und Sinnesfreude durchaus verbinden lassen. Der belesene Klinger, der z. B. als erster Autor Zugang zu Stokers Original-Manuskript hatte oder intensiv mit Gaiman über „Sandman“ fachsimpelte, arbeitet nie für ein reines Fachpublikum, nie für den akademischen Selbstzweck, legt es niemals auf die klassische, strenge Analyse an. Und so hat er zu keinem Zeitpunkt Scheuklappen auf und schließt außerdem niemanden aus. Die Klassiker, mit denen er sich beschäftigt, sind für alle da, und genauso läuft es mit seinen Bearbeitungen. Wer genug vielseitiges Interesse am Stoff und an Klingers minutiösen Konzentrationen und marginalen Abschweifungen mitbringt, wird belohnt.

In der druckfrischen „Dracula“-Ausgabe können deutschsprachige Leser und Sammler gerade einmal mehr sehen, wie detailversessen Klinger vorgeht, wie gut er recherchiert und vermittelt, und wie viel Spaß er im Labyrinth der tausend Fakten und Verweise und Gedanken und Bilder hat, das er neben dem Originaltext als unglaubliche Würdigung und unerschöpfliches Wissensressort errichtet. Dennoch spürt man stets, dass bei alldem jemand zugange ist, der diese Art Literatur mit Hingabe liebt und hegt und lebt. Auf gewisse Weise ist er einer von uns, ein Nerd, ein Geek, ein Genre-Kenner und -Genießer, gewissermaßen ein Gleichgesinnter, nur auf einem anderen Level, und das macht Leslie Klinger und die von ihm herausgegebenen Klassiker umso sympathischer.

Und womöglich noch ein bisschen besser, als sie ohnehin schon sind.

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