„Jeder gute Geschichtenerzähler ist ein Magier“: Interview mit Bernhard Hennen

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BUCH

„Jeder gute Geschichtenerzähler ist ein Magier“: Interview mit Bernhard Hennen


Mit „Der träumende Krieger“ schließt Fantasy-Erfolgsautor Bernhard Hennen seine Trilogie „Die Chroniken von Azuhr“ ab. Im Interview sprechen wir mit ihm über Worldbuilding und Realismus, Geister und Magie – und über Teigtaschen mit Honigfüllung.

Die Welt von Azuhr ist reich an Schauplätzen; mit jedem Band erweitert sich der Horizont. Du selbst bist ja auch schon viel herumgekommen. Kannst Du beschreiben, inwieweit Deine eigenen Reiseerfahrungen in das Worldbuilding von Azuhr einfließen? Ein Teil des Buches ist ja in Seoul/Südkoera entstanden – welchen Einfluss hatte dieser Aufenthalt auf das Manuskript?

Seit ich schreibe, war es immer ein Traum von mir, während eine Geschichte entsteht, an einem Ort zu sein, der den Schauplätzen des Buches nahe kommt. In diesem Frühjahr hat sich, nach 26 Jahren als Autor, dieser Traum erfüllt. Ich war als Gast eingeladen in die Seoul Art Space_Yeonhui, eine Künstlerkolonie der Stadt Seoul in Südkorea. In mehreren Häusern gibt es dort Appartements, die von Schriftstellerinnen und Schriftstellern belegt werden. In einem ruhigen Viertel der 17-Millionen-Stadt liegt die Anlage in einem kleinen Park. Es herrscht himmlische Ruhe und doch sind Museen, exotische Märkte oder die verschiedenen Stadtzentren und Universitäten nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt. Die koreanische Kollegin YK Yoon hat mich, wann immer es möglich war, eingeladen, um mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wie etwa den Königspalast Gyeongbokgung („Strahlende Glückseligkeit“), die verwinkelten Gassen der Altstadt, aber wir waren auch zu Besuch auf einer interdisziplinären Genderkonferenz. Unmittelbaren Niederschlag im Buch fanden die Nudelküchen, die sie mir gezeigt hat, und die Straßenstände, an denen es Köstlichkeiten wie frittierte Teigtaschen mit Honigfüllung gab. Wobei sich diese heiße Füllung bei unvorsichtigem Genuss als überaus tückisch erweisen kann. (Ich habe mir nicht nur die Zunge, sondern auch die Finger verbrannt.) Wesentlich ungefährlicher war ein Klischee, das ich schon lange in meinem Kopf getragen habe: die Kirschblütenzeit in Asien zu erleben. Und ich muss sagen, es war einfach schön. Und auch dieser Eindruck findet sich im neuen Buch. Der einzige Fehlschlag war die Suche nach dem Geist im Park, der nach mehreren Augenzeugenberichten nach Mitternacht anzutreffen ist, mir jedoch trotz mehrfacher nächtlicher Wanderungen partout nicht begegnen wollte.

[Die Fotos zeigen einige Impressionen von Bernhard Hennens Südkorea-Reise. Anm. d. Red.]

Wo in der Welt von Azuhr würdest Du am liebsten leben?

Ob ich in einer Welt mit fragwürdiger Justiz und ohne akzeptable medizinische Versorgung leben möchte? In einem magischen Zeitalter schon. Was gäbe es Schöneres als eine Welt, in der Träume Wirklichkeit werden können, wenn man nur vehement genug für sie eintritt. Dies ist das große Thema des letzten der drei Azuhr-Romane. Und mir würden sowohl Cilia als auch die großen Städte im südlichen Khanat sehr gut gefallen.

© Bernhard Hennen

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Und wo in unserer Welt?

Einer der schönsten Orte, die ich auf meinen Reisen besucht habe, war Carmel-by-the-Sea in Kalifornien. So sehr mich die vor Leben überquellenden Städte Asiens und des Vorderen Orients begeistern, wäre diese Stadt des Lichts, der Ruhe und der wunderbaren Strände doch der Ort meiner Sehnsucht.

Du selbst hast das Phänomen der Märengestalten aus Deinen "Chroniken von Azuhr" mit Fake News verglichen – ein Schlagwort, das einem gerade täglich aus den Nachrichten entgegenspringt. Wie viel Realismus steckt in Fantasy – und wie viel Realismus verträgt sie?

In Azuhr geht es darum, wie erdachte „Wirklichkeit“ die Welt verzerrt, wenn sie nur genügend Gläubige findet. Ein Phänomen, das es, wie ich finde, auch in unserer Welt gibt. Wenn ich Nachrichten aus China ansehe, bekomme ich einen ganz anderen Blick auf die Welt, als ihn mir die deutschen 20:00-Uhr-Nachrichten liefern. Wenn ich durch Asien reise und Menschen begegne, für die Geister und Magie ganz selbstverständlich Bestandteile unserer Welt sind, dann erscheint mir bei meiner Rückkehr das „rationale“ Europa bedrückend nüchtern. Ich glaube an magische Momente im Leben und hoffe, dass mir die Fähigkeit, diese Augenblicke wahrzunehmen, nicht verloren geht. Dieses Bild von unserer Welt, ihren Problemen, aber auch ihrer Großartigkeit, fließt in alle meine Bücher. Insoweit steckt eine Menge Realismus in meinen Büchern, denn sie wurden alle aus dieser, unserer Welt geboren, und wenn ich von Elfen, Trollen und Zauberwebern schreibe, dann sind dies oft nur Metaphern, denn ist nicht jeder gute Geschichtenerzähler auch ein Magier, der es schafft, den grauen Alltag für die Dauer einer Mär verblassen zu lassen?

Mit dem dritten Band gehen nun die "Chroniken von Azuhr" zu Ende. Wie fühlt sich das für Dich an, diese Trilogie abzuschließen?

Azuhr war für zweieinhalb Jahre das Hauptprojekt, das einen Großteil meiner kreativen Energie gebunden hat. In dieser Zeit ist eine ganze Welt entstanden, welche die Leserinnen und Leser im dritten Band nun in all ihrer Vielfältigkeit kennen lernen werden. Azuhr nun zu verlassen, erfüllt mich – bei aller Lust, zu neuen Ufern aufzubrechen – mit Wehmut. Mit der Trilogie ist eine abgeschlossene Geschichte erzählt, doch ist die Welt so groß, dass sie noch Stoff für etliche weitere Romane bieten würde. Ich hätte Ideen für einen recht ungewöhnlichen Fantasy-Krimi und für einen weiteren epischen Roman mit zwei sehr starken Frauenfiguren. Doch zunächst wird meine schriftstellerische Reise mich in andere Welten führen.

Die Trilogie im Überblick

Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr - Der Verfluchte
Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr - Die weiße Königin
Bernhard Hennen - Die Chroniken von Azuhr - Der träumende Krieger

Und woran arbeitest Du als Nächstes?

Gerade habe ich den Epilog für Friedhelm Schneidewinds Roman „Das magische Tor im Kaukasus“ geschrieben, den achten Band in der Reihe Karl Mays Magischer Orient. In den nächsten Tagen wird eine Novelle für die Anthologie „Unknown“ fertig. Hier steht nur noch eine letzte Korrekturlesung an. An den Sonntagen arbeite ich mit der koreanischen Kollegin YK Yoon an einem „Silk Punk“-Roman, der zur Zeit des ersten Opiumkriegs spielt. Dies ist ein sehr anspruchsvolles Projekt, bei dem Teile des Buchs auf Koreanisch und andere Teile auf Deutsch entstehen. Die Textblöcke werden dann ins Englische übersetzt, um Anpassungen in Inhalt und Stil vorzunehmen. Werktags verbringe ich bis Anfang Januar meine Zeit mit den beiden Romanen „Die Phileasson-Saga: Elfenkrieg“ (Band 8) und „Die Phileasson-Saga: Echsengötter“ (Band 9). Im nächsten Jahr werde ich dann mit einem neuen Elfen-Roman beginnen. Es sind also jede Menge neue Geschichten in der Pipeline.

 

Vielen Dank!

© Bernhard Hennen

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