Die Zukunft rekonstruieren: Becky Chambers im Interview

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Die Zukunft rekonstruieren: Becky Chambers im Interview


Gleich ihr erster Roman »Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« brachte für Becky Chambers den Durchbruch. Die Science-Fitcion-Autorin im ausführlichen Interview über ihr Wayfarer-Universum.

Mit ihrer lebenslustigen und bewegenden Wayfarer-Reihe hat Autorin Becky Chambers das Herz der Science-Fiction-Leserschaft erobert. Der dritte Band »Unter uns die Nacht« (erschienen bei FISCHER Tor) erzählt von den Menschen, die sich nach der Verwüstung der Erde ein neues Leben im interstellaren Exil geschaffen haben. Wir sprechen mit Becky Chambers über wissenschaftliche Details, über das Schreiben gegen den Trend und über Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit.

Auch wenn sich keines der Wayfarer-Bücher so richtig unter Hard Science Fiction einsortieren lässt, findet sich doch eine ganze Menge fiktiver Technologie darin. Beispielsweise arbeiten sowohl Pepper in »Zwischen zwei Sternen« als auch Tessa in »Unter uns die Nacht« im Recycling, wobei ihre Arbeit recht detailliert geschildert wird, und die Wayfarer-Crew hat es mit handfester Physik zu tun. Woher stammt die Wissenschaft in deinen Geschichten?

Becky Chambers: Bei wissenschaftlichen Themen versuche ich, möglichst verständlich für diejenigen Leser zu schreiben, die sich vielleicht nicht so gut in den MINT-Fächern auskennen, auch wenn ich trotzdem alles auf eine möglichst wissenschaftliche Grundlage stelle. Die Naturgesetze in den Büchern haben starke Ähnlichkeit mit den realen, auch wenn ich mir reichlich schöpferische Freiheiten nehme. Bei bestimmten Fragen – wie zum Beispiel Wurmlöchern – recherchiere ich (wobei ich alles Mögliche verwende, von Artikeln im Internet über Bücher bis zu populärwissenschaftlichen Fernsehsendungen) und vereinfache es dann für die Geschichte.

Früher habe ich als technische Redakteurin gearbeitet, und diese Erfahrung kommt mir jetzt zugute: komplizierte Dinge so zu beschreiben, dass die Leser sie verstehen. Bei erfundener Technik mache ich es ganz ähnlich. Ich konzentriere mich mehr auf das, wozu ein Gerät sich verwenden lässt, als auf seine genaue Funktionsweise. Hier und heute wissen die meisten Menschen schließlich auch nicht, wie die Technik funktioniert, die sie im Alltag benutzen. Für die Zukunft gilt das vermutlich genauso.

Viele der Figuren in dem Buch wirken sehr lebensnah – von der erschöpften Mutter, die ihre Kinder ins Bett bringen will, bis zu den Jugendlichen, die mit gefälschten Ausweisen erwischt werden. Da du ja offensichtlich nicht auf einer Raumschiff-Flotte lebst: Basieren deine Figuren auf realen Vorbildern? Auf persönlicher Erfahrung?

Ich vergleiche das Schreiben eines Buches gern damit, dass man aus dem, was man gerade im Kühlschrank hat, ein Essen zaubert. Die Ideen kommen von nirgendwoher und von überall, und das Gleiche gilt für die Figuren. Da fließt alles Mögliche mit ein - von engen Freunden bis hin zu Gesprächen von Fremden, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Ich höre oft zu, wenn sich die Leute unterhalten, so gruselig sich das auch anhören mag. Das hilft mir, aus meiner kleinen, persönlichen Blase auszubrechen - vor allem bei Figuren, die anders sind als ich. Zum Beispiel habe ich keine Kinder und bin selbst nie mit einem gefälschten Ausweis erwischt worden. Aber kenne ich Menschen, die diese Dinge erlebt haben? Na klar.

Im Zentrum deines neuen Romans steht die Exodus-Flotte. Bei allen Figuren gibt es Überschneidungen mit der Kultur, der Politik und dem Betrieb dieser Schiffe. Wie hast du die Kultur und das politische System der Exodaner entwickelt?

Die habe ich sozusagen rekonstruiert. Aus den früheren Büchern wissen wir ja schon das eine oder andere über die Flotte. Wir wissen, dass die Menschen überlebt haben und immer noch im All leben. Wir wissen, dass die Schiffe alt sind. Wir kennen Ashby, den waschechten Exodaner mit seinem unerschütterlichen Pazifismus und seiner Haltung, die sich am Gemeinsinn orientiert. Wir kennen die Wayfarer – deren Captain, auch wenn das Schiff von allen möglichen Zivilisationen gebaut und instandgehalten wurde, immer noch ein Exodaner ist, der bestimmte Dinge wollen und sie erwarten wird.

Von diesen Puzzleteilen bin ich ausgegangen und habe außerdem mit einbezogen, dass die Exodus-Flotte erfolgreich war. Die Menschen haben überlebt. Ihre Schiffe haben nicht versagt. Ihre Zivilisation ist nicht in Klassenkämpfen oder ideologischen Auseinandersetzungen untergegangen. Beim Schreiben dieses Buches musste ich mich oft einfach nur fragen, wie sie das geschafft haben – unter der Prämisse, dass die Erklärung, wie auch immer sie lauten sollte, eine positive sein musste. Sicherlich ließe sich das alles auch auf ungute Weise erreichen, aber das ist nicht mein Stil.

Auch wenn der neue Roman von allen drei Büchern am stärksten auf die Menschen fokussiert, existieren diese Menschen doch in einem Universum, in dem es zahlreiche empfindungsfähige Spezies und Maschinen-Intelligenzen gibt. Wie gehst du bei der Entwicklung deiner Aliens und deiner KIs vor?

Sowohl bei den Aliens als auch bei den KIs habe ich mich davon leiten lassen, dass die Menschheit im Universum nicht der Standard ist – weder in physischer noch in kultureller Hinsicht, und genauso wenig bei der Wahrnehmung. Die Aliens und die KIs müssen uns so ähnlich sein, dass sie mit menschlichen Figuren sprechen und interagieren können (sonst wären ganz andere Bücher entstanden), aber sie sollten sich »fremd« anfühlen.

Bei Aliens gehe ich normalerweise von einem Tier aus, das kein Primat ist. Ich habe eine besondere Schwäche für Käfer und Tiefseegeschöpfe, aber ich kann alles als Ausgangspunkt nehmen. Ich picke mir Eigenschaften heraus, die mich interessieren, und erweitere sie dann zum Extrem einer vernunftbegabten Zivilisation. Bei KIs nutze ich normalerweise mein Basisverständnis vom Programmieren und Computern. Meine Erfahrungen als Mensch kann ich dabei zwar nicht ablegen, aber gebe mein Bestes, mich in sie hineinzuversetzen.

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Wie gehst du vor, wenn du die Geschichte der Galaktischen Union erfindest? Oder die der Menschheit?

Ich habe ein lokal gehostetes Wiki, in dem alle meine Notizen zur Hintergrundstory liegen. Das ist weit mehr, als ich je verwenden könnte, aber es hilft mir, den Überblick zu behalten. Ich arbeite jetzt schon ungefähr zwölf Jahre daran, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich je viel Zeit darauf verwendet hätte, alles festzulegen. Das ist immer häppchenweise passiert, bei den verschiedensten Gelegenheiten. Manche Ideen kommen mir unter der Dusche oder im Flieger oder irgendwann nachmittags, wenn ich mich gerade für Evolution oder Soziologie oder sonst etwas begeistere. So in der Art.

Es fällt mir schwer, meine Vorgehensweise zu beschreiben, weil da so viel durcheinander geht. Immerhin kann ich sagen, dass mein Konzept für die Menschheit eines war, bei dem die meisten Leute ganz kleine Brötchen backen. Wir haben erkannt, wie einzigartig und zugleich bedeutungslos und auch wie verletzlich wir in der Galaxis sind. Ich bin fest überzeugt, dass wir nur mit dieser Einstellung Entscheidungen treffen können, die unsere Spezies langfristig weiterbringen wird. Das drücke ich durch die Zivilisationen aus, die ich mir ausgedacht habe (zumindest bei den erfolgreichen). Besonders bei den Exodanern.

Besonders gefallen hat mir bei der Wayfarer-Reihe, wie rücksichtsvoll und freundlich die Protagonisten sind. Sie müssen sich zwar durchaus mit echten Konflikten, Kummer und Problemen herumschlagen, aber die Leute, denen wir begegnen, leben ein zugewandtes, bedachtes Leben. Es wirkt wie eine Neuauflage des Idealismus der frühen Star-Trek-Folgen – nur ohne den kulturellen Ballast jener Zeit –, oder auch wie eine von Le Guins vielschichtigen Utopien. Allerdings habe ich den Eindruck, dass in der Science Fiction derzeit die Dystopie und eine Grimdark-Sicht auf die Menschheit vorherrschen. Kannst du ein bisschen darüber erzählen, wie es ist, gegen den Trend anzuschreiben?

Dass Grimdark und Dystopien gerade Oberwasser haben, ist nur logisch. Kunst spiegelt immer die Zeit, in der sie gemacht wird, und unsere Spezies hat derzeit schlimme, beängstigende Probleme. In der Politik sieht es düster aus. Für die Umwelt sieht es düster aus. Da ist es nur verständlich, dass uns beim Gedanken an die Zukunft nicht ganz wohl ist. Und ich halte es durchaus für gesund, diese Furcht durch Grimdark auszudrücken. Wir brauchen ein Ventil dafür, und wir brauchen unbedingt warnende Beispiele.

Aber auf der anderen Seite brauchen wir auch ein Gegengewicht. Wenn man in der Zukunft nur noch Kampf und Elend sieht, ist es sinnlos, etwas zu unternehmen. Ich schreibe darüber, wie es nach dem Kampf weitergeht. Das soll jetzt nicht heißen, dass in meinen Büchern nie etwas Böses oder Schwieriges passiert. Um gut über Hoffnung schreiben zu können, muss man sich auch mit schlimmen Dingen auseinandersetzen. Aber letzten Endes sollen sich meine Bücher wie eine gute Zukunft anfühlen, wie etwas, bei dem man gerne dabei wäre und auf das man hinarbeiten möchte. Die Leute sollen daran glauben, dass es jenseits der Dystopie etwas gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

»Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten« hast du ursprünglich nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne selbst herausgegeben. Die beiden Folgebände entstanden dann unter den Fittichen eines traditionellen Verlages. Was gefällt dir jeweils an den Modellen Selfpublishing oder Verlag?

Der größte Unterschied ist, dass ich jetzt in Vollzeit schreibe, was ich alleine womöglich nicht geschafft hätte. Um als Selfpublisher erfolgreich zu sein, muss man sich super vermarkten können, und das war nie meine Stärke – und genau darin unterscheiden sich auch die beiden Modelle. In meinen Augen ist keine Alternative besser als die andere. Beide sind großartig und haben ihre Vor- und Nachteile. Wenn man einfach nur schreiben will und Gefallen an der Vorstellung findet, dass ein eigens dafür abgestelltes Team das Marketing, den Vertrieb und die juristische Seite übernimmt, dann passt ein herkömmlicher Verlag am besten. Will man hingegen volle Kontrolle über absolut jedes Detail des Buches haben, viele verschiedene Rollen spielen und sein eigener Motor sein, dann ist Selfpublishing wunderbar.

Vereinfacht ausgedrückt hat man als Selfpublisher mehr Freiheit und in einem Verlag mehr Unterstützung. Für mich passt Letzteres besser, aber das muss nicht für jeden gelten. Und es kann gut sein, dass ich irgendwann wieder Selfpublisherin sein werde – wenn ich ein Projekt habe, das sich dafür eignet. Viele Autoren machen beides, und ich finde das großartig!

Das Universum der Galaktischen Union ist riesig – mit einem Panoptikum von Aliens und vielen Jahrhunderten Geschichte. Willst du in diesem Universum weiterschreiben? Und geht es irgendwann wieder zurück zur Erde? 

Ja, ich habe tatsächlich vor, weiter in diesem Universum zu schreiben. Dieses Jahr lege ich eine kleine Pause ein, einfach um den Kopf wieder frei zu kriegen, aber bald geht es weiter. Es gibt in dieser Galaxis noch viele Winkel, die ich mir gerne ansehen würde. Die Erde ist dabei wohl der Punkt, bei dem ich am unschlüssigsten bin. Frag mich in einem oder zwei Jahren noch mal danach.

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Aus dem Amerikanischen von Karin Will.

 

Zuerst erschienen unter dem Titel »Reverse Engineering the Future: Becky Chambers on Record of a Spaceborn Few« 14. Juli 2018 auf https://www.barnesandnoble.com

Mit freundlicher Genehmigung.

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