Fantastische Vereine (I)– Heute: Der Ankh-Morpork e.V.

© Jens Kleine

INTERVIEW

Fantastische Vereine (I)– Heute: Der Ankh-Morpork e.V.


Marcel Aubron-Bülles
21.10.2019

In knapp vierzig Romanen widmete sich Fantasyautor Terry Pratchett einer Themenbreite wie kaum ein anderer seines Faches. Hierzulande haben sich seine Fans im Ankh-Morpork e.V. zusammengeschlossen. Der Verein veranstaltet Fantreffen, Stammtische und die Scheibenwelt Convention. Ein Interview mit dem Vorsitzenden Jens Kleine.

Hallo Jens, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir einige Fragen rund um den Ankh-Morpork e.V. zu beantworten. Terry Pratchett muss man sicherlich nicht vorstellen, aber kannst Du ein wenig erzählen, seit wann es euch gibt - und was ihr macht?

Uns gibt es bereits seit 1999. Wir haben uns damals als Fans zusammengeschlossen, um in Deutschland das auf die Beine zu stellen, was wir in England bewundert haben: Eine Scheibenwelt Convention. In den ersten Jahren haben wir uns mit dem Aufbau einer breiten Basis beschäftigt und mit vielen kleineren Projekten Erfahrungen gesammelt, bis es dann 2007 mit der ersten deutschen Scheibenwelt Convention so richtig losging.

Unser Hauptaugenmerk als Verein liegt inzwischen auf dieser Veranstaltung, aber natürlich versorgen wir unsere Mitglieder weiterhin mit aktuellen Informationen rund um neue Scheibenwelt-Projekte und organisieren kleinere Zusammenkünfte in der Zeit zwischen den Conventions.

Was für besondere Momente gab es in der Geschichte eures Vereins, welche blieben bei Dir besonders in Erinnerung?

Der schönste Moment war die erste Scheibenwelt Convention 2007 auf der Freusburg bei Siegen. Dort kam alles zusammen: Jahrelange Vorbereitung, Hunderte von begeisterten Fans und als Überraschungsgast auch noch Terry Pratchett. Wir hatten jede Menge Menge Spaß und so sollte es dann auch die nächsten Jahre weitergehen. Seit der ersten Convention pflegen wir den engen Kontakt zwischen den Fans in Deutschland und den Leuten hinter den Kulissen in England. Das hat eine besondere Nähe geschaffen und uns noch mehr an die Scheibenwelt gebunden. Wir waren plötzlich nicht mehr nur die Konsumenten der Bücher aus einem anderen Land: Wir hatten mit den Autoren und Künstlern zusammen das Wochenende verbracht und Projekte auf die Beine gestellt.

Fantastische Vereine (I)– Heute: Der Ankh-Morpork e.V.

Terry Pratchett 2007 mit den Aktiven des Ankh-Morpork e.V. auf der Freusburg bei Siegen / © Beate Bischoff

Was macht dieses Treffen so besonders? Was hat sich geändert, seitdem Terry nicht mehr da ist?

Die Scheibenwelt Convention ist eine Veranstaltung von Fans für Fans, bei der nicht das Kommerzielle im Vordergrund steht. Die Veranstaltung läuft praktisch zum Selbstkostenpreis, und wir versuchen eine möglichst stimmige Atmosphäre zu schaffen. Daher findet die Convention auch immer auf einer Burg statt und nicht in verstaubten Konferenzzentren. Bei der Organisation geben wir den Rahmen vor, schmücken die Burg thematisch und stellen die Mittel bereit, die von den äußerst engagierten Besuchern kreativ genutzt werden, um etwas ganz Besonderes zu zaubern. Dabei treten erstaunliche Talente zu Tage. Die Stimmung ist unglaublich familiär, und im Lauf der drei Tage werden viele neue Freundschaften geschlossen.

Für uns als Veranstalter ist es sehr wichtig, dass jeder Besucher nach dem Wochenende etwas mit nach Hause nehmen kann, sei es das Ergebnis eines Bastelworkshops, ein kleiner Tombola-Gewinn oder auch der Muskelkater nach dem Schwertkampf-Kurs.

Geändert hat sich seit dem Tode Pratchetts im Jahr 2015 eigentlich erstaunlich wenig. Die Fans sind so enthusiastisch wie eh und je, und auch unsere internationalen Stammgäste kommen gern weiterhin zur Convention. Schließlich geht es darum, den Namen des Schöpfers der Scheibenwelt ›auszusprechen.‹ Das tun wir sehr ausgiebig und dadurch bleibt alles lebendig.

Fantastische Vereine (I)– Heute: Der Ankh-Morpork e.V.

Gäste der Scheibenwelt-Convention 2017 auf Burg Ludwigstein in Hessen - Panorama. / © Jens Kleine

Natürlich wissen wir auch, dass es keinen Nachschub an Scheibenwelt-Romanen mehr geben wird. Daher versuchen wir immer wieder Neues zu bieten: 2017 konnten wir den Scheibenwelt-Co-Autor Stephen Briggs begrüßen, der bei uns seinen ersten öffentlichen Auftritt in Deutschland absolvierte und bei den Besuchern mit seiner lustigen und nahbaren Art sehr gut ankam.

Desweiteren öffnen wir uns behutsam für andere Autoren, um diese unseren Gästen vorstellen zu können. Wobei wir darauf achten, dass diese möglichst einen Pratchett-Bezug haben. So ist unser Gast 2019 Ben Aaronovitch selbst begeisterter Terry-Fan. Vor kurzem erschien eine Neuauflage des Scheibenwelt-Klassikers »Wachen! Wachen!« mit seinem Vorwort.

Unser Schwerpunkt wird aber immer Terry Pratchett mit seinen Werken sein, denn da gibt es noch viele Facetten zu beleuchten.

Was macht die Faszination Pratchett aus?

Das muss letztlich jeder für sich selbst bestimmen, aber vielleicht ist ja genau das auch ein guter Ansatz. Ein Pratchett-Roman bietet für jeden etwas: Ob ich den Humor mag, die gute Story genießen möchte oder den tiefen und warmherzigen Humanismus schätze, den die Geschichten atmen - fast jede/r findet etwas zur Identifikation und nach und nach beginnt man dann auch, die anderen Aspekte immer mehr zu verinnerlichen. Es ist schwierig, einen Autor zu finden, der den Lesern so viel zu bieten hat.

Wie sieht ihr die kommenden Verfilmungen/Serien z.B. »The Watch«?

Wir sind begeistert, dass Terry Pratchetts Name nach seinem Tod nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird. Seine Familie und engen Freunde arbeiten hart, um neue Projekte mit der Sorgfalt zu erschaffen, wie es Terry selbst tun würde, hätte ihm noch die Zeit zur Verfügung gestanden. Die gerade erschienene Verfilmung »Good Omens« zum Roman »Ein gutes Omen« von Terry Pratchett und Neil Gaiman zeigt sehr deutlich, wie gut das gelingen kann und worauf wir uns in Zukunft noch freuen dürfen. Die Budgets aktueller Produktionen, die modernen technischen Möglichkeiten und die Ansprüche, die dabei an den Tag gelegt werden, übertreffen die TV-Produktionen der Vergangenheit bei weitem. Was dabei herauskommt wird dem Geist der Bücher gerecht. Vor allem auf die Serie über die Stadtwache von Ankh-Morpork sind wir sehr gespannt, hier gibt es viel Potential.

Fantastische Vereine (I)– Heute: Der Ankh-Morpork e.V.

Rob Wilkins, Mitinhaber von Narrativia und Bernhard Pearson, Inhaber des Discworld Emporium, 2011 / © Martin Glauner

Was plant ihr für die Zukunft?

Jetzt stecken wir erst einmal alle Energie in die Durchführung der Scheibenwelt Convention 2019 Anfang Oktober, und danach wird es auch schon gleich mit den Planungen für 2021 losgehen.

Wer sollte Mitglied werden?

Wer schon immer mal Mitglied in einem SEHR exklusiven Club sein wollte, inklusive handgefertigtem Mitgliederausweis und Einwohnerurkunde einer fiktiven, aber dennoch sehr geruchsintensiven Stadt, dem sollten die lumpigen 15 Euro Jahresbeitrag nun wirklich nicht zu viel sein :-)

---

Offizielle Webseite: www.ankh-morpork.de

Die Fangemeinde hält unter anderem mit dem Hashtag #GNUTerryPratchett die Erinnerung an Terry Pratchett aufrecht.

Seite zur Scheibenwelt Convention: www.scheibenwelt-convention.de

 

Über den Autor

Marcel Aubron-Bülles ist gebürtiger Kölner, freiberuflicher Übersetzer und nachdem er 1997 die Deutsche Tolkien Gesellschaft e.V. gegründet hatte irgendwie in Mittelerde hängengeblieben. Die Liebe hat ihn quer durch die Republik ziehen lassen, bis er (vorläufig) in Berlin heimisch wurde, wo er übersetzt, rezensiert, textet, bloggt und sich ehrenamtlich engagiert - alles im Dienste der Phantastik.

Mehr unter: https://thetolkienist.com

Share:   Facebook