Alles, was du über Vampire wissen musst

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Alles, was du über Vampire wissen musst


Vampire sind die Dauersauger der Phantastik: Obgleich alle paar Jahre totgesagt, sind sie bislang noch immer wieder ihren Gräbern entstiegen, um mal gruselig, mal verführerisch durch die Popkultur zu wandeln. Ein Blick auf die Jahrtausende umfassende Entwicklung der  Herren und Damen mit den spitzen Eckzähnen.

 

Vampire verstanden sich schon immer gut darin, sowohl wandelbar als auch allgegenwärtig zu sein. In verschiedenen Varianten sind sie auf der ganzen Welt und in zahlreichen Kulturen anzutreffen: Auf den Philippinen treiben sie als Aswang ihr Unwesen, in Teilen Haitis als Werwolf-ähnliche Jé-Rouges, in China als Giang Shi, in der Hindu Mythologie als Baital oder Vetala, im antiken Griechenland u. a. als Lamien und später auch als Wrykólakas. Prägend für viele europäische Vampirsagen war zudem die spätere, teile aramäisch geprägte Vorstellung von Lilith, der verstoßenen ersten Frau Adams. Diese soll sich von der Lebensenergie von Männern ernährt, sie im Schlaf verführt und mit ihnen ihre Nachkommen, die Lilim, gezeugt haben.

Vampirismus als zunächst weibliche Domäne

In der Beschreibung der genannten „Ur-Vampire“ gibt es einige kulturspezifische Unterschiede. Als Wiedergänger beispielsweise tauchen Vampire nur dort auf, wo Erdbestattungen üblich sind, und in manchen Teilen der Welt werden Vampire eher mit Fledermäusen oder (Wer-)Wölfen, in anderen mit Eulen oder Hyänen assoziiert.

Es gibt aber auch viele Gemeinsamkeiten: Die Gier nach Blut oder Fleisch etwa, der Hang zum Entführen von kleinen Kindern, die roten Augen – und dass fast alle mythologischen Vampire als weiblich gedacht werden.

Dafür gibt es verschiedene Grunde: Erstens bedeutet die Vampirwerdung eine Form von Geburt, und diese gilt – wenig überraschend – als weibliche Domäne. Zweitens ist Blut nicht nur ein Symbol des Todes, sondern vor allem auch der Fruchtbarkeit. Drittens galten in vielen Kulturen Frauen, die im Kindbett sterben oder eine Totgeburt erlitten, als besonders gefährdet, als Vampirin wiederaufzuerstehen. Und viertens wird der Vampir oft als leidenschaftliches, sexuell aufgeladenes Wesen begriffen. In patriarchalischen Strukturen heißt das meist, den Vampir als eine Art von femme fatale zu denken, deren Sexualität Männer in den Abgrund stürzt.

So waren denn auch die europäischen Vampire lange Zeit zum Großteil weiblich, wobei sie mit ihrer Form der Fortpflanzung als Antithese zur „normalen Frau“ gesehen wurden, wie etwa Angelika Schoder im essayistischen Sachbuch „Blutsaugerinnen und Femme Fatales“ festhält. Noch im 19. Jahrhundert wurde das Blutsaugen vom Arzt Francis Cooke als „Wiedergutmachung“ des Blutverlusts der Frauen während der Menstruation betrachtet. Der Sozialforscher Havelock Ellis wiederum mutmaßte 1894, Frauen dürste es ständig nach dem männlichen Lebenssaft. Eine literarische Verarbeitung dessen findet sich in „The Blood Drinker“ (um 1900), einer Kurzgeschichte der französischen Schriftstellerin Rachilde.

In der westlich-europäischen Literatur wurden Vampirinnen allgemeinhin als Frauen mit einer Gier nach Liebe, Blut und Sex gezeichnet. Sie waren eine gesellschaftliche Störung, die es jeweils zu vernichten galt. Beispiele dafür finden sich in Samuel Taylor Coleridges „Christabel“ (1797) oder John Keats „Lamia“ (1819). In Varianten wurde das Thema außerdem u. a. in Poes „Berenice“ (1835) und „Ligeia“ (1838), Goethes „Die Braut von Korinth“ (1797), Baudelairs „Der Vampir“ (aus „Die Blumen des Bösen“, 1857), Heines „Helena“ (1844) oder Le Fanus einflussreichem „Carmilla“ (1872) aufgegriffen.

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Mit Lord Ruthven und Dracula vom volkstümlichen zum literarischen Vampir

Zwei Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sollten das Bild des Vampirs jedoch nachhaltig verändern: John Polidori führte 1819 mit Lord Ruthven („Der Vampyr“) nicht nur einen männlichen Vampir ein, sondern stellte diesen auch als deutlich menschlicher und aristokratischer dar als seine Vorgänger(innen). Während andere Autoren seiner Zeit sich in ihren Darstellungen des Volksglaubens bedienten, schuf er gewissermaßen den ersten literarischen Vampir.

Ihm folgte 1897 Bram Stokers „Dracula“, der Inbegriff des modernen Vampirtypus. Auch er stellt eine Störung der öffentlichen Ordnung dar, jedoch indem er das Vergangene, Andere und vor allem Fremde symbolisiert. Typischerweise waren Vampire zuvor Wiedergängerinnen aus dem Umfeld ihrer Opfer, die sie auch durch ihre Empathie zu umgarnen wussten. Dracula dagegen kommt aus der Ferne und zeigt wenig Mitleid für seine Opfer.

Von B-Horror bis Coming of Age: Der Vampir im Film

Das ganze 19. Jahrhundert hindurch war das Vampirthema in Literatur und Kunst äußerst beliebt. Da überrascht es nicht, dass es auch in der Stummfilmära schnell Anklang fand: Allein bis 1920 gelangten mehr als vierzig Vampirfilme auf die Leinwand. In den nachfolgenden Jahrzehnten erschienen zahlreiche frühe Klassiker wie „Nosferatu“ oder die „Dracula“-Versionen mit Bela Lugosi und Christopher Lee.

Inzwischen ist der Vampir filmisch in zahlreichen Genres von Horror über Erotik bis hin zur Science Fiction zu Hause. B-Movies lieben die Blutsauger als Antagonisten, doch haben sie längst auch das „anspruchsvolle“ Kino für sich entdeckt. In „Lost Boys“ oder „So finster die Nacht“ sind sie Teil klassischer Coming-of-Age-Storys, Jim Jarmusch verklärte sein Vampirpärchen aus „Only Lovers Left Alive“ zu Metaphern des Gegenwartsmenschen, Andy Warhol tobte sich in „Batman Dracula“ aus und in „Wir sind die Nacht“ oder „Byzantium“ wird das Bild der blutgierigen Vampirin feministisch umgedeutet. Zugleich sind von „From Dusk Till Dawn“ und „Buffy“ bis zu „Blade“ oder „Underworld“ so viele Vampirfilme und -serien zu Dauerbrennern der Popkultur avanciert, dass es kaum möglich ist, sie hier alle aufzuzählen.

Trailer: BUFFY - Season One

Das Fremde und das Melancholische: Der literarische Vampir im 20. Jahrhundert

Auch die Literatur hat den Vampir natürlich nicht vergessen, ganz im Gegenteil. Eine der bemerkenswertesten Variationen des Stoffes erschien 1954 mit „Ich bin Legende“. In der Mischung aus Horror- und Science-Fiction-Roman nutzt Richard Matheson Vampire, um das Topos des Fremden perspektivisch umzudrehen: Ist es anfangs noch Robert, der letzte Mensch, der die zombiehaften Vampire als Gefahr betrachtet, erkennt er am Ende, dass er selbst zu dem fremden Monster geworden ist, das die Gesellschaft der Vampire bedroht.

Ansonsten dienten die Vampire lange vorwiegend als Horror-Monster – Ausnahmen wie die Kinderbuchreihe „Der kleine Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg bestätigen die Regel. Das Horrorbild dominierte auch noch, als in den 1970er und 80er Jahren Autoren wie Stephen King („Brennen muss Salem“), Dean R. Koontz („Vision“) oder der Cthulhu-erprobte Brian Lumley („Necroscope“) sich des Themas annahmen. Im Fahrwasser von deren Erfolg erschienen aber auch Anne Rice und Chelsea Quinn Yarbro auf der Bildfläche – zwei Autorinnen, die dem Vampir die Empathie zurückgaben und ein neues Bild von ihm schufen. Yarbros „Hotel Transsylvania“ orientiert sich stark an den Gothic Novels des 19. Jahrhunderts, und gleichermaßen an Lord Ruthven wie an Dracula. Auch Louis und Lestat, die Vampir-(Anti-)Helden aus Anne Rice‘ „Interview mit einem Vampir“ wissen sich zu kleiden und halbwegs zu benehmen. Sie sind melancholische Dandys mit einem Hauch Dekadenz, mehr damit beschäftigt, mit ihrem Dasein zu hadern denn ständig Kinder auszutrinken.

Die beiden Autorinnen begründeten damit das Genre der Dark Fantasy und trafen einen Nerv, der sich ästhetisch und inhaltlich selbst in Jugendszenen niederschlug. In den 1990er Jahren und Anfang der 2000er starteten später verfilmte Reihen wie Charlaine Harris‘ „Sookie Stackhouse“, Lisa J. Smiths „Tagebuch eines Vampirs“ oder Darren Shans „Mitternachtszirkus“, mit „Vampire: Die Maskerade“ nahmen die Blutsauger außerdem Einzug in den Rollenspielbereich. Hierzulande begründete beispielsweise Wolfgang Hohlbein 1999 „Die Chronik der Unsterblichen“, in der sich zwei Vampir-Bros actionreich durch die Jahrhunderte slashen.

Das Romantische und das Vielfältige: Der Vampir im 21. Jahrhundert

Ebenfalls einen Nerv traf Stephenie Meyer 2005 mit der Veröffentlichung des ersten Bandes ihrer „Twilight“-Saga. Die Romantasy-Quadrologie sorgte für einen unglaublichen Hype, der eine Armada an verführerischen Vampir*innen, paranormalen Ermittler*innen und Love Triangles mit Vampiren, Werwölfen und anderen Wesen der Nacht hervorbrachte. Unter anderem entstanden in dieser Zeit die erfolgreich verfilmten Reihen „Die Chroniken der Unterwelt“ und „Vampire Academy“.

Aber auch außerhalb der romantischen Schiene konnte sich der Vampir behaupten: Matt Haig brachte mit „Die Radleys“ eine wahrlich bissige (und zuweilen doch überraschend ernste) Familien-Satire auf den Markt, Viktor Pelewin ließ seine Protagonisten aus „Das fünfte Imperium“ über Foucault debattieren und Markus Heitz vermischte sowohl Vampir- und Feenmythen als auch klassischen Volksglauben und moderne Popkultur in seiner „Judaskinder“-Trilogie – um nur mal einige wenige Beispiele zu nennen.

Nachdem die durch „Twilight“ ausgelöste Welle wieder abflachte, galt der Vampir allerdings zunächst als endgültig begraben, Leser wie Filmpublikum schienen übersättigt. Gerade im Indie-Bereich blieb er aber eigentlich durchweg lebendig und auch sonst wird es wieder unruhig im Grab: 2018 kehrte der „Vampyr“ ins Videospiel zurück, bei Netflix startet Ende des Jahres die Verfilmung von Jonathan Maberrys „V-Wars“ und Dauerbrenner wie die „Midnight Breed“-Reihe von Lara Adrian haben ohnehin längst eine feste Leserschaft.

Insofern kann man davon ausgehen: Der Vampir bleibt nicht nur fester Bestandteil des phantastischen Repertoires – er bleibt auch wandelbar.

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